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Sonntag, 12. März 2017

Neulich im 和実 (wajitsu, japanisch eingerichteter Raum)

Shizuka und ihre kleine Schwester haben sich im 和実 gemütlich eingerichtet. Auf dem Boden liegen verstreut 布団(futon, japanisches Bettzeug), draußen prasselt der Regen in eintönigem Rhythmus die Krokusblüten nieder. Zwischen den 布団 nicht nur die beiden Mädchen, sondern auch ein paar Bücher. Deutsche und japanische. Da liegen Conni lernt reiten, Neue Briefe von Felix, ボール待って待って, いないいないバー und einige mehr. Alles mehr oder weniger Klassiker der 1980er bis heute, Zielgruppe: Kindergarten bis Mitte Grundschule. Die kleinen Damen hatten die Schiebetüren zugezogen und es sich gemütlich gemacht. Ich durfte von draußen lauschen und konnte hin und wieder einen kurzen Blick durch die Ritzen erhaschen.

Kleine Schwester: Japanisch lesen ist voll einfach.

Shizuka: Ach, Du kannst doch eh erst Hiragana. Wart mal ab bis Du Kanji lernen musst. Voll schwer.

Kurze Denkpause.

Kleine Schwester (Tonfall ich-weiß-es-aber-besser-und-hab-Recht): ノンタン (Nontan*) kann ich schon ganz alleine lesen, das muss mir niemand vorlesen. 聞いてねえ! ドイツ語の本はまだ難しい!(Kiste-Nee! Doitsu-go no hon wa mada muzukashii!, Hör zu! Deutsche Bücher sind noch zu schwer!)

Shizuka (ganz große Schwester und angesäuert): Ja klar, ist ja Baby. Nontan kann jeder. Voll die Babysprache. Deutsche Kinderbücher sind echte Bücher. Da stehen richtige Sätze drin und richtige Wörter und so. Guck mal: Conni muss aufsatteln. So ein Wort gibt es in japanischen Kinderbüchern gar nicht!

kleine Schwester: Wohle! Nur der Nontan is' 'ne Katze, der reitet ja gar nicht! 猫ちゃんは馬乗られないでしょう!(Neko-Chan wa uma norarenai deshou!, Mietzekätzchen können durch gar nicht reiten, gelle!)

Shizuka (jetzt leicht amüsiert): それだけ?(Sore dake?, Nur das?) Meinst Du echt nur deshalb? Überleg doch mal: Auf Deutsch musst Du nur 26 Buchstaben und so ein paar Extradinger wie "ck" und so lernen. Dann kannst Du die Buchstaben lesen, und die Buchstaben werden zu Wörtern und die Wörter zu Sätzen. Auf Japanisch lernst Du Silben. Die können in Hiragana geschrieben sein, das ist na klar voll einfach. Aber nur Babybücher sind ganz in Hiragana geschrieben. Guck mal hier, erste Klasse (なぜなぜどうして** wird lautstark auf den Stapel geschmissen). Alles voller Kanji, und trotzdem noch total die Babysprache.

kleine Schwester (Stirn in Runzeln, die der Uroma zur Ehre gereichen würden): Aber deutsche Bücher kann ich noch gar nicht lesen! Ich kann die Buchstaben, aber in den Wörtern werden die ja so komisch. Da guck: Da steht C-O-N-N-I, aber lesen muss ich Konni. Oder hier: R-E-I-T-E-N. Wenn ich das Wort verstehen will, muss ich eigentlich R-A-I-D-N lesen. Voll doof, das.

Shizuka (das Grinsen ist deutlich hörbar): Du fränkelst. Das "T" musst Du als "T" lesen, nicht als "D". Und da muss wirklich noch ein "E" dahinter. 

kleine Schwester: Näh?

Shizuka (extrem betont, mit fränkisch gerolltem "R"): REITEN!

kleine Schwester: Du klingst voll doof so. 

Shizuka: Hast Recht, so spricht keiner. Aber so ist das halt. Und da gewöhnt man sich total schnell dran! Ich hab auch mit vier lesen gelernt und konnte das mit fünf so ein bisschen, wie Du, und mit sechs habe ich die Conni-Bücher immer ganz alleine gelesen. Und Pferdegeschichten! So Sachen wie das "E-I" als "AI" sind schwer, das stimmt. Aber dafür gibt es wirklich nur einen Satz Buchstaben! Ein Schuljahr reicht aus, um das zu lernen. Und dann kannst Du auch englische und französische Bücher lesen, die haben nämlich die gleichen Buchstaben. Nur Japanisch ist so blöd schwer. Das können nichtmal die Chinesen lesen.

kleine Schwester (hängt an den Lippen der Großen): Voll cool, echt. Ich will in die Schule.


Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich zurückgezogen. Wie mir die beiden später berichteten, wurde auch nicht weiter über Schriftsysteme und Lesefähigkeiten philosophiert. Die nächsten beiden Stunden brachten die beiden wohl damit zu, gemeinsam die vorhandenen Bücher zu lesen. Laut, denn ich hörte immer mal wieder das stottrige Stimmchen der Kleinen und dann wieder passagenweise das Maschinengewehr-Rappeln der Großen, die extreme Probleme mit dem langsamen, betonten Lesen hat. Mal sehen, was die beiden demnächst noch aushecken!




* Name eines frechen kleinen Katers, Protagonist einer Kinderbuchreihe, vergleichbar in etwa mit dem deutschen Raben Socke. Allerdings spricht der Rabe Socke selbst zwar eine kindliche Sprache, die anderen Figuren der Geschichten bewegen sich sprachlich aber eher auf Erwachsenenniveau, die Erzählerstimme sowieso. Das fiel der kleinen Schwester neulich auch schon auf: Für Nontan fühlt sie sich fast zu klein, Rabe Socke findet sie cool, obwohl die Geschichten inhaltlich fast gleich sind.

**Warum warum wieso. Buchreihe für Grundschüler/-innen, die in verschiedenen Bänden unter Rücksichtnahme auf das vorhandene Vokabular und die bekannten Schriftzeichen naturwissenschaftliche, gesellschaftliche oder historische Sachverhalte kindgerecht erklärt. Ein bisschen wie Was-ist-Was im Deutschen, aber nicht thematisch nach Bänden sortiert und in der Sprache extrem stark an die jeweilige Klassenstufe angepasst.

Samstag, 9. Juli 2016

Tanabata

Am 7. Juli ist es jedes Jahr soweit: Tanabata, das japanische Sternenfest, wird gefeiert. Überall stehen seit zwei Wochen Bambusbüschel herum, in die Kinder und Erwachsene auf hübschen Papierstreifen ihre Wünsche hinterlassen. In Schulen, Kindergärten, Kaufhäusern, vor Gemeindezentren und in privaten Gärten werden diese "Wunschgräser" aufgestellt und stehen da für ein paar Tage. Kinder basteln aus Origami-Papier Sterne und kleine fächerartige Konstruktionen, die im Wind wehen und glänzen. Dazwischen hört man immer wieder das Tanabata-Lied (klick).

Gestern kam Shizukas kleine Schwester nach Hause und erzählte, was nach dem Fest mit Bambus und Wünschen passiert. Die Erzieher und Erzieherinnen in ihrem Kindergarten hatten in einer feuerfesten Schale ein bisschen Papier und Bambus zum Brennen gebracht und übergaben Wünsche und Bambus nach und nach den Flammen. Zusammen mit dem Rauch sollten die Wünsche in den Himmel aufsteigen, zu den Sternen. Und zu Orihime-sama und Hikoboshi-sama, die als Kami den Wünschen Erfüllung gewähren könnten. Dabei sind die beiden Figuren mit den im Westen als Altair und Wega bekannten Sternen assoziiert. Die Legende hinter diesem Brauch kann man trotz aller Kritik hier ganz gut nachlesen.

Jetzt sind natürlich alle neugierig, was sich die beiden kleinen Damen in dieser Familie gewünscht haben, nicht? Nun, die kleine kleine Dame will unbedingt einmal Prinzessin sein. Und die große kleine Dame wünscht sich derzeit nichts sehnlicher, als zwei ganz bestimmte Mädels in Deutschland zu treffen, die eine in der Rhön, die andere in der Nähe von Stuttgart ...

Sonntag, 11. Oktober 2015

Daraus sind Menschen gemacht!

Shizukas kleine Schwester denkt gerade eine ganze Menge darüber nach, was woraus gemacht ist und wie man aus Sachen neue Sachen basteln kann. Richtig viel. Jeden Tag. Das ist ein ganz wichtiges Thema, weil ja aus Eiern Vögel werden und aus Raupen Schmetterlinge und aus Zwiebeln Tulpen und aus Kaulquappen Fröschen und aus kleine Babys nervige große Schwestern. Alles wird irgendwie aus etwas ganz anderem. Brot wird aus Mehl gemacht. Und aus einem Stück Hühnchen kann man Chicken Nuggets machen. Metamorphosen scheinen kleine Mädchen zu faszinieren. Heute morgen beim Frühstück:

Mama, aus zwei und zwei wird vier, oder?

Ja.

Und wenn man noch eins dazutut, dann wird das fünf, oder?

Ja.

Und wenn man zwei und drei zusammentut, dann wird das auch fünf?

Ja.

Das ist voll cool!

Ja, auch das.



Später dann philosophierte sie von ihrem Fahrradsitz aus (sehr zum Amusement der großen Schwester und sämtlicher Passanten):

Mama, ich hab Knochen!

Ja, ich auch.

Und ich hab genausoviele wie Du!

Richtig.

Aber meine sind kleiner als Deine.

Ja.

Menschen sind aus Knochen gemacht!

Hm?!

Und aus Haut! Die ist da außendrum, damit die Knochen zusammenhalten!

Ja, so ähnlich.

Und dann sind da noch Muskeln dazwischen, weil, sonst sieht das ja total eckig aus!

Meinst Du?

Ja! Die Shizuka, die hat irgendwie gar keine Muskeln! Die ist nicht rund!

So?

Ja, gar nicht rund! Und die ist auch gar nicht so stark wie Du!

Bin ich rund?

Neeeeee! Aber Du bist ja auch viel größer und schwerer.

Dienstag, 29. September 2015

Kokosnüsse und Bankautomaten

Wie bringt man quengelige, lauffaule Dreijährige dazu, mit Spaß zu rennen? Richtig - über ein Rollenspiel. 

Szenario: Es regnet. Nein, es schüttet. Graue Großstadt, kein Spielplatz weit und breit, kein Regenschirm, keine Aussicht auf besseres Wetter, keine Schokolade, nicht mal Gummibärchen in Sicht.

Beteiligte Personen: Shizuka samt kleiner Schwester und Mama.

Die Aufgabe: Mama muss schnell zur Bank, um danach gemütlich mit den Mädels einkaufen zu können. Auch Gummibärchen.

Die Schwierigkeit: Zwischen Bankgebäude und Einkaufszentrum mit Fahrradparkplatz befinden sich 100 m lang und nochmal so breit freie Fläche in Beton - Bahnhofsvorplatz halt.

Shizuka schwirrt gedanklich noch irgendwo im Biologieunterricht beim Skelett von Säugetieren herum. Brustbein, Jochbein, Schlüsselbein und Wadenbein, ganz grob gesagt.

Die Kleine will singen und tanzen.

Mama will zu Bank.


Shizuka: Woah, hörst Du das Gebrüll da hinter uns? Das ist eine Horde wilde Affen. Guck mal, guck mal, ich hab denen die Kokosnuss geklaut! Die wollen die wiederhaben. Die jagen uns!

Kleine Schwester: ええ? さる? Die Affen jagen durch den Wald, der eine macht den andern kalt, die ganze Affenbande brüllt: Wo ist die Kokosnuss, wo ist die Kokosnuss, wer hat die Kokosnuss geklaut!!!

Und so flitzen zwei kleine Mädels laut johlend durch den strömenden Regen, eine leicht amüsierte Mama platscht (um Fassung bemüht) hinterher, und verstecken eine imaginäre Kokosnuss hinter dem ATM der Resona-Bank. Zum Glück war das Sicherheitspersonal gerade in der Pause ...

Sonntag, 27. September 2015

Sitzbeinhöcker am Wochenende

Biologieunterricht. Das Skelett der Säugetiere. Schädel von Rind, Katze, Affe und sonstwas. Und Shizuka - neugierig wie immer. Und bereit, das heute in der Schule erworbene Wissen mit der Mama zu teilen. Komme, was da wolle. Unbedingt. Und ungefiltert.

Mama, wusstest Du, dass die Säugetiere irgendwie alle ungefähr die gleichen Knochen haben?

Ja.

Mama, kennst die Namen von den Knochen?

Ja, zumindest die von den größeren.

Mama, da gibt es über 200 von!

Ja.

Mama, weißt Du, was eine Wade ist?

Ja, hab ich öfters einen Krampf drin.

Mama, das ist da unten hinten, da wo vorne das Schienbein ist!

Ja, tatsächlich.

Und Mama, die Menschen sind auch Säugetiere!

Ja.

Mama, gibt's irgendwelche Unterschiede zwischen Säugetierskeletten, außer der Größe, mein ich, und dem Schädel?

Ja.

Mama, kennst Du die?

Shizuka, hast Du einen Schwanz wie Katzen, Hunde, Kühe, Esel und andere Säugetiere?

Neeeeeeeeeiiiiiiiiin!

Fass Dir mal unter den Popo.

???

Knubbels?

Jaaaaaa.

Da, wo es krabbelt und nach zuviel Reiten weh tut?

Jaaaaaaa!

Sitzbeinhöcker.

Mama, haben Viecher die nicht?

Shizuka, frag Deinen Biolehrer. Aber denk vorher mal nach: Wie oft siehst Du Hunde und Pferde und Katzen so da sitzen, wie Du auf dem Gaul hockst?

Mama, aber Affen sitzen!

Ja.

Mama, sind das bei den Affen die Stellen am A****, die so rot sind?

Vielleicht.*

Mama, sind Menschen Primaten?

...


* Gedacht: Nee, nur bei den Affen, die den ganzen Tag im Büro sitzen.

Freitag, 17. Juli 2015

Erhängt

Die ersten dreihundert Kraniche sind inzwischen fein säuberlich auf Drachenschnur gezogen und hängen in unserem Wohnraum. Weitere 120 Kraniche warten darauf, dass mit ihnen das gleiche passiert. Und Shizuka staunt, wie viel 1.000 sind, wie lange wir dafür überhaupt schon gebraucht haben, und wie dick und lang die Kranichketten sind. Sie hat ausgerechnet: Mama zieht immer 50 Kraniche auf eine Schnur, also werden wir am Ende 20 Schnüre da hängen haben. Ob die Stange das hält? Das Papier wiegt wirklich ganz ordentlich ...



Mittwoch, 27. Mai 2015

Verliebt!

Shizuka ist verliebt. Über beide Ohren. Und über alle Sprachbarrieren hinweg. Sie ist so verliebt, dass sie ihre Hände einfach nicht bei sich behalten kann. Die Augen leuchten und glänzen. Sie hat nichts anderes mehr im Kopf. Sie kann von nichts anderem mehr reden. Sie hat es gleich ihrer Schwester erzählt. Und ihrer Mama. Und dem Papa. Und der Lehrerin. Schüchtern sitzt sie mit dem Geliebten auf den Tatami in unserem Washitsu, Beine damenhaft untergeschlagen, himmelt ihn an, dreht verträumt mit den Fingern Löckchen in die langen Haare. Der Teddybär liegt unbeachtet in der Ecke, die letzte Flamme (ein kleiner Skateboarder - ごめんね、たいようくん) ist vergessen. Sie ist so verliebt, dass sie ganz zappelig ist, im Schlaf vom Geliebten redet, abends nicht schlafen kann, rote Ohren bekommt und am liebsten nur eines will: Mit dem Geliebten zusammen sein.

Mit dem geliebten Buch. Genau - kein menschliches Wesen männlicher Bauart, sondern ein Buch. 

Es heißt りゅうの めの なみだ (Die Tränen des Drachen), ist irgendwann in den 1960ern erschienen und basiert auf einer klassischen, vermutlich chinesischen Erzählung. Shizuka liebt das Buch. Es gibt keine deutsche Übersetzung, wir haben keine englische Übersetzung, wir haben nur das japanische Kinderbuch aus der örtlichen Bücherei. Illustriert von いわさき ちひろ. 

Die Bebilderung ist nicht einfach nur poetisch, sie ist göttlich. Romantisch. Lebhaft. An den richtigen Stellen historisch akkurat (Kleidung und Haartrachten), an den passenden Stellen wie ein Gedicht. Gesichter sind eher ohne Ausdruck belassen, so dass kleine und große Betrachter/-innen sie selbst in ihrer Fantasie füllen können. Die Farben und der Auftrag derselben unterstreichen die Stimmung der Geschichte, und natürlich sind Wasserfarben ein Medium, das durch den Auftrag und das Mischungsverhältnis lebt. Es scheint mir eine Mischung aus Wasserfarben/Aquarell und Kohlestift zu sein, aber ganz sicher kann ich das aufgrund des alten Drucks natürlich nicht sagen. Vielleicht ist an den Stellen, die ich für Kohlestift halte, die Tusche auch nur so "trocken" und konzentriert aufgetragen, dass der Effekt von einem Kohlestift entsteht.* Im Rahmen der kurzen Recherche zur Illustratorin fiel uns auf, dass wir bereits ein Buch mit ihren Kunstwerken besitzen: つる の おんがえし (Der Dank des Kranichs) ist noch aus meiner Kindheit da, in deutscher Variante. 

Aber es ist das erste rein japanische Buch, mit Kanji und kompliziertem Satzbau und komischen, altmodischen Wörtern, das Shizuka nicht mehr aus der Hand legen will. Sie liest, sie will wissen, wie die Geschichte weitergeht, sie hat alle Bilder schon mindestens hunderttausendmal angeschaut, und sie hat sich die Wörterbücher aus Mamas Regal geschnappt, um nur ja alles richtig zu verstehen. Grammatikerklärungen muss Mama leisten, denn Papa hat berufsbedingt mal wieder wenig Zeit. Uff!**

Dank der Mitteilungsfreude Googles ist jetzt auch das Ausflugsziel für einen der nächsten Sonntage klar: Es gibt in Tokyo ein Museum mit den Arbeiten der Illustratorin. Interessierte Familien aus unserem Bekanntenkreis sind natürlich willkommen, uns zu begleiten. Ein Bilderbuchmuseum ist etwas, was uns völlig neu ist, und dementsprechend groß ist die Neugierde nun doch. 

Was soll ich sagen? Die Liebe meiner Tochter ist mir wichtig, auch wenn es "nur" um Bücher geht. Wir haben das Buch inzwischen käuflich erworben, gebraucht, und noch einen ganzen Stapel mehr Bücher von der gleichen Illustratorin. Immerhin hat hier bald jemand bald Namenstag ...


*Jetzt juckt es mich in den Fingern. Muss ich bei Gelegenheit selbst mal ausprobieren. Immerhin habe ich farbige Reibetuschen, Tuschestifte und Kohle samt geeignetem Papier seit gut drei Monaten neben dem Schreibtisch stehen, weil ich noch ein paar Illustrationen für eigene Arbeiten brauche und mich mal an neuen Farben versuchen will ...

** Mir zur Seite steht unsere kompetente Hauslehrerin 中村先生, die ob der altmodischen Sprache des Buches zwar stöhnt, aber Shizukas Begeisterung so motivierend findet, dass sie doch hilft. 「本当に 古い 話 ですから、言葉 は 子供に 難しい です。 よくない です。 その 言葉は 子供と 話す 時に いりません。」Ich bekomme also durchaus Unterstützung "vom Fach", sonst würde ich mir das nicht zutrauen.

Samstag, 21. Februar 2015

Seelenpflege

Es wird Frühling. Die ersten im November liebevoll gesetzten Krokusse blühen im Garten (Ende Februar, unglaublich), Narzissen und Tulpen und Lilien sprießen. Wunderkind Nummer Zwo hüpft fröhlich herum und jault herzzerreißend さいた さいた チュリップ の 花 が 。。。

Passend zum angenehm sonnigen und warmen Wetter haben wir den größten Teil des heutigen Tages im Freien verbracht, nach dem Aikido-Training* im Schulhof gepicknickt, sind Fahrrad und Rollschuhe gefahren, Dosenstelzen gelaufen und haben Ball gespielt. Da die Schule am Wochenende Treffpunkt aller erholungssüchtigen Eltern und Kinder ist, waren wir nicht alleine, und wir haben es genossen.** 

Und während nun meine Nummer Eins Mathehausaufgaben erledigt, habe ich mir seit langem wieder einmal meinen MP3-Player herausgesucht und eingestöpselt (Danke, Bruderherz!). Zuerst Paddy goes to Holyhead, saftig-fetzige Stücke aus den Mitt-1990ern, mit etwas Fidel dabei und viel Gitarre. Ich muss wohl mitgesungen haben beim Sashimi Zubereiten, denn plötzlich tönte ein "Mama, Du störst!" aus dem offenen Wohnzimmer. Okay, Töchterchens Geometrie war gestört. Dann eben leiser. Kurz danach dann ein interessierter Blick: "Was singst Du da von Muffins?" Ich bekam kurzerhand Zirkel und Geodreieck in die Hand gedrückt, die Ohrstöpsel war ich los, und mein 8jähriger Zwerg fetzte zu "Red Rasta" durch's Wohnzimmer. Die erste Kinderdisco in Japan, und dann auch noch zu (sagen wir es freundlich) geschmackvolleren Sachen als dem gewohnten Rolf Zuckowski. Die Kleine ging ziemlich ab. "Civil War" fand dagegen weniger Begeisterung "Das fetzt, aber ich find das in der Ukraine gerade zu traurig, da will ich keine Musik drüber hören." Mit den Auseinandersetzungen in Irland konnte sie nicht viel anfangen, Geschichtsunterricht gibt es in der Grundschule noch nicht, und in Englisch wird das nicht angesprochen. Einverstanden - muss ich dann wohl irgendwann selbst übernehmen. Wer Paddy hört, sollte wissen, was er/sie hört.

Nach kurzer Pause und Begutachtung der kolorierten Geometrien im Matheblock ging es zurück in die Küche, diesmal mit Rosenstolz. Klar, ist nicht ganz kinderfreundlich - aber hey: Ohrstöpsel. Ich dachte, das reicht. Nein. "Mama, LATEIN!?" Öhem, ja. Amor Vitam. Die Stöpsel wurden wieder weitergereicht, Kind sang mit. "Die singt voll cool! Und der Kerl, Schokolade!" Ich nehme mal an, dass sie sich auf die Stimme bezog, so kurz vorm Abendessen. Nachdem ich erst gestern in der Schule im Rahmen eines Vortrags darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Sprachen nicht nur zum Sprechen gut sind, sondern für viel mehr taugen, kam das nun nicht ganz unerwartet. Es diskutiert gerade gefühlt ganz Deutschland über Sinn und Unsinn von Latein und Altgriechisch in der Schule. Ich will an dieser Stelle erwähnen, was ich gestern schon vertreten habe: Allein als Fremdsprache mag es für Kinder heute sehr unsinnig sein, tote Sprachen zu lernen. Sie werden schlicht nicht gebraucht. Aber Latein ist nicht Sprache. Latein ist eine Wundertüte (Altgriechisch genauso). Es geht nicht darum, die Sprache zu lernen - die ist eigentlich nebensächlich. Das ist stures, stupides Auswendiglernen von Grammatik und Vokabeln, vieles davon schult das logische Denken, aber nicht viel mehr. Das, was dabei wirklich wichtig ist, ist das drumherum. Latein ist Kultur, Sachunterricht in gewissem Sinn. Denn in welchem anderen Fach sonst könnten junge Menschen Archäologie entdecken, Mythologie kennenlernen, sich mit der europäischen Geschichte auseinandersetzen und amüsante Missverständnisse über "Germanien" lesen? Liebesgedichte, die Biologie zum Hintergrund haben, Philosophie und Staatskunde - Latein ist nicht Sprache, sondern ein Einstieg in interdisziplinäres Arbeiten. Und deshalb finde ich es wichtig, dass es weiterhin an Schulen gelehrt wird. Gerne auf freiwilliger Basis, aber es sollte gelehrt werden. Es erschließt Kindern so viele neue Möglichkeiten, zeigt ihnen Wege, zu ihrer Identität als Europäer zu finden, und hinter jeden neuen Buchseite öffnen sich neue Türen in unbekannte Welten. Latein weckt Forscherdrang und macht neugierig, wirft mehr Fragen auf, als es beantworten kann, und ja: Man kann durchaus über Roma B I zur Vulkanologie kommen. Mir ist bewusst, dass andere Schulfächer auch das Potential dazu haben. Dank dem überladenen deutschen Lehrplan der einzelnen Länder bleibt es aber beim Potential, und zwar bei ungenutztem Potential. Für Lateinunterricht steht Latein auf dem Lehrplan und lässt den Lehrkräften die Freiheit, die Kinder mit allen möglichen Extras für Sprache und Unterricht zu begeistern. Es hängt allerdings auch hier (Wo nicht?) unglaublich viel an der Persönlichkeit und Arbeitsweise der Lehrkraft. Aus meinem eigenen Erfahrungsschatz heraus wage ich zu behaupten, dass Altgriechisch, Hebräisch in gleicher Weise funktionieren.



* Auch das verbuche ich unter Seelenpflege. Bevor ich Kinder hatte, habe ich leidenschaftlich verschiedene Kampfsportarten trainiert. Es gibt so einiges, was während der Schwangerschaft oder mit Stillkindern eben doch nicht geht ... Meine Samstag Morgende sind mir seit November heilig, denn die gehören dem Sport und mir.
** Auf dem Heimweg beehrte uns auch wieder der kleine Eisvogel im Park, mit der üblichen Traube fotografierender Japaner rundherum. Vogelfotografie schein hier ein rein männliches Hobby zu sein, und zudem noch auf Menschen im Rentenalter reduziert. Eigenartig.

Freitag, 15. August 2014

Eine Welt bricht zusammen


Shizuka ist verzweifelt. Ihr Papa hat gerade angerufen um zu erzählen, dass sein Flug von Tôkyô nach Ôsaka gestrichen ist, dass sich sein Flug von Ôsaka nach Frankfurt um fünf Stunden oder mehr verzögern wird, weil Taifun Nr. 11 über Honshu hinweg in Richtung Inlandsee unterwegs ist. Es ist in Japan mitten in der Nacht, Mitarbeiter der involvierten Fluglinien sind erst in einigen Stunden wieder erreichbar – zu dem Zeitpunkt, wenn das Flugzeug eigentlich hätte abheben sollen. Shizuka sitzt in Heilbronn, es ist neun Uhr abends, und sie will einfach nicht schlafen. Sie weint, sie schreit, sie haut um sich, ist ganz offensichtlich sehr verzweifelt. Shizuka ist sieben Jahre alt und ihre Welt ist gerade zusammengebrochen. Eigentlich könnte ihr in Heilbronn doch recht egal sein, um welche Uhrzeit genau Papas Flieger in Ôsaka startet – er wird Sonntag oder Montag wieder zu Hause sein, es ist Sommer, sie hat Ferien, Papa hat Urlaub. Ist es aber nicht. Der Flieger startet nicht nach Plan, und das stresst sie ganz extrem.

Warum?

Weil Shizuka ein besonderes Kind ist. Sie ist keineswegs geistig behindert (die extreme Reaktion legt eine autistische Störung nahe – dem ist aber nicht so), sondern im Gegenteil recht gut beieinander. Shizuka gehört zu den wenigen Kindern, die hochbegabt sind. Nun sollte man meinen, dass diese frühreifen, sehr erwachsen wirkenden und überaus intelligenten Kinder auch „erwachsen“ reagieren würden, wenn so etwas passiert. Oder wenigstens so gleichgültig, wie man das von einem Kind erwartet.

Dem ist aber nicht so. Die neuere Forschung ist sich einig, dass hochbegabte Menschen nicht einfach nur schneller begreifen und Sachen einfach können. Früher nahm man das an, ohne weiter erklären zu können, was eigentlich Intelligenz ist, wie Informationen im Gehirn ankommen, verarbeitet werden und warum das so und nicht anders passiert. Inzwischen weiß man, wie genau das alles auf anatomischer Ebene passiert, kann die beteiligten Körperteile genau benennen (bis hinunter auf Zellebene), weiß um die chemischen Vorgänge im Körper und vor allem im Gehirn. Mehr noch: Man hat eine Ahnung bekommen, wie Begabungen oder Intelligenz funktionieren könnten. Ganz sicher nachgewiesen ist das noch nicht, denn Menschen sind doch Individuen, sie funktionieren trotz aller Gemeinsamkeiten unterschiedlich, und das kann Forschungsergebnisse durchaus beeinflussen. Einig ist man sich in fachlich kompetenten Kreisen jedoch, dass hochbegabte Menschen immer auch hochsensibel sind. Ihre Nerven geben mehr Informationen weiter als bei der Mehrheit der Bevölkerung, die normalerweise wirksamen Filter sind bei ihnen eben nicht so wirksam. Und die Informationen werden schneller weitergegeben, die Synapsen sind also dicker, durchlässiger, reagieren schneller und häufiger. Das führt zu einer Informationsflut im Bewusstsein wie im Unterbewusstsein, die unglaublich viel größer ist als das, was normalerweise da vonstatten geht. Und das löst eben auch manchmal Stress aus. Es wird vermutet, dass das, was gemeinhin als Autismus bekannt ist, eine Form der Hochintelligenz (und Hochsensibilität) ist, die weit jenseits der aktuell verfügbaren Messskalen ist und daher nicht festgestellt werden kann. Viele autistische Menschen, deren Besonderheit schwach genug ausgeprägt ist und die noch kommunizieren können und wollen, sind hochbegabt, und das ist auch schon länger bekannt.

Zu Shizukas Situation muss noch gesagt werden, dass der Papa am Sonntag frühabends in Heilbronn hätte ankommen sollen, um sich bis zum Montag in der Früh ordentlich ausschlafen zu können. Denn Shizuka wird am Montag spätvormittags 300 km von Heilbronn entfernt auf dem Reiterhof erwartet, fünfzehn Kinder machen dort Urlaub. Warum ist Papas Verspätung jetzt so schlimm? Genau – wenn der Flieger nicht fliegt, kommt der Papa später in Deutschland an, ist dank Zeitverschiebung und Nachtflug fix und alle, kann nicht in den Urlaub fahren, Shizuka kommt zu spät in den Reiterferien an. Was Erwachsene (die normal ticken) sich langsam nach und nach erschließen, ist alles sofort in Shizukas Bewusstsein präsent. Und mehr noch. Mama könnte Shizuka und ihre Schwester mit dem Zug bringen – wenn Mama nicht gerade eine verletzte Schulter hätte. Gepäck tragen ist nicht möglich. Taxi ist zu teuer, Fernbusse gehen am Sonntag nicht, und am Montag fährt der Bus erst nachmittags aus Heilbronn ab, zu spät, um pünktlich auf dem Hof fernab aller öffentlichen Verkehrsmittel anzukommen. Taifun über Honshu heißt, dass auch Tôkyô betroffen ist – wie geht es dem Papa? Wie geht es Oma und Opa, die auch auf der japanischen Hauptinsel wohnen? Was ist mit Papas Bruder und seiner Familie? Taifun in der Nacht – kommt Papa überhaupt heile bis zum Flughafen? Wenn der Taifun über das Meer fegt, gibt es bestimmt eine Flutwelle. Was ist mit Fukushima, ist das halbwegs sicher? Und vor allem: Wann kommt der müde Papa denn endlich nach Hause?

Wenn man versucht, alle diese Gedanken gleichzeitig zu denken, merkt man, wie anstrengend das ist. Shizuka „funktioniert“ immer so. Wenn Shizuka den Vollmond anhimmelt, tut sie das zwar genauso wie andere kleine Mädchen auch, sie starrt mit großen Augen halb ernst und halb schwärmerisch in den Himmel. Wenn man sie aber fragt, was sie da sieht, kommen die erstaunlichsten Antworten, und zwar alle auf einmal:

  • Das ist ein Planet, oder? Ich meine, wir wissen ja gar nicht, wie der Mond entstanden ist, aber die Gesteinszusammensetzung ist doch wie bei der Erde. Bis auf den Größenunterschied sind das doch eigentlich Zwillingsplaneten, die Erde und der Mond. Trabanten sind doch irgendwie anders zusammengesetzt, das Gestein und so.
  • Der ist gar nicht gelb, der ist eigentlich grau-weiß. Aber so rot wie heute sieht der total schön aus. Luftverschmutzung hat wenigstens eine gute Seite.
  • Meinst Du, die Astronauten haben bei den Mondlandungen Müll dort gelassen? So, wie die Leute im Park und auf Baustellen ihren Müll einfach in die Landschaft werfen? Mülleimer gibt’s dort oben doch gar nicht.
  • Ich würde gerne mal die Mondkrater hochklettern. Mit der anderen Schwerkraft macht das Klettern dort bestimmt viel mehr Spaß als hier in der Kletterhalle. Und einen Gurt und Seile brauchen wir dann auch nicht, oder?
  • So weit weg ist der gar nicht weg. Raumfahrer sind da relativ schnell mit der Rakete. Würd ich auch mal gerne machen.

Shizuka braucht keine drei Minuten, um das alles zu thematisieren. Ihr Sprechapparat funktioniert genauso schnell wie ihr Köpfchen. :-)

Aber zurück zum Thema. Shizuka reagiert so extrem aggressiv, weil sie schlicht überfordert ist von der Informationsflut, mit der ihr Gehirn sie konfrontiert. Sie ist nicht in der Lage, die vielen Gedanken alle auf einmal zu verarbeiten, die sind einfach alle da und betteln sehr laut um Aufmerksamkeit. Das ist vergleichbar mit einem Metal-Festival, bei dem alle Bands gleichzeitig auf ein und derselben Bühne spielen, und zwar jede Band ein eigenes Stück. Da kann man aber noch die Ohren zuhalten und weggehen – wenn die eigenen Gedanken einen mit so einer Kakophonie belästigen, geht das nicht. Die Folge sind Aggressionen, und die müssen irgendwo raus. Bei Shizuka fängt das in der Regel mit einem lauten Knurren an, dann folgt ein schriller Schrei, der in eine Art Pferdewiehern übergeht und in Schluchzen endet. Gleichzeitig drischt sie um sich, wenn es arg schlimm kommt. Meistens hat sie es während Knurren und Schreien schon bis zum Sofa oder zu ihrem Bett geschafft, so dass sie die Gedankenflut in ein Kissen hämmern kann. Manchmal schafft sie das nicht. Dann sind Mamas Unterarme und Fäuste willkommen, um die gröbste Wucht abzufangen. Wände, Fußboden und die Tischplatte mussten aber auch schon herhalten. Wenn gar nichts anderes in der Nähe ist, müssen die eigenen Arme und Beine einstecken, und sie hat auch schon mit dem Kopf auf den Boden geschlagen.

Es ist schwer, mit solchen Aggressionen umzugehen. Und das meine ich nicht nur aus Sicht der betroffenen Kinder. Auch für Shizukas Mutter ist es schwer, das auszuhalten. Sie hat lange Zeit nicht gewusst, warum Shizuka so aggressiv ist, warum sie sich selbst diese Schmerzen zufügt, so toben muss. Sie tut das nicht, weil sie ungezogen ist oder jemanden ärgern will. Sie kann einfach nicht anders. Von Eltern anderer hochbegabter Kinder hat sie inzwischen erfahren, dass das Verhalten normal ist. Dass sie alle sich Sorgen gemacht haben, weil ihre Kinder so aggressiv sind. Weil den Kindern das Ventil manchmal auch fehlt und die Autoaggressionen richtig schlimm werden, die Kinder sich ernsthaft verletzen. Die wenigsten sprechen darüber. Andere Kinder sind nicht so. Man wird manchmal schon schräg angeguckt, wenn das eigene Kind zu Hause „so ein Theater“ macht, wegen vermeintlicher Kleinigkeiten. Für hochbegabte Kinder sind es keine Kleinigkeiten, sondern jede unvorhergesehen Änderung ist eine mittlere Katastrophe. Zwischen wichtigen und unwichtigen Veränderungen können die Kinder (und manchmal auch Erwachsenen) in der akuten Situation nicht unterscheiden, sie sind viel zu gestresst.

Shizuka und ihre Mama konnten das am Samstag Abend entschärfen. Mama hat mit Shizuka online japanische Medien nach Berichten zu dem Taifun in Frage durchforstet (alles halb so schlimm, hat sich schon über Shikoku und Kyûshû ausgetobt), haben die Route des Sturms nachgeschaut, nachgelesen, was Fluggesellschaften normalerweise in so einem Fall manchen (alternative Flüge ohne zusätzliche Kosten anbieten, wo möglich über alternative Flughäfen und Routen sogar zeitgleich). Die beiden haben sich dann darauf geeinigt, dass sie erst einmal den Sonntag Abend abwarten und schauen, was der Papa nach dem ersten Gespräch am Morgen mit den Fluglinienmitarbeitern zu berichten hat. Sollte der Papa am Sonntag noch ankommen, lassen sie ihn einfach am Montag ausschlafen und starten dann in den Urlaub – mit einem Anruf beim Reiterhof, dass Shizuka teilnimmt, aber später kommt (wegen einem Taifun über Ôsaka – ohne weitere Worte). Wenn der Papa noch später kommt, schlug Shizuka vor, könnten wir ja mit leichtem Gepäck für zwei Tage mit dem Zug fahren, dem Papa das übrige Gepäck in Heilbronn stehen lassen und ihn bitten, nach ausgiebig Schlaf und Erholung nachzukommen. Dann würde Shizuka sogar pünktlich sein.

Gegen zehn Uhr abends waren die Wogen soweit geglättet. Shizuka wollte nicht ins Bett gehen, sie war zu aufgewühlt und schluchzte immer noch hin und wieder. Sie zitterte noch, wollte nicht schlafen. Also haben sich Shizuka und ihre Mama aufs Sofa gesetzt (die kleine Schwester schnarchte da schon seit guten drei Stunden im Nebenraum, sie hatte sich durch Shizukas Ausbruch nicht stören lassen) und den Fernseher eingeschaltet. ZDF Kultur sendete Wacken live. Und zu den Klängen von Apokalyptica „Nothing Else Matters“ ist Shizuka innerhalb weniger Minuten eingeschlafen, mit einem entrückten Lächeln auf dem Gesicht und nachdem Mama ihr das Versprechen gegeben habe, sie zum nächsten Konzert der Gruppe, das in ihrer Nähe ist, mitzunehmen. Rolf Zuckowski? Langweilig!

Montag, 28. Juli 2014

Alles eine Frage der Motivation?


Warum lernen Kinder? Bei Erwachsenen ist die Sache ganz einfach: Die meisten lernen entweder nichts mehr, oder sie erwerben neue Fähigkeiten und Kenntnisse, weil sie es entweder beruflich benötigen oder es ihnen Spaß macht. Beides sind Motivationen, die logisch und sinnvoll sind, die etwas mit dem Willen zu tun haben. Sie lernen, weil sie es wollen. Warum lernen Kinder? Wollen sie das? Wenn es um den Erwerb neuer Fähigkeiten geht, um Fähigkeiten wie Schwimmen, Fahrrad Fahren, Skateboard Fahren, Singen, durch die Zähne pfeifen, Getränkedosen kicken und mit Grashalmen nervige Quietschtöne erzeugen – ja, sie wollen das. Deshalb bringen sie Stunden, Tage und ganze Sommerferien damit zu. Wer einmal miterlebt hat, wie sich Sechsjährige nach dem Erwerb des „Seepferdchens“ an den Freischwimmer herantasten, wird das bestätigen. Das Erlernen der Baderegeln ist nicht das Problem, das Bewältigen der 200 m Schwimmen in beliebiger Technik, aber eingeschränkter Zeit schon. Da wird gepaddelt und geschwommen, bis die Lippen blau sind. Da tummelt man sich von morgens bis abends im Freibad, nimmt Sonnenbrand, Unterkühlung, Schwitzen und den Wegfall jeglicher Freizeit in Kauf. Das Taschengeld geht für einen Tauchring und eine Schwimmbrille drauf, und die kleinen Hochleistungssportler stehen stundenlang unter dem Dreimeterbrett, um sich die Sprungtechnik der Großen abzuschauen. Geübt wird erst am Beckenrand, bei zunehmendem Mut am Startblock, dann am Einer. Der Dreier ist der Olymp, da traut man sich eine ganze Saison lang nicht rauf. Und wofür das ganze Theater? Für einen kleinen runden Aufnäher am Badehöschen und ein Stück Papier, das nach einem halben Jahr niemanden mehr interessiert. Es ist enorm, wieviel Motivation ein Kind aufbringen kann.

In der Schule sieht das anders aus. Da gibt es kein Schwimmabzeichen, das man sich selbst im Schweiße seines Angesichts (wortwörtlich), unter Erbringen größter persönlicher Opfer und entgegen den Ratschlägen ängstlicher Eltern erarbeiten kann. Da gibt es anständig portionierten Lernstoff, der in vorverdauten 45-Minuten-Häppchen serviert wird, von einer Lehrkraft, die in der Regel die Bahnen des Denkens ebenso vorgibt wie die Zeit, die man dafür benötigen darf. Querdenken ist nicht erlaubt, denn das ruiniert das Klassenziel. Selbst erarbeiten ist nur in Ordnung, solange es im vorgeschriebenen Tempo erfolgt, und als Belohnung winken – Hausaufgaben und Klassenarbeiten. Sind diese „Leistungskontrollen“ geschafft, steht da eine Ziffer auf dem Papier, das die Eltern unterschreiben dürfen. Kein „Rechenpass“, kein Aufnäher, nicht einmal sonderbar viel Interesse im Umfeld – wer will schon fünfmal erzählt bekommen, dass man jetzt die Addition im Hunderterbereich beherrscht? Kein Wunder, dass die Motivation da leidet.

Interessant ist dann noch die Frage, was mit den Kindern passiert, die eine unglaubliche Lernmotivation haben, sich nicht in das schulische System einfügen wollen und gegen Unterforderung rebellieren. Um beim Vergleich mit dem Schwimmabzeichen zu bleiben: Was passiert mit den stolzen Seepferdchenbesitzern, die sich sofort auf den Dreier trauen, bereits zwei Meter tief tauchen und sich in einem Sommer die 200 m Strecke erarbeiten? Nichts passiert mit denen, die dürfen im zarten Alter von sieben Jahren ein Schwimmabzeichen erwerben, das einmal für Neun- bis Elfjährige vorgesehen war. Keine große Sache, die stolzgeschwellte Brust bei Vater und Sohn versteht sich von selbst (gleiches gilt für Mütter und Töchter). In der Schule ist das nicht so. Werden die Hausaufgaben nicht erledigt, sondern stattdessen zwanzig Seiten weiter im Mathebuch gearbeitet, muss das Kind in der Regel nachsitzen und in der Nachsitzstunde die nicht gemachten Aufgaben erledigen. Warum? Weil schließlich alle Kinder Hausaufgaben machen müssen, und zwar die, die die Lehrkraft aufgibt, keine selbst ausgesuchten. Denn wo kämen wir denn da hin, wenn in der Schule jeder zeigen würde, was er besonders gut kann? Ob das Nachsitzen so motivationsfördernd ist, fragt niemand. Was macht das mit einem Kind, wenn es begeistert lernt, voller Enthusiasmus das Klassenziel lange vor Schuljahresende erreicht, und dafür mit Freizeitentzug und zusätzlichen Aufgaben (die nicht interessieren, sondern so einfach sind, dass sie zu Tode langweilen) bestraft wird? Es geht um Menschenkinder, wohlgemerkt, um Menschen, die die gleichen Rechte auf körperliche und geistige Unversehrtheit haben wie Erwachsene, die in die Fürsorge (!) der Lehrkräfte übergeben sind.

Was ist mit Erwachsenen in vergleichbaren Situationen? Würden wir es verantworten, einen hochkompetenten Chirurgen sechs Stunden täglich (ausgehend im Vergleich zu einem durchschnittlichen Schultag von Grundschülern inklusive Hausaufgaben) Gemüse schnippeln zu lassen, weil andere Leute das ja schließlich auch so machen? Würden wir die Steuerfachkraft im Lager Sprudelkisten zählen lassen, weil sie gut mit Zahlen kann und das andere eben auch machen? Der Arbeitsmarkt sieht da andere Dinge vor – jeder muss zuerst nach seinen Befähigungen eingesetzt werden. Dass das nicht immer möglich ist, steht auf einem anderen Blatt. Das ist auch richtig so, denn bei chronischer Unterforderung droht den erwachsenen Fachkräften geistige Verarmung, Depressionen bis hin zu Suizidgefahr, inklusive Klinikaufenthalt, getragen von den Krankenkassen. Was chronische Unterforderung mit Grundschülern macht, dazu an anderer Stelle mehr - es wird ein langer Bericht.

Warum fördern wir unsere Kinder nicht besser, wenn die Indikation da ist?

Warum gibt es keine kassengeförderten Lernmodelle für begabte Kinder?

Nicht einmal die heilpädagogische Betreuung, die bei unterforderten Kindern zur Prävention ernsthafter seelischer Erkrankungen nötig ist, wird von den Kassen getragen. Warum nicht? Ist eine Behandlung eingehandelter (vermeidbarer) psychischer Erkrankungen kostengünstiger? 

Würden wir Erwachsene mit einer Zahnbürste die Straße kehren, wenn die Kehrmaschine im Keller steht – nur weil der Nachbar das macht, der keine Kehrmaschine hat? Das menschliche Gehirn ist ein zu Höchstleistungen fähiges Organ - das offenbar häufig genug gezwungen werden muss, im Leerlauf zu arbeiten. Warum?

Heißt schulische Bildung nicht, dass Kinder befähigt werden sollten, ihr Gehirn für das zu nutzen, wofür es da ist, also zum Denken?

Ist Bildung Sache des Elternhauses? Sollen Eltern am Nachmittag und an den Wochenenden all das auffangen, Kinder mit ins Museum nehmen, in Kurse stecken, in die Bibliothek schicken? Wann sollen Kinder dann noch spielen? Oder dürfen begabte, wissbegierige Kinder nicht spielen, wenn sie ihre Lernmotivation erhalten wollen? Geht der Bildungsauftrag der Schulen (also die Daseinsberechtigung der Schulen, die Kindern Bildung vermitteln sollen) bei begabten Kindern an die Eltern über? Wenn ja: Bekommen Eltern dann das Lehrergehalt überwiesen, wenn sie einen pädagogischen Schnellkurs absolvieren, und die Kinder dürfen vormittags die Schule schwänzen? Wenn nein: Warum kommt die Schule dem Bildungsauftrag dann nicht nach? 

Ganz klar, die Fragen provozieren. Das sollen sie auch, denn mit einem Schulterzucken und der Einstellung, dass man ein bestehendes System nicht zugunsten Einzelner ändern kann, ist es nicht getan. Nach den demokratischen Grundsätzen dieses Landes steht jedem Kind (also nicht nur dem Durchschnitt, nicht nur den lernschwachen Kindern) eine seinen Begabungen entsprechende Bildung zu, die es in seiner persönlichen Entwicklung fördert und fordert und zu einem seelisch und geistig erwachsenen Menschen heranreifen lässt. Dieser Anspruch wird derzeit nicht erfüllt. Pfui!

Freitag, 17. Januar 2014

In eigener Sache ...

Shizuka hat ein etwas ungewöhnliches Weihnachtsgeschenk erhalten. Wenige Stunden vor dem Heiligen Abend lag ein Briefumschlag im Postkasten, der an Shizukas Mama adressiert war und einen Gutschein über einen nicht gar so niedrigen Geldbetrag enthielt, einzulösen für Eintrittskarten zur Experimenta Heilbronn. Entsprechende Broschüren bezüglich des Programms dieses Hauses waren beigelegt, ein Hinweis auf die Identität des Schenkenden/der Schenkenden fehlte indes. Nachfragen im Büro der Experimenta brachten zutage, dass der Gutschein online beantragt und zu dem/der Schenkenden nach Hause geschickt wurde, es wurde per Überweisung gezahlt und die Identität des Kontoinhabers/der Kontoinhaberin darf aus Datenschutzgründen nicht bekannt gegeben werden. Der Briefumschlag, der bei Shizuka im Kasten landete, trug keinen Absender, war aber ganz offensichtlich in Heilbronn aufgegeben worden. Ein Stempel mit der Redaktionanschrift der Heilbronner Stimme weist darauf hin. Adressat und Adresse sind handschriftlich verfasst, es handelt sich um eine weibliche, runde Handschrift, sehr klein und akkurat, ausgeführt mit Füllfederhalter oder Tintenroller. Shizuka und ihre Mama waren auch nach wiederholten Anfragen im Bekanntenkreis nicht in der Lage herauszufinden, bei wem sie sich bedanken dürfen. Selbstverständlich wurde der Gutschein in eine Jahreskarte umgesetzt. Und nun also auf diesem Wege, bevor noch mehr Freunde der Familie von den vielen Fragen genervt sind:

Herzlichen Dank für den Gutschein! Wir haben ihn bereits eingelöst und waren im Januar gute drei Mal in der Experimenta, mit der ganzen Familie. Der hat Freude gebracht, der wird das auch für das übrige Jahr noch tun. :-)))

Besonders schön war der Besuch der Robert Mayer Lectures zum Thema Farbwahrnehmung bei Tieren. Unabhängig von Eintrittskarten (denn die Lectures sind kostenlos) werden wir da noch öfter teilnehmen und sicherlich viel lernen - Shizuka wird sich davon vielleicht auch zum ein oder anderen Blogbeitrag inspirieren lassen. Nachdem sie beim letzten Mal schon herausgefunden hat, dass Universitätsdozenten selten schlicht Deutsch sprechen, sondern ihre Englisch beschrifteten Diagrammen in einem deutschen Vortrag mit griechischen und lateinischen Fachwörtern erklären, die lustigerweise auf Japanisch genauso heißen. Und ja, Pferde können Farben sehen - sie sind lediglich im Bereich von Rot nicht ganz firm. Shizuka hat mir das so erklärt: Pferde fressen Gras und Kräuter und Blumen und so. Der rote Mohn in der grünen Wiese schmeckt, auch wenn sie den nicht sehen. Aber den gelben Berglöwen, der wildlebende Pferde angreift, den müssen die Tiere sofort sehen. Deshalb sehen sie gut im Bereich von Gelb und Blau, können auch Grün noch wahrnehmen, Rot aber nicht so richtig. Ist ja nicht so wichtig für sie ...

Montag, 23. Dezember 2013

Da-ru-ma-san! (Teil 3)

Am Morgen kommen Kinder zum Tempel. Zusammen mit ihren Eltern laufen sie durch den Schnee, bewerfen sich mit weißen Bällen und lachen.

"Da, da schau mal! Yukidaruma! Ein Schneemann!" ruft ein Junge. Er deutet auf die kleine weiße Gestalt und läuft los. Lachend und johlend folgen ihm andere Kinder, werfen ihre Schneebälle nun auf das weiße Schneehäufchen vor ihnen. "Stopp!" Der Junge bleibt stehen und wischt die zerkrümelten Schneeballreste von der kleinen Figur. Er stemmt die Hände in die Hüften, geht einen Schritt rückwärts und blickt die Gestalt fachmännisch an. Dann lacht er auf und malt mit flinken Fingern ein Gesicht auf die obere Halbkugel. Ein griesgrämiges, miesepetriges Gesicht mit halbgeschlossenen Augen.

"Shi, shizuka ni - yukidaruma-san ga shikatteru! Sch, leise - der Schneemann schimpft!" Lachend laufen die Kinder weiter und lassen den derart verzierten Schneemann alleine zurück. Als es ruhiger wird, zwinkert die kleine Schneefigur mit den Augen. Der kleine Mann versucht, die Falten aus den Augenwinkeln herauszudrücken und den Mund zu einem Lachen zu verziehen. Das geht nicht. Die Grimasse ist festgefroren. Brummelnd dreht sich das übellaunige Männchen um und wackelt zu einer Ecke des Hofes. Dort lässt es sich nieder und blickt böse um sich.

Ein kleines Mädchen kommt, mit einem roten Ball unter dem Arm. Neugierig schaut es den unglücklichen weißen Schneehaufen an. Es wischt das Gesicht ab und zeichnet mit dem Finger ein neues auf. Dann legt es den Kopf schief, schaut glücklich auf das Kunstwerk im Schnee und ruft seiner Mutter zu: "Yukidaruma-san ga waratteru! Der Schneemann lacht!" Dann wirft das Kind den Ball durch den Schnee und läuft hinterher, weg vom Schneemann, um den Tempel herum und davon.

Der kleine Mann wischt sich verzweifelt über sein Gesichtchen. Dass ihm aber auch immer die Kinder da herein fassen müssen! Das Lachen will nicht verschwinden, es gluckst und kollert in seinem Bauch, es schüttelt ihn, und schließlich fällt er lachend um und liegt im Schnee. So ein Spaß! Aber dass die Grimassen auf seinem Gesicht auch immer gleich festfrieren müssen! Der Schneemann kugelt vor Lachen auf dem Boden und wischt sich verstohlen einige Tränen aus dem Gesicht. Hohoho, so ein Spaß! So ein Unsinn, ein lachender Schneemann! 

Es wird schon fast wieder dunkel an diesem Tag im Winter. Der Schneemann liegt immer noch auf dem Boden und lacht, er kann einfach nicht aufstehen. So komisch ist das alles! So witzig! So weiß rundherum! Hahaha! Es kollert und gluckert und kichert und lacht in der Ecke des Tempelshofs, und das hört die ganze Nacht über nicht mehr auf. Der kleine Schneemann kichert und grinst, schnaubt und kugelt über den Boden. Im Schnee. Immer wieder, hin und her, das Lachen schüttelt ihn durch, er kann sich einfach nicht helfen.

Am Morgen sehen die Menschen die seltsamen Spuren im Schnee. Sie können sich nicht erklären, was da passiert ist. Zu seltsam sieht das aus, und dann kichert da auch noch eine gespenstische Stimme ... Niemand ist zu sehen in diesem Teil des Tempelhofs, und es ist so unheimlich mit dem Lachen, den Spuren im Schnee ...

Sonntag, 22. Dezember 2013

Da-ru-ma-san! (Teil 2)

Patsch!

Patsch!

Patsch!

Das kniehohe Häufchen Schnee ist halbrund festgefroren. In der Nacht schneit es mehr, und jetzt rutscht immer wieder Schnee vom Dach herunter. Auf dem Häufchen bildet sich ein neuer Schneehaufen, wieder halbrund, aber kleiner. Fast wie ein Hocker mit einem weichen weißen Kissen darauf sieht er aus, der Schneehaufen neben dem Tempel.

Patsch!

Noch eine Ladung. Der Schneehaufen wackelt. Er schwingt leicht nach rechts, leicht nach links, und wieder zurück. Hüfthoch liegt der Schnee nun da.

Patsch!

Es knirscht.

"Aua!" Eine kleine runde weiße Gestalt blickt nach oben - und sieht noch eine Ladung Schnee herunterfallen.

Patsch!

"Hee, aufhören!" Ärgerlich wischt sich die kleine Gestalt Schnee aus dem Gesichtchen. Sie schaut nach oben und wackelt einen Schritt zur Seite, als noch mehr Schnee vom Dach fällt.

Patsch!

Das weiße Männchen rappelt sich ungelenk hoch, sieht wieder in den Himmel und schimpft laut: "Wer wirft denn hier mit dem Zeug herum? Das ist gefährlich! Ich könnte verletzt werden! Sofort aufhören!" Es schneit immer noch. Die kleine Gestalt stemmt sich mühsam auf viel zu kurzen Beinchen hoch und wackelt ein Stück vom Tempel weg. Mitten im Hof setzt sie sich in den Schnee. Dort bleibt sie sitzen, mit ärgerlichem Gesicht. Es schneit und schneit und schneit. Fast ist sie nicht zu sehen, die kleine Figur da mitten im Tempelhof, weit entfernt von den Laternen, die die Ränder des Hofs und die Gehwege ausleuchten.