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Mittwoch, 18. Juli 2018

Kids coden

Shizuka hat ein neues Hobby entdeckt, und wieder einmal war die böse Mama daran Schuld. Mama hatte einen Textauftrag: Python für Anfänger. Ein eher kurzes E-book mit den absoluten Basics sollte geschrieben werden, zwei Wochen Zeit, Verdienst im dreistelligen Bereich. Also beschloss Mama, dass sie Python lernen muss. Gesagt, getan. Shizuka sah ihr über die Schultern, Sommerferien. Und Shizuka buddelte nach zwei Tagen ihre alten Spektrum Neo Zeitschriften aus, fand die Ausgabe Robotik, las den Artikel über Programmieren für Kids noch einmal und grübelte. 

Und dann ging es rund.

Tag 1: Mama, wie schreibt man ein Programm.?(Mama erklärte in fünf Sätzen, wie das geht und was das mit Mathe zu tun hat.)

Tag 2: Mama, ist Python schwer? (Antwort: Nein, aber reichlich unsexy. Vor allem für Kinder.)

Tag 3: Shizuka findet ein neues E-Book auf ihrem USB-Stick: Der kleine Hacker.* Shizuka schaltet ihr Laptop ein. Und Mama kommt den ganzen Tag über nicht mehr zum Arbeiten. Abends sind zwei Spiele programmiert, Shizuka hat drei neue USB-Sticks, spricht eine nicht altersgemäße Mischung aus Englisch und Deutsch, denkt in Schleifen und Funktionen, kann klonen, weiß wie man Programme lädt und speichert, warum man seine Daten besser auf zwei separaten Drives einzeln abspeichert und dass sie wirklich eine Japanerin ist. Denn ihre Spiele sehen aus Zuckerwattelollipopwunderland, alles pastellen. Außerdem hat sie ihr erstes Konto bei einem sozialen Medium, denn ohne kann sie ihre Entwürfe bei Scratch** nicht speichern.

Tag 4: Shizuka entdeckt, dass Papa eine Kindersicherung auf dem Laptop installiert hat. Um 21:30 Uhr abends schaltet sich das Ding aus. Damit ist die Idee für ein Multilevel-Spiel, Mehrspieler-Modus, gestorben. Denn das coded sie nicht an einem Nachmittag. Und zweimal an der gleichen Sache arbeiten? Pah.

Tag 5: Challenge. "Mama, wir nehmen uns jetzt zwei Stunden Zeit und machen ein Spiel. Du darfst die Tutorials bei Scratch benutzen, aber kein Buch als Vorlage. Und wenn Du willst, nimmst Du Python. Ist mir egal. Das Spiel muss in zwei Stunden fertig sein, und dann wird Probe gespielt." Jury: die kleine Schwester. Mama hat gewonnen. Shizuka ist wieder an den eigenen Ansprüchen (namentlich 40 Skripte und 8 Level) gescheitert. 

Tag 6: Mama, kann ich noch andere Programmiersprachen lernen? Scratch ist keine Sprache, sondern mehr ein Programm. Also gar nicht so richtig Programmieren! Ist doch alles schon fertig gecoded, die Blöcke und so. Ich puzzle doch nur ein bisschen.



... to be continued. Die Sommerferien haben gerade erst angefangen.


* Programmieren für Einsteiger, wie immer freiwillig und als Tipp (ohne Bezahlung oder andere Benefits für Shizukas Mama) verlinkt.
** www.scratch.mit.edu. Scratch gibt es auch als Offline-Version, ist aber überwiegend Englisch gehalten. Das ist doof, wenn man sich die Fachterminologie gerade erst erschließt und eigentlich programmieren und nicht Englisch lernen will. Daher die Einwilligung der eigentlich eher zögerlichen Mama, doch ein Kinderkonto anzulegen. Nach langem Testen und Ausprobieren als halbwegs sicher und mit weniger Suchtpotential als andere soziale Medien empfunden. Für Anfänger und Neue scheint es eher weniger Interaktion zu geben, Shizuka wurde auch nach einigen Tagen noch nicht kontaktiert oder kommentiert, und ihre Spiele kann sie in aller Ruhe selbst und alleine weiterentwickeln. Zum Lernen ist das prima, und die Sachen müssen auch nicht veröffentlicht werden. Heißt, trotz Speicherung auf dem Server sind sie nur vom Betreuerteam von Scratch einsehbar.

Mittwoch, 11. April 2018

Klavierelfen, Musikgeschichte und ein lange zurückliegender Krieg

Nach langer Abwesenheit (wird später erklärt) nur eine kurze Notiz: 

Der Herder Verlag plant ein für alle Japaninteressierten interessantes Projekt. Es soll ein Kinderbuch ins Deutsche übertragen werden, das nicht nur ein in Deutschland wenig bekanntes Ereignis der deutsch-japanischen Beziehungen bearbeitet, sondern eben auch insbesondere ein Stück Musikgeschichte transportiert. Konkret geht es um die Ereignisse im Jahr 1914 in China, die letztendlich dazu führten, dass das unten genannte Musikstück in Japan so wahnsinnig beliebt ist. Als Kinderbuch ist das Ganze sehr schön aufbereitet, und die beiden kleinen Damen der Familie werden wohl demnächst ihre verbleibenden 図書カード (Büchergutschein, der in jedem beliebigen Buchladen in Japan eingelöst werden kann) für dieses Buch verwenden.

Tolle Sache, diese geplante Übersetzung  und unserer Ansicht nach unterstützenswert. Denn sowohl Shizuka als auch die kleine Schwester durften die "Ode an die Freude" im Rahmen des Klavierunterichts in Japan bereits in drei verschiedenen Fassungen und Schwierigkeitsgraden üben und bisweilen sogar öffentlich zum Besten geben. Perfektes Geschenk für die kleinen Klavierelfen oder auch die ein oder andere Lehrkraft, da sind wir uns einig. Einfach mal reinschauen, das Projekt des Verlags ist hier verlinkt. Ach so, und bevor wir es vergessen: Hier hat noch jemand darüber geschrieben. :-)

Sonntag, 12. März 2017

Neulich im 和実 (wajitsu, japanisch eingerichteter Raum)

Shizuka und ihre kleine Schwester haben sich im 和実 gemütlich eingerichtet. Auf dem Boden liegen verstreut 布団(futon, japanisches Bettzeug), draußen prasselt der Regen in eintönigem Rhythmus die Krokusblüten nieder. Zwischen den 布団 nicht nur die beiden Mädchen, sondern auch ein paar Bücher. Deutsche und japanische. Da liegen Conni lernt reiten, Neue Briefe von Felix, ボール待って待って, いないいないバー und einige mehr. Alles mehr oder weniger Klassiker der 1980er bis heute, Zielgruppe: Kindergarten bis Mitte Grundschule. Die kleinen Damen hatten die Schiebetüren zugezogen und es sich gemütlich gemacht. Ich durfte von draußen lauschen und konnte hin und wieder einen kurzen Blick durch die Ritzen erhaschen.

Kleine Schwester: Japanisch lesen ist voll einfach.

Shizuka: Ach, Du kannst doch eh erst Hiragana. Wart mal ab bis Du Kanji lernen musst. Voll schwer.

Kurze Denkpause.

Kleine Schwester (Tonfall ich-weiß-es-aber-besser-und-hab-Recht): ノンタン (Nontan*) kann ich schon ganz alleine lesen, das muss mir niemand vorlesen. 聞いてねえ! ドイツ語の本はまだ難しい!(Kiste-Nee! Doitsu-go no hon wa mada muzukashii!, Hör zu! Deutsche Bücher sind noch zu schwer!)

Shizuka (ganz große Schwester und angesäuert): Ja klar, ist ja Baby. Nontan kann jeder. Voll die Babysprache. Deutsche Kinderbücher sind echte Bücher. Da stehen richtige Sätze drin und richtige Wörter und so. Guck mal: Conni muss aufsatteln. So ein Wort gibt es in japanischen Kinderbüchern gar nicht!

kleine Schwester: Wohle! Nur der Nontan is' 'ne Katze, der reitet ja gar nicht! 猫ちゃんは馬乗られないでしょう!(Neko-Chan wa uma norarenai deshou!, Mietzekätzchen können durch gar nicht reiten, gelle!)

Shizuka (jetzt leicht amüsiert): それだけ?(Sore dake?, Nur das?) Meinst Du echt nur deshalb? Überleg doch mal: Auf Deutsch musst Du nur 26 Buchstaben und so ein paar Extradinger wie "ck" und so lernen. Dann kannst Du die Buchstaben lesen, und die Buchstaben werden zu Wörtern und die Wörter zu Sätzen. Auf Japanisch lernst Du Silben. Die können in Hiragana geschrieben sein, das ist na klar voll einfach. Aber nur Babybücher sind ganz in Hiragana geschrieben. Guck mal hier, erste Klasse (なぜなぜどうして** wird lautstark auf den Stapel geschmissen). Alles voller Kanji, und trotzdem noch total die Babysprache.

kleine Schwester (Stirn in Runzeln, die der Uroma zur Ehre gereichen würden): Aber deutsche Bücher kann ich noch gar nicht lesen! Ich kann die Buchstaben, aber in den Wörtern werden die ja so komisch. Da guck: Da steht C-O-N-N-I, aber lesen muss ich Konni. Oder hier: R-E-I-T-E-N. Wenn ich das Wort verstehen will, muss ich eigentlich R-A-I-D-N lesen. Voll doof, das.

Shizuka (das Grinsen ist deutlich hörbar): Du fränkelst. Das "T" musst Du als "T" lesen, nicht als "D". Und da muss wirklich noch ein "E" dahinter. 

kleine Schwester: Näh?

Shizuka (extrem betont, mit fränkisch gerolltem "R"): REITEN!

kleine Schwester: Du klingst voll doof so. 

Shizuka: Hast Recht, so spricht keiner. Aber so ist das halt. Und da gewöhnt man sich total schnell dran! Ich hab auch mit vier lesen gelernt und konnte das mit fünf so ein bisschen, wie Du, und mit sechs habe ich die Conni-Bücher immer ganz alleine gelesen. Und Pferdegeschichten! So Sachen wie das "E-I" als "AI" sind schwer, das stimmt. Aber dafür gibt es wirklich nur einen Satz Buchstaben! Ein Schuljahr reicht aus, um das zu lernen. Und dann kannst Du auch englische und französische Bücher lesen, die haben nämlich die gleichen Buchstaben. Nur Japanisch ist so blöd schwer. Das können nichtmal die Chinesen lesen.

kleine Schwester (hängt an den Lippen der Großen): Voll cool, echt. Ich will in die Schule.


Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich zurückgezogen. Wie mir die beiden später berichteten, wurde auch nicht weiter über Schriftsysteme und Lesefähigkeiten philosophiert. Die nächsten beiden Stunden brachten die beiden wohl damit zu, gemeinsam die vorhandenen Bücher zu lesen. Laut, denn ich hörte immer mal wieder das stottrige Stimmchen der Kleinen und dann wieder passagenweise das Maschinengewehr-Rappeln der Großen, die extreme Probleme mit dem langsamen, betonten Lesen hat. Mal sehen, was die beiden demnächst noch aushecken!




* Name eines frechen kleinen Katers, Protagonist einer Kinderbuchreihe, vergleichbar in etwa mit dem deutschen Raben Socke. Allerdings spricht der Rabe Socke selbst zwar eine kindliche Sprache, die anderen Figuren der Geschichten bewegen sich sprachlich aber eher auf Erwachsenenniveau, die Erzählerstimme sowieso. Das fiel der kleinen Schwester neulich auch schon auf: Für Nontan fühlt sie sich fast zu klein, Rabe Socke findet sie cool, obwohl die Geschichten inhaltlich fast gleich sind.

**Warum warum wieso. Buchreihe für Grundschüler/-innen, die in verschiedenen Bänden unter Rücksichtnahme auf das vorhandene Vokabular und die bekannten Schriftzeichen naturwissenschaftliche, gesellschaftliche oder historische Sachverhalte kindgerecht erklärt. Ein bisschen wie Was-ist-Was im Deutschen, aber nicht thematisch nach Bänden sortiert und in der Sprache extrem stark an die jeweilige Klassenstufe angepasst.

Donnerstag, 7. Juli 2016

Sommerferien, Nr. 4

Sommerferien sind dazu da, alles das zu machen, wozu man während des übrigen Jahres keine Zeit hat. Shizuka ist nun diese Woche in einer japanischen Grundschule zu Besuch und genießt bislang diese Zeit. Im Vergleich zur deutschen Schule sind die Stunden eher intellektuell anspruchslos (abgesehen von der Sprache), es gibt wenig bis keine Hausaufgaben, die, so vorhanden, auch noch extrem einfach sind. Das heißt konkret, es bleibt nachmittags viel Zeit, um mit der kleinen Schwester Unfug zu treiben.

Heute hatte Shizuka die Idee, die sommerliche Hitze (34° C, strahlender Sonnenschein, Luftfeuchtigkeit bei 80 %) in einer Höhle besser aushalten zu können als in unserem Haus. Zugegeben: Die japanische Leichtbauweise erlaubt einen ... direkten Bezug zur Natur. Um es mal milde auszudrücken. Die Häuser sind schlicht nicht isoliert, in keiner Art und Weise. Dementsprechend nah fühlt man sich dem Wetter, zu jeder Jahreszeit.

Also packte Shizuka in unserem Washitsu die Futon aus dem Schrank, bezog sie mit Laken und stellte sie unter Zuhilfenahme vieler Wäscheklammern als Wände auf. Der Boden wurde zur Isolation gegen die von unten aufsteigende feuchte Hitze mit Kissen, Schaffell und Decken ausgepolstert. Nach oben blieb die Höhle offen, damit die vom Körper ausgehende Hitze frei abziehen kann. Offene Schlitze zwischen den einzelnen Futon sollten für den nötigen Durchzug sorgen, Papas Ventilator wurde strategisch günstig direkt davor platziert. Und dann schnappte sich die kleine Dame einen Stapel Bücher* und war für die nächsten drei Stunden nicht mehr ansprechbar. :-)

Als abends die Hauslehrerin für Japanisch vorbeikam, durfte sie mit Shizuka zusammen in der Höhle sitzen. Der Unterricht fand diesmal auf sehr engem Raum statt, und offensichtlich hatten die beiden eine Menge Spaß. Zumindest wurde gute 1 1/2 Stunden lang im Duett gekichert.



* Was sonst?

Samstag, 19. März 2016

Hauptsache wild!

Nach unserem Umzug im Oktober 2014 kamen wir unseren neuen Nachbarn über den kleinen Garten und die dort laut tobenden Kinder immer näher, und mit der Zeit stellte sich das als durchaus fruchtbar heraus. Hunde durften gestreichelt werden, japanisches Konversationstraining fand kostenlos über den Zaun statt, und eines Tages kam eine Nachbarin mit einem Stapel deutscher Teenie-Literatur unter dem Arm vorbei. Die Familie war eine Zeitlang in Deutschland gewesen, die Tochter hatte ausführlich gelesen, der Kram wurde aber jetzt nicht mehr gebraucht. Ob wir ...? Ansonsten Altpapier. Wir taten. Shizuka fasste die "Liebesgrüße per SMS" und ähnliche Werke zwar erstmal nur mit Gummihandschuhen und sensationellem Naserümpfen an, aber die "Wilden Hühner" von Cornelia Funke wurden nach kurzem Beschnuppern dann doch freudig angegangen. Die Reihe kam vollständig bei uns an, so dass nächtelangem Lesevergnügen beim Schein im Bett im Schein einer kleinen Funzel von Nachtlampe nichts im Weg stand. Wochenlang wollte Shizuka kein Huhn mehr essen, mit dem Fahrrad querfeldein und im Stehen fahren und musste doch einsehen, dass ein Wohnwagen im Grünen als Geheimversteck einer Mädchenbande hier in Yokohama nicht umsetzbar war. Seufzen. "Mama, wie schmecken eigentlich Sprotten?"* 

Der zur Buchreihe gehörende Spielfilm wurde ausgeliehen, mehrmals geschaut, mehrmals war das Kind enttäuscht: Das ist ja gar nicht wie in den Büchern, und die Mädels sehen auch ganz anders aus! Voll blöd. Bücher und Film sind letzten Endes Mädchenromantik pur, viel in Richtung Freundschaft und Zusammenhalt in Dick und Dünn.

Vor einigen Wochen entdeckte die kleine Leseratte dann im DVD-Regal der Schulbücherei "Die Wilden Kerle 1". Sowas wie die Hühner? Nur mit Jungs? Okay - müssen wir versuchen! Der Film verwandelte die kleine Individualsportlerin innerhalb von 90 Minuten in ein brüllendes kleines Fussballungeheuer, das eine Mannschaft suchte. Wahnsinn! Die Schulfreundinnen mussten in der Folge für das wöchentliche gemeinsame Klettertraining mit selbstbemalten T-Shirts in einheitlichem Stil ausgestattet werden (wir haben uns für Tie-dye entschieden), ein Kampfruf ("Klettern wie wild!") wurde entwickelt, im Schulsport mussten die Shirts auch angezogen werden, und selbstverständlich mussten die anderen Filme der Reihe SOFORT organisiert werden. Die Schulbücherei gab indes nur Teil 3 her. Mit einer Mädchenfussballmanschaft, die in rosafarbenen, bauchfreien Tops Fußball so spielten*, wie andere Leute Billiard. Über Bande, alles in 3D, und permanent kaugummikauend. Rosa Kaugummi. Mit vielen Blasen. Die nach dem Platzen gar nicht in den Haaren klebten***. Also wieder ein doofer Film. Teil 2? Teile 4 und 5? Nicht vorhanden. Vergriffen, sagte die Bibliothekarin. Mama sagte: Schau mer ma bei Gebrauchte Bücher und so. Und Mama wurde fündig, die Teile 2 und 5 kamen innerhalb von drei Wochen in Yokohama an, mit leichten Brüchen in der Hülle, aber ansonsten unbeschadet. Und da war klar: Die Fußballnärrin unter den Freundinnen musste zum Übernachten kommen, es würde eine DVD-Nacht geben, und anschließend mussten die Filme der Schulbücherei spendiert werden. Gesagt, getan. Der dritte Teil der Filmreihe stellte sich als außerordentlich cool heraus, der fünfte Teil hinterließ wieder maue Gefühle. Die "Kerle" sind mit zwei Mädels schon gar nicht mehr nur eine Jungsmanschaft, und so wirklich um Fußball geht es auch nicht, eher um Vampire. Und das Fazit?

Mama ärgert sich mal wieder, dass alle coolen Kinderbücher und -filme derart verkomerzialisiert werden. Trinkflaschen, T-Shirts, Schulranzen, Hefte und mehr, alles mit den Kerlen darauf. Die Hühnerreihe, die ja ähnlich angelegt ist, kam doch auch ohne so etwas aus. Immerhin besteht Shizuka nun auf selbstgemachtem "Wildsein", denn so wirklich fußballbegeistert ist sie doch nicht. Sie hat den Zusammenhalt der Jungs erkannt, die in den Filmen die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen perfekt nutzen, um gemeinsam zum Ziel zu kommen. Dass Jungs dazu einen Fußball brauchen ist halt einfach so. Und dann war da noch das Thema Jungs ...

Die Wilden Kerle sind ganz normale Jungs. Die Schauspieler sehen während der Autogrammstunden und im Tourbus aus wie zu groß geratene Kindergartenjungs mit ein paar Pickeln zu viel. Blöde T-Shirts und Jeans, alberne Jacken, zu dicke Turnschuhe. Dazu bei allen (!) ein Baseballcap, das verkehrt herum getragen wird und den Kopf der Jungs aussehen lässt wie ein Fieberzäpfchen mit Sonnenschild. Uargh. Und prompt hatten die Mädels eine interessante Frage: Warum sind Jungs eigentlich nur im Film cool?****

Wenn ich das nur wüsste ...

Es bleibt die Begeisterung für alles, was WILD ist. Sogar die kleine Schwester sitzt jetzt auf ihrem Fahrrad und johlt "Sei wild!". Als Projekt für die nächsten Ferien hat sich Shizuka die vierzehnbändige Buchreihe von den Fußballjungs vorgenommen. In Deutschland ist gerade der sechste Teil im Kino.





* Die Erfahrung sparen wir uns für den Sommerurlaub bei der deutschen Oma.
** Geht gar nicht. Nicht Fußball. Aua. Die hatten nichtmal blaue Flecken an den vorstehenden Hüftknochen.
*** Das widerspricht allen persönlichen Erfahrungen von Shizuka.
****So im echten Leben laufen sie zwar auch mit unmöglichen Klamotten und Fieberzäpfchenbasecaps herum, aber die sind ja auch NORMAL und keine Filmstars.

Dienstag, 2. Februar 2016

Frühjahrsferien

Eine Woche Freiheit. 
Keine Schule. 
Keine Hausaufgaben. 
Kein Unterricht. 
Keine Verpflichtungen. 
Nicht einmal Sportverein.
Mein Traum: Das große Kind schläft lange, der Mann bringt das kleine Kind zum Kindergartenbus, ich kann morgens wirklich gut arbeiten. Ein entspannter Tag mit spätem Mittagessen, chillen am Nachmittag und entspannten Töchtern bis in den Abend hinein ... 
Und was macht Shizuka?

"Mama, Du musst mich morgen um sieben wecken! Wir bringen meine Schwester zusammen zum Kindergartenbus. Und dann will ich mit Dir in der Bäckerei frühstücken gehen und dann in die Bücherei gehen. Pack Deine Tasche, Du arbeitest da. Wir bleiben, bis der Bus mittags wieder kommt, und gehen erst dann."

Ferien könnten so schön sein ...

Dienstag, 16. Juni 2015

Vier kleine Raupen, vier große Raupen, zwei lila Raupen und zwei kahle Bonsais

Wir haben allerlei Pflanzen hier im Garten und in diversen Pflanzbottichen ums Haus verteilt. Nicht alle konnten wir bisher identifizieren. Zu den nicht näher beachteten und daher noch unbekannten Pflanzen gehören auch drei kleine Zierbäumchen, grob geschätzt eine Sorte Buchsbaum, so der Optik und den Blättern nach. Blüten und Stammbildung unterscheiden sich aber, und sie sind wirklich wie Minibäume geschnitten, wie Bonsais eben. Dass der Buchsbaum in Japan nicht heimisch, tut nichts zur Sache - drei Viertel der von uns im Garten und in diversen Parks identifizierten Pflanzen sind ohnehin Neophyten und seit maximal 150 Jahren hier ansässig. Da käme es auf den Buchsbaum auch nicht mehr an ... Anyways, die Sache läuft, wir sind heftig am Kategorisieren, Eingrenzen, Benennen, Fotografieren und Bestimmen unseres Umfelds.

Heute nun stellten wir fest, dass der seit Wochen schon etwas zerrupft aussehende Bonsai inzwischen ziemlich kahl ist. Sein Nachbar hat immerhin zwei komplett kahle Ästchen, die anklagend aus dem gelbgrünen Puschel ragen. Wenige, sehr kleine neue Blätter sind da, alles andere ist auf Stängel reduziert. Es steht noch jeweils die mittlere Blattrispe, und dazwischen ringeln und räkeln sich, man glaubt es kaum, kleine Raupen. Gut getarnt, grün mit schwarzen Köpfchen und kleinen schwarzen Tupfen, einige auch mit zusätzlicher gelboranger Zeichnung. Und zwei Winzlinge, lila. Mit rotem Köpfchen.

Nun flattern hier so einige Schmetterlinge herum, die wir auch zum Teil aus Deutschland kennen, und wir dachten: Wird schon irgendetwas davon sein. Wir haben die kleinen Bäumchen vorsichtig geschüttelt, alle heruntergefallenen Raupen aufgesammelt, zusammen mit ein paar ebenfalls gefallenen Blättern in der Tupperdose eingesammelt (mit Gartenhandschuhen, denn einige der アオムシ sind wohl ziemlich hautschädigend, bissig oder giftig), noch ein bisschen Unkraut gerupft, und das war erstaunlicherweise auch raupenversetzt. Kleine schwarze Krümel auf den Blättern der Bäumchen könnten Eier sein, könnten auch Samen von anderen Pflanzen sein, wir wissen es nicht. Was herunterfiel, blieb unten, der Rest blieb drauf. Wir behalten die Bäumchen im Auge. 

Shizuka packte nach getaner Arbeit die Tupperdose mit der Beute unter den Arm und marschierte zwecks umweltfreundlicher und tierrechtkompatibler Entsorgung zur nächsten Brache. Ein Block entfernt befindet sich eine Wildwiese mit Obstbäumen*, das Fallobst vom letzten Herbst modert noch herum, Vögel krakeelen dort alltäglich und streiten sich nie ums Futter, weil es genug gibt. Da können die Raupen das tun, was die Natur vorgesehen hat: Blätter fressen oder selbst von Vögeln gefressen werden. 

Wieder zurück zu Hause, schauten wir im Naturführer** nach, was wir da denn nun gerade ausgewildert hatten. Es könnte Colias erata sein, aber irgendetwas stimmt da nicht ... Genau, die Beine! Raupen haben gar nicht so viele Beine! Also wurden Ixquick, Wikipedia, Hortependium und einige Schmetterlingsbestimmungsseiten bemüht, bis wir das Rätsel lösen konnten. Raupen haben wirklich nicht so viele Beine. Wir haben es hier mit Blattwespenlarven zu tun. Die Blattwespen überwintern im Ei, schlüpfen im Frühjahr bei angemessener Temperatur, krabbeln zum Teil aus der Erde (richtig, unter einem der Bäumchen hatten wir ein graubraunes Insektenei gefunden), fressen ganze Wäldchen kahl und entwickeln sich im Hoch- bis Spätsommer zu Wespen. Keine, die Menschen als gelbschwarz gestreifte Nervensägen auf der Bierterrasse überfallen, sondern solche, die weiter Bäume kahlmachen. Blattwespen eben. 

Die lilanen kleinen Nimmersatte waren vermutlich der Art Maiglöckchenblattwespe zuzurechnen, zumal eine davon auch im Unkraut (irgendein noch nicht näher bekanntes Sumpfgewächs mit aufdringlich säuerlichem Geruch) schmatzte. Phymatocera aterrima heißt das Tierchen, eine japanische Bezeichnung kennen wir derzeit noch nicht. Ebenfalls vorhanden: Pristiphora conjugata. Die Larven mögen Pappeln und Weiden, mehr war nicht herauszufinden. Und die dritte im Bunde, auffälliger gefärbt und deutlich größer, die Breitfüßige Birkenblattwespe, Croesus septentrionalis (in Wikipedia als Gattung Craesus geführt) genannt. Laut Hortependium sind die Larven ganz heiß auf Erlen, bei uns saßen sie im Klee und auf jenem nicht näher bestimmten buchsbaumartigen Bonsai. 

Shizuka war enttäuscht: Mama, keine schönen Schmetterlinge? Nein, keine schönen Schmetterlinge. Komisch gefärbte Wespen stattdessen, die in der Körperform irgendwo zwischen Schmeißfliege und Borkenkäfer rangieren. ごめんねえ。


* Beruhigend zu wissen, dass die gefunden Krabbeltierchen offensichtlich weder Obstbaumblätter noch -holz mögen ...
**Absolut empfehlenswertes Büchlein für alle, die länger im Land sind und ein bisschen lesen können. Die Bestimmung ist einfach und kindgerecht, viele Bilder helfen, und die Beschreibungen sind leicht zu verstehen. Ein Zusatzteil geht auf Expeditionen ein und erklärt, wie man Tiere und Pflanzen schonend (d. h. ohne Schäden oder Todesfälle auf Seiten der Subjects) untersucht. Außerdem: Hosentaschenformat!

Mittwoch, 27. Mai 2015

Verliebt!

Shizuka ist verliebt. Über beide Ohren. Und über alle Sprachbarrieren hinweg. Sie ist so verliebt, dass sie ihre Hände einfach nicht bei sich behalten kann. Die Augen leuchten und glänzen. Sie hat nichts anderes mehr im Kopf. Sie kann von nichts anderem mehr reden. Sie hat es gleich ihrer Schwester erzählt. Und ihrer Mama. Und dem Papa. Und der Lehrerin. Schüchtern sitzt sie mit dem Geliebten auf den Tatami in unserem Washitsu, Beine damenhaft untergeschlagen, himmelt ihn an, dreht verträumt mit den Fingern Löckchen in die langen Haare. Der Teddybär liegt unbeachtet in der Ecke, die letzte Flamme (ein kleiner Skateboarder - ごめんね、たいようくん) ist vergessen. Sie ist so verliebt, dass sie ganz zappelig ist, im Schlaf vom Geliebten redet, abends nicht schlafen kann, rote Ohren bekommt und am liebsten nur eines will: Mit dem Geliebten zusammen sein.

Mit dem geliebten Buch. Genau - kein menschliches Wesen männlicher Bauart, sondern ein Buch. 

Es heißt りゅうの めの なみだ (Die Tränen des Drachen), ist irgendwann in den 1960ern erschienen und basiert auf einer klassischen, vermutlich chinesischen Erzählung. Shizuka liebt das Buch. Es gibt keine deutsche Übersetzung, wir haben keine englische Übersetzung, wir haben nur das japanische Kinderbuch aus der örtlichen Bücherei. Illustriert von いわさき ちひろ. 

Die Bebilderung ist nicht einfach nur poetisch, sie ist göttlich. Romantisch. Lebhaft. An den richtigen Stellen historisch akkurat (Kleidung und Haartrachten), an den passenden Stellen wie ein Gedicht. Gesichter sind eher ohne Ausdruck belassen, so dass kleine und große Betrachter/-innen sie selbst in ihrer Fantasie füllen können. Die Farben und der Auftrag derselben unterstreichen die Stimmung der Geschichte, und natürlich sind Wasserfarben ein Medium, das durch den Auftrag und das Mischungsverhältnis lebt. Es scheint mir eine Mischung aus Wasserfarben/Aquarell und Kohlestift zu sein, aber ganz sicher kann ich das aufgrund des alten Drucks natürlich nicht sagen. Vielleicht ist an den Stellen, die ich für Kohlestift halte, die Tusche auch nur so "trocken" und konzentriert aufgetragen, dass der Effekt von einem Kohlestift entsteht.* Im Rahmen der kurzen Recherche zur Illustratorin fiel uns auf, dass wir bereits ein Buch mit ihren Kunstwerken besitzen: つる の おんがえし (Der Dank des Kranichs) ist noch aus meiner Kindheit da, in deutscher Variante. 

Aber es ist das erste rein japanische Buch, mit Kanji und kompliziertem Satzbau und komischen, altmodischen Wörtern, das Shizuka nicht mehr aus der Hand legen will. Sie liest, sie will wissen, wie die Geschichte weitergeht, sie hat alle Bilder schon mindestens hunderttausendmal angeschaut, und sie hat sich die Wörterbücher aus Mamas Regal geschnappt, um nur ja alles richtig zu verstehen. Grammatikerklärungen muss Mama leisten, denn Papa hat berufsbedingt mal wieder wenig Zeit. Uff!**

Dank der Mitteilungsfreude Googles ist jetzt auch das Ausflugsziel für einen der nächsten Sonntage klar: Es gibt in Tokyo ein Museum mit den Arbeiten der Illustratorin. Interessierte Familien aus unserem Bekanntenkreis sind natürlich willkommen, uns zu begleiten. Ein Bilderbuchmuseum ist etwas, was uns völlig neu ist, und dementsprechend groß ist die Neugierde nun doch. 

Was soll ich sagen? Die Liebe meiner Tochter ist mir wichtig, auch wenn es "nur" um Bücher geht. Wir haben das Buch inzwischen käuflich erworben, gebraucht, und noch einen ganzen Stapel mehr Bücher von der gleichen Illustratorin. Immerhin hat hier bald jemand bald Namenstag ...


*Jetzt juckt es mich in den Fingern. Muss ich bei Gelegenheit selbst mal ausprobieren. Immerhin habe ich farbige Reibetuschen, Tuschestifte und Kohle samt geeignetem Papier seit gut drei Monaten neben dem Schreibtisch stehen, weil ich noch ein paar Illustrationen für eigene Arbeiten brauche und mich mal an neuen Farben versuchen will ...

** Mir zur Seite steht unsere kompetente Hauslehrerin 中村先生, die ob der altmodischen Sprache des Buches zwar stöhnt, aber Shizukas Begeisterung so motivierend findet, dass sie doch hilft. 「本当に 古い 話 ですから、言葉 は 子供に 難しい です。 よくない です。 その 言葉は 子供と 話す 時に いりません。」Ich bekomme also durchaus Unterstützung "vom Fach", sonst würde ich mir das nicht zutrauen.

Donnerstag, 7. Mai 2015

Es tut sich etwas in der E-Book Landschaft ...

Das Literaturcafé hat mich auf den neuen Sachverhalt hingewiesen: Im Rahmen des Joint Venture Tolino gibt es jetzt eine Plattform, auf der selbstpublizierende Autorinnen und Autoren ähnlich einfach wie bei Amazon ihr E-book hochladen und zu Ende gestalten können. Ausprobiert habe ich beide Plattformen noch nicht, aber das Ganze klingt interessant. Denn mit dieser Plattform wird es möglich, E-Books auch außerhalb des Amazon Imperiums verhältnismäßig einfach und ohne vertragliche Bindung an einen Verlag zu vernünftigen Preisen und sinnvollen Margen zu publizieren. Ein Traum! Denn die Bindung an Amazon ist damit hinfällig, es sind viel mehr E-Books zu erwarten, die auf allen möglichen verschiedenen Readern gelesen werden können (Amazon hatte mit dem Kindle ein eigenes Format verbunden, das auf anderen Readern nicht gelesen werden konnte), und die kostengünstiger und fernab des Verlags-Mainstreams erstellt und vertrieben werden können. Für die breite Masse an Leserschaft, selbstverständlich, denn wer komplett Indie wollte, konnte das bisher auch schon finden. 

Bleibt zu warten, wie sich die Geschichte für Kinderliteratur entwickelt, und wie der internationale Vertrieb über die Händler Libri, buecher.de, buch.de, Thalia et cetera aussieht. Alles deutsche Unternehmen, die Ladengeschäfte in Deutschland betreiben und eine deutschsprachige Internetpräsenz unterhalten, also international gar nicht so arg ins Gewicht fallen. Meiner Ansicht nach ist Amazon da immer noch vorne, denn die jeweiligen Ländershops funktionieren einfach gut. Das Geschäftskonzept ist trotzdem in meinen Augen suboptimal, von den tatsächlichen Rechten der Käufer/-innen an den E-Books über die Preisgestaltung bis hin zu der Nutzung der Kindle-Geräte, die keine unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten bei Geräten, die in der Familie geteilt werden, zulassen. Es ist vor allem die fehlende Kindersicherung, die mich stört. Immer noch. 

Montag, 27. April 2015

Viehzeug

Shizuka hat den Frühling wahrgenommen. Sie hat mehr als zwei Wochen Ferien, und das während der ersten anhaltend warmen und sonnigen Tage ohne regnerische Unterbrechung. Die kleine Schwester ist glücklich im Kindergarten angekommen, was jeden Morgen mehrere Stunden lang Ruhe zum Lesen mit sich bringt (sehr entspannend auch für Shizukas Mama), und jeden Mittag in Ausflügen in der näheren Umgebung endet. Und dabei entdeckt man so allerlei Lebewesen mit teilweise recht vielen Beinen. Erschreckend vielen Beinen.

Da sind zum Beispiel die kinderfaustgroßen grauen und weißen Larven, die im Blumenbeet herumwühlen. Wir haben die Beine nicht gezählt, die kleinen Krabbler waren einfach zu schnell. Und hatten beeindruckende Beißwerkzeuge. Aufgrund der Größe vermuten wir, dass daraus bald せみ schlüpfen. Die Singzikaden machen in Japan im Sommer einen Heidenlärm, und wir meinen zumindest die ersten schon gehört zu haben. Da wir heute im Laufe des Tages einige von der Größe her passende Löcher in den Blumenkübeln gesehen haben, könnte das durchaus sein. (Wer Fragen zur Größe hat: Wikipedia hat einen japanischen Eintrag. Dort sind 13 cm als Körperlänge eingetragen. Körperlänge. Nicht Flügelspannweite.)

Im Garten machen die Ameisen mobil. Unsere Exemplare sind etwa einen Zentimeter lang, rabenschwarz und nicht aggressiv. Aber neugierig. Auch bei geschlossenen Türen und Fenstern haben wir täglich etwa fünf bis zehn der Kollegen zu Besuch, die in Wohn- und Esszimmer den bei keksliebenden Kindern so nötigen Staubsauber ersetzen. Die harmlosen kleinen Gesellen wurden von uns bislang immer liebevoll, aber sehr bestimmt zurück an die Luft gesetzt, ohne ihre Beute. Es sind weniger geworden, die Tiere werden ihrem Ruf gerecht und erweisen sich als lernfähig. Zugegeben: Die zurückgeschickten Exemplare waren nicht mehr lebendig. Sie hatten Kontakt mit der Zeitung.

Ebenfalls im Garten gesehen: eine Eidechse. Diesmal wirklich eine Eidechse, kein Gecko, sie war metallicglitzernd mit goldenen Streifen auf dem Rücken und setzte mit leichtem Fauchen unsere Jüngste in Entzücken. Das Tierchen hatte deutliche Eidechsenfüße (ohne Lamellen), hielt sich aber trotzdem ganz geschickt an unserer Gartenmauer fest und tankte Sonne. Eine ganze Menge davon sogar, etwa eine Stunde lang. Grasschneidearbeiten, Gießen und ein wuselndes Kindergartenkind konnten sie nicht verschrecken. Aufgrund der Färbung würde ich sagen, dass wir ein männliches Exemplar im Garten haben. Nun ist uns über die Lebensweise der Tiere nicht so viel bekannt, aber Shizuka will gerne aus schwarzem Speckstein ein Eidechsenhaus mit vielen engen Ritzen zum Verstecken arbeiten, damit das Tier bleibt und eine möglichst große Familie gründet. Denn diese Eidechsen fressen Insekten, und das ist immerhin besser als dass die hier allgegenwärtigen Stechmücken uns oder die Kakerlaken unser Obst auffressen.

Kakerlaken sind die nächsten Viecher, die uns im Moment beschäftigen - wir haben noch keine einzige gesehen. Pünktlich zu Ferienbeginn warnten die hier ansässigen Damen der Deutschen Schule, dass die kleinen Krabbeltiere nun während der Ferien aus ihren Löchern kriechen würden. Taten sie bislang nicht. Gift legen wollen wir nicht, mit der Zeitung sind wir vermutlich zu langsam, und ob der Stromschlaginsektenvernichter von Papa da viel ausrichtet, ist zweifelhaft. Wir suchen also gerade verzweifelt nach einer Art Pheromonspray, mit dem wir eine mehr oder minder harmlose Barriere um die Wohnräume ziehen können. Im Garten stören uns die Tiere nicht, und da wir kleine Kinder im Haus und willkommene Insekten im Garten haben, ist Gift wirklich ein No-Go. Gilt auch für die üblichen Klebepapiere, die die Tiere anlocken wie die deutschen Fliegenpapiere. Wer ein Produkt kennt, dass unseren Wünschen nahe kommt, möge sich bitte melden! Sonst wird der beste Ehemann von allen vermutlich doch Borkugeln kaufen.

Noch mehr Viehzeug: Kaulquappen. Wir haben nunmehr insgesamt vier Tage in diversen Parks damit verbracht, die Amphibienbabys zu beobachten. Sie wurden mit der Lupe untersucht, im Wasser gestreichelt (ja, das geht - die sind zutraulich), mit Hand oder Käscher gefangen und in der Becherlupe inspiziert, mit winzigen Insekten gefüttert und vor den bösen Fischen im Teich gerettet. Das Beweisfoto:



Die Tiere entwickeln sich prächtig, sie haben inzwischen nicht nur Beine, sondern auch Füße mit Zehen und kleine Vorderbeinchen. Allerdings sind die Fische im See auch immer frecher geworden und haben in unserem Lieblingsteich die Bestände etwa halbiert. Als Shizuka heute eine dicke, fette Kröte im Uferschlamm sah, war sie gar nicht mehr so traurig - denn wer weiß schon, aus welcher Kaulquappe ein süßer kleiner Frosch wird und aus welcher eine fette, warzige Kröte? Auf das Foto verzichten wir an dieser Stelle.

Noch mehr Viehzeug gab es in Parks und Garten: Die Schmetterlinge kommen. Zitronenfalter, Schwalbenschwänze und ein paar andere Arten, die wir so in Deutschland auch kennen, sind dabei (die kleinen blauen zum Beispiel, deren Namen wir immer vergessen), wenn auch ein paar Nummern größer als "zu Hause". Aber da sind eben auch ein paar Exemplare dabei, die wir so nicht kennen. Einen davon hätten wir fast für eine tagaktive Fledermaus gehalten, weil der groß und schwarz nah über der Wasseroberfläche im Park dahinflitzte und immer wieder die Wasseroberfläche berührte. Art unbekannt. Aber wir forschen weiter! Und auch hier noch einmal der Aufruf an alle, die schon länger hier leben und der deutschen Sprache mächtig sind: Wir suchen einen kinderfreundlichen Naturführer für die hier heimische Fauna und Flora. Fauna ist wichtiger. Sowohl in der Deutschen Schule als auch im Bekanntenkreis konnte uns niemand helfen. Es muss kein deutschsprachiges Werk sein, Englisch und einfaches Japanisch sind auch okay. Aber es sollte eben auch keine wissenschaftliche Abhandlung sein, und mit den Larifari-Büchern, die den Unterschied zwischen Säugetier und Insekt rein an der Größe festmachen und weiter nichts erklären, können wir auch nicht viel anfangen. Gerne auch im E-Format.

Dienstag, 29. April 2014

なぜなぜ 静ちゃん 。。。

Warum geht die Sonne im Osten auf und nicht im Westen? Warum kommt die nie in den Norden? Ist die Datumsgrenze eine echte Grenze? Warum sehen wir manche Sterne das ganze Jahr über am Himmel, aber die Sternbilder sind manchmal verdreht, und manche Sterne sieht man nur manchmal? Wenn der Mond weg ist, ist der dann in Australien zu sehen? Wenn wir in Japan bei ばあちゃん und じいちゃん sind, sehen wir den Orion auch - aber da liegt er irgendwie auf der Seite. Warum? Warum ist die Erdachse nicht gerade? Woher wissen wir das überhaupt?

Das alltägliche Leben mit Shizuka ist furchtbar interessant. Als ihre Mama lerne ich eine ganze Menge Dinge, die ich in der Schule nicht gelernt habe - weil niemand die Fragen gestellt hat. Shizuka stellt immer Fragen. Von morgens bis abends. Viele Fragen. Fragen, auf die andere Leute gar nicht kommen. Solche Fragen, die man auch gar nicht einfach beantworten kann. ("Mama, warum stellen Kinder so viele Fragen, auf die die Erwachsenen keine Antwort wissen?" - vor einer Woche so passiert.) Shizuka fragt auf Deutsch. Ihren Papa fragt sie Japanisch. Und wenn ihr keiner zuhört, versucht sie, die Fragen auf Englisch zu formulieren. Es scheint, als sei die Welt ein einziges großes Fragezeichen, das gelöst werden will.

Ich habe auch eine Frage. Eine ganz große: Shizuka, warum stellst Du so viele Fragen? 静、 どうしたの 質問 が たくさん あります か?

Manchmal ist es ganz schön anstrengend, den ganzen Tag lang nur ausgefragt zu werden. Zum Glück gibt es Wikipedia, die Robert-Mayer-Sternwarte, das Senckenberg-Museum, die Experimenta Heilbronn. Und die Kinderbibliothek. Dort sollten wir uns demnächst ein Bett aufstellen lassen.

Dienstag, 24. Dezember 2013

Weihnachten in Farbe?

Weihnachten ist bunt. Kunterbunt. Bunt wie ein Regenbogen, bunt wie ein Farbkasten. Zumindest für mich, denn ich sehe bunte Lichter überall in der Stadt, die bunten Zuckerstangen beim Weihnachtsmarkt, einen grünen Baum, bunte Kugeln am Baum, bunte Lichterketten am Balkon von unseren Nachbarn und sogar bunte Schokokugeln im Adventskalender. Weihnachten fühlt sich nicht nur gut an, Weihnachten riecht auch gut. Nach Lebkuchen, frisch gebackenen Plätzchen, Tannenbäumen, Kerzen, Mamas Handcreme mit Bienenwachs. Nach heißer Honigmilch. Und nach Tonjiru - das ist eine Art Eintopf, der in Japan immer im Winter gegessen wird. Weihnachten hört sich auch an, und zwar auch gut. "Alle Jahre wieder" und "In der Weihnachtsbäckerei" und "Morgen kommt der Weihnachtsmann" und "Dicke rote Kerze". Dieses Jahr auch nach Mama am Klavier. Und nach Glocken und Glöckchen, Knistern von Kerzenflammen und dem Rascheln von Christbaumzweigen.

Ich war vor zwei Wochen mit meiner Mama und einem Freund in der Experimenta in Heilbronn. Dort gibt es im Stockwerk "Netzwerk und Kommunikation" eine Schreibmaschine, die haut Löcher ins Papier. Das ist eine Schreibmaschine für Blindenschrift. Blinde können auch lesen, nur dass die Bücher Knubbel statt Buchstaben haben. Mama hat meinen Namen getippt. Und dann habe ich meinem Papa einen Brief getippt. Das war ganz schön schwer, denn alle Buchstaben im Alphabet werden mit sechs Punkten gebildet, die immer anders geordnet sind in einem Raster. Gar nicht so einfach. Papa hat einen ganzen Abend mit Wikipedia gebraucht, um den Brief zu lesen. Und natürlich waren ein paar Schreibfehler drin.

Gestern Abend habe ich ein Buch aus der Stadtbücherei gelesen, das in Buchstaben und in Braille geschrieben ist: Das schwarze Buch der Farben. Es geht darum, dass die Welt eigentlich ganz bunt ist. Aber das Buch ist schwarz, die Seiten sind schwarz. Mit glattem Lack sind auf das matte Papier Muster und Gegenstände gemalt, die man fühlen kann. Und man kann die Sätze auch mit den Fingern lesen, denn alles ist mit Buchstaben und mit Blindenschrift geschrieben. Das ist spannend. Denn ein Buch über Farben ist für blinde Leute doch eigentlich Quatsch, oder? Mama hat mir erklärt, dass manche Menschen nicht blind geboren werden, sondern schon Farben kennen und wissen, wie Dinge aussehen, weil sie erst später durch eine Krankheit oder einen Unfall blind geworden sind. Das ist bestimmt schwer. Wie erklärt man aber den anderen, was Farben sind? Wie Rot aussieht? Das einem bei Blau ein bisschen kalt wird? Dass Gelb nach Sonne und Meer riecht? Dass Grün sich wie frisches, feuchtes, glattes Gras anfühlt? Dass Braun zwischen den Fingern krümelt wie leicht muffig riechende Gartenerde? Dass Lila nach Flieder riecht und sich anfühlt wie die glatten Blüten von Veilchen? Dass Weiß eigentlich gar nicht Weiß ist, sondern Licht, das mit einem Stück Glas in einen Regenbogen verwandelt werden kann? Das ist echt schwer.

Mama hat gesagt, dass ich mit meinen Fragen die meisten eigentlich schon beantwortet habe. Weil Rot eben wirklich so aussieht wie Erdbeeren und Tomaten schmecken, es warm macht und nach Himbeersirup riecht. Dass Blau wie Heidelbeeren schmeckt, ein bisschen kühl und nass ist und immer nach Winter riecht. Dass Grün sich wie Gras anfühlt, vielleicht auch danach riecht, aber ganz sicher wie Salatgurke schmeckt. Und so weiter. Das ist doch dann eigentlich wie sehen, oder? Wenn man so genau weiß, wie die Farben sind. Wenn ich "Rosa" denke, sehe ich auch nicht einen riesigen rosa Flecken vor meinen Augen, sondern höre Schweine grunzen, rieche Zuckerwatte und schmecke Himbeeren. Und das ist so, obwohl ich sehen kann. Das Buch ist übrigens total cool, das müsst Ihr unbedingt auch mal lesen! Aber erst nach Weihnachten, denn bis dahin habe ich das ausgeliehen. :-)))

Frohes Fest und gesegnete Feiertage mit viel Lebkuchenduft, Tannenzweigen (ohne Pieksen) und heißer Schokolade!

Montag, 23. Dezember 2013

Da-ru-ma-san! (Teil 3)

Am Morgen kommen Kinder zum Tempel. Zusammen mit ihren Eltern laufen sie durch den Schnee, bewerfen sich mit weißen Bällen und lachen.

"Da, da schau mal! Yukidaruma! Ein Schneemann!" ruft ein Junge. Er deutet auf die kleine weiße Gestalt und läuft los. Lachend und johlend folgen ihm andere Kinder, werfen ihre Schneebälle nun auf das weiße Schneehäufchen vor ihnen. "Stopp!" Der Junge bleibt stehen und wischt die zerkrümelten Schneeballreste von der kleinen Figur. Er stemmt die Hände in die Hüften, geht einen Schritt rückwärts und blickt die Gestalt fachmännisch an. Dann lacht er auf und malt mit flinken Fingern ein Gesicht auf die obere Halbkugel. Ein griesgrämiges, miesepetriges Gesicht mit halbgeschlossenen Augen.

"Shi, shizuka ni - yukidaruma-san ga shikatteru! Sch, leise - der Schneemann schimpft!" Lachend laufen die Kinder weiter und lassen den derart verzierten Schneemann alleine zurück. Als es ruhiger wird, zwinkert die kleine Schneefigur mit den Augen. Der kleine Mann versucht, die Falten aus den Augenwinkeln herauszudrücken und den Mund zu einem Lachen zu verziehen. Das geht nicht. Die Grimasse ist festgefroren. Brummelnd dreht sich das übellaunige Männchen um und wackelt zu einer Ecke des Hofes. Dort lässt es sich nieder und blickt böse um sich.

Ein kleines Mädchen kommt, mit einem roten Ball unter dem Arm. Neugierig schaut es den unglücklichen weißen Schneehaufen an. Es wischt das Gesicht ab und zeichnet mit dem Finger ein neues auf. Dann legt es den Kopf schief, schaut glücklich auf das Kunstwerk im Schnee und ruft seiner Mutter zu: "Yukidaruma-san ga waratteru! Der Schneemann lacht!" Dann wirft das Kind den Ball durch den Schnee und läuft hinterher, weg vom Schneemann, um den Tempel herum und davon.

Der kleine Mann wischt sich verzweifelt über sein Gesichtchen. Dass ihm aber auch immer die Kinder da herein fassen müssen! Das Lachen will nicht verschwinden, es gluckst und kollert in seinem Bauch, es schüttelt ihn, und schließlich fällt er lachend um und liegt im Schnee. So ein Spaß! Aber dass die Grimassen auf seinem Gesicht auch immer gleich festfrieren müssen! Der Schneemann kugelt vor Lachen auf dem Boden und wischt sich verstohlen einige Tränen aus dem Gesicht. Hohoho, so ein Spaß! So ein Unsinn, ein lachender Schneemann! 

Es wird schon fast wieder dunkel an diesem Tag im Winter. Der Schneemann liegt immer noch auf dem Boden und lacht, er kann einfach nicht aufstehen. So komisch ist das alles! So witzig! So weiß rundherum! Hahaha! Es kollert und gluckert und kichert und lacht in der Ecke des Tempelshofs, und das hört die ganze Nacht über nicht mehr auf. Der kleine Schneemann kichert und grinst, schnaubt und kugelt über den Boden. Im Schnee. Immer wieder, hin und her, das Lachen schüttelt ihn durch, er kann sich einfach nicht helfen.

Am Morgen sehen die Menschen die seltsamen Spuren im Schnee. Sie können sich nicht erklären, was da passiert ist. Zu seltsam sieht das aus, und dann kichert da auch noch eine gespenstische Stimme ... Niemand ist zu sehen in diesem Teil des Tempelhofs, und es ist so unheimlich mit dem Lachen, den Spuren im Schnee ...

Sonntag, 22. Dezember 2013

Da-ru-ma-san! (Teil 2)

Patsch!

Patsch!

Patsch!

Das kniehohe Häufchen Schnee ist halbrund festgefroren. In der Nacht schneit es mehr, und jetzt rutscht immer wieder Schnee vom Dach herunter. Auf dem Häufchen bildet sich ein neuer Schneehaufen, wieder halbrund, aber kleiner. Fast wie ein Hocker mit einem weichen weißen Kissen darauf sieht er aus, der Schneehaufen neben dem Tempel.

Patsch!

Noch eine Ladung. Der Schneehaufen wackelt. Er schwingt leicht nach rechts, leicht nach links, und wieder zurück. Hüfthoch liegt der Schnee nun da.

Patsch!

Es knirscht.

"Aua!" Eine kleine runde weiße Gestalt blickt nach oben - und sieht noch eine Ladung Schnee herunterfallen.

Patsch!

"Hee, aufhören!" Ärgerlich wischt sich die kleine Gestalt Schnee aus dem Gesichtchen. Sie schaut nach oben und wackelt einen Schritt zur Seite, als noch mehr Schnee vom Dach fällt.

Patsch!

Das weiße Männchen rappelt sich ungelenk hoch, sieht wieder in den Himmel und schimpft laut: "Wer wirft denn hier mit dem Zeug herum? Das ist gefährlich! Ich könnte verletzt werden! Sofort aufhören!" Es schneit immer noch. Die kleine Gestalt stemmt sich mühsam auf viel zu kurzen Beinchen hoch und wackelt ein Stück vom Tempel weg. Mitten im Hof setzt sie sich in den Schnee. Dort bleibt sie sitzen, mit ärgerlichem Gesicht. Es schneit und schneit und schneit. Fast ist sie nicht zu sehen, die kleine Figur da mitten im Tempelhof, weit entfernt von den Laternen, die die Ränder des Hofs und die Gehwege ausleuchten.

Samstag, 21. Dezember 2013

Da-ru-ma-san! (Teil 1)

Schnee fällt leise auf die Erde. Vor einigen Tagen hat es angefangen zu schneien, mitten in der Nacht. Zuerst nur ein wenig, dann mehr. Das schwarze Dach hat weiße Punkte bekommen, dann weiße Flecken, und schließlich hat eine weiße weiche Decke darauf gelegen. Auf dem hohen roten Torbogen türmt sich der Schnee. Die Bäume im Park erblühen weiß, seitdem sich das gefrorene Wasser auf ihre dunklen und kahlen Äste legt. Kein Gras ist mehr zu sehen in dem weiten Park, und die sauber gerechten Wege sind unter Schnee verschwunden. Kleine und große Fußabdrücke ziehen sich durch die weiße Fläche und zeigen, wo unter dem Schnee die Wege verlaufen. Zu sehen sind die Wege und Blumenbeete und das Gras unter dem Schnee nicht mehr. Und es fällt immer noch mehr Schnee. Viel mehr Schnee.

Die Brücke zwischen Stadt und Garten ist unter einer weißen Schicht verschwunden, das hohe Geländer mit den steinernen Laternen weiß bedeckt. Und die Hochhäuser in der Ferne sind durch das Schneegestöber nicht mehr zu sehen. Wie eine Insel liegt der Park da, die Stadt rundherum ist verschwunden. Die Straßen der Stadt sind unter einer weiß-grauen Decke versteckt. Der ganze Schmutz und Müll, der hier normalerweise herumliegt, ist im Schnee versteckt. Sauber sieht es aus. Und auch die Häuser sind im Schnee versteckt, ihre kleinen Gärten, die steinernen Figuren an den Straßenrändern. Und die Stadt ist leise geworden, denn der Schnee dämpft alle Geräusche. Keine Vögel sind zu hören, außer den immer anwesenden Krähen, die sich im Müll um Essensreste streiten. Eichhörnchen huschen am Rand des Parks entlang, suchen nun auch auch im Schnee nach Futter.

Die Schritte der Besucher knirschen leise, wenn sie über den weiten Hof des Tempels laufen. Der Schnee drückt sich sacht unter ihren Füßen zusammen, die Spuren bleiben noch lange sichtbar, wenn die Menschen schon längst wieder verschwunden sind. Und auch der lange Nachhall der Tempelglocke klingt einsam und verloren. Selten erschallt sie in diesen Tagen, zu kalt ist es den Menschen, um durch den Park zu gehen.

Patsch!

Eine dicke Ladung Schnee rutscht vom geschwungenen Dach herunter, gerade über die glasierten Ziegeln, und fällt vorbei an geschnitzten Dachbalken und kalten Holzpfeilern auf den Hof.

Patsch!

Eine zweite Ladung Schnee rutscht hinterher. Das kleine Häufchen auf dem Hof ist fast kniehoch und halbrund.

Patsch!

Noch ein Arm voll Schnee landet auf dem Boden.

Und dann passiert gar nichts mehr, für den Augenblick. Es wird früh dunkel in dieser großen Stadt, im Winter zünden die Priester bereits nachmittags die zahllosen Laternen um den Tempel herum an. Ein sanftes, gelbes Licht schließt den Tempel ein, dessen dunkles Ziegeldach nun an einigen Stellen durch die Schneedecke scheint. An den verschneiten Wegen entlang zieht sich die Reihe gelb und rot leuchtender Laternen durch den Park. Der Schnee wirft den warmen Schein zurück, und es funkelt und glitzert wie Edelsteine.


Die Geschichte hat Mama für einen von ihren Filzkursen geschrieben. Ich mag die eigentlich ganz gerne, deshalb teile ich die hier mit Euch. Wenn Ihr die Geschichte ganz lesen wollt, müsst Ihr in den nächsten Tagen immer mal wieder hier vorbeischauen. Die ist nämlich lang!

Montag, 9. Dezember 2013

Kleine Engel 4*

Carmino, hör mir zu.

Und dann erzählt Leonardo. Er erzählt von einem kleinen Jungen, der viele Ideen hatte. Der in einem kleinen Dorf lebte und nie das machte, was er sollte. Der Junge brauchte immer Papier und Stifte, Holz, Nägel und eine Säge. Er hatte so viele Ideen! Er baute. Er baute Spielzeug, das sich bewegen konnte. Er zeichnete Flugmaschinen, die einen Menschen tragen konnten. Und Katapulte. Und er malte. Er malte so wunderschöne Bilder, dass die Menschen ihm Geld dafür gaben. Er malte Engel und Heilige auf Decken und Wände. Er malte Menschen, die beim Ansehen der Bilder dachten, sie würden in einen Spiegel blicken. Er malte Felsen, Seen, Flüsse Bäume und Häuser. Und er malte so schön, dass die Menschen dachten, sie würden ein Stück Himmel sehen. Er wurde älter, und er durfte sein Geld mit dem Malen verdienen. Der Junge war nun ein Mann und brachte anderen Männern das Malen bei. Zusammen malten sie alles, was sie sahen: Menschen, Tiere, Kleidung, Häuser, Blumen und Bäume. Er wurde sehr alt, der Maler. Und als er starb, wurde er in den Himmel geholt, damit das ganze weiße, langweilige Himmelsgewölbe mit den weißen Wolken und den weiß gekleideten Engeln mit seiner Kunst etwas farbiger machen konnte. Aber er konnte es nicht. Denn der Himmel ist der Himmel, und die Erde ist die Erde. Die Engel mögen keine Veränderungen. Der Himmel sollte weiß bleiben. Der alte Engel saß nun alleine und traurig in seinem Raum, den er ganz alleine für sich bekommen hatte, und malte und zeichnete. Er malte und zeichnete alles, an was er sich von der Erde erinnern konnte. Aber niemand wollte seine Bilder sehen. Die Engel interessierten sich nicht dafür, wie es auf der Erde aussah.

Carmino, schläfst Du?

Leonardo ... So traurig. Der arme Engel.

Schlaf gut, Carmino. Morgen ist ein besonderer Tag.

Eine seltsame Geschichte, die mir Leonardo da erzählt hat. Ob die wohl wahr ist? Warum ist mein Kopfkissen eigentlich so hart? Da liegt doch etwas ... Was liegt denn da drunter? Ein Kasten. Holz. Das ist hart. Der war gestern aber noch nicht da. Wo kommt der denn her? Da steckt ein Schlüssel drin ... Was ist da drin? Was ist das für ein Kasten? Mal sehen ... Oh! Das ist ein Farbkasten! Leuchtende, bunte Farben - wie ein Regenbogen, so bunt. Die will ich gleich ausprobieren! Wo ist mein Hemd? Hemd ... Oh, das hab ich schon an. Aber ich habe immer noch kein Papier. Ob mir Leonardo vielleicht. Oh. Die Geschichte. So ein trauriger, armer Engel. Leonardo sieht auch immer traurig aus. Ob er den alten Engel kennt? Aber dann müsste der ja noch irgendwo hier im Himmel sein. Engel gehen nicht weg, nie. Die bleiben immer hier. 



* Die Geschichte "Kleine Engel" ist hier nur in Auszügen wiedergegeben. Sie ist urheberrechtlich geschützt und darf nicht kopiert werden. Wer die Geschichte zum Vorlesen in kleinem Kreis haben will, wer seine kleinen Engel zu Hause oder die Schulklasse im Deutschunterricht damit verzaubern will, der darf das - ich bitte um eine Mitteilung, dann gibt es die ganze Geschichte im Format .pdf. Per E-Mail. Kommerzielle Nutzung verbitte ich mir. Bei Interesse bitte die Kommentarfunktion nutzen - Mail-Adressen werden nicht veröffentlicht, sondern nach Sendung der Geschichte gelöscht.

Samstag, 7. Dezember 2013

Kleine Engel 2*

Mama hat uns in den letzten Tagen abends immer Bücher vorgelesen. Meine Lieblingsgeschichte ist die von Carmino – der ist richtig cool. Ihr könnt hier weiterlesen! 



He Du! Was machst Du da?

Malen.



Warum?

Hmm ... Warum? Weil es Spaß macht?!

Und Dein Hemd? Oh ... Kein Hemd.

Schau mal! - Ich halte mein Bild hoch.

Du, das ist gut! Darf ich ... Hast Du noch mehr Papier? Und Farben? He Du da drüben! Du da! Schau mal!

Wow, cool! Darf ich auch mitmachen?

Wir haben nicht genug Papier ... Und Farben ...

Kommt mit! Ich weiß was!

Wir sind jetzt schon fünf Engel. Malen macht wirklich Spaß! Aber so viel Papier und Farben habe ich nicht. Ich will, dass alle mitmachen können. Und ich weiß, wer uns da helfen kann. Glaube ich.

Leonardo! Leonardo, hast Du Farben und Papier für uns? Leonardo, Du musst uns helfen!

Carmino? Was ist denn mit Dir los? Warum seid Ihr nicht bei den anderen? Und wo sind Eure Hemden?

Leonardo ist mein Freund. Glaube ich. Ich weiß nicht viel von ihm, aber er gibt mir manchmal Farben. Wenn die anderen großen Engel nicht hinsehen. Er macht nie, was die anderen Engel machen. Leonardo ist fast immer alleine. Er hat ein eigenes Zimmer. Eines ohne Fernseher, und ohne Wolken. Da steht ein riesiger Tisch. Und überall liegen Papierrollen und Stifte herum. Ich weiß nicht, was Leonardo macht - aber er muss nicht mit den anderen Engeln fernsehen.

Leonardo, wir brauchen Farben!

Carmino, wo ist Eure Gruppe?

Die sehen fern ... Leonardo, ich will nicht fernsehen! Ich will malen! Verstehst Du nicht, Leonardo? Uns ist langweilig!

* Die Geschichte "Kleine Engel" ist hier nur in Auszügen wiedergegeben. Sie ist urheberrechtlich geschützt und darf nicht kopiert werden. Wer die Geschichte zum Vorlesen in kleinem Kreis haben will, wer seine kleinen Engel zu Hause oder die Schulklasse im Deutschunterricht damit verzaubern will, der darf das - ich bitte um eine Mitteilung, dann gibt es die ganze Geschichte im Format .pdf. Per E-Mail. Kommerzielle Nutzung verbitte ich mir. Bei Interesse bitte die Kommentarfunktion nutzen - Mail-Adressen werden nicht veröffentlicht, sondern nach Sendung der Geschichte gelöscht.