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Mittwoch, 11. April 2018

Klavierelfen, Musikgeschichte und ein lange zurückliegender Krieg

Nach langer Abwesenheit (wird später erklärt) nur eine kurze Notiz: 

Der Herder Verlag plant ein für alle Japaninteressierten interessantes Projekt. Es soll ein Kinderbuch ins Deutsche übertragen werden, das nicht nur ein in Deutschland wenig bekanntes Ereignis der deutsch-japanischen Beziehungen bearbeitet, sondern eben auch insbesondere ein Stück Musikgeschichte transportiert. Konkret geht es um die Ereignisse im Jahr 1914 in China, die letztendlich dazu führten, dass das unten genannte Musikstück in Japan so wahnsinnig beliebt ist. Als Kinderbuch ist das Ganze sehr schön aufbereitet, und die beiden kleinen Damen der Familie werden wohl demnächst ihre verbleibenden 図書カード (Büchergutschein, der in jedem beliebigen Buchladen in Japan eingelöst werden kann) für dieses Buch verwenden.

Tolle Sache, diese geplante Übersetzung  und unserer Ansicht nach unterstützenswert. Denn sowohl Shizuka als auch die kleine Schwester durften die "Ode an die Freude" im Rahmen des Klavierunterichts in Japan bereits in drei verschiedenen Fassungen und Schwierigkeitsgraden üben und bisweilen sogar öffentlich zum Besten geben. Perfektes Geschenk für die kleinen Klavierelfen oder auch die ein oder andere Lehrkraft, da sind wir uns einig. Einfach mal reinschauen, das Projekt des Verlags ist hier verlinkt. Ach so, und bevor wir es vergessen: Hier hat noch jemand darüber geschrieben. :-)

Dienstag, 6. Juni 2017

Schwierige Gruppenzugehörigkeiten

Bei Shizuka ist die Sache seit einem guten Jahr völlig klar: Sie ist Deutsche und sie ist Japanerin. Und sie deutsche Freunde und japanische Freunde. Als Deutschjapanerin in Japan auf der Deutschen Schule fühlt sie sich am richtigen Platz, auch wenn die besten Freunde jetzt seit fast einem Jahr fehlen.

Bei der kleinen Schwester ist das etwas schwieriger. Die ist auch Deutschjapanerin. Die ist auch in Japan. Aber sie geht in einen japanischen Kindergarten. Dort hat sie ihre Freunde, die sie jeden Tag sieht. Ihre Freizeit verbringt sie aber an der Deutschen Schule mit Aikido, Klavierspielen und Taiko. Wie die große Schwester. Und sie hat dort auch gleichaltrige Freunde gefunden, die sie aber nur jeweils einmal wöchentlich sieht. Die kommen nach den Sommerferien in besagter Deutscher Schule in die erste Klasse. Und die gehen in den Kindergarten besagter Deutscher Schule.

Und dann gibt es da noch die Freundin. Die Freundin ist auch Deutschjapanerin, und die Freundin ging bisher zusammen mit der kleinen Schwester in den japanischen Kindergarten. Sie hat eine große Schwester an der Deutschen Schule und wird nach den Sommerferien den Kindergarten der Deutschen Schule besuchen. Die kleine Schwester wird die Freundin also nicht mehr täglich sehen. Die Freundin trainiert nicht Aikido. Sie spielt nicht Klavier. Und sie spielt auch nicht Taiko. Die kleine Schwester wird sie, wenn überhaupt, nur noch zufällig auf dem Schulhof treffen. Und das ist gemein. Denn eigentlich ist die Freundin doch genauso wie die Kleine Schwester: Ein deutschjapanisches Kind mit großer Schwester an der Deutschen Schule. Kompliziert.

Es kommt erschwerend dazu, dass die kleine Schwester ab April 2018 in Japan ebenfalls schulpflichtig ist. Das weiß sie auch, im Kindergarten wird heftig darüber diskutiert. Sie weiß auch schon, mit wem sie in die gleiche Schule gehen wird: Zwei Freundinnen, die gleich um die Ecke wohnen und auch besagten japanischen Kindergarten besuchen. Das ist mit Vorfreude verbunden, immerhin bleiben die drei kleinen Damen dann zusammen. Voraussichtlich. Und dann philosophierte die kleine Schwester los ...

Ich will eigentlich gar nicht in die japanische Schule gehen. Da muss ich ja Kanji lernen. Das ist doof. Und außerdem ist das Essen dort doof. Der Shizuka* hat das gar nicht geschmeckt. Außerdem gibt es immer so viele Hausaufgaben! Shizuka hatte in der Deutschen Schule in der Grundschule fast nie Hausaufgaben**. Mama, für Dich ist das doch auch praktisch, wenn Du uns beide Kinder morgens nur in eine Schule bringst, oder?

Dass die beiden Freundinnen in der japanischen Grundschule da sind, finde ich gut. Ich bin Japanerin, wie die. Ich will auf die japanische Grundschule gehen. Der ランドセル (Randoseru, japanischer Schulranzen aus Leder) sieht viel cooler aus als die albernen Schulranzen in Deutschland. Außerdem ist der kleiner, den kann ich viel leichter tragen. Die Schule ist außerdem gleich nebenan, da muss ich gar nicht so weit laufen wie die Shizuka. Ich darf da ja sowieso nicht mit dem Fahrrad hin fahren***. Und ich komme viel früher nach Hause, weil die Schule gar nicht bis zum drei oder um vier nachmittags geht! Da kann ich ja immer noch in die Deutsche Schule gehen für Klavier und Taiko und so.

Aber eigentlich ist das auch doof. Weil meine Freunde in der Deutschen Schulen doch alle schon in die erste Klasse kommen und sich jeden Tag sehen. Und vielleicht finden die das blöd, wenn ich noch im Kindergarten bin bis nächstes Jahr. Und dabei können die noch gar nicht lesen! Ich kann das schon. Obwohl ich noch in den Kindergarten gehe, und obwohl ich in einen japanischen Kindergarten gehe. Voll komisch. 

Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, wo ich dazugehöre. Irgendwie gehöre ich zu den japanischen Kindern vom Kindergarten. Aber ich gehöre doch auch zu der Deutschen Schule!

Mama, kann ich eigentlich zu beiden gehören? Die Kinder von der Deutschen Schule gehören doch nur zur Deutschen Schule, oder? 


An dieser Stelle hat sich Mama dann tatsächlich in den Monolog eingeschaltet. Denn natürlich können Kinder zu ganz unterschiedlichen Gruppen gehören, auch wenn das schwer zu verstehen ist. Und natürlich können sie alters- und klassenübergreifende Freundschaften pflegen. Auch wenn das nicht so üblich zu sein scheint. Bei Shizuka war das irgendwie einfacher in dem Alter, die hat sich weniger Gedanken gemacht und sich einfach über die Vielfalt im Freundeskreis gefreut, wie sie das auch heute noch tut. Die kleine Schwester denkt mehr darüber nach und sucht nach einer scheinbar vollständigen Zugehörigkeit. Wobei sie sich auch schon bewusst abgrenzt: In die Ballettgruppe, in der die meisten Mädchen ihrer Kindergartengruppe sind, will sie nicht gehen. Sie findet Ballett albern und will es einfach nicht machen, sie geht lieber bouldern. Da hat sie ihre Kindergartenfreunde und -freundinnen auch schon eingeladen. Aber nur ein Junge ist mal mitgekommen, und auch der nur einmal. In die Klavierschule, die die meisten Mädchen ihres Kindergartens gehen, will sie auch nicht wechseln. Denn das ist eine rein japanische Klavierschule. Sie lernt Lesen von Musik Deutsch und Japanisch, die Namen der Noten unterscheiden sich. Und sie genießt das auch, denn immerhin unterhält sie sich ja auch mit Freunden in beiden Sprachen über das Klavierspiel. Diesen Luxus bekommt sie nur in der Deutschen Schule, und das ist ihr durchaus bewusst. Wir sind erstmal gespannt, wie sich die kleine Schwester nach den Sommerferien in die neue Konstellation einfindet.


* Shizuka nutzte die frühen Sommerferien der Deutschen Schule letztes Jahr, um eine Woche lang die japanische Grundschule, in deren Einzugsbereich wir wohnen, zu besuchen. Sie hat die eine Woche genossen, fand sie aber auch anstrengend. Und das Essen war wirklich ganz anders als sie das kennt: In der Deutschen Schule gibt es ein Mittagsbuffet in der Mensa, wo sich alle Kinder einfach das nehmen, was sie mögen. Sehr salatreich, gemüselastig und immer mit Ramen und Udon als Alternative für diejenigen, die am Buffet nichts finden. Gezahlt wird das selbst zusammengestellte Mittagessen über ein Konto, das die Eltern mit ausreichend Yen versehen sollten. Große Freiheit also, und alle Kinder müssen ihre Allergien, Unverträglichkeiten und sonstige Probleme selbst managen. Klappt gut, soweit. Es werden beim Essen klassenübergreifende Freundschaften gepflegt, man scherzt mit den Lehrkräften, die einen eigenen Tisch in der Mensa haben, unterhält sich über die Theke hinweg mit dem Koch und dem Küchenpersonal, alles dreisprachig (Deutsch, Japanisch, Englisch). Eltern essen auch manchmal dort, und Geschwister können sich treffen. Hausaufgaben werden gemacht beim Essen, Klassenarbeiten und Referate besprochen. In der japanischen Grundschule wird das Essen von ein paar Kindern in den Klassenraum gebracht. Es gibt jeden Tag ein festes Menü. Die Lehrkraft isst mit den Kindern im Klassenraum, ermahnt sie zu guten Tischmanieren und sorgt dafür, dass alle ihre Portion aufessen. Die Klassenlehrkraft kennt die Allergien und Unverträglichkeiten der Kinder und muss dafür sorgen, dass jeder/jede nur isst, was er/sie verträgt. Alternativen gibt es nicht, es wird weggelassenen, was nicht geht. Und alles muss wenigstens probiert, ob es schmeckt oder nicht ist egal. Grundschule bis sechste Klasse, wohlgemerkt, nicht Kindergarten. Die Kinder sind also zwischen sechs und zwölf Jahre alt.

** Die Kinder sind angehalten, ihre Hausaufgaben in der täglich stattfindenden Dreiviertelstunde Lernzeit in der Schule selbstständig zu erledigen. Es sind Lehrkräfte im Raum anwesend, die bei Problemen helfen können und die die Kinder auch anregen, sich in dieser Zeit auf bevorstehende Klassenarbeiten vorzubereiten. Wer fertig ist, darf in die Bibliothek entschwinden, sich mit irgendetwas anderem ruhig beschäftigen oder mit Freunden reden. Nach Ermessen der Lehrkräfte dürfen die Kinder auch raus auf den Spielplatz der Schule gehen. Shizuka hat allerdings die Lernzeit grundsätzlich genutzt, um zu lesen, mit den Lehrkräften zu plaudern und ihren Ranzen zu sortieren, so dass sie durchaus öfters zu Hause etwas machen musste.

*** Die japanischen Grundschulen stellen keine Fahrradparkplätze für die Kinder zur Verfügung, die Kinder laufen morgens in fest organisierten Laufgruppen, die von den Eltern betreut werden. Begründung: Die Kinder können noch nicht selbständig im Straßenverkehr unterwegs sein, das ist zu gefährlich. Auch zu Fuß, deshalb muss die Eltern-Patrouille dabei sein. Mittags sieht jeder selbst zu, wie er oder sie nach Hause kommt. Mittage sind offenbar in Japan ungefährlicher als Morgen.

Dienstag, 16. Mai 2017

Halbe Menschen? Schwierig, irgendwie ...

Die kleine Schwester wird sich langsam im Kindergarten immer mehr der eigenen Identität bewusst. Mama holt sie derzeit viermal wöchentlich mit dem Fahrrad ab, und die anderen Kinder nehmen vermehrt den deutschen Sprachgebrauch wahr. え、えいごはなす (Hä, Du sprichst Englisch?) hören wir da immer wieder. Die kleine Schwester hat ihre liebe Not zu erklären, dass es mehr Sprachen als nur えいご und にほんご (Englisch und Japanisch) gibt. Und dass nicht alles, was in Romaji geschrieben wird, Englisch sein muss. Und dass die Mama selbstverständlich auch, aber nicht ausschließlich, Englisch spricht.

Neulich kam eine lustige Frage auf:

Mama, ich bin doch eigentlich ein ganzer Mensch, oder? 

Ja, schon. Vielleicht ein bisschen kurz geraten, aber Du wächst ja noch. Warum fragst Du?

せんせい (sensei, die Lehrerin) hat gesagt, ich wäre ハーフ (haafu, halb). Aber ich bin doch kein halber Mensch. Ich hab zwei Ohren und zwei Augen und zwei Beine und zwei Arme und eine ganze Nase und einen ganz runden Kopf und so. Wie alle. Die haben doch auch nur zwei Ohren und so. Keine vier.

Oh. Ja, da hast Du Recht. Deine Kindergärtnerin meinte, dass Du Deutsch und Japanisch bist, also doppelt. Auf Japanisch heißt das halb. 

Voll komisch. Wenn wir はんぶんこ (hanbunko, halbe-halbe) bei せんべい (senbei, Reiskekse) machen, dann ist das doch dann weniger und nicht zwei statt einem!

Richtig, ein Stück wird kleiner, weil es in zwei Hälften gebrochen wird. Jeder bekommt ein Stückchen. Aber Du hast am Ende doch zwei Teile, also mehr als vorher. Vorher war es nur ein Teil. Du darfst nicht auf die Größe von dem Teil achten, das ist egal. Nur die Zahl ist wichtig. In den Zahlen ist はんぶんこ (hanbunko, halbe-halbe) doppelt so viel.

Hm, das ist aber komisch. Warum bin ich ハーフ (haafu, halb) auf Japanisch und nicht ダブル (daburu, doppelt)? 

Okay, so richtig erklären kann ich Dir das nicht. Glaubst Du mir das, wenn ich Dir sage, dass die Japaner nicht gleichzeitig reden und Mathe machen können? Die Hälfte ist immer weniger als das Ganze, da hast Du Recht. Du bist aber ein ganzer Mensch. Guckst Du in den Spiegel, dann siehst Du das. Und Du bist auch eine ganze Japanerin und eine ganze Deutsche. Schau hier, Deine Pässe: Alles komplett, keine halben Seiten. Das hier ist mein deutscher Pass. Der hat auch ganze Seiten, und viele Seiten. Wie Deiner. Die sind beide komplett, nicht halb oder weniger oder doppelt. Und wenn Du Papas japanischen Pass anschaust, siehst Du das da auch. Alles dran, was dran sein muss. Du sprichst ganz Japanisch und ganz Deutsch. Du hast genauso viele Großeltern wie die Japaner und die Deutschen. Und Du brauchst wohl auch genauso viele Schuhe. Alles klar?

Jahaaa .... Aber. Warum sagen die dann halb dazu? Das ist doch voll blöde! Kannst Du せんせい (sensei, die Lehrerin) nicht mal erklären, dass das eigentlich falsch ist? Weil, ich bin ja trotzdem ein voller, ganzer Mensch. Ich sprech doch nur mehr Sprachen als die und muss zwei Pässe haben! Das ist mehr, nicht weniger! Und anstrengender ist das außerdem.


Wir hatten in der Folge Gelegenheit, das Thema nachmittags im Kindergarten anzusprechen. Eines der Kinder bemerkte nämlich, dass die Nase von der Mama von der kleinen Schwester so ganz anders und sehr komisch aussieht im Vergleich zu den breiten, flachen japanischen Nasen. Und die Kindergärtnerin schimpfte das Mädchen dafür, weil eigentlich sind europäische Nasen doch かこい (kakoi, chic) und alle Leute sehen irgendwie sehr verschieden aus. Die kleine Schwester schließlich auch, weil sie ja halb sei. Und das war der Einstieg für die Kleine: Sie polterte los, dass die Kindergärtnerin Mathe lernen müsse, weil, halbe Leute gibt es erstmal gar nicht (Guck, ich hab genauso viele Arme und Beine wie Du!) und außerdem wäre sie wenn überhaupt irgendwie anders, dann doch rein rechnerisch bestenfalls doppelt-national. Sie hat das sehr kompetent direkt vom Menschen und Individuum weg auf eine Länderebene gestellt und erklärt, dass das voll cool sei, weil es auf Deutsch tolle Hörbücher für Kinder gibt und auf Japanisch gar nicht, und außerdem darf sie in den Sommerferien eine Woche auf den Reiterhof, was die japanischen Kinder ja wohl auch so gar nicht kennen. 

Die kleine Schwester erntete viel Erstaunen und Unverständnis von Seiten der Kinder und schallendes Gelächter von ihrer Kindergärtnerin, die ihr Recht gab. Halbe Menschen wären ja auch wirklich seltsam. Die würden schließlich umfallen, mit nur einem Bein und so. :-)

Damit hat die kleine Schwester ihre Identität wohl vorläufig erstmal geklärt. Sie veräppelt regelmäßig die Kinder im Kindergarten und lädt ihre Mama dazu ein, das auch zu machen. Denn die Mama wird regelmäßig gefragt, warum sie nicht japanisch ist, aber Japanisch spricht. Und die kleine Schwester und die Mama antworten jedesmal im Chor, dass die Mama doch gar nicht antworten könne, weil sie ja nicht japanisch ist und das deshalb auch gar nicht verstehen und sprechen könne. Was genau an dieser Antwort von der komischen deutschen Mama nicht passt, ist noch nicht wirklich geklärt worden. Die irritierten Gesichter sprechen Bände.

Dienstag, 2. Mai 2017

Du, Dir ist da ein Vokal verlorengegangen ...

... darf ich suchen helfen?

"Häh?"

Da, guck mal. Da steht KTZE. Was ist denn das?

"Mama, guck doch mal das Bild an, ist doch ganz klar. Fell, vier Pfotn, Schnurrhaare, spitze Ohrn. Ich geb Dirn Tipp: Frisst Mäuse."

KATZE also. Ich dachte schon, Du hättest KOTZE schreiben wollen. Puh, Glück gehabt.

"Iiih, sowas Ekliges schreib ich doch nicht!"

Echt? Woher soll ich das denn wissen? Normalerweise schreibst Du alle Buchstaben auf. Da hat einer gefehlt. 

"Jaaaa. Aber! Das da vorne heißt doch KA, da ist doch das A schon drin. Wieso muss ich das nochmal schreiben, ist doch dann zweimal, und dann würde das Vieh doch KA-ATZE heißen.Tut es aber nicht."

Hm. Ist ein Argument. Aber heißt der Buchstabe da vorne wirklich KA, oder K? Überleg mal, wie Du KELLER schreibst. Und KULLERN. Und KERN. Und KORN. Und wie Du die sprichst. Weißt Du noch, wie Du K gelernt hast? Das Schild vor der Schule, wo TOKYO steht? 

"Oh."

(Pause, inklusive vieler sehr theatralischer Mundbewegungen. Das Kind spricht, ohne Stimme. Phonologische Wahrnehmung trainieren kann so spannend sein. Am Ende ein fettes Grinsen.)

"Aber guck mal: か (ka). Das ist doch auch nur einer. Und der ist genug, da muss kein あ dahinta. Warum ist das Deutsch andas?"

Weil Hiragana eine Silbenschrift ist. Deutsch wird aber mit Buchstaben geschrieben, nicht mit Silben.  Silben kannst Du klatschen in den Wörtern, das weißt Du. Schonmal versucht, Buchstaben zu klatschen?

"Nee, das machn wir doch imma midden Mugglsteinchn! Die werdn nich geklatscht, sondan aufn Tisch gelegt. Aber das あ, das ist doch eigentlich dann ein Buchstabe und keine Silbe, oda?"

Oh-oh, erwischt. Ja. Und nein. Deutsch ist das ein Buchstabe, Japanisch eine Silbe. Oder ein Laut, der zusammen mit einem anderen Laut eine Silbe macht. Ein Laut ist ein Ton, wenn Du einmal den Mund bewegst oder die Zunge, das weißt Du doch.

"Das is aba richtig doof, so komm-lizi-ad!"




Beim Schreiben fällt mir auf, dass der kleinen Schwester zumindest aussprachetechnisch noch ein paar mehr Vokale verloren gegangen sind. Und Konsonanten. Und ein paar A haben sich im Eifer des Gefechts eingeschlichen, wo sie eigentlich gar nicht hingehören. Spannend! Wie sie das wohl selbst schreiben würde, was sie da gesagt hat?

Dienstag, 18. April 2017

Alle Register

Shizuka ist eine Quasselstrippe. Auf Japanisch nennt man das お喋りちゃん, o-shaberi-chan. Im Englischen ist der Ausdruck chatterbox wahrscheinlich adäquat. Da Mama Wert darauf legt, dass die Kinder in einem altmodischen, eher analog ausgerichteten denn digitalen Haushalt aufwachsen, kennt Shizuka noch den altmodischen Kassettenspieler und -rekorder. Sie scherzt selbst: Sie ist in der Lage, eine 90-Minuten-Kassette in nur einer Viertelstunde vollzuquatschen. Und das inzwischen viersprachig, denn das Schulfranzösisch wird derzeit über Asterix-Comics, bei Duolingo und Rosetta Stone ausgebaut. Das Vokabelheft modert unter einer dicken Staubschicht irgendwo im Klassenzimmer.

Witzig im Alltag ist, was Shizuka in welcher Sprache erledigt. 
Alltag und Schule – Deutsch. 
Spielplatz und Einkaufen – Japanisch*. 
Lieder, Gesang, Rhythmus, Percussion, Musik allgemein – Englisch. 
Sie singt auch. Von Kinderliedern über Pop bis hin zu Rock und Metall. Aber Englisch. 
In der Küche, beim Zählen und bei der Klassischen Antike (Geschichtsunterricht) sind wir dagegen derzeit Französisch unterwegs. Der Papa reagiert amüsanterweise vermehrt auf Französisch, wenn Shizuka etwas will. Bislang bestand er immer darauf, der japanische Teil der Familie zu sein. Noch vermuten wir keine Identitätskrise, aber das kann noch kommen.

Ganz anders die kleine Schwester. 
Alltag, Spielplatz, Bastelarbeiten, Rechnen, Gesang und Klavier werden Japanisch abgehandelt. Da muss auch die Mama Japanisch ran, das Kind ist stur. 
Sport, Literatur, Brett- und Kartenspiele sind dagegen Deutsch belegt**.  
Kinderlieder und Schreiben sind bei ihr Englisch belegt. Sie kann sich über das Alphabet und ihre Schreibbemühungen einfach nicht Deutsch unterhalten, weil sie das zwar einerseits mit Mama auf Deutsch macht, andererseits aber als 英語, ei-go (Englisch) im Kindergarten mit ihren Freundinnen teilt. Und ja, es sind lustigerweise nur Freundinnen. Sie spielt nicht mit Jungs. Nur in der Freizeit, zu Hause, auf dem Spielplatz, im Umfeld der Deutschen Schule. Niemals im Kindergarten. Da sind Jungs doof, sie hauen, treten, spucken, ärgern, mögen nur Ninja und so blödes Zeug und haben nichtmal von Dinosauriern wirklich viel Ahnung!*** Sagt die kleine Schwester. Echte Dinos sind deutsch bei ihr.



* Klavier auch, dank der kleinen Schwester, die bei der gemeinsamen mehrsprachigen Klavierlehrerin bevorzugt Japanisch nutzt und zu Hause natürlich mit Shizuka zusammen in die Tasten haut. Mit Shizuka spricht die Klavierlehrerin dagegen überwiegend Deutsch. Zwei Kinder, eine Familie, zwei Sprachen. Die arme Dame.

** Immer, ohne Ausnahme. Das geht soweit, dass die kleine Schwester auch besuchenden japanischen Kindern die Regeln von Memory oder Uno nicht auf Japanisch erklären kann, sondern die Mama oder Shizuka das übernehmen müssen.

*** Es scheint eine ganz einfache Schwarz-Weiß-Geschichte zu sein mit den Dinos und den japanischen Jungs. Blutrünstige Monster gigantischen Ausmaßes – ja. Fakten wie gefundene Skelette, Unterscheidung in Pflanzen- und Fleischfresser, korrekte Bezeichnung der verschiedenen Arten – nein. Da Dinosaurier aber nach heutigem Wissensstand weder ausgeprägt rosa, noch 可愛い (kawaii, herzig/niedlich) oder rüschen- und schleifchenbesetzt waren, kann sich die kleine Schwester auch nicht mit den japanischen Mädels darüber unterhalten. 大変ねえ!Die Dinos müssen deutsch bleiben.

Nachtrag:
Register bezeichnet in der Linguistik eine bestimmte Wortwahl, grammatische Konstruktionen oder eben bei multilingualen Menschen auch die jeweilige Sprache, in der mit bestimmten Leuten oder über bestimmte Themengebiete gesprochen wird. Hier spiegelt die Sprachverwendung soziale Beziehungen wieder. Mir war nicht bewusst, dass ich da ohne Erklärung einen Fachausdruck verwendet hatte. Ich bitte um Entschuldigung, wenn das Verwirrung gestiftet hat.

Sonntag, 12. März 2017

Neulich im 和実 (wajitsu, japanisch eingerichteter Raum)

Shizuka und ihre kleine Schwester haben sich im 和実 gemütlich eingerichtet. Auf dem Boden liegen verstreut 布団(futon, japanisches Bettzeug), draußen prasselt der Regen in eintönigem Rhythmus die Krokusblüten nieder. Zwischen den 布団 nicht nur die beiden Mädchen, sondern auch ein paar Bücher. Deutsche und japanische. Da liegen Conni lernt reiten, Neue Briefe von Felix, ボール待って待って, いないいないバー und einige mehr. Alles mehr oder weniger Klassiker der 1980er bis heute, Zielgruppe: Kindergarten bis Mitte Grundschule. Die kleinen Damen hatten die Schiebetüren zugezogen und es sich gemütlich gemacht. Ich durfte von draußen lauschen und konnte hin und wieder einen kurzen Blick durch die Ritzen erhaschen.

Kleine Schwester: Japanisch lesen ist voll einfach.

Shizuka: Ach, Du kannst doch eh erst Hiragana. Wart mal ab bis Du Kanji lernen musst. Voll schwer.

Kurze Denkpause.

Kleine Schwester (Tonfall ich-weiß-es-aber-besser-und-hab-Recht): ノンタン (Nontan*) kann ich schon ganz alleine lesen, das muss mir niemand vorlesen. 聞いてねえ! ドイツ語の本はまだ難しい!(Kiste-Nee! Doitsu-go no hon wa mada muzukashii!, Hör zu! Deutsche Bücher sind noch zu schwer!)

Shizuka (ganz große Schwester und angesäuert): Ja klar, ist ja Baby. Nontan kann jeder. Voll die Babysprache. Deutsche Kinderbücher sind echte Bücher. Da stehen richtige Sätze drin und richtige Wörter und so. Guck mal: Conni muss aufsatteln. So ein Wort gibt es in japanischen Kinderbüchern gar nicht!

kleine Schwester: Wohle! Nur der Nontan is' 'ne Katze, der reitet ja gar nicht! 猫ちゃんは馬乗られないでしょう!(Neko-Chan wa uma norarenai deshou!, Mietzekätzchen können durch gar nicht reiten, gelle!)

Shizuka (jetzt leicht amüsiert): それだけ?(Sore dake?, Nur das?) Meinst Du echt nur deshalb? Überleg doch mal: Auf Deutsch musst Du nur 26 Buchstaben und so ein paar Extradinger wie "ck" und so lernen. Dann kannst Du die Buchstaben lesen, und die Buchstaben werden zu Wörtern und die Wörter zu Sätzen. Auf Japanisch lernst Du Silben. Die können in Hiragana geschrieben sein, das ist na klar voll einfach. Aber nur Babybücher sind ganz in Hiragana geschrieben. Guck mal hier, erste Klasse (なぜなぜどうして** wird lautstark auf den Stapel geschmissen). Alles voller Kanji, und trotzdem noch total die Babysprache.

kleine Schwester (Stirn in Runzeln, die der Uroma zur Ehre gereichen würden): Aber deutsche Bücher kann ich noch gar nicht lesen! Ich kann die Buchstaben, aber in den Wörtern werden die ja so komisch. Da guck: Da steht C-O-N-N-I, aber lesen muss ich Konni. Oder hier: R-E-I-T-E-N. Wenn ich das Wort verstehen will, muss ich eigentlich R-A-I-D-N lesen. Voll doof, das.

Shizuka (das Grinsen ist deutlich hörbar): Du fränkelst. Das "T" musst Du als "T" lesen, nicht als "D". Und da muss wirklich noch ein "E" dahinter. 

kleine Schwester: Näh?

Shizuka (extrem betont, mit fränkisch gerolltem "R"): REITEN!

kleine Schwester: Du klingst voll doof so. 

Shizuka: Hast Recht, so spricht keiner. Aber so ist das halt. Und da gewöhnt man sich total schnell dran! Ich hab auch mit vier lesen gelernt und konnte das mit fünf so ein bisschen, wie Du, und mit sechs habe ich die Conni-Bücher immer ganz alleine gelesen. Und Pferdegeschichten! So Sachen wie das "E-I" als "AI" sind schwer, das stimmt. Aber dafür gibt es wirklich nur einen Satz Buchstaben! Ein Schuljahr reicht aus, um das zu lernen. Und dann kannst Du auch englische und französische Bücher lesen, die haben nämlich die gleichen Buchstaben. Nur Japanisch ist so blöd schwer. Das können nichtmal die Chinesen lesen.

kleine Schwester (hängt an den Lippen der Großen): Voll cool, echt. Ich will in die Schule.


Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich zurückgezogen. Wie mir die beiden später berichteten, wurde auch nicht weiter über Schriftsysteme und Lesefähigkeiten philosophiert. Die nächsten beiden Stunden brachten die beiden wohl damit zu, gemeinsam die vorhandenen Bücher zu lesen. Laut, denn ich hörte immer mal wieder das stottrige Stimmchen der Kleinen und dann wieder passagenweise das Maschinengewehr-Rappeln der Großen, die extreme Probleme mit dem langsamen, betonten Lesen hat. Mal sehen, was die beiden demnächst noch aushecken!




* Name eines frechen kleinen Katers, Protagonist einer Kinderbuchreihe, vergleichbar in etwa mit dem deutschen Raben Socke. Allerdings spricht der Rabe Socke selbst zwar eine kindliche Sprache, die anderen Figuren der Geschichten bewegen sich sprachlich aber eher auf Erwachsenenniveau, die Erzählerstimme sowieso. Das fiel der kleinen Schwester neulich auch schon auf: Für Nontan fühlt sie sich fast zu klein, Rabe Socke findet sie cool, obwohl die Geschichten inhaltlich fast gleich sind.

**Warum warum wieso. Buchreihe für Grundschüler/-innen, die in verschiedenen Bänden unter Rücksichtnahme auf das vorhandene Vokabular und die bekannten Schriftzeichen naturwissenschaftliche, gesellschaftliche oder historische Sachverhalte kindgerecht erklärt. Ein bisschen wie Was-ist-Was im Deutschen, aber nicht thematisch nach Bänden sortiert und in der Sprache extrem stark an die jeweilige Klassenstufe angepasst.

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Alle Jahre wieder ...

Nein, nicht die Weihnachtszeit. Obwohl die auch mit schöner Regelmäßigkeit wiederkehrt. Diesmal geht es um die werten Lehrkräfte. Auch diesmal erfolgte während der Sommerferien eine größere Umbaumaßnahme bezüglich der personentechnischen Bestückung der hiesigen Schule. In der Vergangenheit zeigte sich, dass das häufig mit Problemen für Shizuka verbunden ist. So auch diesmal.

"Frau ..., Ihre Tochter hat schon wieder ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Glauben Sie, das Kind ist in der aktuellen Jahrgangsstufe gut integriert?"

"Frau ..., Shizuka ist schon wieder zu spät gekommen. Ist sie von der Schule überfordert?"

"Frau ..., der letzte Vokabeltest war eine Vier. Ihr Kind kann in der Jahrgangsstufe nicht mithalten."

Lehrerwechsel sorgen aufgrund der etwas ungewöhnlichen Kombination von Alter und schulischer Jahrgangsstufe immer wieder für mehr oder weniger eigenartige Konversationen. Dieses Mal kam erschwerend dazu, dass Shizuka neuerdings Französisch als Schulfach hat. Laut Lehrplan rangiert das bei ihr als dritte Fremdsprache, tatsächlich ist es die erste. Denn Englisch wird genauso wie Japanisch in der Familie gesprochen, so dass Shizuka die beiden Sprachen aus dem tatsächlichen Gebrauch und nicht aus dem Fremdsprachenunterricht kennt. 


Eine Fremdsprache lernt man ganz anders kennen als eine Muttersprache. Egal, ob es die Erst-, Zweit- oder Drittsprache ist: Kinder lernen die Sprache in erster Linie durch Hören und Sprechen. Die Regeln hinsichtlich Grammatik, Aussprache, logischer Zusammenhänge und dergleichen werden nicht als Regeln wahrgenommen, sondern einfach angewandt. Später, im muttersprachlichen Schulunterricht, lernt man eventuell die Regel hinter dem Satzbau kennen und nachvollziehen, vielleicht aber auch nicht. Fremdsprachenunterricht zäumt das Pferd sozusagen von hinten auf: Erst kommt die Regel, und dann darf man mithilfe der auswendig gelernten Regel und der auswendig gelernten Wörter anfangen, Sprache zu produzieren. Jemand, der nie Vokabeln gelernt hat und Grammatik nur als Gehstock für sprachlich Unbedarfte kennt, ist das ein ziemliches Drama. So ließen sich die allabendlichen E-Mails der Fee für französische Spracherziehung denn auch recht leicht interpretieren. Die Dame zu beruhigen war allerdings etwas schwerer und bedurfte mehrerer Gespräche ...

Endlich dann im Dezember die Entspannung: Eine Eins in der Französischarbeit. Der vorausgegangene Elternsprechtag hatte schon für etwas Entspannung gesorgt, da das inzwischen gut gefüllte Schmier- und Übungsheft für die allabendlichen zehn Minuten Französisch und Englisch (Ausrede fürs Kind: Alle Sprachen muss man pauken, fertig.) vorgezeigt werden konnte.

Montag, 11. Juli 2016

Sommerferien Nr. 5

Nachdem Shizuka nun ein paar Tage lang die japanische Grundschule in der Nähe unserer Wohnung besuchte, konnte sie einen ordentlichen Vergleich zu Unterricht, Schülerverhalten und Lehrerverhalten im deutschen Kulturkreis ziehen. Und das tat sie denn auch, denn ihre Japanischlehrerin bat sie natürlich, so ausführlich wie möglich über ihre Erfahrungen zu reden. Immerhin soll die kleine Dame irgendwann in nächster Zukunft wirklich konversationssicher sein, und es ist immer wieder schwierig, ein Thema zu finden, das sie wirklich zum Reden bringt. Also, hier ihre Erfahrungen:

- Das war kein Schulunterricht, das war eine soziologische Feldforschung! (Ja, ich musste das japanische Vokabular nachschlagen, weil ich das wirklich nicht draufhabe.)

- Die haben seit drei Jahren im Sommer Schwimmunterricht in der Schule, jede Woche zwei Stunden, und alles was die machen, ist das Gesicht ins Wasser tunken!

- 爪チェック (tsume-chekku, Fingernagel-Längen-Kontrolle) jeden Morgen im Klassenzimmer vor Unterrichtsbeginn – können mit zehn Jahren nicht selbst sehen, wie lang ihre Fingernägel sind?

- Riesenschwimmbad auf dem Schuldach, aber keine Umkleiden! Wir mussten uns im Klassenzimmer umziehen, die Jungs haben ständig den Vorhang zu den Mädels weggezogen, und das ganze Drama hat eine halbe Stunde gedauert! Da war kaum noch Zeit zum Schwimmen.

- Mittagessen aus der Schulkantine war total lecker, nur die Milch hat komisch geschmeckt, und die Portionen sind irgendwie alle gleich groß. Zum Glück hab ich immer wenig Hunger!

- Der Englischunterricht war total Banane. Da kam so ein Ausländer-Typ und hat uns auf Englisch gefragt, ob wir Hobbys haben, und dann mussten alle brüllen "Yes, I do!" und "No, I don't!". Und dann hat der gesagt, ob Baseball unser Hobby ist, und wir mussten brüllen "Yes, it is!" und "No, it isn't!" – die ganze Stunde lang ging das so, mit Fußball und Klavier spielen und Ballett und so. Wir durften gar nicht selber richtig reden.

Und die japanische Sprache? War das okay, oder gab es Probleme beim Verstehen und Reden?

-  Alles locker, völlig in Ordnung. Die Lehrerin hat ihre Kinnlade vom Boden hochklappen müssen, als ich erzählt habe, dass ich seit der ersten Klasse Deutsch und Englisch lerne, nebenbei freiwillig Japanisch habe und in der sechsten Klasse schon in der Schule Französisch dazukommt. Das konnte die kaum glauben, dass ein Kind so viele Sprachen hinkriegt.

Sonntag, 3. Juli 2016

Sommerferien, Nr. 1

Acht Wochen Freiheit. Acht Wochen Zeit. Acht Wochen ohne feste Struktur, ohne Freunde, ohne Stundenplan, ohne Ziel und ohne Perspektive. Was tun? Richtig: Durchplanen. Und genau das haben wir gemacht. Immerhin ist Ferienzeit auch Zeit für Abenteuer!

Während der ersten Woche wird Shizuka die japanische Grundschule in der unmittelbaren Nachbarschaft besuchen. Klasse 3, ihrem Alter entsprechend, mit 33 anderen Kindern, die wenig bis keinen Kontakt mit Ausländern und Ausländerinnen haben. Die einsprachig aufwachsen, für die die tägliche Portion Kanji so normal ist wie das Zähneputzen, und die auf Shizuka genauso neugierig sind wie Shizuka auf sie ist. Der große, große Vorteil für Shizuka liegt darin, dass ihre Tage in der Schule gut strukturiert sind, das schulische Mittagessen keine Wahlmöglichkeiten zulässt, und der Nachmittag trotzdem frei bleibt. Denn AGs und Clubs gibt es da nicht wirklich, insofern ist sie ungewohnt früh zu Hause und hat noch viel Zeit für den ganzen Quatsch, den Neunjährige eben so machen wollen während der Sommerferien. Konkret: In der Hängematte im Garten chillen, ins Freibad gehen, klettern gehen, die Spielplätze unsicher machen und vielleicht manchmal auch einfach nur im Haus rumgammeln. Vielleicht. Falls es mal regnen sollte. Oder andere Katastrophen passieren.

Für die darauffolgenden drei Wochen sind Ausflüge und Reisen geplant, immerhin haben Mama und Papa da auch frei. Es gilt, die weitläufigere Umgebung noch einmal etwas besser zu erkunden, Bekannte, Verwandte und Freunde zu besuchen. Das sind Wochen voller Spaß, die aber trotzdem halbwegs durchgeplant sind. Sehr gut. Und hoffentlich regenfrei.

Danach bleiben noch vier lange Wochen, bis die Schule wieder anfängt. Geplant ist da bisher wenig. Mama arbeitet, Papa arbeitet zwei Wochen davon, die kleine Schwester hat kindergartenfrei. Die wird allerdings zumindest eine Woche lang einen Schwimmkurs besuchen und ist dementsprechend vormittags ausgebucht und nachmittags (hoffentlich) müde. Für Shizuka ist diese Zeit die große Herausforderung: Was fängt man mit so viel Freiheit nun an? Das Wochenende jedenfalls haben wir für Einkaufsbummel, einen Ausflug nach Ueno und einen längeren Schwimmbadbesuch genutzt ...

Freitag, 24. Juni 2016

Wiedererkannt

Eben im Rahmen weiterführender Studien gelesen, und es spricht mir aus der Seele. Hier. Okay, Mädchen statt Junge, Filmabend entfällt, 

Und es sind Bücher, keine Computerspiele. Ansonsten kann ich den Text absolut nachvollziehen, und abgesehen von den hier ganz eigenen Essgewohnheiten trifft das einfach nur zu. 

Der Text macht nachdenklich. Viele der geschilderten Besonderheiten, was aktuell als Störung im Autismus Spektrum diagnostiziert wird, würde ich persönlich noch als ganz normale, individuelle Entwicklung abtun und gar nicht weiter problematisieren. Charakterzüge eben. Manche Leute mögen Seife, andere nicht. Wie viele Kinder sind motorisch ungeschickt, kommen regelmäßig zu spät zur Schule, driften komplett ab, wenn es um ihr Hobby geht (Pferde, Bücher, Zocken, was auch immer) und hassen Körperpflege? Wo ist die Grenze zwischen Charaktereigenschaften und einer Störung, die nach Intervention verlangt? Ist eine Autismus-Spektrums-Störung im hochfunktionalen Bereich wirklich sofort eine Störung? Solange die Diagnose auf Verhaltensbeobachtungen beruht, woran will man Störung im Gegensatz zu Individualität festmachen? Oder anders gefragt: Wenn ein Kind wirklich keine Seife mag, weil die Haut sich danach einfach doof anfühlt – wie sehr darf sich das Kind wehren, bevor es irgendwo im Spektrum verortet wird? Wie oft pro Woche darf man denn irgendwo zu spät kommen, bevor es pathologisch ist?

Und vor allem: Das, was im Verhalten der sogenannten hochbegabten Kinder immer wieder beobachtet wird, ist in der US-amerikanischen Autismus-Diskussion allgegenwärtig. Kinder lehnen Körperhygiene ab – ja genau, weil die meisten Seifen, Cremes, Deos und Duftwässerchen auf der Haut brennen, Juckreiz verursachen, die Haut austrocknen oder schlicht stinken. Entschuldigung, zu stark parfümiert sind. Das wird in Deutschland oft mit dem Begriff hochsensibel geahndet. Oder die extreme Sensibilität gegenüber Geräuschen, Lärm, Licht, Farben. Läuft in Deutschland unter hochsensibel, in den USA unter Anzeichen für Autismus. Ähnlich sieht es bei den Interessen aus: Wer sich extrem in ein Thema vertieft, davon auch nicht abzubringen ist, und das in einer für das Alter untypischen Art und Weise tut, der gilt hier als vielleicht hochbegabt, dort als autistisch – wie stark darf man sich denn, mit Verlaub, selbständig fortbilden, bevor man als in irgendeiner Art und Weise verhaltensauffällig gilt? Die Liste lässt sich fortsetzen: altersunangemessene Schlafgewohnheiten (Braucht wirklich jeder Mensch in einem bestimmten Alter genau gleich viel Schlaf?), extrem ausgebautes Vokabular (Wer liest, hat automatisch ein größeres Vokabular – ist regelmäßiges Lesen deshalb schädlich?) und Redefaulheit oder unbrennbare Redseligkeit, Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen, damit verbunden auch Schwierigkeiten in der Schule ... 

Ich frage mich, was wir überhaupt verstanden haben und wissen, in Sachen Wahrnehmung und Informationsverarbeitung. Die Forschung geht weiter, immer, ganz klar. Dementsprechend sensibler werden die Diagnosen. Und natürlich werden auch die Interventionsmöglichkeiten ausgebaut. Aber sollten Kinder wirklich den Stempel "autistisch" oder "hochbegabt" aufgedrückt bekommen, nur weil sie etwas anders ticken? Ticken sie überhaupt anders, oder entwickeln sich Menschen einfach nur individuell? Wenn sowohl Hochbegabung als auch Autismus an der Biologie festgemacht werden, beispielsweise an leicht von der Norm (Welche Norm?) abweichenden Prozessen bei der Informationsverarbeitung, die sich tatsächlich im fMRT nachweisen lassen, was bedeutet das? Organe sind schließlich nicht bei allen Menschen exakt gleich, und das Gehirn ist ein Organ, nicht mehr und nicht weniger. 

Autismus und Hochbegabung scheinen also erst einmal nah beieinander zu liegen. Das eine hat den Beigeschmack eines mentalen Defizits, das andere steigert den Leistungsdruck ungemein. Beides nicht gut, wenn man die gesunde Entwicklung der Kinder im Blick hat. Und vor allem: Interventionen sind nett, auf die Kinder angemessen eingehen im schulischen Rahmen ebenfalls. Aber wo ist nun der Unterschied zwischen "individuellen Lernstand erkennen und das Kind da abholen, wo es sich befindet" und "Inklusion benachteiligter Kinder"? Läuft das nicht beides an den Schulen letztendlich auf Binnendifferenzierung und notgedrungen kleinere Klassen hinaus? Fragen über Fragen ...

Was haben wir heute morgen diskutiert? Ja richtig: Sky und Bavaria Film wollen "Das Boot" zu einer Fernsehserie machen, die bis 2018 stehen soll. Das Gespräch bei Brotsticks mit Haselnusscreme drehte sich um die Filmtechnik der frühen 1980er Jahre, die heutigen größtenteils animierten Filme und Serien, die Geschichte hinter "Das Boot" inklusive Kalter Krieg und Opas Vergangenheit bei der Marine, um die Fernsehgewohnheiten verschiedener Generationen. Spezialinteressen? Festhalten an Gewohnheiten und Routinen? Wer es wagt, mir die morgendliche halbe Stunde mit Kaffee und Zeitung (und Diskussionen mit Töchterchen) zu stören, dem gnade Gott! (Muss ich mir jetzt aufgrund der undurchbrechbaren Routinen Sorgen machen?)

Donnerstag, 23. Juni 2016

Überfällig

Das Schuljahresende ist absehbar (2 Wochen), die Motivation lässt nach, und das auch bei den Kindern. Vor kurzem fand die Klassenfahrt statt, drei Familien der Jahrgangsstufe räumen gerade ihre Wohnung leer und packen Koffer, neue Schulen werden nicht nur gesucht, sondern sind bereits gefunden. Und die Kinder haben in den letzten drei Wochen tatsächlich noch Klassenarbeiten und Tests geschrieben. Da sollte neben Hausaufgaben, Packerei, Verabschiederei, Philosophieren über weitere Lebenswege und niemals endende Freundschaften tatsächlich noch gelernt werden. Konzentriert gelernt werden. Konzentriert sollten die Arbeiten geschrieben werden.

Ein Ding der Unmöglichkeit.

Von den drei Klassenarbeiten, zwei Tests und einer größeren Sprachprüfung kamen drei Klassenarbeiten mit sehr ungewöhnlichen Ergebnissen zurück*, zwei Tests mit noch ungewöhnlicheren Ergebnissen in die andere Richtung, und der Sprachtest ist wohl erst nach den Sommerferien ausgewertet.

Abgesehen davon, dass die Lehrkräfte gerade so hochmotiviert sind, dass die maximale Korrekturdauer voll ausgeschöpft wird, sind die Fehler bezeichnet. Alles verschusselt. Buchstaben vergessen, ganze Wörter verwechselt (in der Muttersprache), halbe Sätze gedacht und nicht hingeschrieben, Zahlen- und Buchstabendreher, in der Reihe verrutscht ... Es ist zum Haare raufen. 

Shizuka hat ohnehin ein Konzentrationsproblem. Darauf angesprochen, dass man das bei Gelegenheit mal über ein bisschen Training angehen könnte, konnte sie keine Begeisterung entwickeln**. Hausaufgaben und Korrekturen werden nicht gemacht, die kleine Dame hat sich wiedermal mit einem Stapel Büchern im eigenen Zimmer verschanzt. Diesmal sind es die neu erstandenen Schulbücher fürs nächste Schuljahr, Deutsch und Mathe. Bin gespannt, wie langweilig der Unterricht im nächsten Schuljahr wird. Ob da wieder Papierflieger durch die Klasse segeln müssen, Kreide zermahlen und mit Wasser zu Soße verrührt wird? Ob es wieder nötig ist, den Jungs heimlich Salz ins die Trinkflaschen zu schütten? Die meisten Streiche wurden dieses Jahr mit "ernsthaften Klassengesprächen" geahndet und nicht ernst genug für eine Überarbeitung der Unterrichtsmethode genommen ... 

Ob Shizuka auf die Idee kommt, dass sie selbst an ihrer Langeweile Schuld ist, wenn sie ihre Bücher schon vor Schuljahreswechsel komplett durcharbeitet?


* Nicht die erfreuliche Sorte, sondern die andere.
** Mama ist ferienreif, die kleine Schwester ist ferienreif, und aufgrund des immer wieder lautstark geäußerten Protests der keinen Dame sind es die Nachbarn garantiert auch.

Samstag, 18. Juni 2016

Vertrauensverhältnis

Shizuka und ihre Mama haben ein recht vertrauensvolles Verhältnis zueinander. Das beginnt damit, dass die beiden bei Bedarf ausführlich kuscheln, geht mit gegenseitigem Anbrüllen bei Frust weiter und hört bei "Das ist MEIN T-Shirt, nicht Deins!" noch lange nicht auf. Wir lernen gemeinsam, bibbern zusammen bei gruseligen Filmen wie "Momo" und "Pippi Langstrumpf". Wir amüsieren uns zusammen über die depperten Fehler in Klassenarbeiten und schütteln gemeinsam den Kopf ob so mancher japanischer Sitte oder Unsitte. Kurz, wir teilen Erfolge und Misserfolge, und es macht irgendwie meistens ziemlich viel Spaß zusammen. 

Shizuka zeigt ihre Klassenarbeiten zuhause vor und erklärt Mama, was warum wie gelaufen ist. Mama hat heute ein Zertifikat aus der Post gefischt, das bestätigt, dass sie ihre letzte Fortbildung (Kinder mit Lernschwierigkeiten im normalen Sprachunterricht fordern und fördern) über die Universität Lancaster bestanden hat. 

"Mama, was heißt proven?"

"Mama, da steht, dass Du with distinction bestanden hast. Ist das gut?"

"Mama, war das wirklich alles auf Englisch?"

"Ey, irgendwie hast Du das voll gut gemacht."

Und dann wurde die Mama doch glatt ein bisschen rot ob soviel des Lobs von der Kleinen ... Anerkennung aus DER Richtung tut einfach gut. :-)

Sonntag, 12. Juni 2016

Es wird geforscht

Shizuka ist etwas anders drauf als die meisten Kinder ihres Alters. Es ist vielleicht schon aufgefallen, dass sie eine höhere Klasse besucht, als das ihrem Alter entspricht, dass sie nicht ganz alltägliche Hobbys hat,  in ihren Interessen und ihrem Benehmen etwas abseits der Masse steht und einfach immer wieder auffällt. Und das nicht immer positiv. 

Nach gut eineinhalb Jahren an der (nun nicht mehr ganz so) neuen Schule, in einem ihr vorher eher fremden Land, will ich noch einmal Bilanz ziehen.

Die Schule scheint, trotz aller Baustellen, offenen Probleme und Dinge, die verbessert werden sollten (besser geht immer, ganz ehrlich), gut. Shizuka sagt selbst, dass sie auf keinen Fall in einer anderen Klasse als der ihren sein wollte, dass sie zum ersten Mal jetzt das Gefühl hat, wirklich da zu sein, wo sie hingehört. Und das, was in der Schule geschieht, nähert sich auch langsam dem, was man für eine fünfte Klasse so allgemein erwartet. Wir scheinen also etwas richtig gemacht zu haben, auf diesem Gebiet. Bei den Hobbys sieht es ähnlich aus. Die kleine Dame vermisst zwar bitterlich ihr wöchentliches Wing Tsun Training, aber mit Aikido haben wir da wohl eine ganz gute Alternative gefunden. Sollten wir dieses Umfeld hier jemals wieder verlassen (Shizukas Worte), dann ist die parallele Ausübung beider Sportarten nicht ausgeschlossen. Klavierunterricht, ein- bis zweimal wöchentlich bouldern und hin und wieder ins Schwimmbad gehen gehören ebenfalls dazu und werden in der Regel begrüßt. Das Jammern von wegen "heute kein Bock auf dies und jenes" ist passé. 

Es bleibt das aggressive Verhalten nach Schulschluss jeden Tag, das sich innerfamiliär sehr negativ auswirkt. Allerdings fliegen schon längst keine Möbelstücke mehr um, Shizuka hat ihr selbstverletzendes Verhalten abgelegt, und lautes Geschrei ist auch nicht mehr alltäglich. Alltäglich sind Unlust, wenig Motivation, aggressiver Umgangston und das Gefühl, einfach erstmal runterkommen zu müssen. Aus Erfahrung weiß ich, dass manche Menschen eben einfach so drauf sind, dass sie nach Schule, Uni oder Arbeitstag einfach erstmal "ausdampfen" müssen. Das ist nicht angenehm für diejenigen im unmittelbaren Umfeld, und vor allem Shizukas kleine Schwester kriegt immer die volle Breitseite. Trotzdem scheint sich die Forschung inzwischen doch etwas mit diesen offenbar von einem ganz normalen Tag völlig aus der Bahn geworfenen Menschen zu befassen. Verlinkt an dieser Stelle ein aktueller Artikel aus Spektrum online.

Im Großen und Ganzen deckt sich der Text mit dem, was sowohl von Seiten der Begabtenforschung als auch in der Neurolinguistik und Neuropsychologie bekannt ist. Erfahrungswerte und aktuelle Praxis zeigen viel, was die Forschung selbst so noch nicht richtig aufarbeiten konnte. Es ist Not am Mann (und an der Frau), weil einfach vieles aus Beobachtungen bekannt ist, was bislang nicht mit wissenschaftlichen Methoden be- oder widerlegt werden konnte. Interessant ist dabei die Tendenz, auch in der Psychologie ein wenig weg vom Verhalten und hin zu neurobiologischen Implikationen zu gehen. Zusammenhänge zwischen dem tatsächlichen, subjektiven Empfinden (das Verhalten generiert) und der über fMRT messbaren Nervenaktivitäten werden hergestellt. Für die Sprachforschung, vor allem in Hinsicht auf Mehrsprachigkeit, waren und sind die Ergebnisse solcher interdisziplinärer Ansätze durchaus erhellend. Insofern denke ich, dass der Weg weiter verfolgt werden sollte. Denn am Anfang einer möglichen Intervention jedwelcher Art (Aggressionen gezielt abbauen ist etwas anderes als deren Entstehung einzudämmen) sollte doch immer das Verstehen des Phänomens stehen, nicht?

Dienstag, 3. Mai 2016

Kurzurlaub mit vier "S": Spaß, Stress, Schock, Schrammen

Das vergangene Wochenende haben wir einfach um zwei Tage verlängert und waren bei den Großeltern. Shizukas Cousinen waren auch da, und dementsprechend turbulent ging es zu. Vier Tage hieß konkret acht Abenteuer mit vier kleinen Damen, die nicht nur das Haus der Großeltern auf den Kopf stellten. Hier die Highlights in aller Kürze:


- Reiten. Wir haben tatsächlich einen Reiterhof am Stadtrand gefunden, der leistbar ist, und Shizuka hat eine halbe Stunde Voltigieren genossen. Die kleine Schwester erzählte ihrer Ponyführerin derweil ganz stolz, dass die Mama vor einigen Jahren vom Pferd gefallen ist. Danke auch.

- Spielplätze. Fünf Stück in vier Tagen, und einer spannender als der andere. Kein Kind ohne Schrammen, die kleine Schwester schießt mit insgesamt drei Pflastern den Vogel ab. Rekord.

- RuKuRu. Ein Science Mitmach Museum für Kinder. Das Spannendste waren die Kapla-Steine: Zwei Stunden am Stück wurden Türme, Brücken, Hochhäuser, ganze Städte gebaut.

- Angeln. Shizuka verabscheut Gewalt gegen Tiere und jaulte wie ein Wolf bei Vollmond, als die kleine Cousine tatsächlich ein Fischlein an der Schnur hatte. Das kleine Tierchen wurde vorsichtig vom Angelhaken befreit und schnellstmöglich wieder ins Wasser geworfen, wo es sich schleunigst davonmachte. Der Fisch am Angelplatz nebenan hatte weniger Glück: Der wurde einfach in ein mit Albfolie ausgekleidetes Plastiksieb geworfen und durfte langsam ersticken. Ekelhaft.

- Kartenspiele. Shizuka beherrscht nun insgesamt fünf Spiele, die sie mit dem 52er Kartensatz nicht nur genießt, sondern auch Deutsch mit Mama und Japanisch mit den Cousinchen spielt. Der Brüller an diesem Wochenende: Lügenmäxchen. Ist bei japanischen Kindern scheinbar unbekannt, wir haben das kurzerhand als うそつき betitelt. Große Erheiterung bei allen.

- Zoo. Wiedermal. Und auch beim zweiten Besuch in diesem Jahr waren die Kinder begeistert von den Tieren, entsetzt über die nicht ganz artgerechte Haltung und einfach nicht aus dem Streichelzoo mit Kaninchen, Hühnerküken und Meerschweinchen wegzubekommen. Shizuka hat den Akku ihres Handys geleert: Fotos. Und Videos. Von allen Viechern. Sie äußerte kürzlich beim wiederholten Sehen eines Andreas Kieling Filmes, dass Tierfilmerin vielleicht auch ein Beruf für sie sei. Nun, wir üben. :-)

Mittwoch, 9. März 2016

Geschafft!

Seit gut drei Jahren ist Shizukas Familie hin und wieder in Kletterhallen unterwegs. Seit gut drei Jahren huscht Shizuka über Boulderwände, krabbelt durch Überhänge und flucht sich die Ohren rot, wenn sie von der Wand fällt. Es gab eine kurze Durststrecke vor eineinhalb Jahren, als dank Umzug in eine andere Gegend (auf die andere Seite des Planeten, um genau zu sein) erst einmal keine adäquate Klettergelegenheit ausfindig gemacht werden konnte. Das Problem wurde gelöst, Shizuka konnte sich wieder an körperlichen Leistungsgrenzen abreagieren. Sozialisierung durch Sport? Gebongt.

Shizuka wollte erst nicht klettern. Kleine Boulderecke im Sportfachgeschäft statt DAV-Halle, keine Toilette oder Dusche vorhanden, kaum Anleitung, alles unübersichtlich und dann noch eine Menge Publikum - das war nichts. Kletterkurs für Kinder? Leistungsorientiertes Klettern? Ohweia. Bloß nicht - Japanisch schon gar nicht! Und dann womöglich noch geprüft werden, vor Zuschauern und so? Auf g-a-r-k-ei-n-en-F-a-ll AUSRUFEZEICHEN!

Mit der Zeit hat sie ihre Einstellung geändert. Erst sind wir mit der Familie in jenem Sportfachgeschäft klettern gegangen. Dann kam eine Freundin dazu. Das Highlight der langen Sommerferien letztes Jahr war das wöchentliche Klettern mit einer befreundeten Familie. Dann kam der Wunsch auf, auch an den Wandsegmenten zu klettern, die eigentlich für die Erwachsenen reserviert sind. Das ist möglich, fanden wir heraus, wenn die Kinder eine entsprechende Prüfung ablegten. Auf Japanisch. Nach der Teilnahme an den Kletterkursen, idealerweise, denn alleine ist es schwer, das Leistungsniveau zu erreichen. 

Shizuka trainierte alleine. Nahm hin und wieder einzelne Kletterstunden zusammen mit der kleinen Schwester, aber nur sehr unregelmäßig. Und trainierte weiter. Zwei weitere Freundinnen kamen dazu, wechselnde Klassenkameraden und -kameradinnen leisteten ab und an Gesellschaft. Shizuka und eine Freundin nahmen Ende Januar die Prüfung in Angriff, spontan, einfach so, nach dem wöchentlichen Work-out, und eigentlich nur, weil der gelangweilte Chef des Kletterladens gerade nichts anderes zu tun hatte. Und fielen durch. Völlig klar, denn nach einer Stunde Hochleistungssport fehlt die Kraft. Immerhin hatten sich die beiden kleine Damen ordentlich gegenseitig angestachelt, an die Leistungsgrenze zu gehen. Ende Februar schließlich waren die Prüfungen ausgebucht, so dass ein zweiter Versuch gar nicht unternommen werden konnte. 

Und dann vorgestern das Angebot: Niemand da, alles ruhig, wollt Ihr die Prüfung versuchen?

Sie haben beide bestanden. Sie hatten eine Stunde Zeit für die Aufgaben, in einer halben Stunde waren sie fertig - und überglücklich*. :-D


* Ich fürchte fast, der eigentliche Spaß fängt jetzt erst an. Immerhin steht die doppelte Zahl an Wandsegmenten zur Verfügung. Übrigens war die Sprache am Ende gar kein Problem mehr: Shizuka hat bereitwillig für ihre Schulkameraden und -kameradinnen übersetzt, während Kletterstunden genauso wie während der Prüfung.

Dienstag, 8. März 2016

Zwischen zwei Welten

Es ist Frühling, das erste Schulhalbjahr ist vorbei, und hier macht sich langsam Aufbruchstimmung breit. Etwa die Hälfte der Schüler und Schülerinnen in Shizukas Schule sind nur auf Zeit hier, müssen also jeweils nach ein, zwei, drei oder fünf Jahren zurück nach Deutschland oder ziehen weiter in ein anderes Land. Manche kamen aus Deutschland hierher, andere waren davor in den USA, in Frankreich, Malaysia, China oder den Emiraten. Was im letzten Sommer noch recht unproblematisch war, geht diesmal unter die Haut: Zwei Freundinnen von Shizukas gehen. Enge Freundinnen. Die ersten engen Freundinnen, die sie überhaupt hat, denn Shizuka tut sich etwas schwer mit Freundschaften, die unter die Haut gehen. Beide Mädchen haben deutsche Eltern, Rückkehr in absehbarer Zeit also eher unwahrscheinlich. Man war sich nicht wirklich in der Klasse näher gekommen, sondern eher in der Freizeit. Gemeinsam zum Bouldern gehen stand in den letzten drei Monaten sehr hoch im Kurs, wir waren zweimal wöchentlich unterwegs. Eltern und Geschwister kommen sich da auch näher, und so wird viel philosophiert, was denn da im Sommer passieren wird.

Ganz unterschiedliches kommt da zutage. Die eine Familie steht wirklich komplett hinter der Entscheidung, zurück zu gehen, hat auch beruflich wohl keine andere Wahl. Die Kinder freuen sich darauf, wieder im gleichen Land wie die Großeltern zu wohnen. Bei der anderen Familie sieht es anders aus. Man würde gerne länger bleiben, hat sich an Land und Leute gewöhnt, hat Freundschaften geschlossen. In Deutschland ist kaum Perspektive vorhanden, außer dass es eben für gewisse Berufsgruppen immer irgendwie weiter geht. Klar, Verwandte sind da. Freunde auch. Aber man ist sich doch sehr bewusst, was man hinter sich lässt. Und das spüren auch die Kinder. Die Große ist seit längerem nachdenklich. Sie will zurück nach Deutschland, vermisst Leute, die dort sind. Aber sie will auch bleiben. Sie sagt definitiv: Ich bin auch hier zu Hause. Ich habe nicht eine Heimat, ich habe zwei davon. Und die ältere Heimat wird, wenn ich zurück bin, vermutlich keine Heimat mehr sein, sondern Fremde. Deutschland hat sich verändert während der letzten paar Jahre, und das spüren auch Elfjährige deutlich. 

Shizuka hält sich aus den Unterhaltungen heraus. Sie hatte ihre Identitätskrise vor gut eineinhalb Jahren, als sie Deutschland hinter sich gelassen hat und dahin gezogen ist, wo sie sonst nur im Urlaub war. Sie kennt das Gefühl, nie wirklich zu Hause zu sein, weil zu Hause nicht ein Ort ist, sondern viele Orte. Das waren harte Monate, bis sie das für sich selbst ausgefochten hatte, aber sie hat es geschafft und ist jetzt relativ stabil als "Erdenbürgerin". Mehr Geografie will sie nicht, hinsichtlich ihrer Identität. Aber wie können Kinder diese Orientierungslosigkeit aushalten, wenn sie "nur" eine Nationalität haben und eigentlich an eine feste Zugehörigkeit gewöhnt sind? Wenn sie in einer Gesellschaft aufwachsen, in der klare und eindeutige nationale Zuweisungen selbstverständlich sind? Erwachsene kennen Fernweh und Heimweh. Was kann man Kindern an die Hand geben, um die Knoten zwischen Sprache, geografischem Aufenthaltsort, Nationalität und eigener Geschichte irgendwie aufzudröseln und eine Identität daraus wachsen zu lassen? Immerhin wirft so ein mehrjähriger Auslandsaufenthalt ja doch einige Fragen auf, die über pure Sprachprobleme hinaus gehen. Das "Wer bin ich?" wird ja nicht durch einen Blick in den Spiegel oder einen Blick in den Pass klargemacht. Identität klärt sich zu einem ganz großen Teil aus dem, was andere über einen selbst wissen, sagen, denken. Da ist man jahrelang als "die Deutsche" in Japan, kehrt nach Deutschland zurück und wird von alten Freunden plötzlich als "die Japanerin" gesehen ...


Shizuka hat ihre eigene Lösung gefunden. Sie hat eine kleine, ledergebundene Kladde angelegt, in der ihr alle Personen, die ihr nahe stehen, etwas schreiben oder malen dürfen. Das können Gedichte sein, Songtexte, Adressen, Buchtipps oder Skype-Kontakte. Da stehen deutsche und japanische Sachen drin, da sind Bilder, Fotos und Aufkleber. Jeder und jede darf so viele Seiten verwenden, wie er oder sie will. Einzige Vorgabe: positive Grundstimmung. Es ist erstaunlich, was Kinder, Eltern und Lehrkräfte im Laufe der Zeit da so alles hineingeschrieben haben. Manches ist herrlich unbeschwert, andere Texte drücken eine enorme Ratlosigkeit bezüglich der Zukunft aus. Shizuka liegt manchmal abends im Bett und blättert einfach nur durch das Büchlein, liest mal hier und mal da und lächelt. Schön, dass da jemand seine Heimat unabhängig von geografischen Gegebenheiten gefunden hat.