Die rechtliche Seite

Die Mitteilung von Google, dem Betreiber dieses Dienstes, bezüglich der gesammelten Daten ist für alle einsehbar und lesbar. Die Autoren und Autorinnen dieses Blogs gehen davon aus, dass jeder Besucher und jede Besucherin diese Mitteilung liest und versteht. Und für verlinkte Seiten und Inhalte sowie die Privatphäre betreffendes Verhalten dieser Seiten übernehmen die Autoren und Autorinnen des Blogs keine Verantwortung. Die Links sind aus rein nicht-kommerziellen Gründen gesetzt und dürfen nur nach sorgfältiger Prüfung der eigenen Interessen von Lesern und Leserinnen dieses Blogs aktiviert werden. Handelt bitte verantwortungsvoll und in Eurem eigenen Interesse. Danke.

Die Betreiber und Betreiberinnen dieses Blogs erhalten ausdrücklich keine Vergütung irgendeiner Art für die Verlinkung von Artikeln, Videobeiträgen, Webseiten und anderem. Dies ist ein privates Weblog. Trotzdem müssen wir aus rechtlichen Gründen darauf hinweisen, dass die Erwähnung von Gegenständen, Büchern, öffentlichen Einrichtungen, Lernmitteln, Marken etc. als Werbung verstanden werden könnte.
Posts mit dem Label Menschenrechte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Menschenrechte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 16. Mai 2017

Halbe Menschen? Schwierig, irgendwie ...

Die kleine Schwester wird sich langsam im Kindergarten immer mehr der eigenen Identität bewusst. Mama holt sie derzeit viermal wöchentlich mit dem Fahrrad ab, und die anderen Kinder nehmen vermehrt den deutschen Sprachgebrauch wahr. え、えいごはなす (Hä, Du sprichst Englisch?) hören wir da immer wieder. Die kleine Schwester hat ihre liebe Not zu erklären, dass es mehr Sprachen als nur えいご und にほんご (Englisch und Japanisch) gibt. Und dass nicht alles, was in Romaji geschrieben wird, Englisch sein muss. Und dass die Mama selbstverständlich auch, aber nicht ausschließlich, Englisch spricht.

Neulich kam eine lustige Frage auf:

Mama, ich bin doch eigentlich ein ganzer Mensch, oder? 

Ja, schon. Vielleicht ein bisschen kurz geraten, aber Du wächst ja noch. Warum fragst Du?

せんせい (sensei, die Lehrerin) hat gesagt, ich wäre ハーフ (haafu, halb). Aber ich bin doch kein halber Mensch. Ich hab zwei Ohren und zwei Augen und zwei Beine und zwei Arme und eine ganze Nase und einen ganz runden Kopf und so. Wie alle. Die haben doch auch nur zwei Ohren und so. Keine vier.

Oh. Ja, da hast Du Recht. Deine Kindergärtnerin meinte, dass Du Deutsch und Japanisch bist, also doppelt. Auf Japanisch heißt das halb. 

Voll komisch. Wenn wir はんぶんこ (hanbunko, halbe-halbe) bei せんべい (senbei, Reiskekse) machen, dann ist das doch dann weniger und nicht zwei statt einem!

Richtig, ein Stück wird kleiner, weil es in zwei Hälften gebrochen wird. Jeder bekommt ein Stückchen. Aber Du hast am Ende doch zwei Teile, also mehr als vorher. Vorher war es nur ein Teil. Du darfst nicht auf die Größe von dem Teil achten, das ist egal. Nur die Zahl ist wichtig. In den Zahlen ist はんぶんこ (hanbunko, halbe-halbe) doppelt so viel.

Hm, das ist aber komisch. Warum bin ich ハーフ (haafu, halb) auf Japanisch und nicht ダブル (daburu, doppelt)? 

Okay, so richtig erklären kann ich Dir das nicht. Glaubst Du mir das, wenn ich Dir sage, dass die Japaner nicht gleichzeitig reden und Mathe machen können? Die Hälfte ist immer weniger als das Ganze, da hast Du Recht. Du bist aber ein ganzer Mensch. Guckst Du in den Spiegel, dann siehst Du das. Und Du bist auch eine ganze Japanerin und eine ganze Deutsche. Schau hier, Deine Pässe: Alles komplett, keine halben Seiten. Das hier ist mein deutscher Pass. Der hat auch ganze Seiten, und viele Seiten. Wie Deiner. Die sind beide komplett, nicht halb oder weniger oder doppelt. Und wenn Du Papas japanischen Pass anschaust, siehst Du das da auch. Alles dran, was dran sein muss. Du sprichst ganz Japanisch und ganz Deutsch. Du hast genauso viele Großeltern wie die Japaner und die Deutschen. Und Du brauchst wohl auch genauso viele Schuhe. Alles klar?

Jahaaa .... Aber. Warum sagen die dann halb dazu? Das ist doch voll blöde! Kannst Du せんせい (sensei, die Lehrerin) nicht mal erklären, dass das eigentlich falsch ist? Weil, ich bin ja trotzdem ein voller, ganzer Mensch. Ich sprech doch nur mehr Sprachen als die und muss zwei Pässe haben! Das ist mehr, nicht weniger! Und anstrengender ist das außerdem.


Wir hatten in der Folge Gelegenheit, das Thema nachmittags im Kindergarten anzusprechen. Eines der Kinder bemerkte nämlich, dass die Nase von der Mama von der kleinen Schwester so ganz anders und sehr komisch aussieht im Vergleich zu den breiten, flachen japanischen Nasen. Und die Kindergärtnerin schimpfte das Mädchen dafür, weil eigentlich sind europäische Nasen doch かこい (kakoi, chic) und alle Leute sehen irgendwie sehr verschieden aus. Die kleine Schwester schließlich auch, weil sie ja halb sei. Und das war der Einstieg für die Kleine: Sie polterte los, dass die Kindergärtnerin Mathe lernen müsse, weil, halbe Leute gibt es erstmal gar nicht (Guck, ich hab genauso viele Arme und Beine wie Du!) und außerdem wäre sie wenn überhaupt irgendwie anders, dann doch rein rechnerisch bestenfalls doppelt-national. Sie hat das sehr kompetent direkt vom Menschen und Individuum weg auf eine Länderebene gestellt und erklärt, dass das voll cool sei, weil es auf Deutsch tolle Hörbücher für Kinder gibt und auf Japanisch gar nicht, und außerdem darf sie in den Sommerferien eine Woche auf den Reiterhof, was die japanischen Kinder ja wohl auch so gar nicht kennen. 

Die kleine Schwester erntete viel Erstaunen und Unverständnis von Seiten der Kinder und schallendes Gelächter von ihrer Kindergärtnerin, die ihr Recht gab. Halbe Menschen wären ja auch wirklich seltsam. Die würden schließlich umfallen, mit nur einem Bein und so. :-)

Damit hat die kleine Schwester ihre Identität wohl vorläufig erstmal geklärt. Sie veräppelt regelmäßig die Kinder im Kindergarten und lädt ihre Mama dazu ein, das auch zu machen. Denn die Mama wird regelmäßig gefragt, warum sie nicht japanisch ist, aber Japanisch spricht. Und die kleine Schwester und die Mama antworten jedesmal im Chor, dass die Mama doch gar nicht antworten könne, weil sie ja nicht japanisch ist und das deshalb auch gar nicht verstehen und sprechen könne. Was genau an dieser Antwort von der komischen deutschen Mama nicht passt, ist noch nicht wirklich geklärt worden. Die irritierten Gesichter sprechen Bände.

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Flüchtlingskrise in Deutschland

Hier in Japan stehen die Uhren auf Halloween, in Deutschland wird Hilfe benötigt. Shizuka liest immer an vier von sieben Tagen morgens die Zeitung über Mamas Schulter. Die Meldung des (strikt genommen) zivilen Ungehorsams in Wien wurde mit leuchtenden Augen aufgenommen, und jede neue Meldung über Hilfsangebote wird bejubelt. Aber die kleine Dame hat auch die Schwierigkeit verstanden: Diese Menschen werden nur schwer eine neue Heimat finden, und vor allem werden sie vermutlich erstmal nicht in ihre alte Heimat zurückkehren. Denn die Lage in Syrien und den benachbarten Ländern wird nicht besser, sondern zunehmend unübersichtlich. 
Was passiert, wenn alle "normalen" Menschen das Land verlassen haben?
 Hört dann der Krieg auf? 
Wer baut das Land dann wieder auf? 
Es ist ja dann niemand mehr da außer Soldaten.

Das sind im großen und ganzen die Fragen, die Shizuka derzeit umtreiben. Antworten darauf bekommt sie erst einmal nicht, denn die weiß wohl niemand derzeit. Besonders positiv hat sie aber die Meldung aufgenommen, dass ein früherer Lehrer ihrer Schule jetzt in Deutschland unbegleitete Flüchtlingskinder unterrichtet. Der Herr stand vorher schon hoch im Kurs bei ihr - der Respekt ist gestiegen. Und die Zuversicht, dass alles gut wird. Denn "Mama, wenn sich so ein guter Lehrer um die Kinder kümmert, dann geht es denen bestimmt gut. Der hat hier immer gesagt, dass die Klasse seine Familie ist!"

Kann eine funktionierende Klassengemeinschaft eine Familie ersetzen? 
Können Hilfsangebote, Unterricht und neue Freunde Trauma heilen? 
Kann Schule so viel bieten, dass wirklich "alles gut" wird?
Oder wird es nur schlimmer, weil niemand weiß, wie lange diese Kinder im Land und damit in der neu gefundenen Geborgenheit bleiben dürfen?
Was passiert mit diesen Kindern, wenn sie Deutschland und die Schule wieder verlassen müssen, aufgrund der Asylbestimmungen?
Die Kinder sind alle aufgrund ihrer Fluchtgeschichte mehrsprachig - jetzt müssen die auch noch Deutsch lernen. Wie geht das? 
Werden die anderen Sprachen der Kinder auch gefördert, weil, das sind ja eigentlich ganz tolle Lernvoraussetzungen?!

Alles nicht so einfach, und irgendwie macht es Shizuka ganz kribbelig, dass die Erwachsenen in dieser Situation anfangen, über zuständige EU-Mitgliedsstaaten, Formulare und Altersbestimmungen zu streiten. 

Und dann ist da noch ein ganz besonderes Anliegen, dass Shizuka und ihre Mama gemeinsam bearbeiten. Einfach mal reinklicken! Es wird viel Hilfe benötigt, denn bisher gab es nur "heiße Luft" - viele Menschen, die helfen wollten und de facto nichts getan haben.

Mittwoch, 10. Juni 2015

Kleine Mädchen haben große Sorgen

Shizuka schaut mir regelmäßig über die Schulter, wenn ich meine E-Mails lese. Zu viele interessante Newsletter, Nachrichten von gemeinsamen Freunden aus aller Welt und witzige Grüße sind dabei. So auch heute morgen. Der Newsletter des Hebammen-für-Deutschland e. V. war da, voller Bilder von Babys und Schwangeren. Das allein fasziniert die meisten Grundschülerinnen ja schon, aber bei uns gibt es da noch eine besondere Komponente. Shizuka ist begleitende große Schwester, sie hat ihre kleine "Sis" schon behütet, besungen und gestreichelt, als diese noch im Bauch war. Unsere Hebamme war für die ganze Familie da, begleitete die Geburt in unserem Wohnzimmer ebenso wie das erste Jahr danach. Shizuka lernte, dass eine Hebamme nicht nur Kindern auf die Welt hilft, sondern auch für Pflege von Kindern und Müttern da ist, allerlei medizinisches Wissen auf dem Gebiet der Kinderheilkunde besitzt, Akupunktur und Fußreflexzonenmassage beherrscht und vieles mehr. Und sie hat erlebt, dass Schwangerschaften und Geburten keine Krankheiten sind, die unbedingt im OP behoben werden müssen, sondern eine ganz natürliche Sache. 

Nun las sie da (über meine Schulter), dass Babys in Deutschland künftig nach dem errechneten Geburtstermin nicht mehr zu Hause auf die Welt kommen dürfen, sondern die Mutter im Krankenhaus vorstellig werden darf. Sie fand es befremdlich. Die Begründung der Krankenkassen, dass das der Kostenoptimierung diene, fand sie noch komischer. Unsere Hebamme hatte uns die Kosten einer Hausgeburt ausgerechnet, sie war bei etwa 800 Euro herausgekommen. Dazu kamen 200 Euro für die Rufbereitschaft, die wir selbst gezahlt haben. Shizuka fragte nach: Krankenhaus. Da müssen Ärzte und Krankenschwestern bezahlt werden, die anwesenden Hebammen bekommen Geld, da sind Essenskosten und Reinigungsmittel und Bettgebühr und sonstwas dabei. Nun las sie weiter, dass im Krankenhaus 90 % der Geburten medizinisch interveniert werden, 30 % sogar im Kaiserschnitt enden, oft aus Gründen wie Schichtwechsel und Abrechnung mit Krankenkassen. Das geht mit noch mehr Ärzten, noch mehr medizinischem Gerät und noch längerem Aufenthalt im Krankenhaus einher. Das soll der Kostenoptimierung dienen? Wir tun uns alle schwer, das zu glauben.

Dazu kommt, dass der ET nicht genau berechnet werden kann. Ganz im Sinne der Natur braucht ein Baby eben doch mal eine Woche länger (oder auch eine Woche weniger), um "fertig" zu werden. Wissen wir alle. Wissen das die Krankenkassen nicht?

Und nun komme ich, Shizukas Mama, ins Spiel. In Deutschland hat jeder Mensch das Recht, körperlich und seelisch unversehrt zu bleiben.* Verletzungen dürfen nur dann zugefügt werden, wenn es medizinisch absolut unumgänglich ist. Das gilt für kleine wie für große Menschen. In Deutschland bestehen nun die Krankenkassen darauf, dass kleine Menschen künftig nicht mehr in entspannter Umgebung (zu Hause) zur Welt kommen dürfen, sondern in einem hochgradig keimbelasteten und stressassoziierten Umfeld. Dass der werdenden Mutter ohne medizinische Notwendigkeit, einfach nur als Vorsichtsmaßnahme, Kanülen gelegt werden (um im Notfall schneller eingreifen zu können - weil die Routine einer Kanüle auf dem Handrücken so lange dauert ...). Dass Kindern direkt nach der Geburt aus reiner medizinischer Neugier (Blutgruppenbestimmung, erste Untersuchungen auf Stoffwechselkrankheiten et cetera, nichts lebensnotwendiges) routinemäßig Blut entnommen wird. Klar, nur ein kleiner Piks. So, wie ein Ohrring für Mädchen auch nur ein kleiner Piks ist. Medizinisch nicht notwendig und in Deutschland als "Körperverletzung" verboten.** 

Shizukas Frage nach dem Lesen war: Mama, dürfen die das so einfach? 

Nein, ich hoffe nicht. Und daher meine Bitte: Schreibt einen Protestbrief oder eine Email an Eure Krankenkasse oder an den GKV Spitzenverband. Schaut bei MotherHood rein. Unterschreibt die Petition bei Change.org. Bitte. Es geht nicht nur darum, dass ein paar abgedrehte Weiber ihre Kinder zu Hause bekommen wollen. Es geht um das Menschenrecht, körperlich unversehrt das Licht der Welt erblicken zu dürfen, unabhängig von der Finanzlage irgendwelcher Krankenhäuser und der finanziellen Interessen von sogenannten Versicherungen.


*Die genaue Formulierung des Gesetzestextes ist mir derzeit nicht geläufig. Natürlich sind Gesetzestexte Auslegungssache. Mir wird nur ziemlich bang zumute, wenn ein Gesetz, das die körperliche Gesundheit und Unantastbarkeit ALLER Menschen plötzlich Gegenstand weitläufiger Interpretationen durch gewinnorientierte Unternehmen wird. Sicherlich findet sich der genaue Wortlaut der gesetzlichen Regelungen auf Change.org verlinkt.
** Eltern müssen ihre Unterschrift für Kinder unter 16 Jahre geben, und wenn das Kind in Frage das sechste Lebensjahr noch nicht vollendet hat, ergeht eine entsprechende Meldung an das zuständige Gesundheitsamt, das sich weitere Schritte vorbehält.