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Samstag, 2. September 2017

Souveränität gewonnen

Die Sommerferien sind nun schon seit einigen Tagen vorbei, und sowohl die kleine Schwester als auch Shizuka sind wieder im Alltag angekommen. Die letzten beiden Wochen der Ferien haben die beiden übrigens in der Schule verbracht, es gab zum ersten Mal "Sommerschule" für sie. Zwei Wochen lang täglich von morgens bis in den Nachmittag hinein spielen, toben, Quatsch machen, basteln und mit anderen Kindern die Schule auf den Kopf stellen. Für viele Eltern ist das Sommerferienprogramm eine Möglichkeit, ihre Berufstätigkeit irgendwie mit dem Stundenplan der Kinder in Einklang zu bringen. Für die Lehrkräfte ist es eine Möglichkeit, Schule mal von der weniger ernsten Seite zu betrachten und mehr oder weniger fließend (okay, mit viel Organisationsaufwand und Nervenkitzel) aus den langen Sommerferien zurückzukommen. Und die Kinder? Die lernen Schule als Abenteuerspielplatz kennen. Wenn nämlich der Schulhof und der Spielplatz für Parcours genutzt werden, neben der Miniatur-Boulderwand plötzlich auch noch Slackline, Balanceboards, Wannen voller Wasserbomben und Bälle zum Balancieren stehen. Wenn im Mathe-Kursraum mit Holz, Leim und Farbe gewerkelt wird. Und im Klassenzimmer der 7b Nähmaschinen stehen, mit denen man kurze Hosen im Hawaiihemden-Look produziert. Auf den Fluren fanden Drehstuhl- Wettrennen statt. Die Schwimmhalle der Schule wurde zum Spaßbad. Und im Computerraum saß das Sommerschule-Blogger-Team und hat alles in vielen Bildern und wenigen Worten für die Eltern dokumentiert. In der Mittagspause durften Große und Kleine zusammen in der Mensa essen (Lecker!), und zum Abschluss gab es am letzten Nachmittag draußen eine große Party mit Wasserbombenschlacht. 

Was haben die Kinder mitgenommen?
Die kleine Schwester ist sehr souverän geworden. Sie durfte, da sie im letzten Kindergartenjahr war, an den Aktivitäten für Erstklässler teilnehmen und hat sich täglich einen Block im Spaßbad und einen Block Basteln und Werken.
Die große Schwester wollte an ihren motorischen Fähigkeiten arbeiten und hat den Nähkurs wahrgenommen und im zweiten Block mit Mama allerhand Mädchenkram gefilzt. 
Den dritten Block haben die Mädchen ohne Kurs im Freizeitraum verbracht, haben LTB gelesen, Tischkicker gespielt, sich bei Uno Extreme gegenseitig angeschrien und anschließend noch aufräumen geholfen.

Für die kleine Schwester war die Situation etwas schwierig, da sie kaum Kinder an der Schule kannte, in ihren Kursen erstmal unter Fremden war und dazu auch noch körperlich die Kleinste. Zwei Tage Katzenjammer, vor allem in der Mittagspause (sie musste alleine am Tisch essen, niemand wollte sich zu ihr setzen), danach war die Welt in Ordnung. Statt der großen Schwester hat sich die kleine Schwester einfach an eine der vielen neuen Freundinnen gehängt. Da sie mit ihrer zierlichen Statur auch bei Erst- und Zweitklässlern schon Beschützerinstinkte weckt, war sie gut versorgt und glücklich. Nach den zwei Wochen Sommerschule hat sie unglaublich viel Souveränität gewonnen. Sie bewegt sich frei in der Schule, kann auch an fremden Orten neuerdings alleine die Toilette aufsuchen und bestellt ihr Essen im Restaurant selbst. Enorm, was zwei Wochen Spiel und Spaß mit einer Fünfjährigen anstellen! Der Entwicklungssprung war einfach gigantisch.

Shizuka fand es einfach gechillt. Sie hat Schule nochmal entspannter als sonst erlebt, hat ihre Vorliebe für Comics entdeckt (Aber nur LTB!) und mit der Feinmotorik Frieden geschlossen. Außerdem findet sie Edgar Degas inzwischen recht abgefahren und steht (bedingt) auf Ballerinabilder. Ihre kurze Hose mit den riesigen Hibiskusblüten drauf wird allerdings vermutlich im Schrank verstauben. 
:-D 
Also auch hier ein Entwicklungssprung, aus der spröden Pipi Langstrumpf wird langsam eine auf ihre eigene Art feminine Ronja Räubertochter.

Donnerstag, 20. Juli 2017

Chillen pur

Sommer in Deutschland ist irgendwie immer sehr viel entspannter als in Japan, trotz der vielen Aktivitäten. Und so war es auch in diesem Jahr:

- eine Woche Reiterferien

- jeden zweiten Tag in der Boulderhalle

- die Tage dazwischen im Freibad, wetterabhängig auch Hallenbad

- gefühlt fünfhundert Bücher ins Kinderzimmer geschleppt und wieder weggeräumt

- ausgiebig täglich am Klavier gesessen

- wenigstens fünf üppige Mahlzeiten am Tag genossen

- wandern und spielen mit dem Hund

- zelten im Garten mit einer Freundin

- täglich Omas Beerensträucher leerfuttern

- drei Kinderkreuzworträtselhefte gelöst

- Mario Kart auf der Wii U gelernt

- viermal bei der Post gewesen und jeweils eine Ladung Briefe, Karten und Päckchen abgegeben

- Skateboard und Fahrrad gefahren

- das Dorf mit Straßenkreide verschönert

- den Spielplatz wenigstens fünfmal heimgesucht

- im Garten Krocket und Fußball gespielt

- einen Tagesausflug zum Senckenbergmuseum in Frankfurt gemacht

- einen Nachmittag im Wildtierpark Gersfeld verbracht

- zwei Tage im Indoor-Spielplatz verbracht und wiedermal ausgiebig Mini-Golf gespielt

... und das alles in nur drei Wochen. Man sollte meinen, danach ist man urlaubsreif. War aber nicht, dazwischen war sogar noch Zeit für Shizukas Mama, ein neues Arbeitslaptop käuflich zu erwerben und einzurichten, sich einzuarbeiten, sich mit der erstmal nicht systemkompatiblen neuen externen Festplatte auseinanderzusetzen und einige alte Freundschaften zu pflegen. 

Der Trick des Sommerurlaubs scheinen die relativ kühlen Abende und Nächte zu sein. Während in Yokohama rund um die Uhr zwischen 25° und 30° c bei wenigstens 70 % Luftfeuchtigkeit herrschen, sinken die Temperaturen auch in heißen Sommerwochen in der Rhön immer noch auf moderate 10° bis 15° C. Der Schlaf ist erholsam, man startet ganz anders in den Tag. Und fühlt sich einfach fitter.

Übrigens durfte am Ende tatsächlich Shizuka am Reiterhof übernachten. Die kleine Schwester hat einen Rückzieher gemacht und fand das dann auch gar nicht schlimm, denn für die Nacht waren schwere Gewitter angesagt, die dann auch tatsächlich kamen. Geschlafen wurde in der Reithalle, die die Kinder erst noch reinigen und frisch einstreuen mussten. Derweil löschte der Gewitterregen schon den Grill ... Nächstes Jahr wieder, da waren sich alle Beteiligten einig. Und am Wochenende geht es dann zurück nach Japan, wieder via Peking.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Wichtige Fragen geklärt – andere noch ungelöst

Die Ferien beginnen in zwei Tagen, und die ganze Familie ist entsprechend aufgeregt. Zeugnisse, letzter Tag im Kindergarten vor der zweimonatigen Pause (die Freunde der kleinen Schwester gehen noch zwei Wochen länger in den Kindergarten), Abschied von Freunden und Lehrkräften, Jahresabschlussfeier der Schule mit Ehrung der besten Schüler und Schülerinnen – es liegt einfach ganz viel an. Und dann müssen alle auch noch packen, denn der Flieger geht am ersten Ferientag, am Samstag schon. Die Kinder sind wirklich wuselig.

Was sie nicht wissen: Nicht nur der Patenonkel wird am Flughafen auf uns warten, sondern auch Oma, Opa und der Cousin. Bei der Oma am Urlaubsort werden außerdem einige Überraschungen auf sie warten. Die Kinder wachsen. Dementsprechend sind neue Reithelme und -stiefel nötig, wir brauchen Lernmaterialien für die Schule, Schulbücher und einen neuen Schulrucksack. Shizuka ist jetzt nach sechs Schuljahren aus dem alten Scout-Ranzen wirklich herausgewachsen und besteht auf einer etwas altersgemäßeren Verpackung für Bücher und Hefte. Außerdem ist Ferienliteratur nötig: Der Kindle ist zwar schon geladen, aber vor allem die kleine Schwester liest eben doch noch lieber auf richtigem Papier. Die erste Überraschung gab es schon zu Hause in Japan: Shizuka hatte für eine Übernachtung in der Schule einen neuen Schlafsack bekommen, weil der alte in Deutschland geblieben ist. Der Neue wird selbstverständlich mitgenommen und muss in den Koffer. Für die Reiterferien.* Neue Kletterschuhe für Shizuka sind aus Gründen des schnellen Wachstums ebenso nötig wie für die kleine Schwester und die Mama**.

Wer bei den Reiterferien übernachtet und wer nicht, wissen wir indes immer noch nicht. Es stehen auch noch einige Verabredungen aus: Freunde, die uns treffen wollen, Städte, die wir sehen wollen. Alles noch nicht organisiert. Was dagegen durchaus schon organisiert ist: Die Kinder wollen ganz oft schwimmen gehen und das jeweils nächste Schwimmabzeichen erwerben. Für Shizuka wäre das das goldene Jugendschwimmabzeichen, für die kleine Schwester das Seepferdchen. Mama muss auch ran: Wenn die Mädchen wirklich ausreichend üben, um die Prüfung abzulegen, muss Mama ein Schwimmabzeichen für Erwachsene machen. Der neue Badeanzug dafür ist schon gekauft***. Das allein war schon schwierig genug, denn die deutsche Mama hat nicht die richtigen Abmessungen, um in einen "richtigen" Schwimmanzug im japanischen Sportgeschäft zu passen. Und die seltsamen Bademoden, die die japanischen Plansche-Mamas tragen, sind zum sportlichen Schwimmen nicht wirklich geeignet.

Die Betreuung für Haus und Garten ist derweil auch schon organisiert: Shizukas Gurkenpflanzen und den Kartoffeln der kleinen Schwester wird es an nichts mangeln. Während eine Freundin der Familie eineinhalb Wochen lang die Pflege übernimmt, werden anschließend die japanischen Großeltern für die übrigen eineinhalb Wochen unser Zuhause als Ferienhaus nutzen und selbstverständlich die ersten Früchte im Garten ernten. 

Es warten auf jeden Fall spannende Ferien mit vielen Überraschungen und Herausforderungen auf uns.


* Und für eine Übernachtung im Zelt mit einer sehr, sehr guten Freundin, die Japan vor einem Jahr verlassen hat und die uns ein Wochenende lang in Deutschland besuchen wird. Oma hat ein Zelt besorgt, dass dann im Garten stehen wird, wir wollen gemeinsam in die Boulderhalle gehen und ins Freibad. Alles schon geplant, die beteiligten Kinder werden das allerdings mehr oder weniger als Überraschung erleben. 

** Die Mama ist natürlich nicht rausgewachsen, sondern hat ihre Schuhe in den letzten vier Jahren so intensiv genutzt, so dass die Sohlen sehr, sehr rund geworden sind. Der Mythos von La Sportiva ist immer noch ein Traumschuh, aber eben nicht in rund. Daher muss jetzt langsam etwas Kantigeres her, das hoffentlich wieder so lange hält. Oder länger. Denn die alten Finken werden selbstverständlich nicht entsorgt, sondern stehen als bequeme Treter weiterhin zur Verfügung. Falls die neuen mal drücken. Soll bei Kletterschuhen ja vorkommen. Abenteuer übrigens: Denn zum ersten Mal überhaupt haben wir Schuhe im Internet bestellt. Da wir Mädchen der Familie sehr pienzig sind, was die Passform angeht, ist die Frage natürlich: Sind die neuen Schuhe wirklich passend für den Fuß? große Spannung!

*** Nicht aus modischen Gründen, sondern weil der alte Anzug nach nunmehr sechs Jahren und wöchentlichen Schwimmbadbesuchen plus Gelegenheitsbaden im Meer auseinanderfällt. Taugt alles nichts mehr, das neumodische Zeugs ...

Dienstag, 20. Juni 2017

Abschied, schon wieder

Das Schuljahr ist fast zu Ende, und es haben sich wieder einmal überraschende Freundschaften ergeben. Und wie im letzten Jahr verlassen auch diesmal wieder einige Familien das Land. Shizuka ist nur von einem Fall betroffen, der aber doch für Trauer sorgt. Sie hatte in der Schule tatsächlich erste zarte freundschaftliche Bande geknüpft, das Mädchen kennen wir schon lange, die Familie wohnt in der Nähe, und der Lebensstil ist unserem vergleichbar. Besonders nett: Shizukas neue Freundin steckt in einer ähnlich angespannten Situation wie Shizuka selbst auch, wächst mehrsprachig auf, hat eine Klasse übersprungen, interessiert sich für extrem spezifische Themen und pflegt eine Ratte als Haustier – sehr liebevoll, und ganz ohne Scheu irgendwelchen Krabbelviechern gegenüber.  Ein frecher kleiner Feger, Neuem gegenüber offen und sehr bestimmt, was die eigenen Präferenzen angeht. Zum ersten Mal hat Shizuka eine Seelenverwandte getroffen, die auch noch auf ihrer Wellenlänge liegt  trotz dem enormen Drang zur Unabhängigkeit. Der Abschied fällt also wieder schwer, zumal die kleine Schwester diesmal auch trauert. Wir werden gemeinsame Schwimmbadbesuche, Spielenachmittage und herausragende musikalische Darbietungen vermissen.

Andere Veränderungen betreffen in erster Linie das Personal der Schule und sind mit weniger Herzschmerz als vielmehr dem Verlust kompetenter Pädagogen und Pädagoginnen verbunden.

Und noch ein Abschied steht an: Shizuka konnte aufgrund eines besonderen Projekts der Schule das Sprachlernprogramm Rosetta Stone ein Schuljahr lang kostengünstig nutzen und hat das für Englisch und Französisch intensiv getan. Mit dem ersten Juli läuft unsere Lizenz aus. Shizuka wird schon nervös, wenn sie an die Arbeitshefte, Vokabelhefte und Grammatiken denkt, die sie danach wieder zur Vorbereitung auf Klassenarbeiten und für den täglichen Vokabelspaß wird nutzen müssen. Wir hoffen immer noch, dass die Schule das Programm im kommenden Schuljahr wieder anbietet – so freudig habe ich noch nie ein Kind Vokabeln pauken sehen. Möglich wurde die Aktion wohl in der Zusammenarbeit mit der IJM Stiftung. Neben dem Sprachangebot von Rosetta Stone waren ein Mathe-Paukprogramm namens Better Marks und diverse Freizeitangebote mit der Initiative verbunden. Die Freizeitangebote klangen wirklich verführerisch, von Robotik-Camps auf hohem Niveau über Lego-Workshops und Philosophietage bis hin zu Walbeobachtungs-Expeditionen war wirklich alles dabei. Leider waren diese Angebote in erster Linie für in Deutschland ansässige Kinder und Jugendliche gedacht, an den deutschen Schulferien orientiert und außerdem aufgrund der sehr hohen Kosten für uns nicht nutzbar. Auch im Angebot des Junior-Studiums zeigte sich der extrem elitäre Gedanke der Initiative: Die monatlichen Gebühren dafür wären für uns nicht leistbar gewesen. Das Angebot ist ohnehin derzeit auf mathematische und wirtschaftliche Studiengänge beschränkt, so dass Shizuka dem nichts abgewinnen konnte. Sie war extrem enttäuscht davon, denn sie hatte sich nach dem tollen Einstieg über das Sprachprogramm sehr viel mehr erhofft. Wir sind neugierig, ob diese Fördermöglichkeit für begabte Schüler und Schülerinnen auf wirtschaftliche Interessen beschränkt bleibt und hoffen natürlich darauf, dass auch Menschen fernab kapitalistischer Interessen künftig derart gefördert werden können. Klingt etwas böse, ist auch genau so gemeint. ;-)

Dienstag, 6. Juni 2017

Schwierige Gruppenzugehörigkeiten

Bei Shizuka ist die Sache seit einem guten Jahr völlig klar: Sie ist Deutsche und sie ist Japanerin. Und sie deutsche Freunde und japanische Freunde. Als Deutschjapanerin in Japan auf der Deutschen Schule fühlt sie sich am richtigen Platz, auch wenn die besten Freunde jetzt seit fast einem Jahr fehlen.

Bei der kleinen Schwester ist das etwas schwieriger. Die ist auch Deutschjapanerin. Die ist auch in Japan. Aber sie geht in einen japanischen Kindergarten. Dort hat sie ihre Freunde, die sie jeden Tag sieht. Ihre Freizeit verbringt sie aber an der Deutschen Schule mit Aikido, Klavierspielen und Taiko. Wie die große Schwester. Und sie hat dort auch gleichaltrige Freunde gefunden, die sie aber nur jeweils einmal wöchentlich sieht. Die kommen nach den Sommerferien in besagter Deutscher Schule in die erste Klasse. Und die gehen in den Kindergarten besagter Deutscher Schule.

Und dann gibt es da noch die Freundin. Die Freundin ist auch Deutschjapanerin, und die Freundin ging bisher zusammen mit der kleinen Schwester in den japanischen Kindergarten. Sie hat eine große Schwester an der Deutschen Schule und wird nach den Sommerferien den Kindergarten der Deutschen Schule besuchen. Die kleine Schwester wird die Freundin also nicht mehr täglich sehen. Die Freundin trainiert nicht Aikido. Sie spielt nicht Klavier. Und sie spielt auch nicht Taiko. Die kleine Schwester wird sie, wenn überhaupt, nur noch zufällig auf dem Schulhof treffen. Und das ist gemein. Denn eigentlich ist die Freundin doch genauso wie die Kleine Schwester: Ein deutschjapanisches Kind mit großer Schwester an der Deutschen Schule. Kompliziert.

Es kommt erschwerend dazu, dass die kleine Schwester ab April 2018 in Japan ebenfalls schulpflichtig ist. Das weiß sie auch, im Kindergarten wird heftig darüber diskutiert. Sie weiß auch schon, mit wem sie in die gleiche Schule gehen wird: Zwei Freundinnen, die gleich um die Ecke wohnen und auch besagten japanischen Kindergarten besuchen. Das ist mit Vorfreude verbunden, immerhin bleiben die drei kleinen Damen dann zusammen. Voraussichtlich. Und dann philosophierte die kleine Schwester los ...

Ich will eigentlich gar nicht in die japanische Schule gehen. Da muss ich ja Kanji lernen. Das ist doof. Und außerdem ist das Essen dort doof. Der Shizuka* hat das gar nicht geschmeckt. Außerdem gibt es immer so viele Hausaufgaben! Shizuka hatte in der Deutschen Schule in der Grundschule fast nie Hausaufgaben**. Mama, für Dich ist das doch auch praktisch, wenn Du uns beide Kinder morgens nur in eine Schule bringst, oder?

Dass die beiden Freundinnen in der japanischen Grundschule da sind, finde ich gut. Ich bin Japanerin, wie die. Ich will auf die japanische Grundschule gehen. Der ランドセル (Randoseru, japanischer Schulranzen aus Leder) sieht viel cooler aus als die albernen Schulranzen in Deutschland. Außerdem ist der kleiner, den kann ich viel leichter tragen. Die Schule ist außerdem gleich nebenan, da muss ich gar nicht so weit laufen wie die Shizuka. Ich darf da ja sowieso nicht mit dem Fahrrad hin fahren***. Und ich komme viel früher nach Hause, weil die Schule gar nicht bis zum drei oder um vier nachmittags geht! Da kann ich ja immer noch in die Deutsche Schule gehen für Klavier und Taiko und so.

Aber eigentlich ist das auch doof. Weil meine Freunde in der Deutschen Schulen doch alle schon in die erste Klasse kommen und sich jeden Tag sehen. Und vielleicht finden die das blöd, wenn ich noch im Kindergarten bin bis nächstes Jahr. Und dabei können die noch gar nicht lesen! Ich kann das schon. Obwohl ich noch in den Kindergarten gehe, und obwohl ich in einen japanischen Kindergarten gehe. Voll komisch. 

Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, wo ich dazugehöre. Irgendwie gehöre ich zu den japanischen Kindern vom Kindergarten. Aber ich gehöre doch auch zu der Deutschen Schule!

Mama, kann ich eigentlich zu beiden gehören? Die Kinder von der Deutschen Schule gehören doch nur zur Deutschen Schule, oder? 


An dieser Stelle hat sich Mama dann tatsächlich in den Monolog eingeschaltet. Denn natürlich können Kinder zu ganz unterschiedlichen Gruppen gehören, auch wenn das schwer zu verstehen ist. Und natürlich können sie alters- und klassenübergreifende Freundschaften pflegen. Auch wenn das nicht so üblich zu sein scheint. Bei Shizuka war das irgendwie einfacher in dem Alter, die hat sich weniger Gedanken gemacht und sich einfach über die Vielfalt im Freundeskreis gefreut, wie sie das auch heute noch tut. Die kleine Schwester denkt mehr darüber nach und sucht nach einer scheinbar vollständigen Zugehörigkeit. Wobei sie sich auch schon bewusst abgrenzt: In die Ballettgruppe, in der die meisten Mädchen ihrer Kindergartengruppe sind, will sie nicht gehen. Sie findet Ballett albern und will es einfach nicht machen, sie geht lieber bouldern. Da hat sie ihre Kindergartenfreunde und -freundinnen auch schon eingeladen. Aber nur ein Junge ist mal mitgekommen, und auch der nur einmal. In die Klavierschule, die die meisten Mädchen ihres Kindergartens gehen, will sie auch nicht wechseln. Denn das ist eine rein japanische Klavierschule. Sie lernt Lesen von Musik Deutsch und Japanisch, die Namen der Noten unterscheiden sich. Und sie genießt das auch, denn immerhin unterhält sie sich ja auch mit Freunden in beiden Sprachen über das Klavierspiel. Diesen Luxus bekommt sie nur in der Deutschen Schule, und das ist ihr durchaus bewusst. Wir sind erstmal gespannt, wie sich die kleine Schwester nach den Sommerferien in die neue Konstellation einfindet.


* Shizuka nutzte die frühen Sommerferien der Deutschen Schule letztes Jahr, um eine Woche lang die japanische Grundschule, in deren Einzugsbereich wir wohnen, zu besuchen. Sie hat die eine Woche genossen, fand sie aber auch anstrengend. Und das Essen war wirklich ganz anders als sie das kennt: In der Deutschen Schule gibt es ein Mittagsbuffet in der Mensa, wo sich alle Kinder einfach das nehmen, was sie mögen. Sehr salatreich, gemüselastig und immer mit Ramen und Udon als Alternative für diejenigen, die am Buffet nichts finden. Gezahlt wird das selbst zusammengestellte Mittagessen über ein Konto, das die Eltern mit ausreichend Yen versehen sollten. Große Freiheit also, und alle Kinder müssen ihre Allergien, Unverträglichkeiten und sonstige Probleme selbst managen. Klappt gut, soweit. Es werden beim Essen klassenübergreifende Freundschaften gepflegt, man scherzt mit den Lehrkräften, die einen eigenen Tisch in der Mensa haben, unterhält sich über die Theke hinweg mit dem Koch und dem Küchenpersonal, alles dreisprachig (Deutsch, Japanisch, Englisch). Eltern essen auch manchmal dort, und Geschwister können sich treffen. Hausaufgaben werden gemacht beim Essen, Klassenarbeiten und Referate besprochen. In der japanischen Grundschule wird das Essen von ein paar Kindern in den Klassenraum gebracht. Es gibt jeden Tag ein festes Menü. Die Lehrkraft isst mit den Kindern im Klassenraum, ermahnt sie zu guten Tischmanieren und sorgt dafür, dass alle ihre Portion aufessen. Die Klassenlehrkraft kennt die Allergien und Unverträglichkeiten der Kinder und muss dafür sorgen, dass jeder/jede nur isst, was er/sie verträgt. Alternativen gibt es nicht, es wird weggelassenen, was nicht geht. Und alles muss wenigstens probiert, ob es schmeckt oder nicht ist egal. Grundschule bis sechste Klasse, wohlgemerkt, nicht Kindergarten. Die Kinder sind also zwischen sechs und zwölf Jahre alt.

** Die Kinder sind angehalten, ihre Hausaufgaben in der täglich stattfindenden Dreiviertelstunde Lernzeit in der Schule selbstständig zu erledigen. Es sind Lehrkräfte im Raum anwesend, die bei Problemen helfen können und die die Kinder auch anregen, sich in dieser Zeit auf bevorstehende Klassenarbeiten vorzubereiten. Wer fertig ist, darf in die Bibliothek entschwinden, sich mit irgendetwas anderem ruhig beschäftigen oder mit Freunden reden. Nach Ermessen der Lehrkräfte dürfen die Kinder auch raus auf den Spielplatz der Schule gehen. Shizuka hat allerdings die Lernzeit grundsätzlich genutzt, um zu lesen, mit den Lehrkräften zu plaudern und ihren Ranzen zu sortieren, so dass sie durchaus öfters zu Hause etwas machen musste.

*** Die japanischen Grundschulen stellen keine Fahrradparkplätze für die Kinder zur Verfügung, die Kinder laufen morgens in fest organisierten Laufgruppen, die von den Eltern betreut werden. Begründung: Die Kinder können noch nicht selbständig im Straßenverkehr unterwegs sein, das ist zu gefährlich. Auch zu Fuß, deshalb muss die Eltern-Patrouille dabei sein. Mittags sieht jeder selbst zu, wie er oder sie nach Hause kommt. Mittage sind offenbar in Japan ungefährlicher als Morgen.

Dienstag, 16. Mai 2017

Halbe Menschen? Schwierig, irgendwie ...

Die kleine Schwester wird sich langsam im Kindergarten immer mehr der eigenen Identität bewusst. Mama holt sie derzeit viermal wöchentlich mit dem Fahrrad ab, und die anderen Kinder nehmen vermehrt den deutschen Sprachgebrauch wahr. え、えいごはなす (Hä, Du sprichst Englisch?) hören wir da immer wieder. Die kleine Schwester hat ihre liebe Not zu erklären, dass es mehr Sprachen als nur えいご und にほんご (Englisch und Japanisch) gibt. Und dass nicht alles, was in Romaji geschrieben wird, Englisch sein muss. Und dass die Mama selbstverständlich auch, aber nicht ausschließlich, Englisch spricht.

Neulich kam eine lustige Frage auf:

Mama, ich bin doch eigentlich ein ganzer Mensch, oder? 

Ja, schon. Vielleicht ein bisschen kurz geraten, aber Du wächst ja noch. Warum fragst Du?

せんせい (sensei, die Lehrerin) hat gesagt, ich wäre ハーフ (haafu, halb). Aber ich bin doch kein halber Mensch. Ich hab zwei Ohren und zwei Augen und zwei Beine und zwei Arme und eine ganze Nase und einen ganz runden Kopf und so. Wie alle. Die haben doch auch nur zwei Ohren und so. Keine vier.

Oh. Ja, da hast Du Recht. Deine Kindergärtnerin meinte, dass Du Deutsch und Japanisch bist, also doppelt. Auf Japanisch heißt das halb. 

Voll komisch. Wenn wir はんぶんこ (hanbunko, halbe-halbe) bei せんべい (senbei, Reiskekse) machen, dann ist das doch dann weniger und nicht zwei statt einem!

Richtig, ein Stück wird kleiner, weil es in zwei Hälften gebrochen wird. Jeder bekommt ein Stückchen. Aber Du hast am Ende doch zwei Teile, also mehr als vorher. Vorher war es nur ein Teil. Du darfst nicht auf die Größe von dem Teil achten, das ist egal. Nur die Zahl ist wichtig. In den Zahlen ist はんぶんこ (hanbunko, halbe-halbe) doppelt so viel.

Hm, das ist aber komisch. Warum bin ich ハーフ (haafu, halb) auf Japanisch und nicht ダブル (daburu, doppelt)? 

Okay, so richtig erklären kann ich Dir das nicht. Glaubst Du mir das, wenn ich Dir sage, dass die Japaner nicht gleichzeitig reden und Mathe machen können? Die Hälfte ist immer weniger als das Ganze, da hast Du Recht. Du bist aber ein ganzer Mensch. Guckst Du in den Spiegel, dann siehst Du das. Und Du bist auch eine ganze Japanerin und eine ganze Deutsche. Schau hier, Deine Pässe: Alles komplett, keine halben Seiten. Das hier ist mein deutscher Pass. Der hat auch ganze Seiten, und viele Seiten. Wie Deiner. Die sind beide komplett, nicht halb oder weniger oder doppelt. Und wenn Du Papas japanischen Pass anschaust, siehst Du das da auch. Alles dran, was dran sein muss. Du sprichst ganz Japanisch und ganz Deutsch. Du hast genauso viele Großeltern wie die Japaner und die Deutschen. Und Du brauchst wohl auch genauso viele Schuhe. Alles klar?

Jahaaa .... Aber. Warum sagen die dann halb dazu? Das ist doch voll blöde! Kannst Du せんせい (sensei, die Lehrerin) nicht mal erklären, dass das eigentlich falsch ist? Weil, ich bin ja trotzdem ein voller, ganzer Mensch. Ich sprech doch nur mehr Sprachen als die und muss zwei Pässe haben! Das ist mehr, nicht weniger! Und anstrengender ist das außerdem.


Wir hatten in der Folge Gelegenheit, das Thema nachmittags im Kindergarten anzusprechen. Eines der Kinder bemerkte nämlich, dass die Nase von der Mama von der kleinen Schwester so ganz anders und sehr komisch aussieht im Vergleich zu den breiten, flachen japanischen Nasen. Und die Kindergärtnerin schimpfte das Mädchen dafür, weil eigentlich sind europäische Nasen doch かこい (kakoi, chic) und alle Leute sehen irgendwie sehr verschieden aus. Die kleine Schwester schließlich auch, weil sie ja halb sei. Und das war der Einstieg für die Kleine: Sie polterte los, dass die Kindergärtnerin Mathe lernen müsse, weil, halbe Leute gibt es erstmal gar nicht (Guck, ich hab genauso viele Arme und Beine wie Du!) und außerdem wäre sie wenn überhaupt irgendwie anders, dann doch rein rechnerisch bestenfalls doppelt-national. Sie hat das sehr kompetent direkt vom Menschen und Individuum weg auf eine Länderebene gestellt und erklärt, dass das voll cool sei, weil es auf Deutsch tolle Hörbücher für Kinder gibt und auf Japanisch gar nicht, und außerdem darf sie in den Sommerferien eine Woche auf den Reiterhof, was die japanischen Kinder ja wohl auch so gar nicht kennen. 

Die kleine Schwester erntete viel Erstaunen und Unverständnis von Seiten der Kinder und schallendes Gelächter von ihrer Kindergärtnerin, die ihr Recht gab. Halbe Menschen wären ja auch wirklich seltsam. Die würden schließlich umfallen, mit nur einem Bein und so. :-)

Damit hat die kleine Schwester ihre Identität wohl vorläufig erstmal geklärt. Sie veräppelt regelmäßig die Kinder im Kindergarten und lädt ihre Mama dazu ein, das auch zu machen. Denn die Mama wird regelmäßig gefragt, warum sie nicht japanisch ist, aber Japanisch spricht. Und die kleine Schwester und die Mama antworten jedesmal im Chor, dass die Mama doch gar nicht antworten könne, weil sie ja nicht japanisch ist und das deshalb auch gar nicht verstehen und sprechen könne. Was genau an dieser Antwort von der komischen deutschen Mama nicht passt, ist noch nicht wirklich geklärt worden. Die irritierten Gesichter sprechen Bände.

Dienstag, 18. April 2017

Alle Register

Shizuka ist eine Quasselstrippe. Auf Japanisch nennt man das お喋りちゃん, o-shaberi-chan. Im Englischen ist der Ausdruck chatterbox wahrscheinlich adäquat. Da Mama Wert darauf legt, dass die Kinder in einem altmodischen, eher analog ausgerichteten denn digitalen Haushalt aufwachsen, kennt Shizuka noch den altmodischen Kassettenspieler und -rekorder. Sie scherzt selbst: Sie ist in der Lage, eine 90-Minuten-Kassette in nur einer Viertelstunde vollzuquatschen. Und das inzwischen viersprachig, denn das Schulfranzösisch wird derzeit über Asterix-Comics, bei Duolingo und Rosetta Stone ausgebaut. Das Vokabelheft modert unter einer dicken Staubschicht irgendwo im Klassenzimmer.

Witzig im Alltag ist, was Shizuka in welcher Sprache erledigt. 
Alltag und Schule – Deutsch. 
Spielplatz und Einkaufen – Japanisch*. 
Lieder, Gesang, Rhythmus, Percussion, Musik allgemein – Englisch. 
Sie singt auch. Von Kinderliedern über Pop bis hin zu Rock und Metall. Aber Englisch. 
In der Küche, beim Zählen und bei der Klassischen Antike (Geschichtsunterricht) sind wir dagegen derzeit Französisch unterwegs. Der Papa reagiert amüsanterweise vermehrt auf Französisch, wenn Shizuka etwas will. Bislang bestand er immer darauf, der japanische Teil der Familie zu sein. Noch vermuten wir keine Identitätskrise, aber das kann noch kommen.

Ganz anders die kleine Schwester. 
Alltag, Spielplatz, Bastelarbeiten, Rechnen, Gesang und Klavier werden Japanisch abgehandelt. Da muss auch die Mama Japanisch ran, das Kind ist stur. 
Sport, Literatur, Brett- und Kartenspiele sind dagegen Deutsch belegt**.  
Kinderlieder und Schreiben sind bei ihr Englisch belegt. Sie kann sich über das Alphabet und ihre Schreibbemühungen einfach nicht Deutsch unterhalten, weil sie das zwar einerseits mit Mama auf Deutsch macht, andererseits aber als 英語, ei-go (Englisch) im Kindergarten mit ihren Freundinnen teilt. Und ja, es sind lustigerweise nur Freundinnen. Sie spielt nicht mit Jungs. Nur in der Freizeit, zu Hause, auf dem Spielplatz, im Umfeld der Deutschen Schule. Niemals im Kindergarten. Da sind Jungs doof, sie hauen, treten, spucken, ärgern, mögen nur Ninja und so blödes Zeug und haben nichtmal von Dinosauriern wirklich viel Ahnung!*** Sagt die kleine Schwester. Echte Dinos sind deutsch bei ihr.



* Klavier auch, dank der kleinen Schwester, die bei der gemeinsamen mehrsprachigen Klavierlehrerin bevorzugt Japanisch nutzt und zu Hause natürlich mit Shizuka zusammen in die Tasten haut. Mit Shizuka spricht die Klavierlehrerin dagegen überwiegend Deutsch. Zwei Kinder, eine Familie, zwei Sprachen. Die arme Dame.

** Immer, ohne Ausnahme. Das geht soweit, dass die kleine Schwester auch besuchenden japanischen Kindern die Regeln von Memory oder Uno nicht auf Japanisch erklären kann, sondern die Mama oder Shizuka das übernehmen müssen.

*** Es scheint eine ganz einfache Schwarz-Weiß-Geschichte zu sein mit den Dinos und den japanischen Jungs. Blutrünstige Monster gigantischen Ausmaßes – ja. Fakten wie gefundene Skelette, Unterscheidung in Pflanzen- und Fleischfresser, korrekte Bezeichnung der verschiedenen Arten – nein. Da Dinosaurier aber nach heutigem Wissensstand weder ausgeprägt rosa, noch 可愛い (kawaii, herzig/niedlich) oder rüschen- und schleifchenbesetzt waren, kann sich die kleine Schwester auch nicht mit den japanischen Mädels darüber unterhalten. 大変ねえ!Die Dinos müssen deutsch bleiben.

Nachtrag:
Register bezeichnet in der Linguistik eine bestimmte Wortwahl, grammatische Konstruktionen oder eben bei multilingualen Menschen auch die jeweilige Sprache, in der mit bestimmten Leuten oder über bestimmte Themengebiete gesprochen wird. Hier spiegelt die Sprachverwendung soziale Beziehungen wieder. Mir war nicht bewusst, dass ich da ohne Erklärung einen Fachausdruck verwendet hatte. Ich bitte um Entschuldigung, wenn das Verwirrung gestiftet hat.

Mittwoch, 10. August 2016

Trauer

Shizuka ist nun seit einigen Tagen wieder zurück in Japan. Sie hat, wie wir alle, die Zeitverschiebung ganz gut weggesteckt und ist wieder gut im heißen japanischen Sommer angekommen. 

Aber sie trauert. Die beiden besten Freundinnen sind nicht mehr da, sie sind zurück nach Deutschland gegangen. Und die japanische Freundin ist in Kumamoto, Oma besuchen. Nichts ist mit der kleinen Dame anzufangen: Schwimmen ist doof, Klettern ist doof, Spielplatz ist doof, Fahrradfahren ist doof. Das einzige, was sie wirklich gerne tut im Moment, ist am Strand herumhängen. Dort baut sie mit der kleine Schwester Burgen, sammelt Muscheln, spielt Fußball und schwimmt im Meer. Wenn wir nicht zum Strand gehen, verbuddelt sie sich in ihrem Zimmer und liest. Sie ist kaum ansprechbar. 

Es tut in der Seele weh, wenn Kinder trauern.

Mittwoch, 13. Juli 2016

Sommerferien Nr. 6

Es geht in absehbarer Zeit nach Deutschland. Hier werden Koffer gepackt, letzte wichtige Wäschestücke neben die Waschmaschine gelegt (es sind halt doch Mädchen) und die Bücherregale werden fieberhaft nach Literatur für den langen Flug abgesucht. Als ob es kein Bordprogramm gäbe! Aber gut – lesende Kinder sind brave Kinder, und die Damen dürfen ihr Handgepäck selbst tragen. Die Kuscheltiere sind schon ausgezählt worden und das auserkorene Tierchen bereitgelegt, so dass es sich auf keinen Fall bis zum Abflug wieder verstecken kann. Ich habe zum ersten Mal überhaupt einen japanischen Abzählreim zwischen "Eine kleine Mickeymaus ..." und "Ene-mene-meck ..." gehört.

Die Kinderzimmer wurden aufgeräumt (und wieder verwüstet), Oma in Deutschland hat inzwischen bestimmt fünfmal unsere Flugdaten durchgegeben bekommen, damit sie uns auch wirklich pünktlich abholt. Eine deutsche SIM-Karte fürs Handy ist genauso dabei wie die Adressen aller Freunde hier zwecks Postkarte. Ja genau: Ansichtspostkarten. Shizuka will insgesamt wenigstens vier Stück schreiben. Die Kinder sind über Skype, E-Mail, Internet-Telefonie und teilweise sogar Whats-App miteinander verbunden, aber Shizuka besteht auf der altmodischen Postkarte. Weil, die kann man anfassen. Sagt sie. Und da kann man fünfmal wegradieren, wenn einem das Geschriebene am nächsten Tag nichtig erscheint. Und außerdem ist es gut, wenn man nur das Wichtigste draufschreibt, weil sonst der Platz nicht reicht – da quasselt man keinen Unfug. :-)

Wir haben heute das Planschbecken im Garten noch einmal gereinigt und für unsere Haussitter neu befüllt, den Rasen im Garten geschnitten, Unkraut vor dem Haus gerupft und 大掃除 (oosouji, Großputz) veranstaltet. Die Futon sind im Gästezimmer ausgelegt, und der Kühlschrank ist mit Eis und kalten Getränken bestückt. Es herrscht wirklich langsam Aufbruchsstimmung ...

Besonders nett: Shizuka hat sich die App Duolingo auf ihr Handy geladen, um in Deutschland doch ohne viel Aufwand und spielerisch etwas für die Schule zu tun. Sie will in der englischen Orthographie firmer werden und außerdem eine kleine Idee bekommen, was nach den Ferien in Französisch auf sie zukommt. Seit gut einer Woche schallt ihr Handy nun schon mehrsprachig durch's Haus, und sie hat wirklich Spaß daran. Duolingo ist sehr spielerisch aufgezogen, man kann täglich Punkte erzielen, bekommt für regelmäßige Nutzung Punkte, die man im Laden gegen kleine Rätsel einlösen oder verwetten kann. Die Übungen bestehen aus Wort-Bild-Paaren, die nach den Regeln von Memory zusammengebracht werden müssen, aus Nachsprechübungen und vorzunehmenden Übersetzungen. Einzelne Wörter und Phrasen sind genauso dabei wie ganze Sätze, und manchmal darf sogar nach Diktat geschrieben oder übersetzt werden. Da der minimale tägliche Aufwand bei 5 Minuten liegt, nach oben aber keine Grenze gesetzt ist, lernt Shizuka gerade ganz zwangsfrei. Mama musste sich die App auch laden, es geht gerade darum, wer täglich mehr Punkte erspielt. Bei Englisch hat Shizuka natürlich keine Chance gegen Mama, bei Französisch ist sie dagegen im Vorteil nach einem halben Jahr AG in der Schule. Wir sind gespannt, wie sich das entwickelt.

Samstag, 9. Juli 2016

Tanabata

Am 7. Juli ist es jedes Jahr soweit: Tanabata, das japanische Sternenfest, wird gefeiert. Überall stehen seit zwei Wochen Bambusbüschel herum, in die Kinder und Erwachsene auf hübschen Papierstreifen ihre Wünsche hinterlassen. In Schulen, Kindergärten, Kaufhäusern, vor Gemeindezentren und in privaten Gärten werden diese "Wunschgräser" aufgestellt und stehen da für ein paar Tage. Kinder basteln aus Origami-Papier Sterne und kleine fächerartige Konstruktionen, die im Wind wehen und glänzen. Dazwischen hört man immer wieder das Tanabata-Lied (klick).

Gestern kam Shizukas kleine Schwester nach Hause und erzählte, was nach dem Fest mit Bambus und Wünschen passiert. Die Erzieher und Erzieherinnen in ihrem Kindergarten hatten in einer feuerfesten Schale ein bisschen Papier und Bambus zum Brennen gebracht und übergaben Wünsche und Bambus nach und nach den Flammen. Zusammen mit dem Rauch sollten die Wünsche in den Himmel aufsteigen, zu den Sternen. Und zu Orihime-sama und Hikoboshi-sama, die als Kami den Wünschen Erfüllung gewähren könnten. Dabei sind die beiden Figuren mit den im Westen als Altair und Wega bekannten Sternen assoziiert. Die Legende hinter diesem Brauch kann man trotz aller Kritik hier ganz gut nachlesen.

Jetzt sind natürlich alle neugierig, was sich die beiden kleinen Damen in dieser Familie gewünscht haben, nicht? Nun, die kleine kleine Dame will unbedingt einmal Prinzessin sein. Und die große kleine Dame wünscht sich derzeit nichts sehnlicher, als zwei ganz bestimmte Mädels in Deutschland zu treffen, die eine in der Rhön, die andere in der Nähe von Stuttgart ...

Freitag, 8. Juli 2016

Es sickert langsam durch

Die Sommerferien kommen langsam so richtig in Gang, und Shizuka beginnt zu realisieren, dass danach in der Schule einiges anders laufen wird. Das traditionelle Montagslettern findet auch während der Ferien statt, und nun ist in drei Tagen das erste Treffen "in neuer Besetzung" dran. Heißt konkret, die beiden besten Freundinnen und ihre Familien fehlen. Wir haben lange miteinander gesprochen. Sollen wir wirklich gehen? Oder ist das zu traurig? Gerade jetzt sitzen die Familien im Flieger nach Deutschland ...*

Wir haben uns entschlossen, mit Freundin Nr. 3 und ihrer Familie zusammen zu gehen und das bis auf weiteres so zu belassen. Es wird traurig, ja. Und wir vermissen unsere Freunde. Auch die Erwachsenen sind traurig. Aber es geht trotzdem weiter, und vielleicht ergibt sich ja nach den Sommerferien eine neue Zusammensetzung der Gruppe, so dass aus den momentan zwei Familien wieder drei, vier oder fünf werden.


* Wir denken an Euch und wünschen Euch eine gute Reise, offene Arme bei Eurer Ankunft und viel Seelenruhe in den nächsten Tagen, um mit den Herausforderungen des Umzugs fertig zu werden!

Dienstag, 5. Juli 2016

Sommerferien, Nr. 3

Noch ein Tag in der japanischen Schule, diesmal mit Englischunterricht, Sport und einem weniger genießbaren Mittagessen. Englischunterricht war ein Kulturschock, Shizuka erzählte: Da kam ein Ausländer in die Klasse, erzählte kurz was vom Wetter, wir mussten alles nachsprechen. Dann hat er was von Baseball, Basketball, Tennis, Golf und so erzählt, und wir mussten jeden Satz nachsprechen. Dann hat er "Yes, I can!" und "No, I can't!" gesagt, und das mussten wir auch nachsprechen. Danach hat er die Klasse gefragt, ob jemand eine der genannten Sportarten kann oder nicht, und dann musste immer ein Kind bejahen oder verneinen. Und keiner hat sich gemeldet! Die wussten das alles nicht! Das war soooooo langweilig!

Ähem, ja. Vergleich mit dem Englischunterricht an ihrer eigenen Schule .... Negativ. Oder anders gesagt: Schlimmer geht immer, der ist auch nicht gut, aber allemal besser als DAS.

Nachmittags gab es Seifenblasen und Wasserschlacht im Garten, auf Schwimmbad und Spielplatz hatte heute keiner Lust. Und Shizuka war langweilig. Nur ein Arbeitsblatt als Hausaufgaben, groß genug bedruckt, dass die halbblinde Uroma es lesen könnte, und keine intellektuelle Herausforderung. Bis auf die eklatante Papierverschwendung ("Sind die hier alle kurzsichtig oder was?") völlig uninteressant. Also schnappte sie sich kurzerhand ihr Handy und loggte sich bei Duolingo ein. Damit die im vergangenen Schuljahr erworbenen Sprachkenntnisse nicht völlig verloren gehen, hatte sie sich vorgenommen, jeden Tag 10 Minuten Englisch und 10 Minuten Französisch zu üben. Naja, eher zu spielen. Die App ist ideal für Kinder, die gerne nebenbei lernen, mit vielen Memory-Spielen, Bilderkennungsübungen und sogar ein bisschen Nachsprechen und Vorsagen lassen. Das Gelernte kann per E-Mail an die Sprachlehrkräfte geschickt werden, so dass im Schulunterricht über Blended Learning die erreichten Ziele einbezogen werden können. Wenn Shizuka den ganzen Sommer über dabei bleibt und nicht aufgibt, wird sie das vermutlich nach den Ferien auch in der Schule erwähnen. Es macht ihr Spaß, und sie verbrachte heute insgesamt eine gute Stunde damit. Tippen mit dem Handy ist zwar weniger lustig, aber das Ganze auf Mamas Computer online zu nutzen war ihr dann auch zu blöd.

Montag, 4. Juli 2016

Sommerferien, Nr. 2

Der erste Ferientag, der erste Schultag für Shizuka. Schön war es, erzählte heute Mittag eine fröhlich lachende und auf dem Heimweg permanent hüpfende kleine Dame. Reiseintopf zum Mittagessen, gemeinsames Klassenzimmerputzen und der Lernstoff von vor zwei Jahren, das muss in der Mischung recht cool gekommen sein. Außerdem mag sie scheinbar die Kollegen und Kolleginnen in der Schule, die nach eigenen Angaben so völlig anders sind als deutsche Schulkinder, aber doch irgendwie okay. Und was sie besonders witzig fand: Alles wurde mit すごい、かわいい、すてき kommentiert. Die popolangen Haare, die Turnschnäppchen (statt 部屋ばき), der deutsche Scout-Schulranzen, das dazu passende Mäppchen, die Erzählungen von der Deutschen Schule und die Tatsache, dass die kleine Dame ihre Kanji zwar nicht im Griff hat, aber rechnet wie ein Weltmeister und eigentlich nie die Klappe hält. Der Nachmittag auf dem Spielplatz fiel dementsprechend entspannt aus, tobende Kinder, die bei den extrem feucht-schwülen 34° C und strahlendem Sonnenschein eigentlich einen Hitzschlag hätten kriegen müssen.

Später dann das übliche Montagsklettern mit den Klassenkameradinnen aus der Deutschen Schule. Es war das letzte, vorerst, denn von den anwesenden drei Familien (ja, diesmal waren auch Eltern und jüngere Geschwister dabei, insgesamt haben wir die Boulderwand mit 12 Leuten überlastet) gehen zwei diese Woche zurück nach Deutschland. Das Treffen fiel entsprechend laut aus, aber nach kurzer Erklärung hatte das Personal sehr viel Verständnis und tolerierte auch die anschließende Studentenfutter-und-Sportgetränk Party in der Kinderecke. Tränen flossen, nicht nur bei den Kindern, und unter Umarmungen und Küsschen rechts und links versprach man sich, elektronisch in Kontakt zu bleiben. Wir sind gespannt ...


Abends dann zu Hause wurde die Anspannung bemerkbar: Shizuka kollabierte auf dem Sofa und war erst wieder nach 1 1/2 Stunden "Asterix in Amerika", einem tüchtigen Abendessen und ausgiebigen Streicheleinheiten ansprechbar. Zum Glück sind die nächsten Tage ausgebucht und voll spannender Abenteuer, sonst würde sie vermutlich in ein depressives Loch fallen. Die zwei besten Freundinnen sind weg. Das ist sehr, sehr schlimm, glaube ich. Und ich habe wirklich Respekt, dass sie das bisher so cool nimmt.

Sonntag, 3. Juli 2016

Sommerferien, Nr. 1

Acht Wochen Freiheit. Acht Wochen Zeit. Acht Wochen ohne feste Struktur, ohne Freunde, ohne Stundenplan, ohne Ziel und ohne Perspektive. Was tun? Richtig: Durchplanen. Und genau das haben wir gemacht. Immerhin ist Ferienzeit auch Zeit für Abenteuer!

Während der ersten Woche wird Shizuka die japanische Grundschule in der unmittelbaren Nachbarschaft besuchen. Klasse 3, ihrem Alter entsprechend, mit 33 anderen Kindern, die wenig bis keinen Kontakt mit Ausländern und Ausländerinnen haben. Die einsprachig aufwachsen, für die die tägliche Portion Kanji so normal ist wie das Zähneputzen, und die auf Shizuka genauso neugierig sind wie Shizuka auf sie ist. Der große, große Vorteil für Shizuka liegt darin, dass ihre Tage in der Schule gut strukturiert sind, das schulische Mittagessen keine Wahlmöglichkeiten zulässt, und der Nachmittag trotzdem frei bleibt. Denn AGs und Clubs gibt es da nicht wirklich, insofern ist sie ungewohnt früh zu Hause und hat noch viel Zeit für den ganzen Quatsch, den Neunjährige eben so machen wollen während der Sommerferien. Konkret: In der Hängematte im Garten chillen, ins Freibad gehen, klettern gehen, die Spielplätze unsicher machen und vielleicht manchmal auch einfach nur im Haus rumgammeln. Vielleicht. Falls es mal regnen sollte. Oder andere Katastrophen passieren.

Für die darauffolgenden drei Wochen sind Ausflüge und Reisen geplant, immerhin haben Mama und Papa da auch frei. Es gilt, die weitläufigere Umgebung noch einmal etwas besser zu erkunden, Bekannte, Verwandte und Freunde zu besuchen. Das sind Wochen voller Spaß, die aber trotzdem halbwegs durchgeplant sind. Sehr gut. Und hoffentlich regenfrei.

Danach bleiben noch vier lange Wochen, bis die Schule wieder anfängt. Geplant ist da bisher wenig. Mama arbeitet, Papa arbeitet zwei Wochen davon, die kleine Schwester hat kindergartenfrei. Die wird allerdings zumindest eine Woche lang einen Schwimmkurs besuchen und ist dementsprechend vormittags ausgebucht und nachmittags (hoffentlich) müde. Für Shizuka ist diese Zeit die große Herausforderung: Was fängt man mit so viel Freiheit nun an? Das Wochenende jedenfalls haben wir für Einkaufsbummel, einen Ausflug nach Ueno und einen längeren Schwimmbadbesuch genutzt ...

Freitag, 10. Juni 2016

Das bewegt die Jugend

Nach der Bekundung unglaublicher Langeweile im Zug gestern gab es noch einige weitere Nachrichten von der klassenfahrtgestressten kleinen Dame und ihrer Partnerin. Und das bewegt die Kids:

- Abendessen: Grillgut.
- Grimassen. Drei Bilder, gemacht mit dem Mobilfunkgerät, und zwar allesamt sehr witzig. Danke dafür!
- Spaß. Scheint massig vorhanden, den vielen Emoticons nach zu urteilen.


Und das hätte die Mama interessiert:

- Gasteltern – nett?
-  Verständigung – klappt?
- Wetter – Klamotten okay?
- Heimweh vorhanden? 
- Husten, Schnupfen, Heiserkeit? 
- Schlafenszeit eingehalten? 
- Genug getrunken?

Man sieht, die Interessen gehen auseinander. Trotzdem: Solange hier Smileys ankommen, die nicht nur ein smile, sondern laughter zeigen, ist die Welt in Ordnung. :-)

Donnerstag, 9. Juni 2016

Und dann auch noch Langeweile.

Die erste SMS von der Klassenfahrt hat mich erreicht: "Mama, Hilfe. Ist so langweilig im Zug."

Ob die begleitenden Lehrkräfte das auch so sehen?

Mittwoch, 8. Juni 2016

Schon wieder so aufgeregt

Die diesjährige Klassenfahrt steht an. Die Kinder nehmen an einer art Austauschprogramm teil, bleiben zwei Tage lang in japanischen Gastfamilien und werden an regulären japanischen Schulen bespannst. Rundum-Wohlfühl-Programm mit einer Menge Unterhaltung, und Shizuka hat das Vergnügen, der japanischsprachige Teil eines Schülerinnenduos zu sein. Immer zwei oder mehr Kinder gehen zusammen in eine Familie, damit die Verständigung auch garantiert ist.

Sie ist aufgeregt. Sehr aufgeregt. Sie hüpft seit ein paar Stunden auf dem Sofa auf und ab und treibt mich in den Wahnsinn mit ihren Fragen:

Ist alles gepackt? (Ja, hast Du doch selbst gemacht.)

Wie wird das Wetter? Hab ich die richtigen Kleider? (Ja, Du hast jetzt fünfmal die Wetter-App aufgerufen.)

Wo sind meine Bücher? (Immer noch im Rucksack. Die laufen da auch nicht freiwillig raus.)

Mama, hab ich Kekse dabei? (Drei Päckchen. Nach Wunsch.)

Wir gehen echt ins Onsen? (Steht im Programm, schau selbst nach – auch zum fünften Mal.)

Vermisst Ihr mich dann? (Immer. Vor allem in der aktuellen Laune. Ehrlich. Ganz doll.)

Kurz und gut: Es ist halb zehn, und der kleine Floh ist nicht in der Laune zu schlafen. Wir haben wiedermal Youtube laufen, um sie etwas runterzuholen, und diesmal ist es nicht Apocalyptica live, sondern Nena. Danke, Herr Musiklehrer. Die Nachbarn sind not amused. Vier Stunden lang "99 Luftballons" und "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" sind vermutlich auch für Japaner hart an der Grenze. Ich hoffe mal, die coolste Tochter der Welt findet ihre Coolness bald wieder. Gerne auch mit Metallica oder Black Sabbath. Aber bitte kein Deutschrock mehr. Bittebittebitte.

Dienstag, 3. Mai 2016

Kurzurlaub mit vier "S": Spaß, Stress, Schock, Schrammen

Das vergangene Wochenende haben wir einfach um zwei Tage verlängert und waren bei den Großeltern. Shizukas Cousinen waren auch da, und dementsprechend turbulent ging es zu. Vier Tage hieß konkret acht Abenteuer mit vier kleinen Damen, die nicht nur das Haus der Großeltern auf den Kopf stellten. Hier die Highlights in aller Kürze:


- Reiten. Wir haben tatsächlich einen Reiterhof am Stadtrand gefunden, der leistbar ist, und Shizuka hat eine halbe Stunde Voltigieren genossen. Die kleine Schwester erzählte ihrer Ponyführerin derweil ganz stolz, dass die Mama vor einigen Jahren vom Pferd gefallen ist. Danke auch.

- Spielplätze. Fünf Stück in vier Tagen, und einer spannender als der andere. Kein Kind ohne Schrammen, die kleine Schwester schießt mit insgesamt drei Pflastern den Vogel ab. Rekord.

- RuKuRu. Ein Science Mitmach Museum für Kinder. Das Spannendste waren die Kapla-Steine: Zwei Stunden am Stück wurden Türme, Brücken, Hochhäuser, ganze Städte gebaut.

- Angeln. Shizuka verabscheut Gewalt gegen Tiere und jaulte wie ein Wolf bei Vollmond, als die kleine Cousine tatsächlich ein Fischlein an der Schnur hatte. Das kleine Tierchen wurde vorsichtig vom Angelhaken befreit und schnellstmöglich wieder ins Wasser geworfen, wo es sich schleunigst davonmachte. Der Fisch am Angelplatz nebenan hatte weniger Glück: Der wurde einfach in ein mit Albfolie ausgekleidetes Plastiksieb geworfen und durfte langsam ersticken. Ekelhaft.

- Kartenspiele. Shizuka beherrscht nun insgesamt fünf Spiele, die sie mit dem 52er Kartensatz nicht nur genießt, sondern auch Deutsch mit Mama und Japanisch mit den Cousinchen spielt. Der Brüller an diesem Wochenende: Lügenmäxchen. Ist bei japanischen Kindern scheinbar unbekannt, wir haben das kurzerhand als うそつき betitelt. Große Erheiterung bei allen.

- Zoo. Wiedermal. Und auch beim zweiten Besuch in diesem Jahr waren die Kinder begeistert von den Tieren, entsetzt über die nicht ganz artgerechte Haltung und einfach nicht aus dem Streichelzoo mit Kaninchen, Hühnerküken und Meerschweinchen wegzubekommen. Shizuka hat den Akku ihres Handys geleert: Fotos. Und Videos. Von allen Viechern. Sie äußerte kürzlich beim wiederholten Sehen eines Andreas Kieling Filmes, dass Tierfilmerin vielleicht auch ein Beruf für sie sei. Nun, wir üben. :-)

Donnerstag, 28. April 2016

Umgezogen

Nein, nicht wir. Die Kraniche sind umgezogen. 

Inzwischen sind über 600 kleine Papierkraniche in 50er Päckchen auf Drachenschnur gezogen, mit einem bunten Köpfchen befestigt und aufgehängt worden. Da die bunten Puschel inzwischen recht groß sind, haben wir sie von der Kleiderstange vor dem Tatami-Zimmer weg in die Tokonoma gehängt, wo sich unsere Besucher regelmäßig daran erfreuen. Übernachtungskinder, Japanischlehrerin und Papas Freunde haben schon so viel Bewunderung geäußert, dass wir langsam überlegen, einen zweiten Satz Kraniche rein zu Dekorationszwecken zu gestalten. Natürlich erst, wenn diese ersten 1.000 Vögelchen in Ueno angekommen sind. Inzwischen sind es übrigens schon mehr als 900 Papierkraniche (ich komme gerade mit dem Auffädeln nicht hinterher). Da Shizukas kleine Schwester tatkräftig mithilft, werden wir die 1.000 vielleicht sogar noch vor den Sommerferien vollkriegen. 

Samstag, 19. März 2016

Hauptsache wild!

Nach unserem Umzug im Oktober 2014 kamen wir unseren neuen Nachbarn über den kleinen Garten und die dort laut tobenden Kinder immer näher, und mit der Zeit stellte sich das als durchaus fruchtbar heraus. Hunde durften gestreichelt werden, japanisches Konversationstraining fand kostenlos über den Zaun statt, und eines Tages kam eine Nachbarin mit einem Stapel deutscher Teenie-Literatur unter dem Arm vorbei. Die Familie war eine Zeitlang in Deutschland gewesen, die Tochter hatte ausführlich gelesen, der Kram wurde aber jetzt nicht mehr gebraucht. Ob wir ...? Ansonsten Altpapier. Wir taten. Shizuka fasste die "Liebesgrüße per SMS" und ähnliche Werke zwar erstmal nur mit Gummihandschuhen und sensationellem Naserümpfen an, aber die "Wilden Hühner" von Cornelia Funke wurden nach kurzem Beschnuppern dann doch freudig angegangen. Die Reihe kam vollständig bei uns an, so dass nächtelangem Lesevergnügen beim Schein im Bett im Schein einer kleinen Funzel von Nachtlampe nichts im Weg stand. Wochenlang wollte Shizuka kein Huhn mehr essen, mit dem Fahrrad querfeldein und im Stehen fahren und musste doch einsehen, dass ein Wohnwagen im Grünen als Geheimversteck einer Mädchenbande hier in Yokohama nicht umsetzbar war. Seufzen. "Mama, wie schmecken eigentlich Sprotten?"* 

Der zur Buchreihe gehörende Spielfilm wurde ausgeliehen, mehrmals geschaut, mehrmals war das Kind enttäuscht: Das ist ja gar nicht wie in den Büchern, und die Mädels sehen auch ganz anders aus! Voll blöd. Bücher und Film sind letzten Endes Mädchenromantik pur, viel in Richtung Freundschaft und Zusammenhalt in Dick und Dünn.

Vor einigen Wochen entdeckte die kleine Leseratte dann im DVD-Regal der Schulbücherei "Die Wilden Kerle 1". Sowas wie die Hühner? Nur mit Jungs? Okay - müssen wir versuchen! Der Film verwandelte die kleine Individualsportlerin innerhalb von 90 Minuten in ein brüllendes kleines Fussballungeheuer, das eine Mannschaft suchte. Wahnsinn! Die Schulfreundinnen mussten in der Folge für das wöchentliche gemeinsame Klettertraining mit selbstbemalten T-Shirts in einheitlichem Stil ausgestattet werden (wir haben uns für Tie-dye entschieden), ein Kampfruf ("Klettern wie wild!") wurde entwickelt, im Schulsport mussten die Shirts auch angezogen werden, und selbstverständlich mussten die anderen Filme der Reihe SOFORT organisiert werden. Die Schulbücherei gab indes nur Teil 3 her. Mit einer Mädchenfussballmanschaft, die in rosafarbenen, bauchfreien Tops Fußball so spielten*, wie andere Leute Billiard. Über Bande, alles in 3D, und permanent kaugummikauend. Rosa Kaugummi. Mit vielen Blasen. Die nach dem Platzen gar nicht in den Haaren klebten***. Also wieder ein doofer Film. Teil 2? Teile 4 und 5? Nicht vorhanden. Vergriffen, sagte die Bibliothekarin. Mama sagte: Schau mer ma bei Gebrauchte Bücher und so. Und Mama wurde fündig, die Teile 2 und 5 kamen innerhalb von drei Wochen in Yokohama an, mit leichten Brüchen in der Hülle, aber ansonsten unbeschadet. Und da war klar: Die Fußballnärrin unter den Freundinnen musste zum Übernachten kommen, es würde eine DVD-Nacht geben, und anschließend mussten die Filme der Schulbücherei spendiert werden. Gesagt, getan. Der dritte Teil der Filmreihe stellte sich als außerordentlich cool heraus, der fünfte Teil hinterließ wieder maue Gefühle. Die "Kerle" sind mit zwei Mädels schon gar nicht mehr nur eine Jungsmanschaft, und so wirklich um Fußball geht es auch nicht, eher um Vampire. Und das Fazit?

Mama ärgert sich mal wieder, dass alle coolen Kinderbücher und -filme derart verkomerzialisiert werden. Trinkflaschen, T-Shirts, Schulranzen, Hefte und mehr, alles mit den Kerlen darauf. Die Hühnerreihe, die ja ähnlich angelegt ist, kam doch auch ohne so etwas aus. Immerhin besteht Shizuka nun auf selbstgemachtem "Wildsein", denn so wirklich fußballbegeistert ist sie doch nicht. Sie hat den Zusammenhalt der Jungs erkannt, die in den Filmen die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen perfekt nutzen, um gemeinsam zum Ziel zu kommen. Dass Jungs dazu einen Fußball brauchen ist halt einfach so. Und dann war da noch das Thema Jungs ...

Die Wilden Kerle sind ganz normale Jungs. Die Schauspieler sehen während der Autogrammstunden und im Tourbus aus wie zu groß geratene Kindergartenjungs mit ein paar Pickeln zu viel. Blöde T-Shirts und Jeans, alberne Jacken, zu dicke Turnschuhe. Dazu bei allen (!) ein Baseballcap, das verkehrt herum getragen wird und den Kopf der Jungs aussehen lässt wie ein Fieberzäpfchen mit Sonnenschild. Uargh. Und prompt hatten die Mädels eine interessante Frage: Warum sind Jungs eigentlich nur im Film cool?****

Wenn ich das nur wüsste ...

Es bleibt die Begeisterung für alles, was WILD ist. Sogar die kleine Schwester sitzt jetzt auf ihrem Fahrrad und johlt "Sei wild!". Als Projekt für die nächsten Ferien hat sich Shizuka die vierzehnbändige Buchreihe von den Fußballjungs vorgenommen. In Deutschland ist gerade der sechste Teil im Kino.





* Die Erfahrung sparen wir uns für den Sommerurlaub bei der deutschen Oma.
** Geht gar nicht. Nicht Fußball. Aua. Die hatten nichtmal blaue Flecken an den vorstehenden Hüftknochen.
*** Das widerspricht allen persönlichen Erfahrungen von Shizuka.
****So im echten Leben laufen sie zwar auch mit unmöglichen Klamotten und Fieberzäpfchenbasecaps herum, aber die sind ja auch NORMAL und keine Filmstars.