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Dienstag, 16. Mai 2017

Halbe Menschen? Schwierig, irgendwie ...

Die kleine Schwester wird sich langsam im Kindergarten immer mehr der eigenen Identität bewusst. Mama holt sie derzeit viermal wöchentlich mit dem Fahrrad ab, und die anderen Kinder nehmen vermehrt den deutschen Sprachgebrauch wahr. え、えいごはなす (Hä, Du sprichst Englisch?) hören wir da immer wieder. Die kleine Schwester hat ihre liebe Not zu erklären, dass es mehr Sprachen als nur えいご und にほんご (Englisch und Japanisch) gibt. Und dass nicht alles, was in Romaji geschrieben wird, Englisch sein muss. Und dass die Mama selbstverständlich auch, aber nicht ausschließlich, Englisch spricht.

Neulich kam eine lustige Frage auf:

Mama, ich bin doch eigentlich ein ganzer Mensch, oder? 

Ja, schon. Vielleicht ein bisschen kurz geraten, aber Du wächst ja noch. Warum fragst Du?

せんせい (sensei, die Lehrerin) hat gesagt, ich wäre ハーフ (haafu, halb). Aber ich bin doch kein halber Mensch. Ich hab zwei Ohren und zwei Augen und zwei Beine und zwei Arme und eine ganze Nase und einen ganz runden Kopf und so. Wie alle. Die haben doch auch nur zwei Ohren und so. Keine vier.

Oh. Ja, da hast Du Recht. Deine Kindergärtnerin meinte, dass Du Deutsch und Japanisch bist, also doppelt. Auf Japanisch heißt das halb. 

Voll komisch. Wenn wir はんぶんこ (hanbunko, halbe-halbe) bei せんべい (senbei, Reiskekse) machen, dann ist das doch dann weniger und nicht zwei statt einem!

Richtig, ein Stück wird kleiner, weil es in zwei Hälften gebrochen wird. Jeder bekommt ein Stückchen. Aber Du hast am Ende doch zwei Teile, also mehr als vorher. Vorher war es nur ein Teil. Du darfst nicht auf die Größe von dem Teil achten, das ist egal. Nur die Zahl ist wichtig. In den Zahlen ist はんぶんこ (hanbunko, halbe-halbe) doppelt so viel.

Hm, das ist aber komisch. Warum bin ich ハーフ (haafu, halb) auf Japanisch und nicht ダブル (daburu, doppelt)? 

Okay, so richtig erklären kann ich Dir das nicht. Glaubst Du mir das, wenn ich Dir sage, dass die Japaner nicht gleichzeitig reden und Mathe machen können? Die Hälfte ist immer weniger als das Ganze, da hast Du Recht. Du bist aber ein ganzer Mensch. Guckst Du in den Spiegel, dann siehst Du das. Und Du bist auch eine ganze Japanerin und eine ganze Deutsche. Schau hier, Deine Pässe: Alles komplett, keine halben Seiten. Das hier ist mein deutscher Pass. Der hat auch ganze Seiten, und viele Seiten. Wie Deiner. Die sind beide komplett, nicht halb oder weniger oder doppelt. Und wenn Du Papas japanischen Pass anschaust, siehst Du das da auch. Alles dran, was dran sein muss. Du sprichst ganz Japanisch und ganz Deutsch. Du hast genauso viele Großeltern wie die Japaner und die Deutschen. Und Du brauchst wohl auch genauso viele Schuhe. Alles klar?

Jahaaa .... Aber. Warum sagen die dann halb dazu? Das ist doch voll blöde! Kannst Du せんせい (sensei, die Lehrerin) nicht mal erklären, dass das eigentlich falsch ist? Weil, ich bin ja trotzdem ein voller, ganzer Mensch. Ich sprech doch nur mehr Sprachen als die und muss zwei Pässe haben! Das ist mehr, nicht weniger! Und anstrengender ist das außerdem.


Wir hatten in der Folge Gelegenheit, das Thema nachmittags im Kindergarten anzusprechen. Eines der Kinder bemerkte nämlich, dass die Nase von der Mama von der kleinen Schwester so ganz anders und sehr komisch aussieht im Vergleich zu den breiten, flachen japanischen Nasen. Und die Kindergärtnerin schimpfte das Mädchen dafür, weil eigentlich sind europäische Nasen doch かこい (kakoi, chic) und alle Leute sehen irgendwie sehr verschieden aus. Die kleine Schwester schließlich auch, weil sie ja halb sei. Und das war der Einstieg für die Kleine: Sie polterte los, dass die Kindergärtnerin Mathe lernen müsse, weil, halbe Leute gibt es erstmal gar nicht (Guck, ich hab genauso viele Arme und Beine wie Du!) und außerdem wäre sie wenn überhaupt irgendwie anders, dann doch rein rechnerisch bestenfalls doppelt-national. Sie hat das sehr kompetent direkt vom Menschen und Individuum weg auf eine Länderebene gestellt und erklärt, dass das voll cool sei, weil es auf Deutsch tolle Hörbücher für Kinder gibt und auf Japanisch gar nicht, und außerdem darf sie in den Sommerferien eine Woche auf den Reiterhof, was die japanischen Kinder ja wohl auch so gar nicht kennen. 

Die kleine Schwester erntete viel Erstaunen und Unverständnis von Seiten der Kinder und schallendes Gelächter von ihrer Kindergärtnerin, die ihr Recht gab. Halbe Menschen wären ja auch wirklich seltsam. Die würden schließlich umfallen, mit nur einem Bein und so. :-)

Damit hat die kleine Schwester ihre Identität wohl vorläufig erstmal geklärt. Sie veräppelt regelmäßig die Kinder im Kindergarten und lädt ihre Mama dazu ein, das auch zu machen. Denn die Mama wird regelmäßig gefragt, warum sie nicht japanisch ist, aber Japanisch spricht. Und die kleine Schwester und die Mama antworten jedesmal im Chor, dass die Mama doch gar nicht antworten könne, weil sie ja nicht japanisch ist und das deshalb auch gar nicht verstehen und sprechen könne. Was genau an dieser Antwort von der komischen deutschen Mama nicht passt, ist noch nicht wirklich geklärt worden. Die irritierten Gesichter sprechen Bände.

Dienstag, 2. Mai 2017

Du, Dir ist da ein Vokal verlorengegangen ...

... darf ich suchen helfen?

"Häh?"

Da, guck mal. Da steht KTZE. Was ist denn das?

"Mama, guck doch mal das Bild an, ist doch ganz klar. Fell, vier Pfotn, Schnurrhaare, spitze Ohrn. Ich geb Dirn Tipp: Frisst Mäuse."

KATZE also. Ich dachte schon, Du hättest KOTZE schreiben wollen. Puh, Glück gehabt.

"Iiih, sowas Ekliges schreib ich doch nicht!"

Echt? Woher soll ich das denn wissen? Normalerweise schreibst Du alle Buchstaben auf. Da hat einer gefehlt. 

"Jaaaa. Aber! Das da vorne heißt doch KA, da ist doch das A schon drin. Wieso muss ich das nochmal schreiben, ist doch dann zweimal, und dann würde das Vieh doch KA-ATZE heißen.Tut es aber nicht."

Hm. Ist ein Argument. Aber heißt der Buchstabe da vorne wirklich KA, oder K? Überleg mal, wie Du KELLER schreibst. Und KULLERN. Und KERN. Und KORN. Und wie Du die sprichst. Weißt Du noch, wie Du K gelernt hast? Das Schild vor der Schule, wo TOKYO steht? 

"Oh."

(Pause, inklusive vieler sehr theatralischer Mundbewegungen. Das Kind spricht, ohne Stimme. Phonologische Wahrnehmung trainieren kann so spannend sein. Am Ende ein fettes Grinsen.)

"Aber guck mal: か (ka). Das ist doch auch nur einer. Und der ist genug, da muss kein あ dahinta. Warum ist das Deutsch andas?"

Weil Hiragana eine Silbenschrift ist. Deutsch wird aber mit Buchstaben geschrieben, nicht mit Silben.  Silben kannst Du klatschen in den Wörtern, das weißt Du. Schonmal versucht, Buchstaben zu klatschen?

"Nee, das machn wir doch imma midden Mugglsteinchn! Die werdn nich geklatscht, sondan aufn Tisch gelegt. Aber das あ, das ist doch eigentlich dann ein Buchstabe und keine Silbe, oda?"

Oh-oh, erwischt. Ja. Und nein. Deutsch ist das ein Buchstabe, Japanisch eine Silbe. Oder ein Laut, der zusammen mit einem anderen Laut eine Silbe macht. Ein Laut ist ein Ton, wenn Du einmal den Mund bewegst oder die Zunge, das weißt Du doch.

"Das is aba richtig doof, so komm-lizi-ad!"




Beim Schreiben fällt mir auf, dass der kleinen Schwester zumindest aussprachetechnisch noch ein paar mehr Vokale verloren gegangen sind. Und Konsonanten. Und ein paar A haben sich im Eifer des Gefechts eingeschlichen, wo sie eigentlich gar nicht hingehören. Spannend! Wie sie das wohl selbst schreiben würde, was sie da gesagt hat?

Dienstag, 8. März 2016

Zwischen zwei Welten

Es ist Frühling, das erste Schulhalbjahr ist vorbei, und hier macht sich langsam Aufbruchstimmung breit. Etwa die Hälfte der Schüler und Schülerinnen in Shizukas Schule sind nur auf Zeit hier, müssen also jeweils nach ein, zwei, drei oder fünf Jahren zurück nach Deutschland oder ziehen weiter in ein anderes Land. Manche kamen aus Deutschland hierher, andere waren davor in den USA, in Frankreich, Malaysia, China oder den Emiraten. Was im letzten Sommer noch recht unproblematisch war, geht diesmal unter die Haut: Zwei Freundinnen von Shizukas gehen. Enge Freundinnen. Die ersten engen Freundinnen, die sie überhaupt hat, denn Shizuka tut sich etwas schwer mit Freundschaften, die unter die Haut gehen. Beide Mädchen haben deutsche Eltern, Rückkehr in absehbarer Zeit also eher unwahrscheinlich. Man war sich nicht wirklich in der Klasse näher gekommen, sondern eher in der Freizeit. Gemeinsam zum Bouldern gehen stand in den letzten drei Monaten sehr hoch im Kurs, wir waren zweimal wöchentlich unterwegs. Eltern und Geschwister kommen sich da auch näher, und so wird viel philosophiert, was denn da im Sommer passieren wird.

Ganz unterschiedliches kommt da zutage. Die eine Familie steht wirklich komplett hinter der Entscheidung, zurück zu gehen, hat auch beruflich wohl keine andere Wahl. Die Kinder freuen sich darauf, wieder im gleichen Land wie die Großeltern zu wohnen. Bei der anderen Familie sieht es anders aus. Man würde gerne länger bleiben, hat sich an Land und Leute gewöhnt, hat Freundschaften geschlossen. In Deutschland ist kaum Perspektive vorhanden, außer dass es eben für gewisse Berufsgruppen immer irgendwie weiter geht. Klar, Verwandte sind da. Freunde auch. Aber man ist sich doch sehr bewusst, was man hinter sich lässt. Und das spüren auch die Kinder. Die Große ist seit längerem nachdenklich. Sie will zurück nach Deutschland, vermisst Leute, die dort sind. Aber sie will auch bleiben. Sie sagt definitiv: Ich bin auch hier zu Hause. Ich habe nicht eine Heimat, ich habe zwei davon. Und die ältere Heimat wird, wenn ich zurück bin, vermutlich keine Heimat mehr sein, sondern Fremde. Deutschland hat sich verändert während der letzten paar Jahre, und das spüren auch Elfjährige deutlich. 

Shizuka hält sich aus den Unterhaltungen heraus. Sie hatte ihre Identitätskrise vor gut eineinhalb Jahren, als sie Deutschland hinter sich gelassen hat und dahin gezogen ist, wo sie sonst nur im Urlaub war. Sie kennt das Gefühl, nie wirklich zu Hause zu sein, weil zu Hause nicht ein Ort ist, sondern viele Orte. Das waren harte Monate, bis sie das für sich selbst ausgefochten hatte, aber sie hat es geschafft und ist jetzt relativ stabil als "Erdenbürgerin". Mehr Geografie will sie nicht, hinsichtlich ihrer Identität. Aber wie können Kinder diese Orientierungslosigkeit aushalten, wenn sie "nur" eine Nationalität haben und eigentlich an eine feste Zugehörigkeit gewöhnt sind? Wenn sie in einer Gesellschaft aufwachsen, in der klare und eindeutige nationale Zuweisungen selbstverständlich sind? Erwachsene kennen Fernweh und Heimweh. Was kann man Kindern an die Hand geben, um die Knoten zwischen Sprache, geografischem Aufenthaltsort, Nationalität und eigener Geschichte irgendwie aufzudröseln und eine Identität daraus wachsen zu lassen? Immerhin wirft so ein mehrjähriger Auslandsaufenthalt ja doch einige Fragen auf, die über pure Sprachprobleme hinaus gehen. Das "Wer bin ich?" wird ja nicht durch einen Blick in den Spiegel oder einen Blick in den Pass klargemacht. Identität klärt sich zu einem ganz großen Teil aus dem, was andere über einen selbst wissen, sagen, denken. Da ist man jahrelang als "die Deutsche" in Japan, kehrt nach Deutschland zurück und wird von alten Freunden plötzlich als "die Japanerin" gesehen ...


Shizuka hat ihre eigene Lösung gefunden. Sie hat eine kleine, ledergebundene Kladde angelegt, in der ihr alle Personen, die ihr nahe stehen, etwas schreiben oder malen dürfen. Das können Gedichte sein, Songtexte, Adressen, Buchtipps oder Skype-Kontakte. Da stehen deutsche und japanische Sachen drin, da sind Bilder, Fotos und Aufkleber. Jeder und jede darf so viele Seiten verwenden, wie er oder sie will. Einzige Vorgabe: positive Grundstimmung. Es ist erstaunlich, was Kinder, Eltern und Lehrkräfte im Laufe der Zeit da so alles hineingeschrieben haben. Manches ist herrlich unbeschwert, andere Texte drücken eine enorme Ratlosigkeit bezüglich der Zukunft aus. Shizuka liegt manchmal abends im Bett und blättert einfach nur durch das Büchlein, liest mal hier und mal da und lächelt. Schön, dass da jemand seine Heimat unabhängig von geografischen Gegebenheiten gefunden hat.

Samstag, 21. Februar 2015

Seelenpflege

Es wird Frühling. Die ersten im November liebevoll gesetzten Krokusse blühen im Garten (Ende Februar, unglaublich), Narzissen und Tulpen und Lilien sprießen. Wunderkind Nummer Zwo hüpft fröhlich herum und jault herzzerreißend さいた さいた チュリップ の 花 が 。。。

Passend zum angenehm sonnigen und warmen Wetter haben wir den größten Teil des heutigen Tages im Freien verbracht, nach dem Aikido-Training* im Schulhof gepicknickt, sind Fahrrad und Rollschuhe gefahren, Dosenstelzen gelaufen und haben Ball gespielt. Da die Schule am Wochenende Treffpunkt aller erholungssüchtigen Eltern und Kinder ist, waren wir nicht alleine, und wir haben es genossen.** 

Und während nun meine Nummer Eins Mathehausaufgaben erledigt, habe ich mir seit langem wieder einmal meinen MP3-Player herausgesucht und eingestöpselt (Danke, Bruderherz!). Zuerst Paddy goes to Holyhead, saftig-fetzige Stücke aus den Mitt-1990ern, mit etwas Fidel dabei und viel Gitarre. Ich muss wohl mitgesungen haben beim Sashimi Zubereiten, denn plötzlich tönte ein "Mama, Du störst!" aus dem offenen Wohnzimmer. Okay, Töchterchens Geometrie war gestört. Dann eben leiser. Kurz danach dann ein interessierter Blick: "Was singst Du da von Muffins?" Ich bekam kurzerhand Zirkel und Geodreieck in die Hand gedrückt, die Ohrstöpsel war ich los, und mein 8jähriger Zwerg fetzte zu "Red Rasta" durch's Wohnzimmer. Die erste Kinderdisco in Japan, und dann auch noch zu (sagen wir es freundlich) geschmackvolleren Sachen als dem gewohnten Rolf Zuckowski. Die Kleine ging ziemlich ab. "Civil War" fand dagegen weniger Begeisterung "Das fetzt, aber ich find das in der Ukraine gerade zu traurig, da will ich keine Musik drüber hören." Mit den Auseinandersetzungen in Irland konnte sie nicht viel anfangen, Geschichtsunterricht gibt es in der Grundschule noch nicht, und in Englisch wird das nicht angesprochen. Einverstanden - muss ich dann wohl irgendwann selbst übernehmen. Wer Paddy hört, sollte wissen, was er/sie hört.

Nach kurzer Pause und Begutachtung der kolorierten Geometrien im Matheblock ging es zurück in die Küche, diesmal mit Rosenstolz. Klar, ist nicht ganz kinderfreundlich - aber hey: Ohrstöpsel. Ich dachte, das reicht. Nein. "Mama, LATEIN!?" Öhem, ja. Amor Vitam. Die Stöpsel wurden wieder weitergereicht, Kind sang mit. "Die singt voll cool! Und der Kerl, Schokolade!" Ich nehme mal an, dass sie sich auf die Stimme bezog, so kurz vorm Abendessen. Nachdem ich erst gestern in der Schule im Rahmen eines Vortrags darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Sprachen nicht nur zum Sprechen gut sind, sondern für viel mehr taugen, kam das nun nicht ganz unerwartet. Es diskutiert gerade gefühlt ganz Deutschland über Sinn und Unsinn von Latein und Altgriechisch in der Schule. Ich will an dieser Stelle erwähnen, was ich gestern schon vertreten habe: Allein als Fremdsprache mag es für Kinder heute sehr unsinnig sein, tote Sprachen zu lernen. Sie werden schlicht nicht gebraucht. Aber Latein ist nicht Sprache. Latein ist eine Wundertüte (Altgriechisch genauso). Es geht nicht darum, die Sprache zu lernen - die ist eigentlich nebensächlich. Das ist stures, stupides Auswendiglernen von Grammatik und Vokabeln, vieles davon schult das logische Denken, aber nicht viel mehr. Das, was dabei wirklich wichtig ist, ist das drumherum. Latein ist Kultur, Sachunterricht in gewissem Sinn. Denn in welchem anderen Fach sonst könnten junge Menschen Archäologie entdecken, Mythologie kennenlernen, sich mit der europäischen Geschichte auseinandersetzen und amüsante Missverständnisse über "Germanien" lesen? Liebesgedichte, die Biologie zum Hintergrund haben, Philosophie und Staatskunde - Latein ist nicht Sprache, sondern ein Einstieg in interdisziplinäres Arbeiten. Und deshalb finde ich es wichtig, dass es weiterhin an Schulen gelehrt wird. Gerne auf freiwilliger Basis, aber es sollte gelehrt werden. Es erschließt Kindern so viele neue Möglichkeiten, zeigt ihnen Wege, zu ihrer Identität als Europäer zu finden, und hinter jeden neuen Buchseite öffnen sich neue Türen in unbekannte Welten. Latein weckt Forscherdrang und macht neugierig, wirft mehr Fragen auf, als es beantworten kann, und ja: Man kann durchaus über Roma B I zur Vulkanologie kommen. Mir ist bewusst, dass andere Schulfächer auch das Potential dazu haben. Dank dem überladenen deutschen Lehrplan der einzelnen Länder bleibt es aber beim Potential, und zwar bei ungenutztem Potential. Für Lateinunterricht steht Latein auf dem Lehrplan und lässt den Lehrkräften die Freiheit, die Kinder mit allen möglichen Extras für Sprache und Unterricht zu begeistern. Es hängt allerdings auch hier (Wo nicht?) unglaublich viel an der Persönlichkeit und Arbeitsweise der Lehrkraft. Aus meinem eigenen Erfahrungsschatz heraus wage ich zu behaupten, dass Altgriechisch, Hebräisch in gleicher Weise funktionieren.



* Auch das verbuche ich unter Seelenpflege. Bevor ich Kinder hatte, habe ich leidenschaftlich verschiedene Kampfsportarten trainiert. Es gibt so einiges, was während der Schwangerschaft oder mit Stillkindern eben doch nicht geht ... Meine Samstag Morgende sind mir seit November heilig, denn die gehören dem Sport und mir.
** Auf dem Heimweg beehrte uns auch wieder der kleine Eisvogel im Park, mit der üblichen Traube fotografierender Japaner rundherum. Vogelfotografie schein hier ein rein männliches Hobby zu sein, und zudem noch auf Menschen im Rentenalter reduziert. Eigenartig.

Montag, 28. Juli 2014

Alles eine Frage der Motivation?


Warum lernen Kinder? Bei Erwachsenen ist die Sache ganz einfach: Die meisten lernen entweder nichts mehr, oder sie erwerben neue Fähigkeiten und Kenntnisse, weil sie es entweder beruflich benötigen oder es ihnen Spaß macht. Beides sind Motivationen, die logisch und sinnvoll sind, die etwas mit dem Willen zu tun haben. Sie lernen, weil sie es wollen. Warum lernen Kinder? Wollen sie das? Wenn es um den Erwerb neuer Fähigkeiten geht, um Fähigkeiten wie Schwimmen, Fahrrad Fahren, Skateboard Fahren, Singen, durch die Zähne pfeifen, Getränkedosen kicken und mit Grashalmen nervige Quietschtöne erzeugen – ja, sie wollen das. Deshalb bringen sie Stunden, Tage und ganze Sommerferien damit zu. Wer einmal miterlebt hat, wie sich Sechsjährige nach dem Erwerb des „Seepferdchens“ an den Freischwimmer herantasten, wird das bestätigen. Das Erlernen der Baderegeln ist nicht das Problem, das Bewältigen der 200 m Schwimmen in beliebiger Technik, aber eingeschränkter Zeit schon. Da wird gepaddelt und geschwommen, bis die Lippen blau sind. Da tummelt man sich von morgens bis abends im Freibad, nimmt Sonnenbrand, Unterkühlung, Schwitzen und den Wegfall jeglicher Freizeit in Kauf. Das Taschengeld geht für einen Tauchring und eine Schwimmbrille drauf, und die kleinen Hochleistungssportler stehen stundenlang unter dem Dreimeterbrett, um sich die Sprungtechnik der Großen abzuschauen. Geübt wird erst am Beckenrand, bei zunehmendem Mut am Startblock, dann am Einer. Der Dreier ist der Olymp, da traut man sich eine ganze Saison lang nicht rauf. Und wofür das ganze Theater? Für einen kleinen runden Aufnäher am Badehöschen und ein Stück Papier, das nach einem halben Jahr niemanden mehr interessiert. Es ist enorm, wieviel Motivation ein Kind aufbringen kann.

In der Schule sieht das anders aus. Da gibt es kein Schwimmabzeichen, das man sich selbst im Schweiße seines Angesichts (wortwörtlich), unter Erbringen größter persönlicher Opfer und entgegen den Ratschlägen ängstlicher Eltern erarbeiten kann. Da gibt es anständig portionierten Lernstoff, der in vorverdauten 45-Minuten-Häppchen serviert wird, von einer Lehrkraft, die in der Regel die Bahnen des Denkens ebenso vorgibt wie die Zeit, die man dafür benötigen darf. Querdenken ist nicht erlaubt, denn das ruiniert das Klassenziel. Selbst erarbeiten ist nur in Ordnung, solange es im vorgeschriebenen Tempo erfolgt, und als Belohnung winken – Hausaufgaben und Klassenarbeiten. Sind diese „Leistungskontrollen“ geschafft, steht da eine Ziffer auf dem Papier, das die Eltern unterschreiben dürfen. Kein „Rechenpass“, kein Aufnäher, nicht einmal sonderbar viel Interesse im Umfeld – wer will schon fünfmal erzählt bekommen, dass man jetzt die Addition im Hunderterbereich beherrscht? Kein Wunder, dass die Motivation da leidet.

Interessant ist dann noch die Frage, was mit den Kindern passiert, die eine unglaubliche Lernmotivation haben, sich nicht in das schulische System einfügen wollen und gegen Unterforderung rebellieren. Um beim Vergleich mit dem Schwimmabzeichen zu bleiben: Was passiert mit den stolzen Seepferdchenbesitzern, die sich sofort auf den Dreier trauen, bereits zwei Meter tief tauchen und sich in einem Sommer die 200 m Strecke erarbeiten? Nichts passiert mit denen, die dürfen im zarten Alter von sieben Jahren ein Schwimmabzeichen erwerben, das einmal für Neun- bis Elfjährige vorgesehen war. Keine große Sache, die stolzgeschwellte Brust bei Vater und Sohn versteht sich von selbst (gleiches gilt für Mütter und Töchter). In der Schule ist das nicht so. Werden die Hausaufgaben nicht erledigt, sondern stattdessen zwanzig Seiten weiter im Mathebuch gearbeitet, muss das Kind in der Regel nachsitzen und in der Nachsitzstunde die nicht gemachten Aufgaben erledigen. Warum? Weil schließlich alle Kinder Hausaufgaben machen müssen, und zwar die, die die Lehrkraft aufgibt, keine selbst ausgesuchten. Denn wo kämen wir denn da hin, wenn in der Schule jeder zeigen würde, was er besonders gut kann? Ob das Nachsitzen so motivationsfördernd ist, fragt niemand. Was macht das mit einem Kind, wenn es begeistert lernt, voller Enthusiasmus das Klassenziel lange vor Schuljahresende erreicht, und dafür mit Freizeitentzug und zusätzlichen Aufgaben (die nicht interessieren, sondern so einfach sind, dass sie zu Tode langweilen) bestraft wird? Es geht um Menschenkinder, wohlgemerkt, um Menschen, die die gleichen Rechte auf körperliche und geistige Unversehrtheit haben wie Erwachsene, die in die Fürsorge (!) der Lehrkräfte übergeben sind.

Was ist mit Erwachsenen in vergleichbaren Situationen? Würden wir es verantworten, einen hochkompetenten Chirurgen sechs Stunden täglich (ausgehend im Vergleich zu einem durchschnittlichen Schultag von Grundschülern inklusive Hausaufgaben) Gemüse schnippeln zu lassen, weil andere Leute das ja schließlich auch so machen? Würden wir die Steuerfachkraft im Lager Sprudelkisten zählen lassen, weil sie gut mit Zahlen kann und das andere eben auch machen? Der Arbeitsmarkt sieht da andere Dinge vor – jeder muss zuerst nach seinen Befähigungen eingesetzt werden. Dass das nicht immer möglich ist, steht auf einem anderen Blatt. Das ist auch richtig so, denn bei chronischer Unterforderung droht den erwachsenen Fachkräften geistige Verarmung, Depressionen bis hin zu Suizidgefahr, inklusive Klinikaufenthalt, getragen von den Krankenkassen. Was chronische Unterforderung mit Grundschülern macht, dazu an anderer Stelle mehr - es wird ein langer Bericht.

Warum fördern wir unsere Kinder nicht besser, wenn die Indikation da ist?

Warum gibt es keine kassengeförderten Lernmodelle für begabte Kinder?

Nicht einmal die heilpädagogische Betreuung, die bei unterforderten Kindern zur Prävention ernsthafter seelischer Erkrankungen nötig ist, wird von den Kassen getragen. Warum nicht? Ist eine Behandlung eingehandelter (vermeidbarer) psychischer Erkrankungen kostengünstiger? 

Würden wir Erwachsene mit einer Zahnbürste die Straße kehren, wenn die Kehrmaschine im Keller steht – nur weil der Nachbar das macht, der keine Kehrmaschine hat? Das menschliche Gehirn ist ein zu Höchstleistungen fähiges Organ - das offenbar häufig genug gezwungen werden muss, im Leerlauf zu arbeiten. Warum?

Heißt schulische Bildung nicht, dass Kinder befähigt werden sollten, ihr Gehirn für das zu nutzen, wofür es da ist, also zum Denken?

Ist Bildung Sache des Elternhauses? Sollen Eltern am Nachmittag und an den Wochenenden all das auffangen, Kinder mit ins Museum nehmen, in Kurse stecken, in die Bibliothek schicken? Wann sollen Kinder dann noch spielen? Oder dürfen begabte, wissbegierige Kinder nicht spielen, wenn sie ihre Lernmotivation erhalten wollen? Geht der Bildungsauftrag der Schulen (also die Daseinsberechtigung der Schulen, die Kindern Bildung vermitteln sollen) bei begabten Kindern an die Eltern über? Wenn ja: Bekommen Eltern dann das Lehrergehalt überwiesen, wenn sie einen pädagogischen Schnellkurs absolvieren, und die Kinder dürfen vormittags die Schule schwänzen? Wenn nein: Warum kommt die Schule dem Bildungsauftrag dann nicht nach? 

Ganz klar, die Fragen provozieren. Das sollen sie auch, denn mit einem Schulterzucken und der Einstellung, dass man ein bestehendes System nicht zugunsten Einzelner ändern kann, ist es nicht getan. Nach den demokratischen Grundsätzen dieses Landes steht jedem Kind (also nicht nur dem Durchschnitt, nicht nur den lernschwachen Kindern) eine seinen Begabungen entsprechende Bildung zu, die es in seiner persönlichen Entwicklung fördert und fordert und zu einem seelisch und geistig erwachsenen Menschen heranreifen lässt. Dieser Anspruch wird derzeit nicht erfüllt. Pfui!

Dienstag, 24. Dezember 2013

Weihnachten in Farbe?

Weihnachten ist bunt. Kunterbunt. Bunt wie ein Regenbogen, bunt wie ein Farbkasten. Zumindest für mich, denn ich sehe bunte Lichter überall in der Stadt, die bunten Zuckerstangen beim Weihnachtsmarkt, einen grünen Baum, bunte Kugeln am Baum, bunte Lichterketten am Balkon von unseren Nachbarn und sogar bunte Schokokugeln im Adventskalender. Weihnachten fühlt sich nicht nur gut an, Weihnachten riecht auch gut. Nach Lebkuchen, frisch gebackenen Plätzchen, Tannenbäumen, Kerzen, Mamas Handcreme mit Bienenwachs. Nach heißer Honigmilch. Und nach Tonjiru - das ist eine Art Eintopf, der in Japan immer im Winter gegessen wird. Weihnachten hört sich auch an, und zwar auch gut. "Alle Jahre wieder" und "In der Weihnachtsbäckerei" und "Morgen kommt der Weihnachtsmann" und "Dicke rote Kerze". Dieses Jahr auch nach Mama am Klavier. Und nach Glocken und Glöckchen, Knistern von Kerzenflammen und dem Rascheln von Christbaumzweigen.

Ich war vor zwei Wochen mit meiner Mama und einem Freund in der Experimenta in Heilbronn. Dort gibt es im Stockwerk "Netzwerk und Kommunikation" eine Schreibmaschine, die haut Löcher ins Papier. Das ist eine Schreibmaschine für Blindenschrift. Blinde können auch lesen, nur dass die Bücher Knubbel statt Buchstaben haben. Mama hat meinen Namen getippt. Und dann habe ich meinem Papa einen Brief getippt. Das war ganz schön schwer, denn alle Buchstaben im Alphabet werden mit sechs Punkten gebildet, die immer anders geordnet sind in einem Raster. Gar nicht so einfach. Papa hat einen ganzen Abend mit Wikipedia gebraucht, um den Brief zu lesen. Und natürlich waren ein paar Schreibfehler drin.

Gestern Abend habe ich ein Buch aus der Stadtbücherei gelesen, das in Buchstaben und in Braille geschrieben ist: Das schwarze Buch der Farben. Es geht darum, dass die Welt eigentlich ganz bunt ist. Aber das Buch ist schwarz, die Seiten sind schwarz. Mit glattem Lack sind auf das matte Papier Muster und Gegenstände gemalt, die man fühlen kann. Und man kann die Sätze auch mit den Fingern lesen, denn alles ist mit Buchstaben und mit Blindenschrift geschrieben. Das ist spannend. Denn ein Buch über Farben ist für blinde Leute doch eigentlich Quatsch, oder? Mama hat mir erklärt, dass manche Menschen nicht blind geboren werden, sondern schon Farben kennen und wissen, wie Dinge aussehen, weil sie erst später durch eine Krankheit oder einen Unfall blind geworden sind. Das ist bestimmt schwer. Wie erklärt man aber den anderen, was Farben sind? Wie Rot aussieht? Das einem bei Blau ein bisschen kalt wird? Dass Gelb nach Sonne und Meer riecht? Dass Grün sich wie frisches, feuchtes, glattes Gras anfühlt? Dass Braun zwischen den Fingern krümelt wie leicht muffig riechende Gartenerde? Dass Lila nach Flieder riecht und sich anfühlt wie die glatten Blüten von Veilchen? Dass Weiß eigentlich gar nicht Weiß ist, sondern Licht, das mit einem Stück Glas in einen Regenbogen verwandelt werden kann? Das ist echt schwer.

Mama hat gesagt, dass ich mit meinen Fragen die meisten eigentlich schon beantwortet habe. Weil Rot eben wirklich so aussieht wie Erdbeeren und Tomaten schmecken, es warm macht und nach Himbeersirup riecht. Dass Blau wie Heidelbeeren schmeckt, ein bisschen kühl und nass ist und immer nach Winter riecht. Dass Grün sich wie Gras anfühlt, vielleicht auch danach riecht, aber ganz sicher wie Salatgurke schmeckt. Und so weiter. Das ist doch dann eigentlich wie sehen, oder? Wenn man so genau weiß, wie die Farben sind. Wenn ich "Rosa" denke, sehe ich auch nicht einen riesigen rosa Flecken vor meinen Augen, sondern höre Schweine grunzen, rieche Zuckerwatte und schmecke Himbeeren. Und das ist so, obwohl ich sehen kann. Das Buch ist übrigens total cool, das müsst Ihr unbedingt auch mal lesen! Aber erst nach Weihnachten, denn bis dahin habe ich das ausgeliehen. :-)))

Frohes Fest und gesegnete Feiertage mit viel Lebkuchenduft, Tannenzweigen (ohne Pieksen) und heißer Schokolade!

Freitag, 15. November 2013

Sankt Martin

Wir waren beim Martinszug, Mama, meine Schwester und ich. Das war schön - ein echter Martin ist auf einer großen Stute geritten. Ich glaube, das war ein Kaltblut. Die war wirklich groß! Ich hatte meine selbstgebastelte Laterne vom vorletzten Kindergartenjahr dabei. Meine kleine Schwester hatte auch eine Laterne. Wir haben die Geschichte von Sankt Martin und dem Bettler gehört und gesehen, gesungen und gebetet. Danach gab es heißen Kinderpunsch und Martinsgänse aus Hefeteig.

Auf dem Heimweg sind wir noch einkaufen gegangen. Mama hat an der Kasse mit einem Mann geredet. Der hat gesagt, dass er es toll findet, wenn Kinder zum Martinszug gehen. Er hat erzählt, dass in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen alle Leute sagen, dass Kinder nicht mehr mit dem Kindergarten zum Martinszug gehen dürfen, weil das ja ein christliches Fest ist und nicht alle Kinder christlich sind. Mama hat gesagt, dass sie Toleranz und gemeinsames Lernen wichtiger findet als zu reden, was christlich ist und was nicht. Ich habe das nicht alles verstanden. Aber ich fand es schön im Kindergarten, wenn alle Kinder zusammen Laternen gebastelt haben. Und wir haben nicht nur christliche Feste gefeiert! Wir haben uns zu Halloween verkleidet. Und wir sind zusammen in eine Moschee gegangen und haben viel von Mohammed gehört. Und wir haben letztes Jahr in der Schule unser Sommerfest japanisch gefeiert: mit Origami und Wunschzetteln in den Bäumen. Ein echtes Tanabata Fest! Dabei bin ich das einzige japanische Kind in der Klasse. Meine Freunde fanden das alles ganz cool. Die dachten gar nicht, dass es doof sei, ein Fest zu feiern, das es im christlichen Deutschland nicht gibt. Für Kinder ist das alles so viel einfacher als für Erwachsene. Mama hat mir erklärt, dass das daran liegt, dass Erwachsene sich selbst so furchtbar wichtig finden und deshalb manchmal vergessen, sich zu entspannen. Für Kinder ist das einfacher, weil die noch nicht alles so ernst nehmen.

Papa hat gesagt, in Japan gibt es keine Laternenfeste im Herbst. Sankt Martin kennt dort niemand. Aber im Sommer, da gibt es Matsuri. Jede Stadt und jedes Dorf feiert im Juli oder im August ein Totenfest. Das heißt O-bon, und da werden auch viele Laternen angezündet. Mama hat erklärt, dass die Laternen die Toten nach Hause führen. Also, nicht die toten Leute, sondern die Seelen. Wenn Menschen sterben, dann lässt die Seele den Körper alleine und geht wieder zu Gott. Aber natürlich hat die Seele nicht vergessen, wen sie lieb hat - und einmal im Jahr dürfen die Seelen ihre Familie besuchen. Die Laternen leuchten in der Nacht und zeigen ihnen den Weg nach Hause. Das ist zwar anders als ein Martinsumzug, aber die Kinder können dann auch sehen, wie schön die Laternen in der Nacht aussehen. Und die Leute denken auch bei O-bon daran, anderen zu helfen. Wie Sankt Martin. Sonst würden sie die Laternen nicht aufstellen, um den Seelen den Weg nach Hause zu zeigen.

Montag, 11. November 2013

Ein kleines Geschenk zur Adventszeit ...

Shizuka ist wahnsinnig gespannt auf Weihnachten. Sie freut sich unheimlich, und natürlich wird sie während der Adventszeit Wunschzettel schreiben, viele Weihnachtsgeschichten lesen, Plätzchen backen und Christbaumschmuck basteln, Weihnachtsbriefe an ihre Freunde und Freundinnen in Deutschland und Japan schreiben. Und sie hat so viele Wünsche! Neue Reitstiefel, einen Holzschlitten, Bücher mit Pferdegeschichten, Filme von Studio Ghibli, einen neuen Skianzug und eine Klavierlehrerin will sie haben. Ob sie die Wünsche wohl alle erfüllt bekommt? Und vor allem: Wie ist das eigentlich mit dem Winter und Weihnachten in Japan, einem Land, das eigentlich gar nicht so viele christliche Traditionen kennt? Shizuka will das wissen und fragt. Ihren Papa. Ihre japanischen Großeltern. Ihre Cousinen in Japan. Und natürlich ihre deutsche Mama, die ein bisschen im Dilemma ist: "Mama, Jesus hat doch alle Kinder lieb und will sie beschützen und ihnen helfen und Weihnachten seinen Geburtstag mit ihnen feiern. Warum dürfen die Engel dann an Weihnachten keine Geschenke zu den japanischen Kindern bringen?"*



Begleitet Shizuka durch die Adventszeit. Es ist die erste, die sie in der Spannung zwischen christlichem Deutschland und buddhistisch-shintoistischem Japan bewusst erlebt. Sie macht sich viele Gedanken darüber, was in Japan anders ist als hier. Und was hier vielleicht gar nicht so viel besser läuft. Sie wird Euch ihre Gedanken und Fragen mitteilen, ihre Wünsche und Anregungen. Und sie wird sich auf Weihnachten vorbereiten, ohne ihre japanischen Freunde zu vergessen. Ab Ende November gibt es hier eine Art Adventskalender zum nachlesen, nachdenken, Bilder angucken, grübeln, beten, singen und basteln. Für deutsche und japanische Kinder - denn auf dem Geschwisterblog Shizuka no Nihongo wird es begleitend bilinguale Texte, Links zu japanischen Zeiten zum Thema und vieles mehr geben. Viel Spaß und eine gesegnete Adventszeit! (Die für uns gestern schon irgendwie angefangen hat, mit einem ganz besinnlichen Sonntag voller Martinslegenden, -liedern und einem himmlischen Basar.)



*Was antwortet man einer gläubigen, warmherzigen Siebenjährigen auf so eine Frage, ohne zu lügen und ohne dem kindlichen Enthusiasmus einen Dämpfer zu versetzen?