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Mittwoch, 6. November 2019

Fortschritte der besonderen Art – in mehrerlei Hinsicht

Die besondere Situation von Shizuka und ihrer kleinen Schwester hält die Mama immer auf Trab: Da sind Situationen mit Freunden, Lehrkräften oder anderen Erwachsenen, die erklärt werden müssen. Da sind alltägliche Szenarien, die Stress verursachen. Da sind einfach unglaublich viele Momente, die der Mama zeigen, dass die beiden Mädchen auf ihre eigene Art und Weise ganz besonders sind. Missverständnisse ergeben sich hin und wieder aus dem, was in anderen Familien als normale soziale Interaktion gilt. 

Die ein oder andere Fortbildung zu Themen wie Autismus-Spektrum, besondere Sensibilität, soziale Konflikte bei Kindern, Über- und Unterforderung sowie die respektiven Kongresse und Vorträge sind fester Bestandteil von Mamas Arbeitstag geworden und haben in den letzten Jahren maßgeblich dazu beigetragen, den Alltag zu entschärfen. Es ist erstaunlich, aber die beiden kleinen Damen entwickeln tatsächlich sehr viel mehr Verständnis für die "normalen Leute" und deren Menschlichkeiten ("Unzulänglichkeiten" wäre ein zu negativer Begriff) als das umgekehrt der Fall ist. Gerade läuft wieder ein Kongress in den USA von einer der psychologischen Beratungsstellen, die sich mit dem Entschärfen des Alltags für Kinder und Eltern im Autismus-Spektrum beschäftigen. 

Umso witziger war der Blick in die Zeitung heute morgen. Großer Zufall, die Süddeutsche titelte online: "Autismus: Supermarkt führt Extra-Stunde ein". Worum geht es? Eine neuseeländische Supermarktkette hat auf Anregung einer angestellten hin seit gut einem Jahr eine Stunde der Öffnungszeiten ganz besonderen Menschen gewidmet. An einem Nachmittag der Woche werden für eine Stunde die Lautsprecher ausgeschaltet und die zu Werbe- und Verkaufszwecken sehr pointierten Lichtführungen gedimmt. Die Angestellten wuseln nicht mehr durch den Laden, um Regale einzuräumen und laut scheppernd Einkaufswagen an ihren Platz zurückzubringen, sondern ziehen sich soweit wie möglich zurück. Der Supermarkt wird für Menschen, die sensibel auf Reize reagieren, "entschärft". Und  das Konzept war während der Testphase in einigen der Supermärkte der Kette so erfolgreich, dass es auf alle mehr als 110 Filialen ausgeweitet wird. In einigen anderen Ländern gibt es ähnliche Bestrebungen. Allerdings merkt die Süddeutsche ganz treffend an: In Deutschland wird dieses Thema komplett ignoriert.

Shizuka reagierte amüsiert: Wir hatten uns für die japansicher Supermärkte immer mit Sonnenbrillen und Ohrstöpsel ausgestattet und gewisse Märkte aufgrund der Reizüberflutung schlicht gemieden. Deutsche Einkaufsmöglichkeiten wie die Ketten Rewe und Tegut sind entspannend im Vergleich zu dem, was wir vier Jahre lang in Japan erlebt haben. Nun hatten wir immer den Eindruck, dass Trends aus den USA, Australien und Neuseeland schneller in Japan als in Deutschland ankommen. Eine kurze Suche in den online englischsprachig publizierten japanischen Tageszeitungen brachte allerdings kein Ergebnis. Trotzdem: Liebe Neuseeländer/-innen, macht weiter so! Und vor allem schickt Ihr bitte Eure Marketing-Experten und -Expertinnen mal rüber, denn dieses Konzept brauchen wir hier auch! Bitte-bitte-bitte!

Dienstag, 20. Juni 2017

Abschied, schon wieder

Das Schuljahr ist fast zu Ende, und es haben sich wieder einmal überraschende Freundschaften ergeben. Und wie im letzten Jahr verlassen auch diesmal wieder einige Familien das Land. Shizuka ist nur von einem Fall betroffen, der aber doch für Trauer sorgt. Sie hatte in der Schule tatsächlich erste zarte freundschaftliche Bande geknüpft, das Mädchen kennen wir schon lange, die Familie wohnt in der Nähe, und der Lebensstil ist unserem vergleichbar. Besonders nett: Shizukas neue Freundin steckt in einer ähnlich angespannten Situation wie Shizuka selbst auch, wächst mehrsprachig auf, hat eine Klasse übersprungen, interessiert sich für extrem spezifische Themen und pflegt eine Ratte als Haustier – sehr liebevoll, und ganz ohne Scheu irgendwelchen Krabbelviechern gegenüber.  Ein frecher kleiner Feger, Neuem gegenüber offen und sehr bestimmt, was die eigenen Präferenzen angeht. Zum ersten Mal hat Shizuka eine Seelenverwandte getroffen, die auch noch auf ihrer Wellenlänge liegt  trotz dem enormen Drang zur Unabhängigkeit. Der Abschied fällt also wieder schwer, zumal die kleine Schwester diesmal auch trauert. Wir werden gemeinsame Schwimmbadbesuche, Spielenachmittage und herausragende musikalische Darbietungen vermissen.

Andere Veränderungen betreffen in erster Linie das Personal der Schule und sind mit weniger Herzschmerz als vielmehr dem Verlust kompetenter Pädagogen und Pädagoginnen verbunden.

Und noch ein Abschied steht an: Shizuka konnte aufgrund eines besonderen Projekts der Schule das Sprachlernprogramm Rosetta Stone ein Schuljahr lang kostengünstig nutzen und hat das für Englisch und Französisch intensiv getan. Mit dem ersten Juli läuft unsere Lizenz aus. Shizuka wird schon nervös, wenn sie an die Arbeitshefte, Vokabelhefte und Grammatiken denkt, die sie danach wieder zur Vorbereitung auf Klassenarbeiten und für den täglichen Vokabelspaß wird nutzen müssen. Wir hoffen immer noch, dass die Schule das Programm im kommenden Schuljahr wieder anbietet – so freudig habe ich noch nie ein Kind Vokabeln pauken sehen. Möglich wurde die Aktion wohl in der Zusammenarbeit mit der IJM Stiftung. Neben dem Sprachangebot von Rosetta Stone waren ein Mathe-Paukprogramm namens Better Marks und diverse Freizeitangebote mit der Initiative verbunden. Die Freizeitangebote klangen wirklich verführerisch, von Robotik-Camps auf hohem Niveau über Lego-Workshops und Philosophietage bis hin zu Walbeobachtungs-Expeditionen war wirklich alles dabei. Leider waren diese Angebote in erster Linie für in Deutschland ansässige Kinder und Jugendliche gedacht, an den deutschen Schulferien orientiert und außerdem aufgrund der sehr hohen Kosten für uns nicht nutzbar. Auch im Angebot des Junior-Studiums zeigte sich der extrem elitäre Gedanke der Initiative: Die monatlichen Gebühren dafür wären für uns nicht leistbar gewesen. Das Angebot ist ohnehin derzeit auf mathematische und wirtschaftliche Studiengänge beschränkt, so dass Shizuka dem nichts abgewinnen konnte. Sie war extrem enttäuscht davon, denn sie hatte sich nach dem tollen Einstieg über das Sprachprogramm sehr viel mehr erhofft. Wir sind neugierig, ob diese Fördermöglichkeit für begabte Schüler und Schülerinnen auf wirtschaftliche Interessen beschränkt bleibt und hoffen natürlich darauf, dass auch Menschen fernab kapitalistischer Interessen künftig derart gefördert werden können. Klingt etwas böse, ist auch genau so gemeint. ;-)

Freitag, 24. Juni 2016

Wiedererkannt

Eben im Rahmen weiterführender Studien gelesen, und es spricht mir aus der Seele. Hier. Okay, Mädchen statt Junge, Filmabend entfällt, 

Und es sind Bücher, keine Computerspiele. Ansonsten kann ich den Text absolut nachvollziehen, und abgesehen von den hier ganz eigenen Essgewohnheiten trifft das einfach nur zu. 

Der Text macht nachdenklich. Viele der geschilderten Besonderheiten, was aktuell als Störung im Autismus Spektrum diagnostiziert wird, würde ich persönlich noch als ganz normale, individuelle Entwicklung abtun und gar nicht weiter problematisieren. Charakterzüge eben. Manche Leute mögen Seife, andere nicht. Wie viele Kinder sind motorisch ungeschickt, kommen regelmäßig zu spät zur Schule, driften komplett ab, wenn es um ihr Hobby geht (Pferde, Bücher, Zocken, was auch immer) und hassen Körperpflege? Wo ist die Grenze zwischen Charaktereigenschaften und einer Störung, die nach Intervention verlangt? Ist eine Autismus-Spektrums-Störung im hochfunktionalen Bereich wirklich sofort eine Störung? Solange die Diagnose auf Verhaltensbeobachtungen beruht, woran will man Störung im Gegensatz zu Individualität festmachen? Oder anders gefragt: Wenn ein Kind wirklich keine Seife mag, weil die Haut sich danach einfach doof anfühlt – wie sehr darf sich das Kind wehren, bevor es irgendwo im Spektrum verortet wird? Wie oft pro Woche darf man denn irgendwo zu spät kommen, bevor es pathologisch ist?

Und vor allem: Das, was im Verhalten der sogenannten hochbegabten Kinder immer wieder beobachtet wird, ist in der US-amerikanischen Autismus-Diskussion allgegenwärtig. Kinder lehnen Körperhygiene ab – ja genau, weil die meisten Seifen, Cremes, Deos und Duftwässerchen auf der Haut brennen, Juckreiz verursachen, die Haut austrocknen oder schlicht stinken. Entschuldigung, zu stark parfümiert sind. Das wird in Deutschland oft mit dem Begriff hochsensibel geahndet. Oder die extreme Sensibilität gegenüber Geräuschen, Lärm, Licht, Farben. Läuft in Deutschland unter hochsensibel, in den USA unter Anzeichen für Autismus. Ähnlich sieht es bei den Interessen aus: Wer sich extrem in ein Thema vertieft, davon auch nicht abzubringen ist, und das in einer für das Alter untypischen Art und Weise tut, der gilt hier als vielleicht hochbegabt, dort als autistisch – wie stark darf man sich denn, mit Verlaub, selbständig fortbilden, bevor man als in irgendeiner Art und Weise verhaltensauffällig gilt? Die Liste lässt sich fortsetzen: altersunangemessene Schlafgewohnheiten (Braucht wirklich jeder Mensch in einem bestimmten Alter genau gleich viel Schlaf?), extrem ausgebautes Vokabular (Wer liest, hat automatisch ein größeres Vokabular – ist regelmäßiges Lesen deshalb schädlich?) und Redefaulheit oder unbrennbare Redseligkeit, Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen, damit verbunden auch Schwierigkeiten in der Schule ... 

Ich frage mich, was wir überhaupt verstanden haben und wissen, in Sachen Wahrnehmung und Informationsverarbeitung. Die Forschung geht weiter, immer, ganz klar. Dementsprechend sensibler werden die Diagnosen. Und natürlich werden auch die Interventionsmöglichkeiten ausgebaut. Aber sollten Kinder wirklich den Stempel "autistisch" oder "hochbegabt" aufgedrückt bekommen, nur weil sie etwas anders ticken? Ticken sie überhaupt anders, oder entwickeln sich Menschen einfach nur individuell? Wenn sowohl Hochbegabung als auch Autismus an der Biologie festgemacht werden, beispielsweise an leicht von der Norm (Welche Norm?) abweichenden Prozessen bei der Informationsverarbeitung, die sich tatsächlich im fMRT nachweisen lassen, was bedeutet das? Organe sind schließlich nicht bei allen Menschen exakt gleich, und das Gehirn ist ein Organ, nicht mehr und nicht weniger. 

Autismus und Hochbegabung scheinen also erst einmal nah beieinander zu liegen. Das eine hat den Beigeschmack eines mentalen Defizits, das andere steigert den Leistungsdruck ungemein. Beides nicht gut, wenn man die gesunde Entwicklung der Kinder im Blick hat. Und vor allem: Interventionen sind nett, auf die Kinder angemessen eingehen im schulischen Rahmen ebenfalls. Aber wo ist nun der Unterschied zwischen "individuellen Lernstand erkennen und das Kind da abholen, wo es sich befindet" und "Inklusion benachteiligter Kinder"? Läuft das nicht beides an den Schulen letztendlich auf Binnendifferenzierung und notgedrungen kleinere Klassen hinaus? Fragen über Fragen ...

Was haben wir heute morgen diskutiert? Ja richtig: Sky und Bavaria Film wollen "Das Boot" zu einer Fernsehserie machen, die bis 2018 stehen soll. Das Gespräch bei Brotsticks mit Haselnusscreme drehte sich um die Filmtechnik der frühen 1980er Jahre, die heutigen größtenteils animierten Filme und Serien, die Geschichte hinter "Das Boot" inklusive Kalter Krieg und Opas Vergangenheit bei der Marine, um die Fernsehgewohnheiten verschiedener Generationen. Spezialinteressen? Festhalten an Gewohnheiten und Routinen? Wer es wagt, mir die morgendliche halbe Stunde mit Kaffee und Zeitung (und Diskussionen mit Töchterchen) zu stören, dem gnade Gott! (Muss ich mir jetzt aufgrund der undurchbrechbaren Routinen Sorgen machen?)

Sonntag, 12. Juni 2016

Es wird geforscht

Shizuka ist etwas anders drauf als die meisten Kinder ihres Alters. Es ist vielleicht schon aufgefallen, dass sie eine höhere Klasse besucht, als das ihrem Alter entspricht, dass sie nicht ganz alltägliche Hobbys hat,  in ihren Interessen und ihrem Benehmen etwas abseits der Masse steht und einfach immer wieder auffällt. Und das nicht immer positiv. 

Nach gut eineinhalb Jahren an der (nun nicht mehr ganz so) neuen Schule, in einem ihr vorher eher fremden Land, will ich noch einmal Bilanz ziehen.

Die Schule scheint, trotz aller Baustellen, offenen Probleme und Dinge, die verbessert werden sollten (besser geht immer, ganz ehrlich), gut. Shizuka sagt selbst, dass sie auf keinen Fall in einer anderen Klasse als der ihren sein wollte, dass sie zum ersten Mal jetzt das Gefühl hat, wirklich da zu sein, wo sie hingehört. Und das, was in der Schule geschieht, nähert sich auch langsam dem, was man für eine fünfte Klasse so allgemein erwartet. Wir scheinen also etwas richtig gemacht zu haben, auf diesem Gebiet. Bei den Hobbys sieht es ähnlich aus. Die kleine Dame vermisst zwar bitterlich ihr wöchentliches Wing Tsun Training, aber mit Aikido haben wir da wohl eine ganz gute Alternative gefunden. Sollten wir dieses Umfeld hier jemals wieder verlassen (Shizukas Worte), dann ist die parallele Ausübung beider Sportarten nicht ausgeschlossen. Klavierunterricht, ein- bis zweimal wöchentlich bouldern und hin und wieder ins Schwimmbad gehen gehören ebenfalls dazu und werden in der Regel begrüßt. Das Jammern von wegen "heute kein Bock auf dies und jenes" ist passé. 

Es bleibt das aggressive Verhalten nach Schulschluss jeden Tag, das sich innerfamiliär sehr negativ auswirkt. Allerdings fliegen schon längst keine Möbelstücke mehr um, Shizuka hat ihr selbstverletzendes Verhalten abgelegt, und lautes Geschrei ist auch nicht mehr alltäglich. Alltäglich sind Unlust, wenig Motivation, aggressiver Umgangston und das Gefühl, einfach erstmal runterkommen zu müssen. Aus Erfahrung weiß ich, dass manche Menschen eben einfach so drauf sind, dass sie nach Schule, Uni oder Arbeitstag einfach erstmal "ausdampfen" müssen. Das ist nicht angenehm für diejenigen im unmittelbaren Umfeld, und vor allem Shizukas kleine Schwester kriegt immer die volle Breitseite. Trotzdem scheint sich die Forschung inzwischen doch etwas mit diesen offenbar von einem ganz normalen Tag völlig aus der Bahn geworfenen Menschen zu befassen. Verlinkt an dieser Stelle ein aktueller Artikel aus Spektrum online.

Im Großen und Ganzen deckt sich der Text mit dem, was sowohl von Seiten der Begabtenforschung als auch in der Neurolinguistik und Neuropsychologie bekannt ist. Erfahrungswerte und aktuelle Praxis zeigen viel, was die Forschung selbst so noch nicht richtig aufarbeiten konnte. Es ist Not am Mann (und an der Frau), weil einfach vieles aus Beobachtungen bekannt ist, was bislang nicht mit wissenschaftlichen Methoden be- oder widerlegt werden konnte. Interessant ist dabei die Tendenz, auch in der Psychologie ein wenig weg vom Verhalten und hin zu neurobiologischen Implikationen zu gehen. Zusammenhänge zwischen dem tatsächlichen, subjektiven Empfinden (das Verhalten generiert) und der über fMRT messbaren Nervenaktivitäten werden hergestellt. Für die Sprachforschung, vor allem in Hinsicht auf Mehrsprachigkeit, waren und sind die Ergebnisse solcher interdisziplinärer Ansätze durchaus erhellend. Insofern denke ich, dass der Weg weiter verfolgt werden sollte. Denn am Anfang einer möglichen Intervention jedwelcher Art (Aggressionen gezielt abbauen ist etwas anderes als deren Entstehung einzudämmen) sollte doch immer das Verstehen des Phänomens stehen, nicht?

Dienstag, 10. November 2015

Ziemlich coole Betrachtung

Shizuka ist gerade ganz friedfertig, Vokabeln, Matheknobeleien und eine Buchvorstellung für den Deutschunterricht haben sie fest im Griff. Dazu kommt der neue Kletterkurs für Kinder, den sie einmal wöchentlich besucht und der deutlich leistungsorientiert ist. Das kennt sie aus dem Sport bisher noch nicht, Sport war immer nur Spaß. Sie kommt an ihre Grenzen, und das nicht nur körperlich: Der Kurs ist rein japanisch. Trotzdem fiebert sie seit drei Wochen nun immer dem Montag entgegen.

Mama hat derweil Zeit, sich beruflich weiterzubilden, und ist auf einen interessanten Artikel gestossen. Online, natürlich, und stark mit Werbung für Lernmaterial durchsetzt, aber trotzdem ganz interessant hinsichtlich Unterrichtsgestaltung und Mediennutzung. Deshalb soll der hier geteilt werden: Barbara Oakley zum Thema computerunterstütztes Lernen.

Samstag, 17. Oktober 2015

Zurück zur Normalität?

Das neue Schuljahr hat sich eingependelt, der Alltag ist nach etwa 6 Wochen mehr oder weniger normalem Unterricht eingekehrt, und Shizuka hat keinen Bock mehr. Also nicht kategorisch keinen Bock auf Schule, so schlimm ist es noch nicht, aber es sind doch so einige Fächer, in denen sie sich gerade deplatziert fühlt. Da die kleine Dame inzwischen als Gymnasiastin in eigenen Anliegen für voll genommen wird, war es auch schon möglich, ein paar "lösungsorientierte Gespräche" mit den Fachlehrkräften zu führen.


Mathe. Der Stoff der vierten Klasse wird wiederholt und vertieft - Shizuka langweilt sich. Die vier Grundrechenarten schriftlich im Bereich bis mehrere Billionen zu lösen, ist doof geworden. Nach drei Wochen ohne Hausaufgaben schlug die sehr genervte Mama vor, dass Shizuka das Problem mit ihrer Lehrkraft selbst klärt. Immerhin schien es im Unterricht gut zu laufen. Ein Gespräch zwischen Shizuka und ihrer Lehrkraft unter vier Augen fand auch wirklich statt und generierte eine passende Lösung: Shizuka muss im Unterricht jede Stunde beweisen, dass sie alles fehlerfrei kann, dann ist sie von den vertiefenden und festigenden Hausaufgaben (zu Deutsch: Wiederholungen) befreit. Statt dessen hat die zauberhafte Lehrkraft ein Heft mit wirklich gepfefferten Textaufgaben für sie angelegt, von denen Shizuka aber auch immer nur eine bearbeiten darf, bis sie das richtige Ergebnis und den korrekten Lösungsweg in nachvollziehbarer und leserlicher Art und Weise wiedergegeben hat. Die Lernenden werden in den kopierten und eingeklebten Aufgaben gesiezt, was uns ahnen lässt, dass das eigentlich kein Stoff für die Unterstufe ist. Trotzdem: Shizuka hat Spaß. Sie fiebert mittags den Mathe-Hausaufgaben entgegen und gibt sich Mühe, für geometrische Zeichnungen zumindest manchmal das Lineal zu benutzen. Die erste Hälfte des Heftes ist schon voll.

Deutsch. Diktate werden wöchentlich nach Übung geschrieben. Da Shizuka eigentlich eine einwandfreie Rechtschreibung hat, übt sie nicht. Und langweilt sich so sehr, dass sie schluddrig schreibt. Da werden ganze Wörter vergessen, hier und da sind Buchstabendreher drin, alles ist recht unleserlich. Ein neuer Füllfederhalter hat das Problem kurzfristig entschärft: Shizuka war so glücklich über das neue Schreibgerät, dass sie es eine Woche lang freiwillig mit Übungsdiktaten mittags zu Hause "einschrieb". Was ein sehr gutes Diktat generierte. Leider ist der Füller jetzt nicht mehr neu, sondern gut eingeschrieben, und für nächste Woche steht ein Aufsatz im Kalender. Die Hausaufgaben in Deutsch werden gerade nicht gemacht. Angeblich gibt es keine - sagt Shizuka. 

Englisch. Das Vokabelheft ist nicht nur unvollständig geführt, sondern auch noch unleserlich. Wiederholte Ermahnungen der Lehrkraft und die Heftnote haben daran nichts geändert. Das vierte Ultimatum zur Abgabe eines ordentlich oder zumindest vollständig geführten Vokabelhefts ist ungenutzt verstrichen. Die Vokabeltests sind gemischt - generell weiß Shizuka, wie Englisch funktioniert. Aber sie hat ein typisches, selbstgemachtes Problem: Die Übersetzung, die im Buch steht, fällt ihr nicht ein. Aber dafür hunderttausend weitere Bedeutungen des Wortes. Die Fachlehrkraft fragt aber mit den Vokabeltests ab, ob die Kids aus dem Buch gelernt haben - nicht ob sie Muttersprachler sind. Daher wechseln sich hier fehlerfreie Tests ab mit solchen, die nur gerade so bestanden sind. Das motiviert Shizuka nicht gerade dazu, ihr Heft ordentlich zu führen oder Hausaufgaben zu machen. Auch da besteht wohl Redebedarf.

Frühfranzösisch. Eigentlich eine AG, angeblich nie Hausaufgaben, und langweilig ist es außerdem. Shizuka hat Zählen gelernt, kann die Farben benennen und die Haustiere, ihre Verwandtschaftsverhältnisse und die Richtungen. Sie hat drei Kinderlieder gelernt und will jetzt endlich mal "was Richtiges" lernen. Keine Ahnung was, das sagte sie ihrer Mama nicht. Der Lehrkraft vermutlich auch noch nicht. Aber Tom & Jerry ist langweilig geworden. Ob ich ihr mal einen Band Asterix hinlegen sollte?

Bio. Die ersten Wochen gingen mit "langweiligem Kram" einher. Säugetiere, Säugetierknochen, was fressen die Haus- und Nutztiere. Ein paar Hunderassen kannte sie noch nicht, das war also wirklich mal interessant. Hausaufgaben? Gibt es wahrscheinlich. Ich krieg immer nur mit, dass sie mal wieder etwas nicht gemacht hat.

Eines ist jedoch sehr viel besser geworden: Japanisch. Shizuka strengt sich an, lernt und übt zu Hause. Sie liest weiterhin japanische Enzyklopädien anstatt Hausaufgaben zu machen, gerne auch mal bis 22.30 Uhr abends. 

Es zeichnet sich also so langsam ab, dass die etwas forderndere Auslandsschule mit erweitertem Sprachangebot die Problematik nicht lösen konnte, sondern dass Shizuka wieder in die alten Verhaltensmuster zurückfällt. Nach dem guten Start hier, der nun doch ein ganzes Jahr lang angehalten hat, ist das ernüchternd. Und eine Enttäuschung.

Dienstag, 15. September 2015

Sport adé - neues Hobby gesucht

Shizuka ist hinsichtlich ihrer Freizeitgestaltung sehr definitiv: Sie bestimmt, was sie tut. Das geht soweit, dass sie selbst den Zeitpunkt bestimmt, zu dem sie Zähne putzt, dass sie selbst entscheidet, ob sie im Kreis der Familie zu Abend isst (oder doch eine halbe Stunde später alleine, wenn das Essen kalt ist), und dass sie auch selbst über die Erledigung von Hausaufgaben bestimmt. Schlimm. Aber es bringt nichts, die kleine eigensinnige Dame einfach an den Schreibtisch zu setzen und ihr die Lernsachen vorzulegen - sie rührt sie nicht an, wenn sie gerade etwas anderes im Kopf hat. Sie wird höchstens nach einer halben Stunde "absitzen" aggressiv.

Dementsprechend hat Mama ihr auch die Gestaltung ihrer Nachmittage weitgehend überlassen. Shizuka kann in der Schule Hausaufgaben machen, sowohl in der langen Mittagspause als auch zwischen Unterricht und AGs, und zweimal wöchentlich gibt es eine von den Lehrkräften betreute Lernzeit. Das muss reichen, zu Hause wird das meistens ohnehin nichts.

Letztes Schuljahr hat sich Shizuka den Sport als ganz individuelle Baustelle ausgesucht. Montags Schulschwimmen, dienstags Schwimm-AG, mittwochs Schulsport, donnerstags Turn-AG, freitags Schulsport, samstags Aikido mit Mama, sonntags oft mit der Familie in die Kletterhalle gehen. Dazwischen fiel die eine Stunde Klavierunterricht am Mittwoch gar nicht ins Gewicht.

Neues Schuljahr.

Kein Schulschwimmen mehr.

Keine Schwimm-AG mehr, nur noch das Schwimmen für das Schulteam.

Keine Turn-AG mehr, nur noch Turnen für das Schulteam.

Shizuka hasst Leistungssport - Sport muss Spaß machen.

AGs? 

Dieses Schuljahr verbringt sie ihre Nachmittage sitzend. Montags mit Frühfranzösisch. Dienstags mit der Kunst-AG. Mittwochs mit der Japanisch-AG. Donnerstags ohne AG, dafür mit Privatunterricht Japanisch. Und freitags findet die Klavierstunde statt. Für Klettern und Schwimmen in der Freizeit hat die kleine Dame im Moment keinen Kopf, statt dessen liest sie Tom & Jerry Comics auf Französisch und Tier-Enzyklopädien auf Japanisch. Das ganze Wochenende lang. Ganze Nachmittage lang. Und wieder einmal hat Mama gelernt: Shizuka lernt schon, was sie alles lernen sollte und was für Kinder so nach und nach alles ansteht. Aber eben nicht unbedingt dann, wenn es vorgesehen ist, und schon einmal gar nicht in der vorgesehenen Reihenfolge. Sondern dann, wenn es ihr passt. Nach einem sportlich orientierten Schuljahr folgt eben jetzt ein sprachlich-musisches. Was wohl als nächstes kommt? 

Und vor allem: Ist jetzt wirklich das Angebot der Schule an dieser Entwicklung beteiligt (es gibt durchaus Karate, Judo, Jazz Dance und andere sportliche AGs), oder ist das nur der Dickkopf vom Töchterchen?

Mama tendiert dazu, letzteres anzunehmen. Und kämpft derweil um den Erhalt der Klavierlehrerin. Die Shizukas Art, sich gleich ganze komplexe Musikstücke, noch dazu kneipentauglich, komplett neu zu erarbeiten anstatt didaktisch aufbereitetes Material schrittweise durchzugehen, gar nicht mag. Shizuka mag aber keine andere Klavierlehrerin haben ... Und wieder trifft die eigentlich ganz harmlose Lebenssicht eines Kindes ("Es muss Spaß machen!") auf die Realität der Erwachsenen ("Normalerweise fordern die Eltern kontinuierliche Progression - Sie nicht?!"). Alles ganz spannend gerade.

Samstag, 21. Februar 2015

Seelenpflege

Es wird Frühling. Die ersten im November liebevoll gesetzten Krokusse blühen im Garten (Ende Februar, unglaublich), Narzissen und Tulpen und Lilien sprießen. Wunderkind Nummer Zwo hüpft fröhlich herum und jault herzzerreißend さいた さいた チュリップ の 花 が 。。。

Passend zum angenehm sonnigen und warmen Wetter haben wir den größten Teil des heutigen Tages im Freien verbracht, nach dem Aikido-Training* im Schulhof gepicknickt, sind Fahrrad und Rollschuhe gefahren, Dosenstelzen gelaufen und haben Ball gespielt. Da die Schule am Wochenende Treffpunkt aller erholungssüchtigen Eltern und Kinder ist, waren wir nicht alleine, und wir haben es genossen.** 

Und während nun meine Nummer Eins Mathehausaufgaben erledigt, habe ich mir seit langem wieder einmal meinen MP3-Player herausgesucht und eingestöpselt (Danke, Bruderherz!). Zuerst Paddy goes to Holyhead, saftig-fetzige Stücke aus den Mitt-1990ern, mit etwas Fidel dabei und viel Gitarre. Ich muss wohl mitgesungen haben beim Sashimi Zubereiten, denn plötzlich tönte ein "Mama, Du störst!" aus dem offenen Wohnzimmer. Okay, Töchterchens Geometrie war gestört. Dann eben leiser. Kurz danach dann ein interessierter Blick: "Was singst Du da von Muffins?" Ich bekam kurzerhand Zirkel und Geodreieck in die Hand gedrückt, die Ohrstöpsel war ich los, und mein 8jähriger Zwerg fetzte zu "Red Rasta" durch's Wohnzimmer. Die erste Kinderdisco in Japan, und dann auch noch zu (sagen wir es freundlich) geschmackvolleren Sachen als dem gewohnten Rolf Zuckowski. Die Kleine ging ziemlich ab. "Civil War" fand dagegen weniger Begeisterung "Das fetzt, aber ich find das in der Ukraine gerade zu traurig, da will ich keine Musik drüber hören." Mit den Auseinandersetzungen in Irland konnte sie nicht viel anfangen, Geschichtsunterricht gibt es in der Grundschule noch nicht, und in Englisch wird das nicht angesprochen. Einverstanden - muss ich dann wohl irgendwann selbst übernehmen. Wer Paddy hört, sollte wissen, was er/sie hört.

Nach kurzer Pause und Begutachtung der kolorierten Geometrien im Matheblock ging es zurück in die Küche, diesmal mit Rosenstolz. Klar, ist nicht ganz kinderfreundlich - aber hey: Ohrstöpsel. Ich dachte, das reicht. Nein. "Mama, LATEIN!?" Öhem, ja. Amor Vitam. Die Stöpsel wurden wieder weitergereicht, Kind sang mit. "Die singt voll cool! Und der Kerl, Schokolade!" Ich nehme mal an, dass sie sich auf die Stimme bezog, so kurz vorm Abendessen. Nachdem ich erst gestern in der Schule im Rahmen eines Vortrags darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Sprachen nicht nur zum Sprechen gut sind, sondern für viel mehr taugen, kam das nun nicht ganz unerwartet. Es diskutiert gerade gefühlt ganz Deutschland über Sinn und Unsinn von Latein und Altgriechisch in der Schule. Ich will an dieser Stelle erwähnen, was ich gestern schon vertreten habe: Allein als Fremdsprache mag es für Kinder heute sehr unsinnig sein, tote Sprachen zu lernen. Sie werden schlicht nicht gebraucht. Aber Latein ist nicht Sprache. Latein ist eine Wundertüte (Altgriechisch genauso). Es geht nicht darum, die Sprache zu lernen - die ist eigentlich nebensächlich. Das ist stures, stupides Auswendiglernen von Grammatik und Vokabeln, vieles davon schult das logische Denken, aber nicht viel mehr. Das, was dabei wirklich wichtig ist, ist das drumherum. Latein ist Kultur, Sachunterricht in gewissem Sinn. Denn in welchem anderen Fach sonst könnten junge Menschen Archäologie entdecken, Mythologie kennenlernen, sich mit der europäischen Geschichte auseinandersetzen und amüsante Missverständnisse über "Germanien" lesen? Liebesgedichte, die Biologie zum Hintergrund haben, Philosophie und Staatskunde - Latein ist nicht Sprache, sondern ein Einstieg in interdisziplinäres Arbeiten. Und deshalb finde ich es wichtig, dass es weiterhin an Schulen gelehrt wird. Gerne auf freiwilliger Basis, aber es sollte gelehrt werden. Es erschließt Kindern so viele neue Möglichkeiten, zeigt ihnen Wege, zu ihrer Identität als Europäer zu finden, und hinter jeden neuen Buchseite öffnen sich neue Türen in unbekannte Welten. Latein weckt Forscherdrang und macht neugierig, wirft mehr Fragen auf, als es beantworten kann, und ja: Man kann durchaus über Roma B I zur Vulkanologie kommen. Mir ist bewusst, dass andere Schulfächer auch das Potential dazu haben. Dank dem überladenen deutschen Lehrplan der einzelnen Länder bleibt es aber beim Potential, und zwar bei ungenutztem Potential. Für Lateinunterricht steht Latein auf dem Lehrplan und lässt den Lehrkräften die Freiheit, die Kinder mit allen möglichen Extras für Sprache und Unterricht zu begeistern. Es hängt allerdings auch hier (Wo nicht?) unglaublich viel an der Persönlichkeit und Arbeitsweise der Lehrkraft. Aus meinem eigenen Erfahrungsschatz heraus wage ich zu behaupten, dass Altgriechisch, Hebräisch in gleicher Weise funktionieren.



* Auch das verbuche ich unter Seelenpflege. Bevor ich Kinder hatte, habe ich leidenschaftlich verschiedene Kampfsportarten trainiert. Es gibt so einiges, was während der Schwangerschaft oder mit Stillkindern eben doch nicht geht ... Meine Samstag Morgende sind mir seit November heilig, denn die gehören dem Sport und mir.
** Auf dem Heimweg beehrte uns auch wieder der kleine Eisvogel im Park, mit der üblichen Traube fotografierender Japaner rundherum. Vogelfotografie schein hier ein rein männliches Hobby zu sein, und zudem noch auf Menschen im Rentenalter reduziert. Eigenartig.

Freitag, 13. Februar 2015

Das geht nicht mehr weg

Manchmal muss man sich einfach fügen. Das fällt schwer, das dauert lange, und meistens kämpft man ganz lange mit sich selbst und gegen den Rest der Welt, um das zu vermeiden. Aber es gibt einfach Situationen, die sind, wie sie sind. Sachverhalte, die sich nicht ändern lassen. しょうがない。

Wir haben so eine Situation. Ich wollte das selbst lange nicht wahrhaben, aber ich denke, es ist an der Zeit, es zuzugeben: Da gibt es keine Lösung. Das ist einfach so. 

Worum es geht? Um Shizuka und ihre Unlust gegenüber Hausaufgaben. Shizuka hält jetzt schon im vierten Schuljahr Lehrkräfte und Pädagogen, Schulpsychologen, Berater/-innen und anderes Personal auf Trab, weil sie einfach keinen Bock auf Hausaufgaben hat. Also gar nicht so pauschal, aber manchmal. Oft. Zu oft. Sie hat Phasen, in denen sie wochenlang die Schulbücher und -hefte zu Hause nicht anrührt und auch stundenlanger Motivation von verschiedenster Seite nicht dazu zu bewegen ist. Ihr Argument: Papa darf seine Arbeit ja auch nicht mit nach Hause bringen, der soll alles im Büro erledigen und zu Hause für uns da sein. Schule ist Schule, zu Hause ist Spaß. Punktum.

Das gilt aber nicht immer für sie: Manchmal brennt sie geradezu darauf, zu Hause Mathe zu machen. Rechengeschichten, Zahlenrätsel - dergleichen liebt sie. Das arbeitet sie freiwillig ab, schießt oft genug über das Ziel hinaus. Sie liest sich in ihre Schulprojekte und ihre Themen so tief ein, dass sie vor lauter Informationen gar nicht mehr weiß, wie sie das alles zu Papier bringen soll. Sie macht die Hausaufgaben dann "mündlich" statt schriftlich, erzählt mir also ihren Text, und ich muss den für sie am Computer tippen oder ins Heft schreiben.* Prima, ich freu mich über jede Hausarbeit, die erledigt wird, egal wie.

Nun ist es aber so, dass Lehrkräfte regelmäßige (und nicht sporadische) Leistung fordern. Hausaufgaben sollen immer gemacht werden. Shizuka sieht das anders. Sie hatte schon die herrlichsten Diskussionen über die ungeliebten Aufgaben, oft genug vor der gesamten Klasse. Als sie ihrer Mathelehrerin noch in Deutschland einmal ins Gesicht sagte, dass sie so langweilige Aufgaben aus Prinzip nicht erledigte ("Das ist total sinnlos! Sie wissen, dass ich das kann, ich weiß, dass ich das kann. Wozu muss ich das aufschreiben? Sie predigen uns Umweltschutz und Müllvermeidung! Das ist Papierverschwendung, ich mach das nicht."), eskalierte die Situation und Mama bekam einen Rüffel. So extrem haben wir das nun nach dem Schulwechsel nicht mehr erlebt, aber wirklich gebessert hat sich die Situation nicht. Aus der Papierverschwendung wurde dank der Erlaubnis, alles mündlich zu machen, eine Zeitverschwendung, und das kommuniziert Shizuka auch genau so. Für mich ist das nervenaufreibend, für die Lehrkräfte ist es ärgerlich. 

Neu ist allerdings seit dem letzten Ortswechsel, dass ich als Mutter in der Schule unterstützt und nicht ausgeschimpft werden. In Deutschland hieß es noch: Frau Weber, Sie müssen aber ... Ihre Tochter muss ... Sie müssen ihr beibringen ... 
Hier heißt es: Frau Weber, wir schaffen das zusammen. Machen Sie sich keine Sorgen, wir kriegen das hin.
Nun ja, so hieß es. Inzwischen zeichnet sich ab, dass wir es nicht hinkriegen. Und ich bin eine Ketzerin, ich will es nämlich gar nicht mehr hinkriegen. Daran hat eine ganz besondere Dame zumindest Mitschuld, die hier in Krisensituationen für die Kinder und die Eltern da ist und die mir eine einzige, sehr dämliche Frage stellte: Warum? 

Es handelt sich hier um eine Lehrkraft meiner Tochter, wohlgemerkt. Ich könnte sie knutschen für diese kindlich-naive Frage, auf die wir alle irgendwie keine zufriedenstellende Antwort finden. Warum müssen Kinder Sachen tun, die ihnen zuwider sind? Warum sollen sie in einer Art und Weise handeln, die ihren ganzen Grundsätzen widerspricht, die allem, was wir ihnen beibringen, entgegen läuft? Warum müssen sich Kinder über Leistungen definieren, werden für Bemühen, Fortschritte und Noten gelobt, aber nicht für die Freude, die sie am Leben haben? Warum müssen alle immer das gleiche machen, möglichst zur gleichen Zeit und mit dem gleichen Ergebnis? Warum müssen sich Menschen der Gesellschaft anpassen, warum passen wir nicht einfach das System "Schule" den darin befindlichen Menschen an?

Und so akzeptiere ich einfach, was ist: Shizuka macht nicht alles, was sie soll, sondern entscheidet mit ihrem großen Herzen und ihrem noch viel größeren Verstand, was für sie sinnvoll ist. Denn manche Kinder entscheiden einfach, dass sie sich selbst "erziehen" und nichts auf die erwachsenen Ratgeber gibt, die die Gesellschaft ihnen an die Seite stellt - sagte mir jene Dame, die wohl schon öfter kleinen Freigeistern zur Seite stehen musste. 

Shizuka darf einfach sein, wer, was und wie sie ist. Sie muss sich selbst und anderen nicht beweisen, was sie kann und was nicht, hat sie beschlossen. Und ich komme gegen diesen Entschluss nicht an. Ganz rational muss ich zugeben, dass sie damit Recht hat. Ich will gar nicht mehr dagegen argumentieren, denn ich glaube nicht an das, was ich ihr da jahrelang erzählt habe.** In diesem Sinne: Willkommen im neuen Leben mit einer entspannteren Mama, mein Wunderkind! (Und danke für diese Lektion, die mich so viele schlaflose Nächte gekostet hat zu lernen.)

Nun ist die Geschichte hier aber noch nicht zu Ende. Ich werde weiterhin Literatur zum Thema verschlingen, um Shizuka besser zu verstehen. Aber auch, um Argumente gegenüber den künftig vermutlich nicht einsichtigeren Lehrkräften zu haben. Um Shizuka helfen zu können, ihr Leben auf ihre Weise zu meistern. Sie hat es verdient, dass sie zeigen darf, was sie kann und will - auf ihre Weise. 

Und ich gebe zu: Auch für mich ist damit noch ein gutes Stück Denkarbeit verbunden. Für mich war immer klar, dass das, was von Autoritätspersonen wie Lehrkräften verlangt wird, gemacht werden muss. Mir war als Schulkind durchaus klar, dass das Aufschreiben von Ergebnissen, die ich kenne, blödsinnig ist, und ich habe manche schwere Stunde damit verbracht, über die Verschwendung von Papier, Stiften und anderen Ressourcen nachzudenken. Wie viel Müll könnte man vermeiden, wie viele Bäume retten, wenn Schulhefte und -bücher nicht hergestellt würden? Wenn statt dessen nur das verwendet würde, was wirklich und tatsächlich sinnstiftend eingesetzt wird? Ich habe es irgendwann sogar mal ausgerechnet. Inklusive der Zahl der Arbeitslosen, die aufgrund der einbrechenden Schulbuch- und -hefteindustrie anderweitig in Lohn und Brot stehen müssten. Das habe ich aber nur für mich gemacht, das war Kopfkino, sozusagen. Meine ganz private Utopie: "Was wäre, wenn ..." Ich hätte mich nie, nie, niemals getraut, derartige Überlegungen gegenüber Autoritätspersonen zur Sprache zu bringen. Mein Weltbild bedarf jetzt einer dringenden Überarbeitung, denn das Kind in mir hat dank der Rebellion meiner Tochter erkannt, dass es die ganze Zeit über Recht hatte und die Erwachsenen (ich schließe mich Erwachsene da ein) irgendwie schief gewickelt sind - und dass man das auch sagen darf. Letzteres ist wohl die größte Revolution für mich. Du bist anders, Du denkst anders, und das darfst Du. 

Tut gut. Mir zumindest.





*"Mama, Du hast eine Sauklaue!" heißt es dann allzu oft. Ich will gar nicht wissen, was ihre Lehrer/-innen denken, wenn meine Handschrift überall in ihren Heften und Büchern ist ...

** Wie ist das bei Lehrern, Lehrerinnen, Pädagogen, Psychologen? Glauben die wirklich daran, tief in ihrem Inneren, dass alles stimmt, was sie sagen? Dass alle Kinder wirklich immer die Hausaufgaben machen müssen, die sie aufbekommen, weil sie sonst nicht lernen können? Ich bin eine Ketzerin, wie gesagt. Ich behaupte einfach mal, dass das in den meisten Fällen nicht so ist. Dass Erwachsene viel zu oft unreflektiert nachlabern, was sie irgendwann einmal selbst von unreflektiert labernden Erwachsenen gesagt bekommen haben. Und ich behaupte, dass diese unsere Welt eine andere, bessere wäre, wenn nicht so viele Menschen immer unreflektiert nachlabern würden, was ihnen andere mal irgendwann erzählt haben. In allen Belangen. Nicht nur in Sachen Kinder und Schule. 

Dienstag, 2. Dezember 2014

Neue Schule - alles gut?

Shizuka hat die Schule gewechselt. Sie ist immer noch in einer deutschen Grundschule, sie ist immer noch in der vierten Jahrgangsstufe, sie ist immer noch sieben Jahre alt - aber plötzlich ist alles anders. Shizukas Papa ist nämlich nach Japan versetzt worden, und wir kommen jetzt in den Genuss einer exzellenten deutschen Auslandsschule, die sich der Begabtenförderung verschrieben hat und das auch, soweit ich das beurteilen kann, ganz gut hinkriegt. 

Wie funktioniert eine Grundschule, die unterschiedliche Begabungen fördert? Hier wird nicht nach Fächern getrennt gearbeitet, sondern nach Epochen. Eine Epoche im vierten Schuljahr ist die Erde, eine andere ist das Sonnensystem, eine weitere Epoche ist der Mensch, gerade wird Feuer behandelt. Zu diesem Epochenthema werden Wochenpläne erstellt - jede Epoche bekommt vier Wochen Raum im Unterricht. In diesen vier Wochen drehen sich alle Texte im Deutschunterricht um das Epochenthema, die mathematischen Themen dienen dem besseren Verständnis des Epochenthemas, der Sachunterricht beschäftigt sich mit Experimenten, Ausflügen, Erfahrungen und historischen Betrachtungen zum Epochenthema. Im Englischunterricht wird am Epochenthema gearbeitet, in Sport idealerweise auch. Im Musikunterricht sollte das auch so sein, funktioniert aber nicht, denn der folgt irgendwie eigenen Regeln und hat gerade, wo alle sich um das Feuer bemühen, Dur und Moll zum Thema. Passend werden allerdings in der einmal wöchentlich stattfindenden Chorstunde Weihnachtslieder von brennenden Kerzen am Baum gesungen, immerhin ist Adventszeit.

Das Besondere am Unterricht ist, dass die Kinder zum Teil gar nicht merken, was sie lernen und anwenden. Sie sind so auf die spannenden Projekte und Experimente fixiert, dass der Rest so ganz nebenbei läuft. Bis dann am Ende der Epoche die neu gelernten Wörter in einem Diktat abgefragt werden oder ein Aufsatz zum Thema geschrieben werden soll. Aber selbst der Aufsatz ist nett verpackt, der letzte zur Sonnensystem-Epoche hieß einfach: Schreibt jeder einen Artikel für die Schulzeitung über Euer Projekt in der Epoche Sonnensystem. Wenn Noten keine Rolle zu spielen scheinen, hat keiner Angst davor. Es scheint zu funktionieren, die Texte sind atemberaubend informativ geschrieben, fantasievoll und kreativ, und der rote Faden ist ebenfalls vorhanden - bei einem Anteil von etwa 50 % Kindern, die nicht muttersprachlich sind, ist das eine Leistung, die ich bewundere. Wie konnte das sein? Die Kinder wurden gut vorbereitet. Die Arbeit am Epochenthema sieht jeweils vor, dass jedes Kind sich ein Projekt aussucht, dass es selbst erarbeitet und der Klasse präsentiert. Die Präsentationen werden benotet, einmal im sprachlichen Teil für den Deutschunterricht, dann aber auch fachlich und organisatorisch für den Sachunterricht. Die Kinder wissen das, sie bereiten sich gewissenhaft auf die Projekte vor und sind eigentlich ganz firm in der Präsentation. Es gibt keine Powerpoint-Geschichten, sondern Bilder, Vorträge, Rätseleinlagen und witzige Experimente. Wer sich so tief in ein Thema reinkniet, der kann auch gut darüber schreiben. Die Kinder lernen ganz nebenbei, sich effizient und umfassend auf eine Prüfung vorzubereiten - ohne es zu merken. Während der Projektvorbereitung stehen iPads, Laptops, die Schulbücherei und natürlich der WLAN-Anschluss zur Verfügung. Eltern dürfen als "Experten" hinzu gezogen werden, Lehrkräften fragt man Löcher in den Bauch. Begleitet wird das von ganz normalen Lernmaterialien aus Deutschland, die in den meisten Grundschulen ohnehin verwendet werden.

Shizuka hat der Wechsel gut getan. Sie hat jetzt nicht mehr vier oder fünf Stunden Unterricht täglich, sondern sieben bis zehn Stunden. Sie isst mittags mit Klassenkameraden in der schuleigenen Cafeteria, an einem Buffet, das den Kindern die Wahl zwischen japanischen, deutschen und internationalen Gerichten lässt. Das ist täglich die fünfte Stunde, die als Schul- und Unterrichtszeit verpflichtend im Stundenplan steht. Eltern sind eingeladen, mit ihren Kindern zusammen zu essen, und die Lehrerschaft sitzt an einem eigenen Tisch daneben. Eine weitere Stunde täglich ist die sogenannte Lernzeit - die Kinder arbeiten unter lockerer Aufsicht an ihren Wochenplanaufgaben, die sie sich gegenseitig nachsehen und abzeichnen dürfen, wenn sie nicht Lehrer und Eltern bemühen wollen. Schön ist, dass diejenigen, die die Zeit effizient nutzen, ohne Hausaufgaben nach Hause kommen. 

Nach Unterrichtsende steht den Kindern die Bücherei offen, die es mit den meisten deutschen Stadtbüchereien durchaus aufnehmen kann. Computer und Internetanschluss sind vorhanden, Drucker dürfen genutzt werden, eine Spielecke mit Brettspielen gibt es und Zeitschriften für alle Altersstufen. Nicht wenige Kinder verabreden sich mit Klassenkameraden nach dem Unterricht in der Bücherei und lassen sich dort von den Eltern abholen. Gegenseitiges Vorlesen quer durch alle Klassenstufen scheint da genauso normal zu sein wie Eltern, die am eigenen Laptop arbeiten. Die Lernwerkstatt steht ebenfalls zur Verfügung - kostenlos können die Kinder bis um halb sechs abends betreut werden. Dort gibt es Spiele, Bücher, Bastel- und Malmaterial, einen großen Spielplatz und Einräder, Pedalos und wieder Projekte. Hier werden Tonfiguren gebaut, es wird gezimmert, gehämmert, mit Pappmaché gearbeitet und zusammen gesungen. Wer will, darf sich natürlich auch von hier aus in die Bücherei verabschieden.

Was macht Shizuka in der Freizeit? Montags sitzt sie in der Bücherei nach dem Schulunterricht und arbeitet an ihrem Projekt. Computer ohne Mama ist total cool, und sie arbeitet wirklich gut. Dienstags hat sie bis um halb fünf abends Schwimm-AG, damit ist der Tag gelaufen. Mittwochs geht es meist in die Bücherei (bis um kurz nach vier der Klavierunterricht an der Schule stattfindet), donnerstags hat sie früh Schule aus (schon um 14.00 Uhr) und will meistens auf den Spielplatz gehen. Und freitags will sie meistens auch in die Bücherei gehen. Freunde treffen, lesen, spielen, das ist einfach cool. Und wenn die Lehrer dabei rumhängen, stört das irgendwie nicht, denn die Lehrer hier sind in vielen Fällen die Eltern von den Klassenkameraden. Samstags ist keineswegs Wochenende, samstags trifft sich Shizuka im Aikido in der Schule mit anderen Eltern und Kindern oder geht im schuleigenen Schwimmbad schwimmen. Oder tritt mit dem Schulchor auf. Und sonntags sehen wir die Hälfte der Schulgemeinde wieder in der deutschen katholischen Gemeinde, auf dem Adventsbasar oder auf den wohnortnahen Spielplätzen. Das stört aber irgendwie gar nicht, denn die Leute trennen nicht zwischen Schule und Privatleben. Sie leben einfach. Und Shizuka genießt das. Alles nur Menschen, alles okay.

Und ansonsten? Nun, die Hausaufgabenproblematik hat sich nicht gelegt. Alles, was außerhalb der Schule an drögen Abschreibaufgaben vorliegt, ist pfui bäh und wird bestmöglich ignoriert. Aber Kinder wie Shizuka sind nicht selten an dieser Schule, die Lehrer kennen die Problematik - Hausaufgaben dürfen mündlich erledigt werden, dürfen ganz liegen bleiben, solange die Ergebnisse in der Klasse stimmen und der Lösungsweg klar ist. Alles ganz locker. Und Shizuka spielt mit den Klassenkameraden. Und mit den Klassenkameradinnen. Sie hat Kinder gefunden, die zwischen elf und sechs Jahren alt sind und genauso ticken wie sie, manche sogar noch etwas krasser. Alle sind wenigstens zweisprachig aufgewachsen, die meisten beherrschen drei oder vier Sprachen, haben bisher in zwei oder mehr Ländern gelebt. Das Ergebnis ist, dass sie morgens freudig aufsteht, mit einem Lachen zur Schule geht und abends nicht die Bücherei verlassen will. Nach Hause gehen ist doof, wenn die Schule der Lebensmittelpunkt ist. Und Schule ist Lebensraum, nicht Zeit, die man absitzen muss. Neulich sagte die groß gewordene Kleine zu mir: Mama, es ist egal, ob es Wochenende oder wochentags ist. Hier ist Schule genauso spaßig wie Freizeit.

Und die Noten, die Klassenarbeiten? Die sind gut. Die rangieren zwischen eins und vier, wobei letzteres eigentlich nur Englisch betrifft. Warum so schlecht? Weil die Kinder in Japanisch und Englisch in altersgemischten Kompetenzstufen unterrichtet werden. Shizuka ist scheinbar in einer muttersprachlichen Klasse gelandet, kann aber dank des fast nur mündlichen Englischunterrichts in Deutschland nicht schreiben. In Japanisch sitzt sie auch bei den Muttersprachlern, sehr zur Freude des zuvor skeptischen Papas, der seine kleine Japanerin lieber in einer japanischen Grundschule gesehen hätte.

Freitag, 15. August 2014

Eine Welt bricht zusammen


Shizuka ist verzweifelt. Ihr Papa hat gerade angerufen um zu erzählen, dass sein Flug von Tôkyô nach Ôsaka gestrichen ist, dass sich sein Flug von Ôsaka nach Frankfurt um fünf Stunden oder mehr verzögern wird, weil Taifun Nr. 11 über Honshu hinweg in Richtung Inlandsee unterwegs ist. Es ist in Japan mitten in der Nacht, Mitarbeiter der involvierten Fluglinien sind erst in einigen Stunden wieder erreichbar – zu dem Zeitpunkt, wenn das Flugzeug eigentlich hätte abheben sollen. Shizuka sitzt in Heilbronn, es ist neun Uhr abends, und sie will einfach nicht schlafen. Sie weint, sie schreit, sie haut um sich, ist ganz offensichtlich sehr verzweifelt. Shizuka ist sieben Jahre alt und ihre Welt ist gerade zusammengebrochen. Eigentlich könnte ihr in Heilbronn doch recht egal sein, um welche Uhrzeit genau Papas Flieger in Ôsaka startet – er wird Sonntag oder Montag wieder zu Hause sein, es ist Sommer, sie hat Ferien, Papa hat Urlaub. Ist es aber nicht. Der Flieger startet nicht nach Plan, und das stresst sie ganz extrem.

Warum?

Weil Shizuka ein besonderes Kind ist. Sie ist keineswegs geistig behindert (die extreme Reaktion legt eine autistische Störung nahe – dem ist aber nicht so), sondern im Gegenteil recht gut beieinander. Shizuka gehört zu den wenigen Kindern, die hochbegabt sind. Nun sollte man meinen, dass diese frühreifen, sehr erwachsen wirkenden und überaus intelligenten Kinder auch „erwachsen“ reagieren würden, wenn so etwas passiert. Oder wenigstens so gleichgültig, wie man das von einem Kind erwartet.

Dem ist aber nicht so. Die neuere Forschung ist sich einig, dass hochbegabte Menschen nicht einfach nur schneller begreifen und Sachen einfach können. Früher nahm man das an, ohne weiter erklären zu können, was eigentlich Intelligenz ist, wie Informationen im Gehirn ankommen, verarbeitet werden und warum das so und nicht anders passiert. Inzwischen weiß man, wie genau das alles auf anatomischer Ebene passiert, kann die beteiligten Körperteile genau benennen (bis hinunter auf Zellebene), weiß um die chemischen Vorgänge im Körper und vor allem im Gehirn. Mehr noch: Man hat eine Ahnung bekommen, wie Begabungen oder Intelligenz funktionieren könnten. Ganz sicher nachgewiesen ist das noch nicht, denn Menschen sind doch Individuen, sie funktionieren trotz aller Gemeinsamkeiten unterschiedlich, und das kann Forschungsergebnisse durchaus beeinflussen. Einig ist man sich in fachlich kompetenten Kreisen jedoch, dass hochbegabte Menschen immer auch hochsensibel sind. Ihre Nerven geben mehr Informationen weiter als bei der Mehrheit der Bevölkerung, die normalerweise wirksamen Filter sind bei ihnen eben nicht so wirksam. Und die Informationen werden schneller weitergegeben, die Synapsen sind also dicker, durchlässiger, reagieren schneller und häufiger. Das führt zu einer Informationsflut im Bewusstsein wie im Unterbewusstsein, die unglaublich viel größer ist als das, was normalerweise da vonstatten geht. Und das löst eben auch manchmal Stress aus. Es wird vermutet, dass das, was gemeinhin als Autismus bekannt ist, eine Form der Hochintelligenz (und Hochsensibilität) ist, die weit jenseits der aktuell verfügbaren Messskalen ist und daher nicht festgestellt werden kann. Viele autistische Menschen, deren Besonderheit schwach genug ausgeprägt ist und die noch kommunizieren können und wollen, sind hochbegabt, und das ist auch schon länger bekannt.

Zu Shizukas Situation muss noch gesagt werden, dass der Papa am Sonntag frühabends in Heilbronn hätte ankommen sollen, um sich bis zum Montag in der Früh ordentlich ausschlafen zu können. Denn Shizuka wird am Montag spätvormittags 300 km von Heilbronn entfernt auf dem Reiterhof erwartet, fünfzehn Kinder machen dort Urlaub. Warum ist Papas Verspätung jetzt so schlimm? Genau – wenn der Flieger nicht fliegt, kommt der Papa später in Deutschland an, ist dank Zeitverschiebung und Nachtflug fix und alle, kann nicht in den Urlaub fahren, Shizuka kommt zu spät in den Reiterferien an. Was Erwachsene (die normal ticken) sich langsam nach und nach erschließen, ist alles sofort in Shizukas Bewusstsein präsent. Und mehr noch. Mama könnte Shizuka und ihre Schwester mit dem Zug bringen – wenn Mama nicht gerade eine verletzte Schulter hätte. Gepäck tragen ist nicht möglich. Taxi ist zu teuer, Fernbusse gehen am Sonntag nicht, und am Montag fährt der Bus erst nachmittags aus Heilbronn ab, zu spät, um pünktlich auf dem Hof fernab aller öffentlichen Verkehrsmittel anzukommen. Taifun über Honshu heißt, dass auch Tôkyô betroffen ist – wie geht es dem Papa? Wie geht es Oma und Opa, die auch auf der japanischen Hauptinsel wohnen? Was ist mit Papas Bruder und seiner Familie? Taifun in der Nacht – kommt Papa überhaupt heile bis zum Flughafen? Wenn der Taifun über das Meer fegt, gibt es bestimmt eine Flutwelle. Was ist mit Fukushima, ist das halbwegs sicher? Und vor allem: Wann kommt der müde Papa denn endlich nach Hause?

Wenn man versucht, alle diese Gedanken gleichzeitig zu denken, merkt man, wie anstrengend das ist. Shizuka „funktioniert“ immer so. Wenn Shizuka den Vollmond anhimmelt, tut sie das zwar genauso wie andere kleine Mädchen auch, sie starrt mit großen Augen halb ernst und halb schwärmerisch in den Himmel. Wenn man sie aber fragt, was sie da sieht, kommen die erstaunlichsten Antworten, und zwar alle auf einmal:

  • Das ist ein Planet, oder? Ich meine, wir wissen ja gar nicht, wie der Mond entstanden ist, aber die Gesteinszusammensetzung ist doch wie bei der Erde. Bis auf den Größenunterschied sind das doch eigentlich Zwillingsplaneten, die Erde und der Mond. Trabanten sind doch irgendwie anders zusammengesetzt, das Gestein und so.
  • Der ist gar nicht gelb, der ist eigentlich grau-weiß. Aber so rot wie heute sieht der total schön aus. Luftverschmutzung hat wenigstens eine gute Seite.
  • Meinst Du, die Astronauten haben bei den Mondlandungen Müll dort gelassen? So, wie die Leute im Park und auf Baustellen ihren Müll einfach in die Landschaft werfen? Mülleimer gibt’s dort oben doch gar nicht.
  • Ich würde gerne mal die Mondkrater hochklettern. Mit der anderen Schwerkraft macht das Klettern dort bestimmt viel mehr Spaß als hier in der Kletterhalle. Und einen Gurt und Seile brauchen wir dann auch nicht, oder?
  • So weit weg ist der gar nicht weg. Raumfahrer sind da relativ schnell mit der Rakete. Würd ich auch mal gerne machen.

Shizuka braucht keine drei Minuten, um das alles zu thematisieren. Ihr Sprechapparat funktioniert genauso schnell wie ihr Köpfchen. :-)

Aber zurück zum Thema. Shizuka reagiert so extrem aggressiv, weil sie schlicht überfordert ist von der Informationsflut, mit der ihr Gehirn sie konfrontiert. Sie ist nicht in der Lage, die vielen Gedanken alle auf einmal zu verarbeiten, die sind einfach alle da und betteln sehr laut um Aufmerksamkeit. Das ist vergleichbar mit einem Metal-Festival, bei dem alle Bands gleichzeitig auf ein und derselben Bühne spielen, und zwar jede Band ein eigenes Stück. Da kann man aber noch die Ohren zuhalten und weggehen – wenn die eigenen Gedanken einen mit so einer Kakophonie belästigen, geht das nicht. Die Folge sind Aggressionen, und die müssen irgendwo raus. Bei Shizuka fängt das in der Regel mit einem lauten Knurren an, dann folgt ein schriller Schrei, der in eine Art Pferdewiehern übergeht und in Schluchzen endet. Gleichzeitig drischt sie um sich, wenn es arg schlimm kommt. Meistens hat sie es während Knurren und Schreien schon bis zum Sofa oder zu ihrem Bett geschafft, so dass sie die Gedankenflut in ein Kissen hämmern kann. Manchmal schafft sie das nicht. Dann sind Mamas Unterarme und Fäuste willkommen, um die gröbste Wucht abzufangen. Wände, Fußboden und die Tischplatte mussten aber auch schon herhalten. Wenn gar nichts anderes in der Nähe ist, müssen die eigenen Arme und Beine einstecken, und sie hat auch schon mit dem Kopf auf den Boden geschlagen.

Es ist schwer, mit solchen Aggressionen umzugehen. Und das meine ich nicht nur aus Sicht der betroffenen Kinder. Auch für Shizukas Mutter ist es schwer, das auszuhalten. Sie hat lange Zeit nicht gewusst, warum Shizuka so aggressiv ist, warum sie sich selbst diese Schmerzen zufügt, so toben muss. Sie tut das nicht, weil sie ungezogen ist oder jemanden ärgern will. Sie kann einfach nicht anders. Von Eltern anderer hochbegabter Kinder hat sie inzwischen erfahren, dass das Verhalten normal ist. Dass sie alle sich Sorgen gemacht haben, weil ihre Kinder so aggressiv sind. Weil den Kindern das Ventil manchmal auch fehlt und die Autoaggressionen richtig schlimm werden, die Kinder sich ernsthaft verletzen. Die wenigsten sprechen darüber. Andere Kinder sind nicht so. Man wird manchmal schon schräg angeguckt, wenn das eigene Kind zu Hause „so ein Theater“ macht, wegen vermeintlicher Kleinigkeiten. Für hochbegabte Kinder sind es keine Kleinigkeiten, sondern jede unvorhergesehen Änderung ist eine mittlere Katastrophe. Zwischen wichtigen und unwichtigen Veränderungen können die Kinder (und manchmal auch Erwachsenen) in der akuten Situation nicht unterscheiden, sie sind viel zu gestresst.

Shizuka und ihre Mama konnten das am Samstag Abend entschärfen. Mama hat mit Shizuka online japanische Medien nach Berichten zu dem Taifun in Frage durchforstet (alles halb so schlimm, hat sich schon über Shikoku und Kyûshû ausgetobt), haben die Route des Sturms nachgeschaut, nachgelesen, was Fluggesellschaften normalerweise in so einem Fall manchen (alternative Flüge ohne zusätzliche Kosten anbieten, wo möglich über alternative Flughäfen und Routen sogar zeitgleich). Die beiden haben sich dann darauf geeinigt, dass sie erst einmal den Sonntag Abend abwarten und schauen, was der Papa nach dem ersten Gespräch am Morgen mit den Fluglinienmitarbeitern zu berichten hat. Sollte der Papa am Sonntag noch ankommen, lassen sie ihn einfach am Montag ausschlafen und starten dann in den Urlaub – mit einem Anruf beim Reiterhof, dass Shizuka teilnimmt, aber später kommt (wegen einem Taifun über Ôsaka – ohne weitere Worte). Wenn der Papa noch später kommt, schlug Shizuka vor, könnten wir ja mit leichtem Gepäck für zwei Tage mit dem Zug fahren, dem Papa das übrige Gepäck in Heilbronn stehen lassen und ihn bitten, nach ausgiebig Schlaf und Erholung nachzukommen. Dann würde Shizuka sogar pünktlich sein.

Gegen zehn Uhr abends waren die Wogen soweit geglättet. Shizuka wollte nicht ins Bett gehen, sie war zu aufgewühlt und schluchzte immer noch hin und wieder. Sie zitterte noch, wollte nicht schlafen. Also haben sich Shizuka und ihre Mama aufs Sofa gesetzt (die kleine Schwester schnarchte da schon seit guten drei Stunden im Nebenraum, sie hatte sich durch Shizukas Ausbruch nicht stören lassen) und den Fernseher eingeschaltet. ZDF Kultur sendete Wacken live. Und zu den Klängen von Apokalyptica „Nothing Else Matters“ ist Shizuka innerhalb weniger Minuten eingeschlafen, mit einem entrückten Lächeln auf dem Gesicht und nachdem Mama ihr das Versprechen gegeben habe, sie zum nächsten Konzert der Gruppe, das in ihrer Nähe ist, mitzunehmen. Rolf Zuckowski? Langweilig!