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Montag, 25. Februar 2019

Menschen sind auch nur Ratten?

Wer als Elternteil versucht, Kinder zu sozialen Menschen zu erziehen, ist vor der Verwendung des ein oder anderen Druckmittels nicht gefeit. Natürlich nehmen wir Mütter und Väter uns immer vor

  • unsere Kinder auf keinen Fall zu manipulieren
  • immer ehrlich mit ihnen zu sein
  • ihnen grundsätzlich auf Augenhöhe zu begegnen
  • sie zu verantwortungsbewussten und positiv eingestellten Menschen zu erziehen


Das Er-zieh-ung als Wort schon irgendwie etwas mit ziehen (nicht zu verwechseln mit zerren) zu tun hat, sei jetzt mal dahin gestellt. Aber wie machen wir Eltern das im Alltag?

"Hilf mir mal mit der Wäsche, dann hab ich gleich noch ein paar Minuten Zeit, um mit Dir zu spielen!" (Manipulation? Erpressung? Oder doch nur der sanfte Hinweis darauf, dass man Zeit entweder zum Spielen oder für saubere Kleidung verwenden kann, aber nicht beides gleichzeitig?)

"Traust Du Dich auch bei Deinen Freunden, wegen zwei Salatblättern auf dem Teller einen derartigen Aufstand zu reißen?" (Blamage? Drohung? Hohn? Eine Anspielung auf das Märchen mit der motzenden Prinzessin und einer Erbse? Ernstgemeinter Hinweis darauf, dass Salat absolut friedfertig und keine Bedrohung ist?)

"Iss Dein Grünzeug, das hält Dich gesund." - "Warum? Woher willst Du das denn wissen?" - "Schon mal einen Hasen mit Brille, Gebiss, Hörgerät oder Rollator gesehen?" (Jaja, schon klar: Niemals Kindern Schmu erzählen. Aber mal im Ernst: Wer erklärt einer siebenjährigen Pippi Ringelsocke mit Vorliebe für puscheligekuschelige Kaninchen beim Mittagessen schon wissenschaftlich korrekt, ohne Schmu und in kindgerechter Fassung, warum der Stoffwechsel auf Vitamine und Mineralstoffe angewiesen ist? Und woher er oder sie das weiß?)

Es geht fröhlich weiter mit dekorativ auf dem Teller angerichtetem, buntem Gemüse. Mit dem gesunden Pausenbrot in der Schule, auf dem eine runde Scheibe Käse mit zwei Kirschtomaten, einer Apfelspalte und vielen kleinen Möhrenscheibchen zum Lachgesicht verziert wird. In der Schulmensa, wo der Koch zur Mittagessenzeit einen aus Karotte geschnitzten Rennwagen und eine aus Rettich geschnittene Mondrakete zwischen die Töpfe stellt. Darf gegessen werden. Dass man nicht mit Essen spielen soll, sei jetzt mal dahingestellt – wer manipuliert hier wen? Die Kinder ("Iiih, Gemüse, ess ich nicht! Rennwagen sind cooler als Zucchini!") den Koch, oder der Koch ("So'n Raketchen verputzen die doch viel lieber als die Schüssel Rohkost!") die Kinder? Und überhaupt, warum darf man nicht manipulieren? Rosa Legobausteine für Mädchen, Bob der Baumeister als Anziehpuppe für Jungen. BHs und Schlüppis aus weißer Baumwolle ("Iiih!") mit vielen Schleifchen vorne dran ("Oah, toll! Schleichen!"). Unbequeme Gummistiefel mit tollen Polkadots in Rot und Weiß. Punktekärtchen im Supermarkt. Blechdose kostenlos zum Pfund Markenkaffee dazu. Demoversion des neuesten Computerspiels liegt in der einschlägigen Zeitschrift. Und dann sind da noch die Japaner, die alles so kawaii, so herzig gestalten. Bei denen sogar die Klobürste Schleifchen trägt und die Taschentücher in Stoffspender aus traditionell handgefärbtem Stoff eingenäht sind. Bei denen die Atemschutzmasken für die Heuschnupfensaison mit süßen Häschen, Disney-Figuren oder coolen Dinos bedruckt sind (Yeah, in Erwachsenengröße!). Mal ehrlich, und wir deutsche Eltern regen uns über den Osterhasen auf? Nicht im Ernst!

Der Herr Gunter Dueck hat sich auf seiner Netzpräsenz Ominsophie zum Sachverhalt geäußert. Und jetzt hätten Shizuka und ihre Mama gerne einen Rat, wie man bereits erwähnter siebenjähriger Ringelsocke mit Hasenkuscheltier wissenschaftlich korrekt erklärt, dass der Mensch auch nur ein intelligentes Säugetier ist ...

Mittwoch, 11. April 2018

Klavierelfen, Musikgeschichte und ein lange zurückliegender Krieg

Nach langer Abwesenheit (wird später erklärt) nur eine kurze Notiz: 

Der Herder Verlag plant ein für alle Japaninteressierten interessantes Projekt. Es soll ein Kinderbuch ins Deutsche übertragen werden, das nicht nur ein in Deutschland wenig bekanntes Ereignis der deutsch-japanischen Beziehungen bearbeitet, sondern eben auch insbesondere ein Stück Musikgeschichte transportiert. Konkret geht es um die Ereignisse im Jahr 1914 in China, die letztendlich dazu führten, dass das unten genannte Musikstück in Japan so wahnsinnig beliebt ist. Als Kinderbuch ist das Ganze sehr schön aufbereitet, und die beiden kleinen Damen der Familie werden wohl demnächst ihre verbleibenden 図書カード (Büchergutschein, der in jedem beliebigen Buchladen in Japan eingelöst werden kann) für dieses Buch verwenden.

Tolle Sache, diese geplante Übersetzung  und unserer Ansicht nach unterstützenswert. Denn sowohl Shizuka als auch die kleine Schwester durften die "Ode an die Freude" im Rahmen des Klavierunterichts in Japan bereits in drei verschiedenen Fassungen und Schwierigkeitsgraden üben und bisweilen sogar öffentlich zum Besten geben. Perfektes Geschenk für die kleinen Klavierelfen oder auch die ein oder andere Lehrkraft, da sind wir uns einig. Einfach mal reinschauen, das Projekt des Verlags ist hier verlinkt. Ach so, und bevor wir es vergessen: Hier hat noch jemand darüber geschrieben. :-)

Samstag, 23. September 2017

Tech Kids

Neulich im Hamagin Space Science Center: Da steht ein kleiner knubbeliger Geselle und lädt die Kinder dazu ein, mit ihm zu spielen. Alles digital, Touchscreen, es geht um Interessen und Hobbies. Wer mit der KI kommunizieren will, muss Name, Alter und Anfahrtsweg sowie begleitende Personen angeben. Dann kommt eine kurze Konversation zustande: Soundsoviel Menschen des gleichen Alters besuchen das Museum täglich, die meisten kommen aus diesem Ort und werden von jenem Menschen begleitet. Statistiken eben, recht simpel. Wer was am liebsten in der Freizeit mag und welche Schulfächer liebt, wird wohl irgendwann auch noch abgefragt. Soweit noch nicht wirklich misstrauenserweckend. Shizuka entdeckt einen WLAN-Router in der Ecke oben unter der Decke, knapp hinter dem kleinen runden KI, der trotz abgenutzter Oberfläche 本当に可愛い (hontou ni kawaii, wirklich niedlich) aussah.

Im nächsten Raum: Toben ist angesagt. Eine Art Space Center mit Rampen, Treppen, Luken, Klappen und verwinkelten Wegen in Metall ist zwischen Moon-Jump Simulator, Reckstange für das Astronautenfitnesstraining und eine gigantische Murmelbahn gespannt. Eine Ampel zeigt an, ob genug Platz für noch mehr Menschen oben im Gestänge ist, oder ob man kurz warten soll. Wir bemerken Kameras an allen Ecken und Enden und können die versteckten Räume des Space Centers auf kleinen Monitoren sehen: Live und in Farbe, da stolpern tatsächlich gerade die Zwerge durch, deren rote und blaue Quietsche-Schuhe wir über uns durch die Gitter sehen können. Spannend. Wäre da nicht der WLAN-Router halb hinter der Verkleidung neben den Monitoren. Und der nächste WLAN-Router hinter der Treppe neben dem Moon-Jump. Und noch einer im Verzerrte-Perspektive-Raum. 

Shizuka stellt die Gretchenfrage: Papa, wie ist denn das mit dem Datenschutz, wenn hier alles ans Internet angeschlossen ist und überall WLAN-Router hängen? Da vorne sollte ich meinen Namen und meine Adresse angeben. Hier werden Bilder gemacht. Der Computer weiß, ob ich mit Mama und Papa da bin. Heißt doch im Klartext, dass jeder halbwegs geistesklare Jugendliche innerhalb von fünf Minuten herausfindet, wo er gerade halbwegs ungestört einbrechen kann, oder? Mit ein bisschen Gefiddel guckt der uns dabei live beim Klettern im Gerüst hier zu ... Mein Handy hat mir den ungesicherten WLAN-Zugang hier schon angezeigt.

Der Papa hat zu dem Thema seine ganz eigene Meinung: Niemand macht sich die Mühe, in den Computer eines Museums einzudringen. Nicht in Japan. Vor allem dann nicht, wenn es Kinderbilder, Adressen, Namen und die Aufenthaltsdaten von vielen, vielen Personen abzugreifen gibt. Völlig uninteressant und abwegig. Ungefähr so weltfremd wie dass jemand einen Fingerabdruck fälscht um damit ein iPhone zu knacken.*

Insgesamt war der Besuch mit den Kindern ein Erlebnis, von der Teslakugel über Mikroskope mit den entsprechenden Exponaten bis hin zu den unvermeidlichen "Wir machen Badewannen-Glibber-Glitzer-Schleim-Seife selbst" Workshop gab es alles. Es blieb der schale Beigeschmack, dass ausgerechnet ein Technikmuseum derart seltsame Kommunikationscomputer nutzt. Wo es doch darum geht, Kinder zu Technikverständnis zu erziehen und so.


* Zur Verteidigung muss man sagen, dass der Papa das WLAN zu Hause mit einem langen Zahlen-Buchstaben-Code geschützt hat, der so kompliziert ist, dass er selbst ihn immer wieder vergisst. Er glaubt per se schon an Sicherheit. Vor allem an Fingerabdrücke. Siehe CCC.

Montag, 11. Juli 2016

Sommerferien Nr. 5

Nachdem Shizuka nun ein paar Tage lang die japanische Grundschule in der Nähe unserer Wohnung besuchte, konnte sie einen ordentlichen Vergleich zu Unterricht, Schülerverhalten und Lehrerverhalten im deutschen Kulturkreis ziehen. Und das tat sie denn auch, denn ihre Japanischlehrerin bat sie natürlich, so ausführlich wie möglich über ihre Erfahrungen zu reden. Immerhin soll die kleine Dame irgendwann in nächster Zukunft wirklich konversationssicher sein, und es ist immer wieder schwierig, ein Thema zu finden, das sie wirklich zum Reden bringt. Also, hier ihre Erfahrungen:

- Das war kein Schulunterricht, das war eine soziologische Feldforschung! (Ja, ich musste das japanische Vokabular nachschlagen, weil ich das wirklich nicht draufhabe.)

- Die haben seit drei Jahren im Sommer Schwimmunterricht in der Schule, jede Woche zwei Stunden, und alles was die machen, ist das Gesicht ins Wasser tunken!

- 爪チェック (tsume-chekku, Fingernagel-Längen-Kontrolle) jeden Morgen im Klassenzimmer vor Unterrichtsbeginn – können mit zehn Jahren nicht selbst sehen, wie lang ihre Fingernägel sind?

- Riesenschwimmbad auf dem Schuldach, aber keine Umkleiden! Wir mussten uns im Klassenzimmer umziehen, die Jungs haben ständig den Vorhang zu den Mädels weggezogen, und das ganze Drama hat eine halbe Stunde gedauert! Da war kaum noch Zeit zum Schwimmen.

- Mittagessen aus der Schulkantine war total lecker, nur die Milch hat komisch geschmeckt, und die Portionen sind irgendwie alle gleich groß. Zum Glück hab ich immer wenig Hunger!

- Der Englischunterricht war total Banane. Da kam so ein Ausländer-Typ und hat uns auf Englisch gefragt, ob wir Hobbys haben, und dann mussten alle brüllen "Yes, I do!" und "No, I don't!". Und dann hat der gesagt, ob Baseball unser Hobby ist, und wir mussten brüllen "Yes, it is!" und "No, it isn't!" – die ganze Stunde lang ging das so, mit Fußball und Klavier spielen und Ballett und so. Wir durften gar nicht selber richtig reden.

Und die japanische Sprache? War das okay, oder gab es Probleme beim Verstehen und Reden?

-  Alles locker, völlig in Ordnung. Die Lehrerin hat ihre Kinnlade vom Boden hochklappen müssen, als ich erzählt habe, dass ich seit der ersten Klasse Deutsch und Englisch lerne, nebenbei freiwillig Japanisch habe und in der sechsten Klasse schon in der Schule Französisch dazukommt. Das konnte die kaum glauben, dass ein Kind so viele Sprachen hinkriegt.

Freitag, 24. Juni 2016

Wiedererkannt

Eben im Rahmen weiterführender Studien gelesen, und es spricht mir aus der Seele. Hier. Okay, Mädchen statt Junge, Filmabend entfällt, 

Und es sind Bücher, keine Computerspiele. Ansonsten kann ich den Text absolut nachvollziehen, und abgesehen von den hier ganz eigenen Essgewohnheiten trifft das einfach nur zu. 

Der Text macht nachdenklich. Viele der geschilderten Besonderheiten, was aktuell als Störung im Autismus Spektrum diagnostiziert wird, würde ich persönlich noch als ganz normale, individuelle Entwicklung abtun und gar nicht weiter problematisieren. Charakterzüge eben. Manche Leute mögen Seife, andere nicht. Wie viele Kinder sind motorisch ungeschickt, kommen regelmäßig zu spät zur Schule, driften komplett ab, wenn es um ihr Hobby geht (Pferde, Bücher, Zocken, was auch immer) und hassen Körperpflege? Wo ist die Grenze zwischen Charaktereigenschaften und einer Störung, die nach Intervention verlangt? Ist eine Autismus-Spektrums-Störung im hochfunktionalen Bereich wirklich sofort eine Störung? Solange die Diagnose auf Verhaltensbeobachtungen beruht, woran will man Störung im Gegensatz zu Individualität festmachen? Oder anders gefragt: Wenn ein Kind wirklich keine Seife mag, weil die Haut sich danach einfach doof anfühlt – wie sehr darf sich das Kind wehren, bevor es irgendwo im Spektrum verortet wird? Wie oft pro Woche darf man denn irgendwo zu spät kommen, bevor es pathologisch ist?

Und vor allem: Das, was im Verhalten der sogenannten hochbegabten Kinder immer wieder beobachtet wird, ist in der US-amerikanischen Autismus-Diskussion allgegenwärtig. Kinder lehnen Körperhygiene ab – ja genau, weil die meisten Seifen, Cremes, Deos und Duftwässerchen auf der Haut brennen, Juckreiz verursachen, die Haut austrocknen oder schlicht stinken. Entschuldigung, zu stark parfümiert sind. Das wird in Deutschland oft mit dem Begriff hochsensibel geahndet. Oder die extreme Sensibilität gegenüber Geräuschen, Lärm, Licht, Farben. Läuft in Deutschland unter hochsensibel, in den USA unter Anzeichen für Autismus. Ähnlich sieht es bei den Interessen aus: Wer sich extrem in ein Thema vertieft, davon auch nicht abzubringen ist, und das in einer für das Alter untypischen Art und Weise tut, der gilt hier als vielleicht hochbegabt, dort als autistisch – wie stark darf man sich denn, mit Verlaub, selbständig fortbilden, bevor man als in irgendeiner Art und Weise verhaltensauffällig gilt? Die Liste lässt sich fortsetzen: altersunangemessene Schlafgewohnheiten (Braucht wirklich jeder Mensch in einem bestimmten Alter genau gleich viel Schlaf?), extrem ausgebautes Vokabular (Wer liest, hat automatisch ein größeres Vokabular – ist regelmäßiges Lesen deshalb schädlich?) und Redefaulheit oder unbrennbare Redseligkeit, Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen, damit verbunden auch Schwierigkeiten in der Schule ... 

Ich frage mich, was wir überhaupt verstanden haben und wissen, in Sachen Wahrnehmung und Informationsverarbeitung. Die Forschung geht weiter, immer, ganz klar. Dementsprechend sensibler werden die Diagnosen. Und natürlich werden auch die Interventionsmöglichkeiten ausgebaut. Aber sollten Kinder wirklich den Stempel "autistisch" oder "hochbegabt" aufgedrückt bekommen, nur weil sie etwas anders ticken? Ticken sie überhaupt anders, oder entwickeln sich Menschen einfach nur individuell? Wenn sowohl Hochbegabung als auch Autismus an der Biologie festgemacht werden, beispielsweise an leicht von der Norm (Welche Norm?) abweichenden Prozessen bei der Informationsverarbeitung, die sich tatsächlich im fMRT nachweisen lassen, was bedeutet das? Organe sind schließlich nicht bei allen Menschen exakt gleich, und das Gehirn ist ein Organ, nicht mehr und nicht weniger. 

Autismus und Hochbegabung scheinen also erst einmal nah beieinander zu liegen. Das eine hat den Beigeschmack eines mentalen Defizits, das andere steigert den Leistungsdruck ungemein. Beides nicht gut, wenn man die gesunde Entwicklung der Kinder im Blick hat. Und vor allem: Interventionen sind nett, auf die Kinder angemessen eingehen im schulischen Rahmen ebenfalls. Aber wo ist nun der Unterschied zwischen "individuellen Lernstand erkennen und das Kind da abholen, wo es sich befindet" und "Inklusion benachteiligter Kinder"? Läuft das nicht beides an den Schulen letztendlich auf Binnendifferenzierung und notgedrungen kleinere Klassen hinaus? Fragen über Fragen ...

Was haben wir heute morgen diskutiert? Ja richtig: Sky und Bavaria Film wollen "Das Boot" zu einer Fernsehserie machen, die bis 2018 stehen soll. Das Gespräch bei Brotsticks mit Haselnusscreme drehte sich um die Filmtechnik der frühen 1980er Jahre, die heutigen größtenteils animierten Filme und Serien, die Geschichte hinter "Das Boot" inklusive Kalter Krieg und Opas Vergangenheit bei der Marine, um die Fernsehgewohnheiten verschiedener Generationen. Spezialinteressen? Festhalten an Gewohnheiten und Routinen? Wer es wagt, mir die morgendliche halbe Stunde mit Kaffee und Zeitung (und Diskussionen mit Töchterchen) zu stören, dem gnade Gott! (Muss ich mir jetzt aufgrund der undurchbrechbaren Routinen Sorgen machen?)

Samstag, 18. Juni 2016

Vertrauensverhältnis

Shizuka und ihre Mama haben ein recht vertrauensvolles Verhältnis zueinander. Das beginnt damit, dass die beiden bei Bedarf ausführlich kuscheln, geht mit gegenseitigem Anbrüllen bei Frust weiter und hört bei "Das ist MEIN T-Shirt, nicht Deins!" noch lange nicht auf. Wir lernen gemeinsam, bibbern zusammen bei gruseligen Filmen wie "Momo" und "Pippi Langstrumpf". Wir amüsieren uns zusammen über die depperten Fehler in Klassenarbeiten und schütteln gemeinsam den Kopf ob so mancher japanischer Sitte oder Unsitte. Kurz, wir teilen Erfolge und Misserfolge, und es macht irgendwie meistens ziemlich viel Spaß zusammen. 

Shizuka zeigt ihre Klassenarbeiten zuhause vor und erklärt Mama, was warum wie gelaufen ist. Mama hat heute ein Zertifikat aus der Post gefischt, das bestätigt, dass sie ihre letzte Fortbildung (Kinder mit Lernschwierigkeiten im normalen Sprachunterricht fordern und fördern) über die Universität Lancaster bestanden hat. 

"Mama, was heißt proven?"

"Mama, da steht, dass Du with distinction bestanden hast. Ist das gut?"

"Mama, war das wirklich alles auf Englisch?"

"Ey, irgendwie hast Du das voll gut gemacht."

Und dann wurde die Mama doch glatt ein bisschen rot ob soviel des Lobs von der Kleinen ... Anerkennung aus DER Richtung tut einfach gut. :-)

Sonntag, 12. Juni 2016

Es wird geforscht

Shizuka ist etwas anders drauf als die meisten Kinder ihres Alters. Es ist vielleicht schon aufgefallen, dass sie eine höhere Klasse besucht, als das ihrem Alter entspricht, dass sie nicht ganz alltägliche Hobbys hat,  in ihren Interessen und ihrem Benehmen etwas abseits der Masse steht und einfach immer wieder auffällt. Und das nicht immer positiv. 

Nach gut eineinhalb Jahren an der (nun nicht mehr ganz so) neuen Schule, in einem ihr vorher eher fremden Land, will ich noch einmal Bilanz ziehen.

Die Schule scheint, trotz aller Baustellen, offenen Probleme und Dinge, die verbessert werden sollten (besser geht immer, ganz ehrlich), gut. Shizuka sagt selbst, dass sie auf keinen Fall in einer anderen Klasse als der ihren sein wollte, dass sie zum ersten Mal jetzt das Gefühl hat, wirklich da zu sein, wo sie hingehört. Und das, was in der Schule geschieht, nähert sich auch langsam dem, was man für eine fünfte Klasse so allgemein erwartet. Wir scheinen also etwas richtig gemacht zu haben, auf diesem Gebiet. Bei den Hobbys sieht es ähnlich aus. Die kleine Dame vermisst zwar bitterlich ihr wöchentliches Wing Tsun Training, aber mit Aikido haben wir da wohl eine ganz gute Alternative gefunden. Sollten wir dieses Umfeld hier jemals wieder verlassen (Shizukas Worte), dann ist die parallele Ausübung beider Sportarten nicht ausgeschlossen. Klavierunterricht, ein- bis zweimal wöchentlich bouldern und hin und wieder ins Schwimmbad gehen gehören ebenfalls dazu und werden in der Regel begrüßt. Das Jammern von wegen "heute kein Bock auf dies und jenes" ist passé. 

Es bleibt das aggressive Verhalten nach Schulschluss jeden Tag, das sich innerfamiliär sehr negativ auswirkt. Allerdings fliegen schon längst keine Möbelstücke mehr um, Shizuka hat ihr selbstverletzendes Verhalten abgelegt, und lautes Geschrei ist auch nicht mehr alltäglich. Alltäglich sind Unlust, wenig Motivation, aggressiver Umgangston und das Gefühl, einfach erstmal runterkommen zu müssen. Aus Erfahrung weiß ich, dass manche Menschen eben einfach so drauf sind, dass sie nach Schule, Uni oder Arbeitstag einfach erstmal "ausdampfen" müssen. Das ist nicht angenehm für diejenigen im unmittelbaren Umfeld, und vor allem Shizukas kleine Schwester kriegt immer die volle Breitseite. Trotzdem scheint sich die Forschung inzwischen doch etwas mit diesen offenbar von einem ganz normalen Tag völlig aus der Bahn geworfenen Menschen zu befassen. Verlinkt an dieser Stelle ein aktueller Artikel aus Spektrum online.

Im Großen und Ganzen deckt sich der Text mit dem, was sowohl von Seiten der Begabtenforschung als auch in der Neurolinguistik und Neuropsychologie bekannt ist. Erfahrungswerte und aktuelle Praxis zeigen viel, was die Forschung selbst so noch nicht richtig aufarbeiten konnte. Es ist Not am Mann (und an der Frau), weil einfach vieles aus Beobachtungen bekannt ist, was bislang nicht mit wissenschaftlichen Methoden be- oder widerlegt werden konnte. Interessant ist dabei die Tendenz, auch in der Psychologie ein wenig weg vom Verhalten und hin zu neurobiologischen Implikationen zu gehen. Zusammenhänge zwischen dem tatsächlichen, subjektiven Empfinden (das Verhalten generiert) und der über fMRT messbaren Nervenaktivitäten werden hergestellt. Für die Sprachforschung, vor allem in Hinsicht auf Mehrsprachigkeit, waren und sind die Ergebnisse solcher interdisziplinärer Ansätze durchaus erhellend. Insofern denke ich, dass der Weg weiter verfolgt werden sollte. Denn am Anfang einer möglichen Intervention jedwelcher Art (Aggressionen gezielt abbauen ist etwas anderes als deren Entstehung einzudämmen) sollte doch immer das Verstehen des Phänomens stehen, nicht?

Dienstag, 10. November 2015

Ziemlich coole Betrachtung

Shizuka ist gerade ganz friedfertig, Vokabeln, Matheknobeleien und eine Buchvorstellung für den Deutschunterricht haben sie fest im Griff. Dazu kommt der neue Kletterkurs für Kinder, den sie einmal wöchentlich besucht und der deutlich leistungsorientiert ist. Das kennt sie aus dem Sport bisher noch nicht, Sport war immer nur Spaß. Sie kommt an ihre Grenzen, und das nicht nur körperlich: Der Kurs ist rein japanisch. Trotzdem fiebert sie seit drei Wochen nun immer dem Montag entgegen.

Mama hat derweil Zeit, sich beruflich weiterzubilden, und ist auf einen interessanten Artikel gestossen. Online, natürlich, und stark mit Werbung für Lernmaterial durchsetzt, aber trotzdem ganz interessant hinsichtlich Unterrichtsgestaltung und Mediennutzung. Deshalb soll der hier geteilt werden: Barbara Oakley zum Thema computerunterstütztes Lernen.

Samstag, 17. Oktober 2015

Zurück zur Normalität?

Das neue Schuljahr hat sich eingependelt, der Alltag ist nach etwa 6 Wochen mehr oder weniger normalem Unterricht eingekehrt, und Shizuka hat keinen Bock mehr. Also nicht kategorisch keinen Bock auf Schule, so schlimm ist es noch nicht, aber es sind doch so einige Fächer, in denen sie sich gerade deplatziert fühlt. Da die kleine Dame inzwischen als Gymnasiastin in eigenen Anliegen für voll genommen wird, war es auch schon möglich, ein paar "lösungsorientierte Gespräche" mit den Fachlehrkräften zu führen.


Mathe. Der Stoff der vierten Klasse wird wiederholt und vertieft - Shizuka langweilt sich. Die vier Grundrechenarten schriftlich im Bereich bis mehrere Billionen zu lösen, ist doof geworden. Nach drei Wochen ohne Hausaufgaben schlug die sehr genervte Mama vor, dass Shizuka das Problem mit ihrer Lehrkraft selbst klärt. Immerhin schien es im Unterricht gut zu laufen. Ein Gespräch zwischen Shizuka und ihrer Lehrkraft unter vier Augen fand auch wirklich statt und generierte eine passende Lösung: Shizuka muss im Unterricht jede Stunde beweisen, dass sie alles fehlerfrei kann, dann ist sie von den vertiefenden und festigenden Hausaufgaben (zu Deutsch: Wiederholungen) befreit. Statt dessen hat die zauberhafte Lehrkraft ein Heft mit wirklich gepfefferten Textaufgaben für sie angelegt, von denen Shizuka aber auch immer nur eine bearbeiten darf, bis sie das richtige Ergebnis und den korrekten Lösungsweg in nachvollziehbarer und leserlicher Art und Weise wiedergegeben hat. Die Lernenden werden in den kopierten und eingeklebten Aufgaben gesiezt, was uns ahnen lässt, dass das eigentlich kein Stoff für die Unterstufe ist. Trotzdem: Shizuka hat Spaß. Sie fiebert mittags den Mathe-Hausaufgaben entgegen und gibt sich Mühe, für geometrische Zeichnungen zumindest manchmal das Lineal zu benutzen. Die erste Hälfte des Heftes ist schon voll.

Deutsch. Diktate werden wöchentlich nach Übung geschrieben. Da Shizuka eigentlich eine einwandfreie Rechtschreibung hat, übt sie nicht. Und langweilt sich so sehr, dass sie schluddrig schreibt. Da werden ganze Wörter vergessen, hier und da sind Buchstabendreher drin, alles ist recht unleserlich. Ein neuer Füllfederhalter hat das Problem kurzfristig entschärft: Shizuka war so glücklich über das neue Schreibgerät, dass sie es eine Woche lang freiwillig mit Übungsdiktaten mittags zu Hause "einschrieb". Was ein sehr gutes Diktat generierte. Leider ist der Füller jetzt nicht mehr neu, sondern gut eingeschrieben, und für nächste Woche steht ein Aufsatz im Kalender. Die Hausaufgaben in Deutsch werden gerade nicht gemacht. Angeblich gibt es keine - sagt Shizuka. 

Englisch. Das Vokabelheft ist nicht nur unvollständig geführt, sondern auch noch unleserlich. Wiederholte Ermahnungen der Lehrkraft und die Heftnote haben daran nichts geändert. Das vierte Ultimatum zur Abgabe eines ordentlich oder zumindest vollständig geführten Vokabelhefts ist ungenutzt verstrichen. Die Vokabeltests sind gemischt - generell weiß Shizuka, wie Englisch funktioniert. Aber sie hat ein typisches, selbstgemachtes Problem: Die Übersetzung, die im Buch steht, fällt ihr nicht ein. Aber dafür hunderttausend weitere Bedeutungen des Wortes. Die Fachlehrkraft fragt aber mit den Vokabeltests ab, ob die Kids aus dem Buch gelernt haben - nicht ob sie Muttersprachler sind. Daher wechseln sich hier fehlerfreie Tests ab mit solchen, die nur gerade so bestanden sind. Das motiviert Shizuka nicht gerade dazu, ihr Heft ordentlich zu führen oder Hausaufgaben zu machen. Auch da besteht wohl Redebedarf.

Frühfranzösisch. Eigentlich eine AG, angeblich nie Hausaufgaben, und langweilig ist es außerdem. Shizuka hat Zählen gelernt, kann die Farben benennen und die Haustiere, ihre Verwandtschaftsverhältnisse und die Richtungen. Sie hat drei Kinderlieder gelernt und will jetzt endlich mal "was Richtiges" lernen. Keine Ahnung was, das sagte sie ihrer Mama nicht. Der Lehrkraft vermutlich auch noch nicht. Aber Tom & Jerry ist langweilig geworden. Ob ich ihr mal einen Band Asterix hinlegen sollte?

Bio. Die ersten Wochen gingen mit "langweiligem Kram" einher. Säugetiere, Säugetierknochen, was fressen die Haus- und Nutztiere. Ein paar Hunderassen kannte sie noch nicht, das war also wirklich mal interessant. Hausaufgaben? Gibt es wahrscheinlich. Ich krieg immer nur mit, dass sie mal wieder etwas nicht gemacht hat.

Eines ist jedoch sehr viel besser geworden: Japanisch. Shizuka strengt sich an, lernt und übt zu Hause. Sie liest weiterhin japanische Enzyklopädien anstatt Hausaufgaben zu machen, gerne auch mal bis 22.30 Uhr abends. 

Es zeichnet sich also so langsam ab, dass die etwas forderndere Auslandsschule mit erweitertem Sprachangebot die Problematik nicht lösen konnte, sondern dass Shizuka wieder in die alten Verhaltensmuster zurückfällt. Nach dem guten Start hier, der nun doch ein ganzes Jahr lang angehalten hat, ist das ernüchternd. Und eine Enttäuschung.

Montag, 21. September 2015

Wir feiern!

Des einen Freud, des anderen Leid. Shizukas Mama übernimmt ab dem 1. Oktober die Babyvertretung für eine Förderlehrkraft der Deutschen Schule. Die Vorbereitungen, Gespräche, Vorstellungsveranstaltungen und Kennenlernrunden nahmen nun schon einiges an Zeit in Anspruch - drei Wochen lang. Shizuka ist schon ganz stolz: Mama hat eine richtige Arbeit, gar nicht mehr selbständig, sondern regelmäßig und außer Haus. Und dann natürlich noch ein Baby. Oh mei. So was Feines! Die Schwester des künftigen Ex-Pats geht in ihre Klasse und die beiden sind befreundet, was für ein Ereignis für die Mädchen! Alles fieberte dem Oktober entgegen. Eigentlich.

Ganz konkret und gar nicht eigentlich gedachte der kleine Maximilian, am Samstag  alle überraschen zu müssen. Also übernimmt Mama ab morgen den Förderunterricht. Unvorbereitet. Ohne Fördermaterialien. Ohne Hospitation. Ohne Stundenplan. Ohne Raum und Schlüssel für verfügbare Räume. Ohne Förderplan. Ohne alles - sogar ohne Betreuung für Shizukas kleine Schwester. Danke, Maximilian. Und willkommen im Leben, kleiner Sonnenschein!