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Mittwoch, 11. April 2018

Klavierelfen, Musikgeschichte und ein lange zurückliegender Krieg

Nach langer Abwesenheit (wird später erklärt) nur eine kurze Notiz: 

Der Herder Verlag plant ein für alle Japaninteressierten interessantes Projekt. Es soll ein Kinderbuch ins Deutsche übertragen werden, das nicht nur ein in Deutschland wenig bekanntes Ereignis der deutsch-japanischen Beziehungen bearbeitet, sondern eben auch insbesondere ein Stück Musikgeschichte transportiert. Konkret geht es um die Ereignisse im Jahr 1914 in China, die letztendlich dazu führten, dass das unten genannte Musikstück in Japan so wahnsinnig beliebt ist. Als Kinderbuch ist das Ganze sehr schön aufbereitet, und die beiden kleinen Damen der Familie werden wohl demnächst ihre verbleibenden 図書カード (Büchergutschein, der in jedem beliebigen Buchladen in Japan eingelöst werden kann) für dieses Buch verwenden.

Tolle Sache, diese geplante Übersetzung  und unserer Ansicht nach unterstützenswert. Denn sowohl Shizuka als auch die kleine Schwester durften die "Ode an die Freude" im Rahmen des Klavierunterichts in Japan bereits in drei verschiedenen Fassungen und Schwierigkeitsgraden üben und bisweilen sogar öffentlich zum Besten geben. Perfektes Geschenk für die kleinen Klavierelfen oder auch die ein oder andere Lehrkraft, da sind wir uns einig. Einfach mal reinschauen, das Projekt des Verlags ist hier verlinkt. Ach so, und bevor wir es vergessen: Hier hat noch jemand darüber geschrieben. :-)

Sonntag, 12. März 2017

Neulich im 和実 (wajitsu, japanisch eingerichteter Raum)

Shizuka und ihre kleine Schwester haben sich im 和実 gemütlich eingerichtet. Auf dem Boden liegen verstreut 布団(futon, japanisches Bettzeug), draußen prasselt der Regen in eintönigem Rhythmus die Krokusblüten nieder. Zwischen den 布団 nicht nur die beiden Mädchen, sondern auch ein paar Bücher. Deutsche und japanische. Da liegen Conni lernt reiten, Neue Briefe von Felix, ボール待って待って, いないいないバー und einige mehr. Alles mehr oder weniger Klassiker der 1980er bis heute, Zielgruppe: Kindergarten bis Mitte Grundschule. Die kleinen Damen hatten die Schiebetüren zugezogen und es sich gemütlich gemacht. Ich durfte von draußen lauschen und konnte hin und wieder einen kurzen Blick durch die Ritzen erhaschen.

Kleine Schwester: Japanisch lesen ist voll einfach.

Shizuka: Ach, Du kannst doch eh erst Hiragana. Wart mal ab bis Du Kanji lernen musst. Voll schwer.

Kurze Denkpause.

Kleine Schwester (Tonfall ich-weiß-es-aber-besser-und-hab-Recht): ノンタン (Nontan*) kann ich schon ganz alleine lesen, das muss mir niemand vorlesen. 聞いてねえ! ドイツ語の本はまだ難しい!(Kiste-Nee! Doitsu-go no hon wa mada muzukashii!, Hör zu! Deutsche Bücher sind noch zu schwer!)

Shizuka (ganz große Schwester und angesäuert): Ja klar, ist ja Baby. Nontan kann jeder. Voll die Babysprache. Deutsche Kinderbücher sind echte Bücher. Da stehen richtige Sätze drin und richtige Wörter und so. Guck mal: Conni muss aufsatteln. So ein Wort gibt es in japanischen Kinderbüchern gar nicht!

kleine Schwester: Wohle! Nur der Nontan is' 'ne Katze, der reitet ja gar nicht! 猫ちゃんは馬乗られないでしょう!(Neko-Chan wa uma norarenai deshou!, Mietzekätzchen können durch gar nicht reiten, gelle!)

Shizuka (jetzt leicht amüsiert): それだけ?(Sore dake?, Nur das?) Meinst Du echt nur deshalb? Überleg doch mal: Auf Deutsch musst Du nur 26 Buchstaben und so ein paar Extradinger wie "ck" und so lernen. Dann kannst Du die Buchstaben lesen, und die Buchstaben werden zu Wörtern und die Wörter zu Sätzen. Auf Japanisch lernst Du Silben. Die können in Hiragana geschrieben sein, das ist na klar voll einfach. Aber nur Babybücher sind ganz in Hiragana geschrieben. Guck mal hier, erste Klasse (なぜなぜどうして** wird lautstark auf den Stapel geschmissen). Alles voller Kanji, und trotzdem noch total die Babysprache.

kleine Schwester (Stirn in Runzeln, die der Uroma zur Ehre gereichen würden): Aber deutsche Bücher kann ich noch gar nicht lesen! Ich kann die Buchstaben, aber in den Wörtern werden die ja so komisch. Da guck: Da steht C-O-N-N-I, aber lesen muss ich Konni. Oder hier: R-E-I-T-E-N. Wenn ich das Wort verstehen will, muss ich eigentlich R-A-I-D-N lesen. Voll doof, das.

Shizuka (das Grinsen ist deutlich hörbar): Du fränkelst. Das "T" musst Du als "T" lesen, nicht als "D". Und da muss wirklich noch ein "E" dahinter. 

kleine Schwester: Näh?

Shizuka (extrem betont, mit fränkisch gerolltem "R"): REITEN!

kleine Schwester: Du klingst voll doof so. 

Shizuka: Hast Recht, so spricht keiner. Aber so ist das halt. Und da gewöhnt man sich total schnell dran! Ich hab auch mit vier lesen gelernt und konnte das mit fünf so ein bisschen, wie Du, und mit sechs habe ich die Conni-Bücher immer ganz alleine gelesen. Und Pferdegeschichten! So Sachen wie das "E-I" als "AI" sind schwer, das stimmt. Aber dafür gibt es wirklich nur einen Satz Buchstaben! Ein Schuljahr reicht aus, um das zu lernen. Und dann kannst Du auch englische und französische Bücher lesen, die haben nämlich die gleichen Buchstaben. Nur Japanisch ist so blöd schwer. Das können nichtmal die Chinesen lesen.

kleine Schwester (hängt an den Lippen der Großen): Voll cool, echt. Ich will in die Schule.


Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich zurückgezogen. Wie mir die beiden später berichteten, wurde auch nicht weiter über Schriftsysteme und Lesefähigkeiten philosophiert. Die nächsten beiden Stunden brachten die beiden wohl damit zu, gemeinsam die vorhandenen Bücher zu lesen. Laut, denn ich hörte immer mal wieder das stottrige Stimmchen der Kleinen und dann wieder passagenweise das Maschinengewehr-Rappeln der Großen, die extreme Probleme mit dem langsamen, betonten Lesen hat. Mal sehen, was die beiden demnächst noch aushecken!




* Name eines frechen kleinen Katers, Protagonist einer Kinderbuchreihe, vergleichbar in etwa mit dem deutschen Raben Socke. Allerdings spricht der Rabe Socke selbst zwar eine kindliche Sprache, die anderen Figuren der Geschichten bewegen sich sprachlich aber eher auf Erwachsenenniveau, die Erzählerstimme sowieso. Das fiel der kleinen Schwester neulich auch schon auf: Für Nontan fühlt sie sich fast zu klein, Rabe Socke findet sie cool, obwohl die Geschichten inhaltlich fast gleich sind.

**Warum warum wieso. Buchreihe für Grundschüler/-innen, die in verschiedenen Bänden unter Rücksichtnahme auf das vorhandene Vokabular und die bekannten Schriftzeichen naturwissenschaftliche, gesellschaftliche oder historische Sachverhalte kindgerecht erklärt. Ein bisschen wie Was-ist-Was im Deutschen, aber nicht thematisch nach Bänden sortiert und in der Sprache extrem stark an die jeweilige Klassenstufe angepasst.

Donnerstag, 23. Juni 2016

Überfällig

Das Schuljahresende ist absehbar (2 Wochen), die Motivation lässt nach, und das auch bei den Kindern. Vor kurzem fand die Klassenfahrt statt, drei Familien der Jahrgangsstufe räumen gerade ihre Wohnung leer und packen Koffer, neue Schulen werden nicht nur gesucht, sondern sind bereits gefunden. Und die Kinder haben in den letzten drei Wochen tatsächlich noch Klassenarbeiten und Tests geschrieben. Da sollte neben Hausaufgaben, Packerei, Verabschiederei, Philosophieren über weitere Lebenswege und niemals endende Freundschaften tatsächlich noch gelernt werden. Konzentriert gelernt werden. Konzentriert sollten die Arbeiten geschrieben werden.

Ein Ding der Unmöglichkeit.

Von den drei Klassenarbeiten, zwei Tests und einer größeren Sprachprüfung kamen drei Klassenarbeiten mit sehr ungewöhnlichen Ergebnissen zurück*, zwei Tests mit noch ungewöhnlicheren Ergebnissen in die andere Richtung, und der Sprachtest ist wohl erst nach den Sommerferien ausgewertet.

Abgesehen davon, dass die Lehrkräfte gerade so hochmotiviert sind, dass die maximale Korrekturdauer voll ausgeschöpft wird, sind die Fehler bezeichnet. Alles verschusselt. Buchstaben vergessen, ganze Wörter verwechselt (in der Muttersprache), halbe Sätze gedacht und nicht hingeschrieben, Zahlen- und Buchstabendreher, in der Reihe verrutscht ... Es ist zum Haare raufen. 

Shizuka hat ohnehin ein Konzentrationsproblem. Darauf angesprochen, dass man das bei Gelegenheit mal über ein bisschen Training angehen könnte, konnte sie keine Begeisterung entwickeln**. Hausaufgaben und Korrekturen werden nicht gemacht, die kleine Dame hat sich wiedermal mit einem Stapel Büchern im eigenen Zimmer verschanzt. Diesmal sind es die neu erstandenen Schulbücher fürs nächste Schuljahr, Deutsch und Mathe. Bin gespannt, wie langweilig der Unterricht im nächsten Schuljahr wird. Ob da wieder Papierflieger durch die Klasse segeln müssen, Kreide zermahlen und mit Wasser zu Soße verrührt wird? Ob es wieder nötig ist, den Jungs heimlich Salz ins die Trinkflaschen zu schütten? Die meisten Streiche wurden dieses Jahr mit "ernsthaften Klassengesprächen" geahndet und nicht ernst genug für eine Überarbeitung der Unterrichtsmethode genommen ... 

Ob Shizuka auf die Idee kommt, dass sie selbst an ihrer Langeweile Schuld ist, wenn sie ihre Bücher schon vor Schuljahreswechsel komplett durcharbeitet?


* Nicht die erfreuliche Sorte, sondern die andere.
** Mama ist ferienreif, die kleine Schwester ist ferienreif, und aufgrund des immer wieder lautstark geäußerten Protests der keinen Dame sind es die Nachbarn garantiert auch.

Dienstag, 26. April 2016

Tag 1 - Langeweile

Nachdem die spannenderen Teile der heimischen und entliehenen Buchbestände während der letzten Tage schon ausgiebig durchdacht wurden, blieb heute Zeit für - Langeweile. Shizuka stand gegen acht Uhr auf und malte erst einmal einen Schwarm Schmetterling auf die Tafel im Flur. Danach war der Garten dran: Indoboard. Nach fünf Minuten kam sie wieder rein (Mama, ich hab doch keinen Bock). Das Einrad war an der Reihe. Diesmal dauerte es zehn Minuten (Mama, ist langweilig). Seifenblasen ... zehn Minuten. Rasen schneiden ... fünf Minuten. Skateboard ... hat es nichtmal bis zur Haustür geschafft. Rollschuhe? Keine Option. Hm. Doch Buch lesen? Laaaaangweilig!

Schließlich wurde sie dann doch noch aktiv. Knapp vor dem Mittagessen packte Shizuka die kleine Wetterstation aus, die sie eigentlich schon vor zwei Jahren in Deutschland auf dem Balkon aufbauen wollte. Heute also doch. Okay. Und dann überschlugen sich die Ereignisse ...

Mama, ich brauch ein Wörterbuch, die Anleitung ist Englisch!

Mama, eine PET-Flasche! Sofort! Halber Liter, leer!

Passt nicht! (Drei Flaschen von lokalen Herstellern ausprobiert, überall war der Schraubverschluss zu weit. Sogar das extra am nächsten Automaten nach Augenmaß gezogene Exemplar, das Mama "auf Ex" trinken musste, passte nicht.)

Moment, Papa hatte da doch neulich 'ne Colaflasche, die sind doch eigentlich weltweit gleich ... Passt! 

Schraubenzieher! ... Nee, kleiner! Kreuzschlitz!

Wasser!

Sand!

Bis zum Mittagessen hatte sie tatsächlich die kleine Colabuddel ausgespült, zum Teil mit Sand gefüllt, mit Wasser aufgefüllt und eine kleine Wetterstation aufgeschraubt, die aus Windrichtung- und Stärkeanzeiger, einem Thermometer, einem Kompass und einem Niederschlagsmesser besteht. Sie hatte das Ding im Garten nach Anleitung aufgebaut, schön im Freien, weit weg von Bäumen und Hauswand. Das Thermometer war an der Nordseite der Flasche angebracht, damit es sich in der Sonne nicht aufheizen würde. Nur ein Problem gab es nun noch: die Flasche. PET, ohne Zier, nur mit der graubraunen Sandmatsche drin. Unästhetisch. So eine Wetterstation, die muss doch was hermachen!

Und damit war klar: Den Nachmittag würden wir in der Aquaristik-Abteilung des örtlichen Wohnzentrums (eine Mischung aus Baumarkt und Inneneinrichter inklusive Zooabteilung) verbringen. Shizuka einigte sich schließlich auf eine Wasserpflanze namens Cabomba und ein Säckchen rot-orangenen Kies. Zu Hause angekommen, wurde das Zeug anstelle des Sands in die Flasche gefüllt. Wir haben also nun ein "Aquarium" ohne Fische im Garten. Ich bin gespannt, was morgen kommt. Als Bettlektüre wurde mir aufgetragen, alles verfügbare über die korrekte Pflege von Cabomba zu lesen ...

Montag, 25. April 2016

Ferientief

Am Donnerstag war der letzte Schultag, seitdem sind hier Ferien. Golden Week heißt das in Japan eigentlich, während dieser einen Woche fallen so viele Feiertage zusammen, dass das halbe Land kollektiv frei hat. Da von deutscher Seite auch noch Fronleichnam, Pfingsten und Christi Himmelfahrt irgendwie ferientechnisch verwurstelt werden muss, gibt es einfach zweieinhalb Wochen Ferien, und damit ist die Sache abgegolten. Immerhin fehlen ja auch die japanischen Schuljahresendeferien im März, da die Deutsche Schule tatsächlich deutsche Schuljahre von September bis Juli anbietet.

Hier nun also Ferien, zweieinhalb wunderbare freie Wochen voller Sonnenschein, mildem Wetter und vor allem ohne Schule.

Shizuka hat den Freitag, den Samstag, den Sonntag und einen großen Teil des Montags lesend im Bett verbracht. Gedichte von Guggenmoos, irgendetwas über Orcas, ein Jugendroman über chaotische Lebensumstände, der Sammelband mit Grimms Märchen musste ebenfalls dran glauben. Dann war da noch das Buch über die Hunderttausend Dinge, die coole Jungs interessieren (Pfadfinder, nicht die Bravo-lesende Sorte) und das Rätselbuch, das uns nun schon seit ein paar Wochen begleitet. Auf dem elektronischen Lesegerät wurde "Nikos Reise durch Raum und Zeit" beendet und ein Band Jugendkrimis mit Leonardo

Zwischen der ganzen Leserei war gerade so noch Zeit, eine Hängematte zu kaufen, zu essen und eine Stunde klettern zu gehen. Das werden spannende Ferien ...

Samstag, 19. März 2016

Hauptsache wild!

Nach unserem Umzug im Oktober 2014 kamen wir unseren neuen Nachbarn über den kleinen Garten und die dort laut tobenden Kinder immer näher, und mit der Zeit stellte sich das als durchaus fruchtbar heraus. Hunde durften gestreichelt werden, japanisches Konversationstraining fand kostenlos über den Zaun statt, und eines Tages kam eine Nachbarin mit einem Stapel deutscher Teenie-Literatur unter dem Arm vorbei. Die Familie war eine Zeitlang in Deutschland gewesen, die Tochter hatte ausführlich gelesen, der Kram wurde aber jetzt nicht mehr gebraucht. Ob wir ...? Ansonsten Altpapier. Wir taten. Shizuka fasste die "Liebesgrüße per SMS" und ähnliche Werke zwar erstmal nur mit Gummihandschuhen und sensationellem Naserümpfen an, aber die "Wilden Hühner" von Cornelia Funke wurden nach kurzem Beschnuppern dann doch freudig angegangen. Die Reihe kam vollständig bei uns an, so dass nächtelangem Lesevergnügen beim Schein im Bett im Schein einer kleinen Funzel von Nachtlampe nichts im Weg stand. Wochenlang wollte Shizuka kein Huhn mehr essen, mit dem Fahrrad querfeldein und im Stehen fahren und musste doch einsehen, dass ein Wohnwagen im Grünen als Geheimversteck einer Mädchenbande hier in Yokohama nicht umsetzbar war. Seufzen. "Mama, wie schmecken eigentlich Sprotten?"* 

Der zur Buchreihe gehörende Spielfilm wurde ausgeliehen, mehrmals geschaut, mehrmals war das Kind enttäuscht: Das ist ja gar nicht wie in den Büchern, und die Mädels sehen auch ganz anders aus! Voll blöd. Bücher und Film sind letzten Endes Mädchenromantik pur, viel in Richtung Freundschaft und Zusammenhalt in Dick und Dünn.

Vor einigen Wochen entdeckte die kleine Leseratte dann im DVD-Regal der Schulbücherei "Die Wilden Kerle 1". Sowas wie die Hühner? Nur mit Jungs? Okay - müssen wir versuchen! Der Film verwandelte die kleine Individualsportlerin innerhalb von 90 Minuten in ein brüllendes kleines Fussballungeheuer, das eine Mannschaft suchte. Wahnsinn! Die Schulfreundinnen mussten in der Folge für das wöchentliche gemeinsame Klettertraining mit selbstbemalten T-Shirts in einheitlichem Stil ausgestattet werden (wir haben uns für Tie-dye entschieden), ein Kampfruf ("Klettern wie wild!") wurde entwickelt, im Schulsport mussten die Shirts auch angezogen werden, und selbstverständlich mussten die anderen Filme der Reihe SOFORT organisiert werden. Die Schulbücherei gab indes nur Teil 3 her. Mit einer Mädchenfussballmanschaft, die in rosafarbenen, bauchfreien Tops Fußball so spielten*, wie andere Leute Billiard. Über Bande, alles in 3D, und permanent kaugummikauend. Rosa Kaugummi. Mit vielen Blasen. Die nach dem Platzen gar nicht in den Haaren klebten***. Also wieder ein doofer Film. Teil 2? Teile 4 und 5? Nicht vorhanden. Vergriffen, sagte die Bibliothekarin. Mama sagte: Schau mer ma bei Gebrauchte Bücher und so. Und Mama wurde fündig, die Teile 2 und 5 kamen innerhalb von drei Wochen in Yokohama an, mit leichten Brüchen in der Hülle, aber ansonsten unbeschadet. Und da war klar: Die Fußballnärrin unter den Freundinnen musste zum Übernachten kommen, es würde eine DVD-Nacht geben, und anschließend mussten die Filme der Schulbücherei spendiert werden. Gesagt, getan. Der dritte Teil der Filmreihe stellte sich als außerordentlich cool heraus, der fünfte Teil hinterließ wieder maue Gefühle. Die "Kerle" sind mit zwei Mädels schon gar nicht mehr nur eine Jungsmanschaft, und so wirklich um Fußball geht es auch nicht, eher um Vampire. Und das Fazit?

Mama ärgert sich mal wieder, dass alle coolen Kinderbücher und -filme derart verkomerzialisiert werden. Trinkflaschen, T-Shirts, Schulranzen, Hefte und mehr, alles mit den Kerlen darauf. Die Hühnerreihe, die ja ähnlich angelegt ist, kam doch auch ohne so etwas aus. Immerhin besteht Shizuka nun auf selbstgemachtem "Wildsein", denn so wirklich fußballbegeistert ist sie doch nicht. Sie hat den Zusammenhalt der Jungs erkannt, die in den Filmen die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen perfekt nutzen, um gemeinsam zum Ziel zu kommen. Dass Jungs dazu einen Fußball brauchen ist halt einfach so. Und dann war da noch das Thema Jungs ...

Die Wilden Kerle sind ganz normale Jungs. Die Schauspieler sehen während der Autogrammstunden und im Tourbus aus wie zu groß geratene Kindergartenjungs mit ein paar Pickeln zu viel. Blöde T-Shirts und Jeans, alberne Jacken, zu dicke Turnschuhe. Dazu bei allen (!) ein Baseballcap, das verkehrt herum getragen wird und den Kopf der Jungs aussehen lässt wie ein Fieberzäpfchen mit Sonnenschild. Uargh. Und prompt hatten die Mädels eine interessante Frage: Warum sind Jungs eigentlich nur im Film cool?****

Wenn ich das nur wüsste ...

Es bleibt die Begeisterung für alles, was WILD ist. Sogar die kleine Schwester sitzt jetzt auf ihrem Fahrrad und johlt "Sei wild!". Als Projekt für die nächsten Ferien hat sich Shizuka die vierzehnbändige Buchreihe von den Fußballjungs vorgenommen. In Deutschland ist gerade der sechste Teil im Kino.





* Die Erfahrung sparen wir uns für den Sommerurlaub bei der deutschen Oma.
** Geht gar nicht. Nicht Fußball. Aua. Die hatten nichtmal blaue Flecken an den vorstehenden Hüftknochen.
*** Das widerspricht allen persönlichen Erfahrungen von Shizuka.
****So im echten Leben laufen sie zwar auch mit unmöglichen Klamotten und Fieberzäpfchenbasecaps herum, aber die sind ja auch NORMAL und keine Filmstars.

Dienstag, 16. Juni 2015

Vier kleine Raupen, vier große Raupen, zwei lila Raupen und zwei kahle Bonsais

Wir haben allerlei Pflanzen hier im Garten und in diversen Pflanzbottichen ums Haus verteilt. Nicht alle konnten wir bisher identifizieren. Zu den nicht näher beachteten und daher noch unbekannten Pflanzen gehören auch drei kleine Zierbäumchen, grob geschätzt eine Sorte Buchsbaum, so der Optik und den Blättern nach. Blüten und Stammbildung unterscheiden sich aber, und sie sind wirklich wie Minibäume geschnitten, wie Bonsais eben. Dass der Buchsbaum in Japan nicht heimisch, tut nichts zur Sache - drei Viertel der von uns im Garten und in diversen Parks identifizierten Pflanzen sind ohnehin Neophyten und seit maximal 150 Jahren hier ansässig. Da käme es auf den Buchsbaum auch nicht mehr an ... Anyways, die Sache läuft, wir sind heftig am Kategorisieren, Eingrenzen, Benennen, Fotografieren und Bestimmen unseres Umfelds.

Heute nun stellten wir fest, dass der seit Wochen schon etwas zerrupft aussehende Bonsai inzwischen ziemlich kahl ist. Sein Nachbar hat immerhin zwei komplett kahle Ästchen, die anklagend aus dem gelbgrünen Puschel ragen. Wenige, sehr kleine neue Blätter sind da, alles andere ist auf Stängel reduziert. Es steht noch jeweils die mittlere Blattrispe, und dazwischen ringeln und räkeln sich, man glaubt es kaum, kleine Raupen. Gut getarnt, grün mit schwarzen Köpfchen und kleinen schwarzen Tupfen, einige auch mit zusätzlicher gelboranger Zeichnung. Und zwei Winzlinge, lila. Mit rotem Köpfchen.

Nun flattern hier so einige Schmetterlinge herum, die wir auch zum Teil aus Deutschland kennen, und wir dachten: Wird schon irgendetwas davon sein. Wir haben die kleinen Bäumchen vorsichtig geschüttelt, alle heruntergefallenen Raupen aufgesammelt, zusammen mit ein paar ebenfalls gefallenen Blättern in der Tupperdose eingesammelt (mit Gartenhandschuhen, denn einige der アオムシ sind wohl ziemlich hautschädigend, bissig oder giftig), noch ein bisschen Unkraut gerupft, und das war erstaunlicherweise auch raupenversetzt. Kleine schwarze Krümel auf den Blättern der Bäumchen könnten Eier sein, könnten auch Samen von anderen Pflanzen sein, wir wissen es nicht. Was herunterfiel, blieb unten, der Rest blieb drauf. Wir behalten die Bäumchen im Auge. 

Shizuka packte nach getaner Arbeit die Tupperdose mit der Beute unter den Arm und marschierte zwecks umweltfreundlicher und tierrechtkompatibler Entsorgung zur nächsten Brache. Ein Block entfernt befindet sich eine Wildwiese mit Obstbäumen*, das Fallobst vom letzten Herbst modert noch herum, Vögel krakeelen dort alltäglich und streiten sich nie ums Futter, weil es genug gibt. Da können die Raupen das tun, was die Natur vorgesehen hat: Blätter fressen oder selbst von Vögeln gefressen werden. 

Wieder zurück zu Hause, schauten wir im Naturführer** nach, was wir da denn nun gerade ausgewildert hatten. Es könnte Colias erata sein, aber irgendetwas stimmt da nicht ... Genau, die Beine! Raupen haben gar nicht so viele Beine! Also wurden Ixquick, Wikipedia, Hortependium und einige Schmetterlingsbestimmungsseiten bemüht, bis wir das Rätsel lösen konnten. Raupen haben wirklich nicht so viele Beine. Wir haben es hier mit Blattwespenlarven zu tun. Die Blattwespen überwintern im Ei, schlüpfen im Frühjahr bei angemessener Temperatur, krabbeln zum Teil aus der Erde (richtig, unter einem der Bäumchen hatten wir ein graubraunes Insektenei gefunden), fressen ganze Wäldchen kahl und entwickeln sich im Hoch- bis Spätsommer zu Wespen. Keine, die Menschen als gelbschwarz gestreifte Nervensägen auf der Bierterrasse überfallen, sondern solche, die weiter Bäume kahlmachen. Blattwespen eben. 

Die lilanen kleinen Nimmersatte waren vermutlich der Art Maiglöckchenblattwespe zuzurechnen, zumal eine davon auch im Unkraut (irgendein noch nicht näher bekanntes Sumpfgewächs mit aufdringlich säuerlichem Geruch) schmatzte. Phymatocera aterrima heißt das Tierchen, eine japanische Bezeichnung kennen wir derzeit noch nicht. Ebenfalls vorhanden: Pristiphora conjugata. Die Larven mögen Pappeln und Weiden, mehr war nicht herauszufinden. Und die dritte im Bunde, auffälliger gefärbt und deutlich größer, die Breitfüßige Birkenblattwespe, Croesus septentrionalis (in Wikipedia als Gattung Craesus geführt) genannt. Laut Hortependium sind die Larven ganz heiß auf Erlen, bei uns saßen sie im Klee und auf jenem nicht näher bestimmten buchsbaumartigen Bonsai. 

Shizuka war enttäuscht: Mama, keine schönen Schmetterlinge? Nein, keine schönen Schmetterlinge. Komisch gefärbte Wespen stattdessen, die in der Körperform irgendwo zwischen Schmeißfliege und Borkenkäfer rangieren. ごめんねえ。


* Beruhigend zu wissen, dass die gefunden Krabbeltierchen offensichtlich weder Obstbaumblätter noch -holz mögen ...
**Absolut empfehlenswertes Büchlein für alle, die länger im Land sind und ein bisschen lesen können. Die Bestimmung ist einfach und kindgerecht, viele Bilder helfen, und die Beschreibungen sind leicht zu verstehen. Ein Zusatzteil geht auf Expeditionen ein und erklärt, wie man Tiere und Pflanzen schonend (d. h. ohne Schäden oder Todesfälle auf Seiten der Subjects) untersucht. Außerdem: Hosentaschenformat!

Mittwoch, 27. Mai 2015

Verliebt!

Shizuka ist verliebt. Über beide Ohren. Und über alle Sprachbarrieren hinweg. Sie ist so verliebt, dass sie ihre Hände einfach nicht bei sich behalten kann. Die Augen leuchten und glänzen. Sie hat nichts anderes mehr im Kopf. Sie kann von nichts anderem mehr reden. Sie hat es gleich ihrer Schwester erzählt. Und ihrer Mama. Und dem Papa. Und der Lehrerin. Schüchtern sitzt sie mit dem Geliebten auf den Tatami in unserem Washitsu, Beine damenhaft untergeschlagen, himmelt ihn an, dreht verträumt mit den Fingern Löckchen in die langen Haare. Der Teddybär liegt unbeachtet in der Ecke, die letzte Flamme (ein kleiner Skateboarder - ごめんね、たいようくん) ist vergessen. Sie ist so verliebt, dass sie ganz zappelig ist, im Schlaf vom Geliebten redet, abends nicht schlafen kann, rote Ohren bekommt und am liebsten nur eines will: Mit dem Geliebten zusammen sein.

Mit dem geliebten Buch. Genau - kein menschliches Wesen männlicher Bauart, sondern ein Buch. 

Es heißt りゅうの めの なみだ (Die Tränen des Drachen), ist irgendwann in den 1960ern erschienen und basiert auf einer klassischen, vermutlich chinesischen Erzählung. Shizuka liebt das Buch. Es gibt keine deutsche Übersetzung, wir haben keine englische Übersetzung, wir haben nur das japanische Kinderbuch aus der örtlichen Bücherei. Illustriert von いわさき ちひろ

Die Bebilderung ist nicht einfach nur poetisch, sie ist göttlich. Romantisch. Lebhaft. An den richtigen Stellen historisch akkurat (Kleidung und Haartrachten), an den passenden Stellen wie ein Gedicht. Gesichter sind eher ohne Ausdruck belassen, so dass kleine und große Betrachter/-innen sie selbst in ihrer Fantasie füllen können. Die Farben und der Auftrag derselben unterstreichen die Stimmung der Geschichte, und natürlich sind Wasserfarben ein Medium, das durch den Auftrag und das Mischungsverhältnis lebt. Es scheint mir eine Mischung aus Wasserfarben/Aquarell und Kohlestift zu sein, aber ganz sicher kann ich das aufgrund des alten Drucks natürlich nicht sagen. Vielleicht ist an den Stellen, die ich für Kohlestift halte, die Tusche auch nur so "trocken" und konzentriert aufgetragen, dass der Effekt von einem Kohlestift entsteht.* Im Rahmen der kurzen Recherche zur Illustratorin fiel uns auf, dass wir bereits ein Buch mit ihren Kunstwerken besitzen: つる の おんがえし (Der Dank des Kranichs) ist noch aus meiner Kindheit da, in deutscher Variante. 

Aber es ist das erste rein japanische Buch, mit Kanji und kompliziertem Satzbau und komischen, altmodischen Wörtern, das Shizuka nicht mehr aus der Hand legen will. Sie liest, sie will wissen, wie die Geschichte weitergeht, sie hat alle Bilder schon mindestens hunderttausendmal angeschaut, und sie hat sich die Wörterbücher aus Mamas Regal geschnappt, um nur ja alles richtig zu verstehen. Grammatikerklärungen muss Mama leisten, denn Papa hat berufsbedingt mal wieder wenig Zeit. Uff!**

Dank der Mitteilungsfreude Googles ist jetzt auch das Ausflugsziel für einen der nächsten Sonntage klar: Es gibt in Tokyo ein Museum mit den Arbeiten der Illustratorin. Interessierte Familien aus unserem Bekanntenkreis sind natürlich willkommen, uns zu begleiten. Ein Bilderbuchmuseum ist etwas, was uns völlig neu ist, und dementsprechend groß ist die Neugierde nun doch. 

Was soll ich sagen? Die Liebe meiner Tochter ist mir wichtig, auch wenn es "nur" um Bücher geht. Wir haben das Buch inzwischen käuflich erworben, gebraucht, und noch einen ganzen Stapel mehr Bücher von der gleichen Illustratorin. Immerhin hat hier bald jemand bald Namenstag ...


*Jetzt juckt es mich in den Fingern. Muss ich bei Gelegenheit selbst mal ausprobieren. Immerhin habe ich farbige Reibetuschen, Tuschestifte und Kohle samt geeignetem Papier seit gut drei Monaten neben dem Schreibtisch stehen, weil ich noch ein paar Illustrationen für eigene Arbeiten brauche und mich mal an neuen Farben versuchen will ...

** Mir zur Seite steht unsere kompetente Hauslehrerin 中村先生, die ob der altmodischen Sprache des Buches zwar stöhnt, aber Shizukas Begeisterung so motivierend findet, dass sie doch hilft. 「本当に 古い 話 ですから、言葉 は 子供に 難しい です。 よくない です。 その 言葉は 子供と 話す 時に いりません。」Ich bekomme also durchaus Unterstützung "vom Fach", sonst würde ich mir das nicht zutrauen.

Donnerstag, 7. Mai 2015

Es tut sich etwas in der E-Book Landschaft ...

Das Literaturcafé hat mich auf den neuen Sachverhalt hingewiesen: Im Rahmen des Joint Venture Tolino gibt es jetzt eine Plattform, auf der selbstpublizierende Autorinnen und Autoren ähnlich einfach wie bei Amazon ihr E-book hochladen und zu Ende gestalten können. Ausprobiert habe ich beide Plattformen noch nicht, aber das Ganze klingt interessant. Denn mit dieser Plattform wird es möglich, E-Books auch außerhalb des Amazon Imperiums verhältnismäßig einfach und ohne vertragliche Bindung an einen Verlag zu vernünftigen Preisen und sinnvollen Margen zu publizieren. Ein Traum! Denn die Bindung an Amazon ist damit hinfällig, es sind viel mehr E-Books zu erwarten, die auf allen möglichen verschiedenen Readern gelesen werden können (Amazon hatte mit dem Kindle ein eigenes Format verbunden, das auf anderen Readern nicht gelesen werden konnte), und die kostengünstiger und fernab des Verlags-Mainstreams erstellt und vertrieben werden können. Für die breite Masse an Leserschaft, selbstverständlich, denn wer komplett Indie wollte, konnte das bisher auch schon finden. 

Bleibt zu warten, wie sich die Geschichte für Kinderliteratur entwickelt, und wie der internationale Vertrieb über die Händler Libri, buecher.de, buch.de, Thalia et cetera aussieht. Alles deutsche Unternehmen, die Ladengeschäfte in Deutschland betreiben und eine deutschsprachige Internetpräsenz unterhalten, also international gar nicht so arg ins Gewicht fallen. Meiner Ansicht nach ist Amazon da immer noch vorne, denn die jeweiligen Ländershops funktionieren einfach gut. Das Geschäftskonzept ist trotzdem in meinen Augen suboptimal, von den tatsächlichen Rechten der Käufer/-innen an den E-Books über die Preisgestaltung bis hin zu der Nutzung der Kindle-Geräte, die keine unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten bei Geräten, die in der Familie geteilt werden, zulassen. Es ist vor allem die fehlende Kindersicherung, die mich stört. Immer noch. 

Montag, 27. April 2015

Viehzeug

Shizuka hat den Frühling wahrgenommen. Sie hat mehr als zwei Wochen Ferien, und das während der ersten anhaltend warmen und sonnigen Tage ohne regnerische Unterbrechung. Die kleine Schwester ist glücklich im Kindergarten angekommen, was jeden Morgen mehrere Stunden lang Ruhe zum Lesen mit sich bringt (sehr entspannend auch für Shizukas Mama), und jeden Mittag in Ausflügen in der näheren Umgebung endet. Und dabei entdeckt man so allerlei Lebewesen mit teilweise recht vielen Beinen. Erschreckend vielen Beinen.

Da sind zum Beispiel die kinderfaustgroßen grauen und weißen Larven, die im Blumenbeet herumwühlen. Wir haben die Beine nicht gezählt, die kleinen Krabbler waren einfach zu schnell. Und hatten beeindruckende Beißwerkzeuge. Aufgrund der Größe vermuten wir, dass daraus bald せみ schlüpfen. Die Singzikaden machen in Japan im Sommer einen Heidenlärm, und wir meinen zumindest die ersten schon gehört zu haben. Da wir heute im Laufe des Tages einige von der Größe her passende Löcher in den Blumenkübeln gesehen haben, könnte das durchaus sein. (Wer Fragen zur Größe hat: Wikipedia hat einen japanischen Eintrag. Dort sind 13 cm als Körperlänge eingetragen. Körperlänge. Nicht Flügelspannweite.)

Im Garten machen die Ameisen mobil. Unsere Exemplare sind etwa einen Zentimeter lang, rabenschwarz und nicht aggressiv. Aber neugierig. Auch bei geschlossenen Türen und Fenstern haben wir täglich etwa fünf bis zehn der Kollegen zu Besuch, die in Wohn- und Esszimmer den bei keksliebenden Kindern so nötigen Staubsauber ersetzen. Die harmlosen kleinen Gesellen wurden von uns bislang immer liebevoll, aber sehr bestimmt zurück an die Luft gesetzt, ohne ihre Beute. Es sind weniger geworden, die Tiere werden ihrem Ruf gerecht und erweisen sich als lernfähig. Zugegeben: Die zurückgeschickten Exemplare waren nicht mehr lebendig. Sie hatten Kontakt mit der Zeitung.

Ebenfalls im Garten gesehen: eine Eidechse. Diesmal wirklich eine Eidechse, kein Gecko, sie war metallicglitzernd mit goldenen Streifen auf dem Rücken und setzte mit leichtem Fauchen unsere Jüngste in Entzücken. Das Tierchen hatte deutliche Eidechsenfüße (ohne Lamellen), hielt sich aber trotzdem ganz geschickt an unserer Gartenmauer fest und tankte Sonne. Eine ganze Menge davon sogar, etwa eine Stunde lang. Grasschneidearbeiten, Gießen und ein wuselndes Kindergartenkind konnten sie nicht verschrecken. Aufgrund der Färbung würde ich sagen, dass wir ein männliches Exemplar im Garten haben. Nun ist uns über die Lebensweise der Tiere nicht so viel bekannt, aber Shizuka will gerne aus schwarzem Speckstein ein Eidechsenhaus mit vielen engen Ritzen zum Verstecken arbeiten, damit das Tier bleibt und eine möglichst große Familie gründet. Denn diese Eidechsen fressen Insekten, und das ist immerhin besser als dass die hier allgegenwärtigen Stechmücken uns oder die Kakerlaken unser Obst auffressen.

Kakerlaken sind die nächsten Viecher, die uns im Moment beschäftigen - wir haben noch keine einzige gesehen. Pünktlich zu Ferienbeginn warnten die hier ansässigen Damen der Deutschen Schule, dass die kleinen Krabbeltiere nun während der Ferien aus ihren Löchern kriechen würden. Taten sie bislang nicht. Gift legen wollen wir nicht, mit der Zeitung sind wir vermutlich zu langsam, und ob der Stromschlaginsektenvernichter von Papa da viel ausrichtet, ist zweifelhaft. Wir suchen also gerade verzweifelt nach einer Art Pheromonspray, mit dem wir eine mehr oder minder harmlose Barriere um die Wohnräume ziehen können. Im Garten stören uns die Tiere nicht, und da wir kleine Kinder im Haus und willkommene Insekten im Garten haben, ist Gift wirklich ein No-Go. Gilt auch für die üblichen Klebepapiere, die die Tiere anlocken wie die deutschen Fliegenpapiere. Wer ein Produkt kennt, dass unseren Wünschen nahe kommt, möge sich bitte melden! Sonst wird der beste Ehemann von allen vermutlich doch Borkugeln kaufen.

Noch mehr Viehzeug: Kaulquappen. Wir haben nunmehr insgesamt vier Tage in diversen Parks damit verbracht, die Amphibienbabys zu beobachten. Sie wurden mit der Lupe untersucht, im Wasser gestreichelt (ja, das geht - die sind zutraulich), mit Hand oder Käscher gefangen und in der Becherlupe inspiziert, mit winzigen Insekten gefüttert und vor den bösen Fischen im Teich gerettet. Das Beweisfoto:



Die Tiere entwickeln sich prächtig, sie haben inzwischen nicht nur Beine, sondern auch Füße mit Zehen und kleine Vorderbeinchen. Allerdings sind die Fische im See auch immer frecher geworden und haben in unserem Lieblingsteich die Bestände etwa halbiert. Als Shizuka heute eine dicke, fette Kröte im Uferschlamm sah, war sie gar nicht mehr so traurig - denn wer weiß schon, aus welcher Kaulquappe ein süßer kleiner Frosch wird und aus welcher eine fette, warzige Kröte? Auf das Foto verzichten wir an dieser Stelle.

Noch mehr Viehzeug gab es in Parks und Garten: Die Schmetterlinge kommen. Zitronenfalter, Schwalbenschwänze und ein paar andere Arten, die wir so in Deutschland auch kennen, sind dabei (die kleinen blauen zum Beispiel, deren Namen wir immer vergessen), wenn auch ein paar Nummern größer als "zu Hause". Aber da sind eben auch ein paar Exemplare dabei, die wir so nicht kennen. Einen davon hätten wir fast für eine tagaktive Fledermaus gehalten, weil der groß und schwarz nah über der Wasseroberfläche im Park dahinflitzte und immer wieder die Wasseroberfläche berührte. Art unbekannt. Aber wir forschen weiter! Und auch hier noch einmal der Aufruf an alle, die schon länger hier leben und der deutschen Sprache mächtig sind: Wir suchen einen kinderfreundlichen Naturführer für die hier heimische Fauna und Flora. Fauna ist wichtiger. Sowohl in der Deutschen Schule als auch im Bekanntenkreis konnte uns niemand helfen. Es muss kein deutschsprachiges Werk sein, Englisch und einfaches Japanisch sind auch okay. Aber es sollte eben auch keine wissenschaftliche Abhandlung sein, und mit den Larifari-Büchern, die den Unterschied zwischen Säugetier und Insekt rein an der Größe festmachen und weiter nichts erklären, können wir auch nicht viel anfangen. Gerne auch im E-Format.

Dienstag, 24. Dezember 2013

Weihnachten in Farbe?

Weihnachten ist bunt. Kunterbunt. Bunt wie ein Regenbogen, bunt wie ein Farbkasten. Zumindest für mich, denn ich sehe bunte Lichter überall in der Stadt, die bunten Zuckerstangen beim Weihnachtsmarkt, einen grünen Baum, bunte Kugeln am Baum, bunte Lichterketten am Balkon von unseren Nachbarn und sogar bunte Schokokugeln im Adventskalender. Weihnachten fühlt sich nicht nur gut an, Weihnachten riecht auch gut. Nach Lebkuchen, frisch gebackenen Plätzchen, Tannenbäumen, Kerzen, Mamas Handcreme mit Bienenwachs. Nach heißer Honigmilch. Und nach Tonjiru - das ist eine Art Eintopf, der in Japan immer im Winter gegessen wird. Weihnachten hört sich auch an, und zwar auch gut. "Alle Jahre wieder" und "In der Weihnachtsbäckerei" und "Morgen kommt der Weihnachtsmann" und "Dicke rote Kerze". Dieses Jahr auch nach Mama am Klavier. Und nach Glocken und Glöckchen, Knistern von Kerzenflammen und dem Rascheln von Christbaumzweigen.

Ich war vor zwei Wochen mit meiner Mama und einem Freund in der Experimenta in Heilbronn. Dort gibt es im Stockwerk "Netzwerk und Kommunikation" eine Schreibmaschine, die haut Löcher ins Papier. Das ist eine Schreibmaschine für Blindenschrift. Blinde können auch lesen, nur dass die Bücher Knubbel statt Buchstaben haben. Mama hat meinen Namen getippt. Und dann habe ich meinem Papa einen Brief getippt. Das war ganz schön schwer, denn alle Buchstaben im Alphabet werden mit sechs Punkten gebildet, die immer anders geordnet sind in einem Raster. Gar nicht so einfach. Papa hat einen ganzen Abend mit Wikipedia gebraucht, um den Brief zu lesen. Und natürlich waren ein paar Schreibfehler drin.

Gestern Abend habe ich ein Buch aus der Stadtbücherei gelesen, das in Buchstaben und in Braille geschrieben ist: Das schwarze Buch der Farben. Es geht darum, dass die Welt eigentlich ganz bunt ist. Aber das Buch ist schwarz, die Seiten sind schwarz. Mit glattem Lack sind auf das matte Papier Muster und Gegenstände gemalt, die man fühlen kann. Und man kann die Sätze auch mit den Fingern lesen, denn alles ist mit Buchstaben und mit Blindenschrift geschrieben. Das ist spannend. Denn ein Buch über Farben ist für blinde Leute doch eigentlich Quatsch, oder? Mama hat mir erklärt, dass manche Menschen nicht blind geboren werden, sondern schon Farben kennen und wissen, wie Dinge aussehen, weil sie erst später durch eine Krankheit oder einen Unfall blind geworden sind. Das ist bestimmt schwer. Wie erklärt man aber den anderen, was Farben sind? Wie Rot aussieht? Das einem bei Blau ein bisschen kalt wird? Dass Gelb nach Sonne und Meer riecht? Dass Grün sich wie frisches, feuchtes, glattes Gras anfühlt? Dass Braun zwischen den Fingern krümelt wie leicht muffig riechende Gartenerde? Dass Lila nach Flieder riecht und sich anfühlt wie die glatten Blüten von Veilchen? Dass Weiß eigentlich gar nicht Weiß ist, sondern Licht, das mit einem Stück Glas in einen Regenbogen verwandelt werden kann? Das ist echt schwer.

Mama hat gesagt, dass ich mit meinen Fragen die meisten eigentlich schon beantwortet habe. Weil Rot eben wirklich so aussieht wie Erdbeeren und Tomaten schmecken, es warm macht und nach Himbeersirup riecht. Dass Blau wie Heidelbeeren schmeckt, ein bisschen kühl und nass ist und immer nach Winter riecht. Dass Grün sich wie Gras anfühlt, vielleicht auch danach riecht, aber ganz sicher wie Salatgurke schmeckt. Und so weiter. Das ist doch dann eigentlich wie sehen, oder? Wenn man so genau weiß, wie die Farben sind. Wenn ich "Rosa" denke, sehe ich auch nicht einen riesigen rosa Flecken vor meinen Augen, sondern höre Schweine grunzen, rieche Zuckerwatte und schmecke Himbeeren. Und das ist so, obwohl ich sehen kann. Das Buch ist übrigens total cool, das müsst Ihr unbedingt auch mal lesen! Aber erst nach Weihnachten, denn bis dahin habe ich das ausgeliehen. :-)))

Frohes Fest und gesegnete Feiertage mit viel Lebkuchenduft, Tannenzweigen (ohne Pieksen) und heißer Schokolade!