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Freitag, 5. August 2016

Drei Wochen Deutschland – die Zusammenfassung

So ein Heimataufenthalt ist nett. Oma verwöhnt mit selbstgekochtem Essen, der Hund kriegt sich vor lauter Wiedersehensfreude gar nicht mehr ein, die Pferde am Reiterhof reagieren genauso verrückt, und es gibt einfach jeden Tag hunderttausend Abenteuer zu erleben. So müssen Sommerferien sein, nicht? Bei uns waren sie so, zumindest drei Wochen lang. Und weil ich selbst die Zeit in Deutschland auch genossen habe, meistens offline war und ganz viel mit den Mädels und der Familie unternommen habe, gibt es hier nur eine kurze Zusammenfassung. Also: Zur Nachahmung empfohlen, die besten Sommerferien überhaupt!


  • Mit Opa eine Cajon gebaut und spielen gelernt. Dauer: 2 Wochen. Kosten: ca. 40 Euro. Maßgeschneiderter Spezialrucksack aus einem alten Samtvorhang von Mama spendiert, das Ding kam mit nach Japan und steht jetzt im Wohnzimmer. Zur Freude der Nachbarn. Und wir wissen jetzt, was ein Snare-Teppich ist.
  • Fünfmal im Freibad gewesen und dreimal im Hallenbad. Dauer: Insgesamt sieben ganze Tage. Kosten: ca. 30 Euro Eintritt. Die kleine Schwester kann jetzt schwimmen und tauchen, und Shizuka hat Schwimmhäute zwischen den Zehen.
  • Drei Tage auf dem Reiterhof verbracht: Ausritte, voltigieren, Mähne einflechten, Pferde striegeln, Hund verwöhnen, Ziegen streicheln, Äpfel verfüttern. Kosten: hoch. Dauer: jeweils mehrere Stunden. Nutzen: Unbezahlbar.
  • Oma das tolle Keksrezept mit Karamell verraten und nachbacken lassen. Kosten: ca. 10 Euro für Backwaren. Dauer: eine Stunde Küche verwüsten, zwei Stunden Küche aufräumen, zwei Wochen Kekse mampfen. Eine Dose ging an den Onkel zum Namenstag. Wohl bekomm's!
  • Mamas altes Skateboard aus dem Keller geholt, saubergemacht und springen geübt. Kosten: Großpackung Heftpflaster. Dauer: zwei Wochen, die restliche Zeit hat es geregnet. Resultat: Staunende Nachbarn, pikierter Papa, zwei kaputte Jeans, offene Knie und die geilsten Fotos überhaupt.
  • Shizukas altes Fahrrad aus dem Geräteschuppen geholt und geputzt für die kleine Schwester. Kosten: ein Eimer Wasser und ein Schwamm. Dauer: zwei Wochen, dank Regen nicht mehr. Resultat: Die Kleine kann radfahren. Und Oma hat Angst.
  • Dreimal im nahen Indoor-Spielplatz gewesen, zweimal davon mit Minigolf, bester Freundin und Cousin. Kosten: akzeptabel. Dauer: jeweils tagesfüllend. Ergebnis: müde Kinder und Mama.
  • Die ersten drei DVDs "Die wilden Kerle" gekauft und mit dem Cousin geguckt. Kosten: 10 Euro (gebraucht). Dauer: drei verregnete Abende. Resultat: Shizuka hat mit dem Cousin im Garten Fußball spielen gelernt.
  • Mit Opa das große Trampolin im Garten aufgebaut und täglich gespielt. Kosten: Opa fragen. Dauer: Aufbau 2 Stunden, Spaß unendlich. Resultat: wackelige Knie und müde Kinder.
  • Mit Oma und Opa die Beerensträucher im Garten geräubert. Kosten: Sonne und Regen. Dauer: täglich unzählige Male. Resultat: satte Kinder mit bunter Beerensoße im Gesicht.
  • Mit Opa zur Ulsterquelle gelaufen. Dauer: 3 Stunden. Kosten: null. Resultat: viele viele seltene Pflanzen (zum Beispiel die hier)gesehen, Vögel beobachtet, Opa glücklich gemacht.
  • Mit Opa und Oma zur Großen Nalle gelaufen. Basaltsteinbruch bestaunt, Basaltsäulen gesehen, die Hände in wildem Thymian gerieben, Hummeln aus nächster Nähe beobachtet und von einem Gewitter überrascht worden. Kosten: eine kurze Autofahrt. Dauer: ein Nachmittag. Resultat: nasse Klamotten, Vulkanismus-begeisterte Kinder und duftende Hände.
  • Mit der besten Freundin und deren Familie die Rhön-Arche besucht. Kosten: nicht der Rede wert. Dauer: ein Tag. Resultat: müde Kinder, neue Erkenntnisse über Fledermäuse, Libellen und Schmetterlinge beobachtet, Frösche mit der Hand gefangen, Eidechsen entdeckt, Hummeln beim Pollensammeln zugeschaut, Bäume gestreichelt (und die Unterschiede in der Rinde entdeckt).
  • Beim DAV Fulda einen Trainer für einen Boulderkurs gebucht. Kosten: 50 Euro. Dauer: drei Stunden. Resultat: Wir wissen jetzt, was Tischbouldern ist und brauchen unbedingt einen Bouldertisch! Außerdem Muskelkater, Schwielen auf den Schwielen an den Händen und noch mehr Muskelkater. Sehne am Ellenbogen verletzt – für die nächsten Wochen getapt.

Sonntag, 10. Juli 2016

Viecher, mal wieder. Und Grünzeug.

Bei der morgendlichen Zeitungslektüre gefunden und für gut befunden: klick. Drei davon haben wir in den entsprechenden öffentlichen Schaustellungen schon gesehen!

Donnerstag, 7. Januar 2016

Greifvögel, Papageien und die Physik

Zoorasia gehört zu einem der von uns am häufigsten frequentierten Ausflugsziele in der näheren Umgebung, und auch während der Weihnachtsferien waren wir insgesamt dreimal dort. Zweimal mit der ganzen Familie (jetzt sind wir stolze Besitzer von Jahreskarten) und einmal nur der Papa mit der Jüngsten. 

Zwischen den Jahren haben wir es tatsächlich mal geschafft, eine der Bird Shows mitzuerleben - sehr zum Vergnügen der Mädchen, die das allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen toll fanden. Die Kleine war fasziniert von den Greifvögeln, die dicht über den Köpfen der Kinder auf Zuruf von einer Tierpflegerin zur anderen flogen. Sie fand das leuchtend bunte Gefieder der Aras toll, und einmal einen Vogel auf dem Arm sitzen zu haben, der vergnügt mit dem Schnabel klackt, war wohl auch nicht so schlecht.

Die Große schaute dagegen recht nachdenklich drein und wartete hinterher mit zwei Erkenntnissen auf, die mit Ornithologie an sich nun doch weniger zu tun haben:

Mama, wenn die Vögel nah genug vorbei fliegen, macht das Wind. Der Luftstrom vom Flügelschlag ist ziemlich heftig! Eigentlich fliegen die gar nicht so richtig, sondern drücken unter den Flügeln die Luft weg, und weil die Flügel so groß sind und die Körper so leicht, drücken die sich dabei nach oben. Und wenn die Bewegung von den Flügeln dabei nicht nur nach unten geht, sondern auch ein bisschen nach hinten, kommen die dabei vorwärts!

Die Greifvögel sind ganz schön schwer, dafür, dass die so klein sind. Also, eigentlich sind die gar nicht so schwer. Aber das Gewicht ist ja komplett auf diesen furchtbar kleinen Vogelzehen, und dann fühlt sich das so schwer an! Wegen der kleinen Auflagefläche auf dem Arm. Wären die Füße von den Vögeln größer, würde man das gar nicht so arg merken, das Gewicht.


Für solche Offenbarungen lohnt sich der Zoobesuch doch noch einmal richtig, nicht? ;-)

Sonntag, 27. September 2015

Sitzbeinhöcker am Wochenende

Biologieunterricht. Das Skelett der Säugetiere. Schädel von Rind, Katze, Affe und sonstwas. Und Shizuka - neugierig wie immer. Und bereit, das heute in der Schule erworbene Wissen mit der Mama zu teilen. Komme, was da wolle. Unbedingt. Und ungefiltert.

Mama, wusstest Du, dass die Säugetiere irgendwie alle ungefähr die gleichen Knochen haben?

Ja.

Mama, kennst die Namen von den Knochen?

Ja, zumindest die von den größeren.

Mama, da gibt es über 200 von!

Ja.

Mama, weißt Du, was eine Wade ist?

Ja, hab ich öfters einen Krampf drin.

Mama, das ist da unten hinten, da wo vorne das Schienbein ist!

Ja, tatsächlich.

Und Mama, die Menschen sind auch Säugetiere!

Ja.

Mama, gibt's irgendwelche Unterschiede zwischen Säugetierskeletten, außer der Größe, mein ich, und dem Schädel?

Ja.

Mama, kennst Du die?

Shizuka, hast Du einen Schwanz wie Katzen, Hunde, Kühe, Esel und andere Säugetiere?

Neeeeeeeeeiiiiiiiiin!

Fass Dir mal unter den Popo.

???

Knubbels?

Jaaaaaa.

Da, wo es krabbelt und nach zuviel Reiten weh tut?

Jaaaaaaa!

Sitzbeinhöcker.

Mama, haben Viecher die nicht?

Shizuka, frag Deinen Biolehrer. Aber denk vorher mal nach: Wie oft siehst Du Hunde und Pferde und Katzen so da sitzen, wie Du auf dem Gaul hockst?

Mama, aber Affen sitzen!

Ja.

Mama, sind das bei den Affen die Stellen am A****, die so rot sind?

Vielleicht.*

Mama, sind Menschen Primaten?

...


* Gedacht: Nee, nur bei den Affen, die den ganzen Tag im Büro sitzen.

Sonntag, 20. September 2015

Im Garten gesammelt ...

..., in ein tragbares Vivarium gepackt und mit in den Bio-Unterricht genommen. Nein, es nicht noch Karneval - aber bunt waren diese beiden Süßen trotzdem! Die Rede ist von den Raupen der Art Theretra oldenlandiae. Wer welche haben will, darf Bescheid geben. Da sollten doch noch einige im Garten herumkrabbeln. Anfassen und streicheln ist in diesem Fall nicht so gut, aber tödlich giftig sind die Tierchen nicht. Unsere Ameisen haben sie trotzdem ganz gut aufgemischt.

Ein dickes Lob an den kompetenten Biolehrer, der die Tierchen im Schulgarten befreite, nachdem die Kinder den grundsätzlich vorsichtigen und schonenden Umgang mit Tieren nahegelegt bekamen. 

Sonntag, 13. September 2015

Es wimmelt im Garten

Der tagelange Regen macht eine Pause, es ist schwül-heiß, und das Gras im Garten wuchert. Als ich das Planschbecken gestern vom Regenwasser befreit habe (mittels Gießkanne - einige Stellen im Garten waren schon wieder knochentrocken), huschte mir plötzlich etwas kleines, aufgeregtes mit langem Schwanz über die grünen Gummi-Gartenlatschen. Es war schnell, es war nicht größer als mein altes kabelloses Telefon mit dem Apfel auf der Rückseite, und es war braun. 

Schlange? Möglich, soll es hier geben. Hat sich aber irgendwie nicht geschlängelt, und war auch viel zu scheu.

Eidechse? Nein, zu knubbelig am Schwanz, und gar nicht mit den bronzefarbenen Streifen.

Skink? Nein, ist mehr gehüpft als geschlängelt, und war zu schlank, der Schwanz war zu lang.

Gecko? Könnte sein.

Und da ist er wieder, der Traum von einem "eigenen" Yamori, einem Hausbeschützerchen, im Garten. Vielleicht war es einer, ich weiß es nicht. In der Nachbarschaft haben wir schon einige der kleinen Geckos gesehen, aber im eigenen Garten bislang eben noch nicht.

Übrigens wimmelten uns beim kürzlichen Besuch der Schwiegermama insgesamt vier unterschiedlich große Individuen von Tokage um die Füße - der einzelne Skink unter unserem Haus hatte dieses Frühjahr also ordentlich Nachwuchs. Dachten wir zumindest - gesehen hatten wir den Fünfstreifigen Japan-Skink, laut Tierbestimmungsbuch. Das kleine Tier war uns mehrfach begegnet, daher waren wir uns recht sicher. Keine seltene Art, und die jugendlichen Tiere haben einen auffällig blauen Schwanz. Nun: Vier jugendliche Tiere von etwa fünf Zentimeter bis maximal achtzehn Zentimeter Länge, zur gleichen Jahreszeit? Unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher erscheint, dass wir eine Familie Aosuji Skinke im Garten haben, die auch in ausgewachsenem Zustand noch den blauen Schwanz haben. Diese Tiere gibt es hier wohl, aber sie sind recht selten. Ganz egal, welche Reptilien es sind: Hoffentlich bleiben die Tierchen und dezimieren die eher ungeliebten Gartenbewohner, namentlich Stechmücken. 

Samstag, 12. September 2015

Neue Mitbewohnerin

Shizuka ist am Jammern: Mama, wir brauchen ein Haustier! Drei Wochen Deutschland mit Hund und jeden Tag im Pferdestall, ich brauch Viecher!

Mama sagt: Nein.

Papa sagt: Nein.

Die kleine Schwester sagt: Guck mal, auf dem Sofa sitzt eine Spinne!





.... das war vor einigen Tagen. Bis heute haben wir insgesamt 56 Spinnen und Spinnchen gezählt. Die meisten sind schwarz mit weißen Beißwerkzeugen, spinnen keine Netze, springen gar akrobatisch durch die Gegend und sind gar nicht scheu. Heute morgen bedrohte mich so ein niedliches Tierchen am Frühstückstisch, weil ich es für einen Fleck auf dem Tischtuch gehalten hatte und fast die Kaffeetasse darauf gestellt hätte. Größe? Stecknadelköpfchen. Deutsche Stecknadeln. Die mit dem bunten Plastikknubbel. 

Wir haben die Tierchen bisher alle freundlich durch die Hintertür nach draußen begleitet und ihnen den Garten mit den unzähligen Stechmücken als kostenlos nutzbare Speisekammer empfohlen. Heute morgen sah ich auf dem Balkon dann eine Gottesanbeterin, so lang wie mein Brillenetui, braun und gar nicht scheu. Sie sah mir beim Wäscheaufhängen zu. Künftig werden die Spinnchen die Vordertür nehmen müssen und sollten sich schnell aus dem Staub machen!

Sonntag, 19. Juli 2015

Meer und mehr

Gestern waren wir wieder am Strand, diesmal südlich in der Bucht von Yokohama, nahe Hakkeijima. Ein Badestrand*, der aber aufgrund der Wasserqualität dieses Jahr noch nicht zum Schwimmen freigegeben ist. Schön war es trotzdem, denn auf dem Weg dorthin kamen wir an zwei Sommerfesten vorbei, typische kleine Matsuri mit Zuckerwatte, Yakisoba, Kabuki, Taiko und Mizuyoyo. Letzteres fanden vor allem die Kinder faszinierend, die ihren wassergefüllten Ballon denn auch den ganzen übrigen Tag durch die Gegend schleppten (und federten). Zum ersten Mal überhaupt haben wir Mikoshi gesehen, die nicht aus Holz geschnitzt, mit Blattgold belegt, mit Spiegeln und Glöckchen behängt waren. Die zwei größeren Mikoshi der beiden Schreine bestanden aus einem relativ schlicht gehaltenen Holzgestell und waren mit in Sumi-e Technik bemaltem Papier bespannt, die (vermutlich) Szenen aus der Mythologie zeigten.**

Am Strand gab es dann eine Überraschung: Für hiesige Verhältnisse lag relativ wenig Müll*** herum, dafür ließ das Treibgut auf Artenvielfalt schließen. Wir zählten sechs ganz unterschiedliche Muschelarten (unter anderem Miesmuscheln und Jakobsmuscheln), drei verschiedene Meeresschnecken, drei verschiedene Krebsarten, Beinchen von vermutlich zwei verschiedenen Krabbenarten, acht Sorten Seegras (zum Teil mit Fischeiern überzogen) und dazu noch - eine bislang nie gesehene Sensation - Schulpe. Von knapp fünf Zentimeter lang bis hin zu Bruchstücken von einer Breite, die auf eine Länge von guten 20 Zentimetern schließen lassen. Da wir so etwas noch nie gefunden hatten, das Material aber irgendwie organisch und natürlich aussah, musste Mama Wikipedia bemühen. Tatsächlich, die erste Vermutung war richtig: Wir hatten die Auftriebskörper von Tintenfischen gefunden. Unser ansonsten in Sachen "Essbar und aus dem Meer" recht versierter Papa stand vor einem Rätsel: Davon hatte er noch nie gehört. Wieder was gelernt. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, woher der Kram kommt. Meer, das ist klar. Aber die Strömungen hier vor der Küste sind uns nicht ganz klar, und wenn Schulpe in Japan kaum bekannt sind, weil die hiesig ansässigen und verzerrten Tintenfische so etwas nicht haben, muss das Zeug ja von weiter her kommen. Das ist die Hausaufgabe, die Mama vom Ausflug mitgenommen hat.

Der Abend klang aus beim ersten Sommerfeuerwerk des Jahres im Yamashita-Park. Shizuka und ihre Schwester staunten so sehr, dass ihnen die Karaage aus dem Mund krümelten. Und beide schliefen auf dem Heimweg im Zug ein ...



* Eine grobe Idee, wo sich der Strand befindet, bekommt man hier.
** Keine Fotos. Leider. Denn allzu gewöhnlich scheint diese Bauart nicht zu sein. Ein einziges Bild, das einen ähnlichen Mikoshi zeigt, gab es heute morgen online. Und auch das nur unter dem String "Edo-jidai Mikoshi" auf Seite 10 der Ergebnisse ...
*** Ein Baseball, ein kleiner Plastikrechen, etwa zwanzig Schraubverschlüsse von PET-Flaschen, vier PET-Flaschen, eine Baumwoll-Boxershorts, ein Sandeimerchen ohne Henkel, drei Ramuneflaschen Murmelschubser, ein kleines Stück Fischernetz, ein neongelber Schwimmer ohne Schnur und Haken, ein ledernes Hundehalsband, fünf Papieretiketten, acht leere Bierdosen, zwei Plastiktüten und geschätzte drei Kubikmeter nicht identifizierbare Kunststoffteile unterschiedlicher Größe.

Mittwoch, 8. Juli 2015

Rettungsaktion

Unser Bäumchen ist schon wieder von Krabbeltierchen befallen, diesmal von braunen. Die kleinen Viecher sind überaus hungrig, sie kommen als Winzlinge von nur ein oder zwei Millimetern Länge aus dem Nichts (vermutlich der Erde unter dem Bäumchen) und fressen sich fröhlich durch das Gehölz. Der arme kleine Baum ist nun schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen fast komplett kahl. Wir haben am Samstag zwölf Krabbeltierchen aus dem Grünzeug gepflückt, gestern noch einmal neun. Die agilen kleinen Viecher kennen keine Furcht, auch im Insektenbeobachtungskasten aus durchsichtigem Plastik stellten sie sich nur ganz kurz tot und krabbelten dann eifrig nach oben, in Richtung Lüftungsschlitz.

Die Art ist uns unbekannt (drei Stunden Recherche online blieben fruchtlos). Die Tiere haben Brustbeine wie Schmetterlingsraupen und vier Paare Bauchbeine, es könnten also wirklich Schmetterlingsraupen sein. Die Färbung im Braunbereich ist wunderschön, die Tiere sind in Längsrichtung in Schlangenlinien gemustert und haben im Brustbereich auf dem Rücken weiße Flecken, die wie Augen aussehen. In unserem Bäumchen waren die Größten etwa zwei Zentimeter lang. Wir haben auch zwei leere Hüllen gefunden, vermutlich haben sich also schon einige der Tiere vollständig satt fressen und verpuppen können, bevor sie ihr übriges Insektenleben begonnen haben. Da gerade sehr viel Wasser mit recht großer Wucht vom Himmel fällt (und das seit Tagen am Stück - Regenzeit), wissen wir gar nicht, wieviele leere Hüllen sich schon in den Wassermassen aufgelöst haben. Jedenfalls gehen wir gerade einmal täglich vors Haus und meditieren wenigstens zehn Minuten über dem Bäumchen, damit eventuell immer noch vorhandene Raupen oder Larven gefunden und in die Wildnis entlassen werden können.


Derweil sind wir bei 134 Kranichen angekommen. Ohne Foto diesmal.

Dienstag, 16. Juni 2015

Vier kleine Raupen, vier große Raupen, zwei lila Raupen und zwei kahle Bonsais

Wir haben allerlei Pflanzen hier im Garten und in diversen Pflanzbottichen ums Haus verteilt. Nicht alle konnten wir bisher identifizieren. Zu den nicht näher beachteten und daher noch unbekannten Pflanzen gehören auch drei kleine Zierbäumchen, grob geschätzt eine Sorte Buchsbaum, so der Optik und den Blättern nach. Blüten und Stammbildung unterscheiden sich aber, und sie sind wirklich wie Minibäume geschnitten, wie Bonsais eben. Dass der Buchsbaum in Japan nicht heimisch, tut nichts zur Sache - drei Viertel der von uns im Garten und in diversen Parks identifizierten Pflanzen sind ohnehin Neophyten und seit maximal 150 Jahren hier ansässig. Da käme es auf den Buchsbaum auch nicht mehr an ... Anyways, die Sache läuft, wir sind heftig am Kategorisieren, Eingrenzen, Benennen, Fotografieren und Bestimmen unseres Umfelds.

Heute nun stellten wir fest, dass der seit Wochen schon etwas zerrupft aussehende Bonsai inzwischen ziemlich kahl ist. Sein Nachbar hat immerhin zwei komplett kahle Ästchen, die anklagend aus dem gelbgrünen Puschel ragen. Wenige, sehr kleine neue Blätter sind da, alles andere ist auf Stängel reduziert. Es steht noch jeweils die mittlere Blattrispe, und dazwischen ringeln und räkeln sich, man glaubt es kaum, kleine Raupen. Gut getarnt, grün mit schwarzen Köpfchen und kleinen schwarzen Tupfen, einige auch mit zusätzlicher gelboranger Zeichnung. Und zwei Winzlinge, lila. Mit rotem Köpfchen.

Nun flattern hier so einige Schmetterlinge herum, die wir auch zum Teil aus Deutschland kennen, und wir dachten: Wird schon irgendetwas davon sein. Wir haben die kleinen Bäumchen vorsichtig geschüttelt, alle heruntergefallenen Raupen aufgesammelt, zusammen mit ein paar ebenfalls gefallenen Blättern in der Tupperdose eingesammelt (mit Gartenhandschuhen, denn einige der アオムシ sind wohl ziemlich hautschädigend, bissig oder giftig), noch ein bisschen Unkraut gerupft, und das war erstaunlicherweise auch raupenversetzt. Kleine schwarze Krümel auf den Blättern der Bäumchen könnten Eier sein, könnten auch Samen von anderen Pflanzen sein, wir wissen es nicht. Was herunterfiel, blieb unten, der Rest blieb drauf. Wir behalten die Bäumchen im Auge. 

Shizuka packte nach getaner Arbeit die Tupperdose mit der Beute unter den Arm und marschierte zwecks umweltfreundlicher und tierrechtkompatibler Entsorgung zur nächsten Brache. Ein Block entfernt befindet sich eine Wildwiese mit Obstbäumen*, das Fallobst vom letzten Herbst modert noch herum, Vögel krakeelen dort alltäglich und streiten sich nie ums Futter, weil es genug gibt. Da können die Raupen das tun, was die Natur vorgesehen hat: Blätter fressen oder selbst von Vögeln gefressen werden. 

Wieder zurück zu Hause, schauten wir im Naturführer** nach, was wir da denn nun gerade ausgewildert hatten. Es könnte Colias erata sein, aber irgendetwas stimmt da nicht ... Genau, die Beine! Raupen haben gar nicht so viele Beine! Also wurden Ixquick, Wikipedia, Hortependium und einige Schmetterlingsbestimmungsseiten bemüht, bis wir das Rätsel lösen konnten. Raupen haben wirklich nicht so viele Beine. Wir haben es hier mit Blattwespenlarven zu tun. Die Blattwespen überwintern im Ei, schlüpfen im Frühjahr bei angemessener Temperatur, krabbeln zum Teil aus der Erde (richtig, unter einem der Bäumchen hatten wir ein graubraunes Insektenei gefunden), fressen ganze Wäldchen kahl und entwickeln sich im Hoch- bis Spätsommer zu Wespen. Keine, die Menschen als gelbschwarz gestreifte Nervensägen auf der Bierterrasse überfallen, sondern solche, die weiter Bäume kahlmachen. Blattwespen eben. 

Die lilanen kleinen Nimmersatte waren vermutlich der Art Maiglöckchenblattwespe zuzurechnen, zumal eine davon auch im Unkraut (irgendein noch nicht näher bekanntes Sumpfgewächs mit aufdringlich säuerlichem Geruch) schmatzte. Phymatocera aterrima heißt das Tierchen, eine japanische Bezeichnung kennen wir derzeit noch nicht. Ebenfalls vorhanden: Pristiphora conjugata. Die Larven mögen Pappeln und Weiden, mehr war nicht herauszufinden. Und die dritte im Bunde, auffälliger gefärbt und deutlich größer, die Breitfüßige Birkenblattwespe, Croesus septentrionalis (in Wikipedia als Gattung Craesus geführt) genannt. Laut Hortependium sind die Larven ganz heiß auf Erlen, bei uns saßen sie im Klee und auf jenem nicht näher bestimmten buchsbaumartigen Bonsai. 

Shizuka war enttäuscht: Mama, keine schönen Schmetterlinge? Nein, keine schönen Schmetterlinge. Komisch gefärbte Wespen stattdessen, die in der Körperform irgendwo zwischen Schmeißfliege und Borkenkäfer rangieren. ごめんねえ。


* Beruhigend zu wissen, dass die gefunden Krabbeltierchen offensichtlich weder Obstbaumblätter noch -holz mögen ...
**Absolut empfehlenswertes Büchlein für alle, die länger im Land sind und ein bisschen lesen können. Die Bestimmung ist einfach und kindgerecht, viele Bilder helfen, und die Beschreibungen sind leicht zu verstehen. Ein Zusatzteil geht auf Expeditionen ein und erklärt, wie man Tiere und Pflanzen schonend (d. h. ohne Schäden oder Todesfälle auf Seiten der Subjects) untersucht. Außerdem: Hosentaschenformat!

Samstag, 9. Mai 2015

Nachtrag

Eine längere Recherche online und in diversen Tierbestimmungsbüchern hat etwas Licht in eine dubiose Sache gebracht: Wir haben keine Kröten im Park gesehen, sondern Ochsenfrösche. Shizukas Papa hatte das nach dem ersten Blick auf die nach Hause gebrachten Beweisfotos schon gesagt, war sich aber - wie wir - relativ sicher, dass die Tiere eigentlich nicht in Japan leben. Tun sie doch. Irgendwann einmal haben die (was irgendwie alle deutschen Kinder irgendwann mal aufschnappen) in Nordamerika und Teilen von Afrika beheimateten Tiere über Schiffsfracht den Weg nach Japan gefunden. Und nach China. Und nach Australien. Und nach Europa. Sogar in Frankreich und Italien soll es inzwischen einige Populationen von Ochsenfröschen geben. 

Die hier beobachteten ウシガエル (ushigaeru, Rana catesbeiana oder Nordamerikanischer Ochsenfrosch) sehen im Vergleich zu den meisten im Internet zu findenden Bildern etwas zierlicher und kleiner aus, sind dunkelgrün bis schwarz, aber eindeutig Ochsenfrösche. Die laut Wikipedia dazugehörenden Kaulquappen haben wir aber ganz sicher nicht gesehen - "unsere" Kaulquappen sind inzwischen zu kleinen Fröschen geworden, die etwa die Größe einer getrockneten Linse haben. Ausgehend von den in der deutschen Linsensuppe verarbeiteten Linsen, selbstverständlich - es geht hier nicht um exotisches Gemüse. 

Die hier zu sehenden Frösche sitzen auf Blättern vom Breitwegerich (Plantago major), auf Japanisch セイヨウオオバコ. Auch diese Pflanze ist nicht im eigentlichen Sinne heimisch, sondern eine Neophyte, die sich von Europa aus in Japan ausgebreitet hat und heute von Hokkaido bis Okinawa verbreitet ist.

Donnerstag, 7. Mai 2015

Zeitversetzt: Von Delphinen, Erdbeben und Vulkanen

Vor einigen Wochen waren Verwandte aus Deutschland zu Besuch. Der erste Langstreckenflug, die erste Reise per Flieger überhaupt, und dann auch noch (für einen der beiden Herren) die erste Erfahrung mit einer anderen Zeitzone. Dazu kamen Warnstreiks bei der Deutschen Bahn, ein kürzlicher Flugzeugabsturz in Südfrankreich und die allgegenwärtige Erdbebengefahr, die in Japan aus deutscher Sicht zu bestehen scheint. Auch das Thema Fukushima ist noch nicht erledigt in Deutschland - man ist misstrauisch. Kurz und gut: Die Herren landeten sicher, waren etwas grau um die Nase, weil sie dank des umfassenden Services und des guten Essens in der Business Class nicht wirklich Schlaf gefunden hatten, und wurden erst einmal ein paar Tage von uns gepäppelt. 

Und dann, am 11. April, beim Frühstück und dem üblichen Surfen durch Online Zeitungen und ein paar interessante Blogs, entdeckten Shizuka und ich (Mama) eine interessante Meldung: Delphine in Ibaraki gestrandet. Deutschsprachig zusammengefasst von Tabibito.

Shizuka hat sich um den letzten Jahreswechsel herum dank eines Schulprojekts sehr ausführlich mit dem Thema Vulkanismus beschäftigt, und ihr erster Gedanke war: Mama, der Fuji qualmt seit 2012 stärker. Hier passiert etwas. 
Naja, dass sich hier etwas tut, ist klar. Wie kam sie auf den Vulkan? Nun, sie war so tief in das Thema eingetaucht, dass sie wusste, wie stark sich das Erdmagnetfeld dank der Bewegungen und Druckveränderungen in vulkanisch aktiven Gebieten immer wieder verändert. Sie weiß, dass in einigen Arealen am Hang des Fuji Kompasse verrückt spielen, weil der Untergrund aus vulkanischem Gestein besteht, das bei seiner Erkaltung nach dem letzten großen Ausbruch noch eine andere erdmagnetische Ausrichtung zeigte. Und sie weiß, dass sich Delphine und Wale am Erdmagnetfeld orientieren. Unser Landsmann hatte hier also wieder einmal Vulkanfieber ausgelöst. Shizuka war weniger von einem großen Erdbeben oder militärischen Übungen überzeugt als von einem bevorstehenden Ausbruch irgendwo hier in Asien. Da sich hier am Pazifischen Feuerring permanent recht viel in dieser Richtung tut, wurden vermehrt Nachrichten geschaut. 

Es kam irgendwann der doppelte Vulkanausbruch in Chile - zu weit weg, unwahrscheinlich, dass da ein Zusammenhang bestand. Danach folgte das Erdbeben in Nepal.  Ein kurzer Blick auf eine Karte, die die Verteilung der Kontinental- und ozeanischen Platten der Erdkruste zeigt, verriet uns, dass da vielleicht ein Zusammenhang besteht, aber eher nicht. Und nun gibt es eine Warnung den Hakone betreffend. Mehrere kleinere, aber durchaus bemerkbare Erdbeben in den letzten Tagen rund um den Vulkan herum ließen die Warnstufe auf 2 steigen, die Seilbahn der berühmten Hakone-Tour wurde gesperrt, und im Radius von 300 m darf niemand an den Berg heran. Wir waren am 1. Mai noch im 彫刻の森美術館, dem Hakone Open Air Museum. Die Distanz ist uns nicht genau bekannt, aber auf der Karte sieht man, dass das auf der Straße so um die sechs Kilometer Entfernung sind. Gar nicht weit weg ... Nun ist Shizuka überzeugt, dass die in Ibaraki auf Grund gelaufenen Delphine damit in Zusammenhang stehen. Denn es muss schon arg rumoren im Erdmantel, bevor der Druck sich in den Kammern unter und in der Kruste so stark erhöht, dass es zu spürbaren Erdbeben und in der Folge zu einem Ausbruch kommen kann. Wir verfolgen nun gespannt den weiteren Verlauf der Dinge.

In den deutschen Medien ist übrigens nichts von den gestrandeten Delphinen angekommen, sonst hätten die zu den beiden besuchenden Herren gehörenden Damen bei der abendlichen Videosession nicht so entspannt geklungen. Beruhigend.

Montag, 27. April 2015

Viehzeug

Shizuka hat den Frühling wahrgenommen. Sie hat mehr als zwei Wochen Ferien, und das während der ersten anhaltend warmen und sonnigen Tage ohne regnerische Unterbrechung. Die kleine Schwester ist glücklich im Kindergarten angekommen, was jeden Morgen mehrere Stunden lang Ruhe zum Lesen mit sich bringt (sehr entspannend auch für Shizukas Mama), und jeden Mittag in Ausflügen in der näheren Umgebung endet. Und dabei entdeckt man so allerlei Lebewesen mit teilweise recht vielen Beinen. Erschreckend vielen Beinen.

Da sind zum Beispiel die kinderfaustgroßen grauen und weißen Larven, die im Blumenbeet herumwühlen. Wir haben die Beine nicht gezählt, die kleinen Krabbler waren einfach zu schnell. Und hatten beeindruckende Beißwerkzeuge. Aufgrund der Größe vermuten wir, dass daraus bald せみ schlüpfen. Die Singzikaden machen in Japan im Sommer einen Heidenlärm, und wir meinen zumindest die ersten schon gehört zu haben. Da wir heute im Laufe des Tages einige von der Größe her passende Löcher in den Blumenkübeln gesehen haben, könnte das durchaus sein. (Wer Fragen zur Größe hat: Wikipedia hat einen japanischen Eintrag. Dort sind 13 cm als Körperlänge eingetragen. Körperlänge. Nicht Flügelspannweite.)

Im Garten machen die Ameisen mobil. Unsere Exemplare sind etwa einen Zentimeter lang, rabenschwarz und nicht aggressiv. Aber neugierig. Auch bei geschlossenen Türen und Fenstern haben wir täglich etwa fünf bis zehn der Kollegen zu Besuch, die in Wohn- und Esszimmer den bei keksliebenden Kindern so nötigen Staubsauber ersetzen. Die harmlosen kleinen Gesellen wurden von uns bislang immer liebevoll, aber sehr bestimmt zurück an die Luft gesetzt, ohne ihre Beute. Es sind weniger geworden, die Tiere werden ihrem Ruf gerecht und erweisen sich als lernfähig. Zugegeben: Die zurückgeschickten Exemplare waren nicht mehr lebendig. Sie hatten Kontakt mit der Zeitung.

Ebenfalls im Garten gesehen: eine Eidechse. Diesmal wirklich eine Eidechse, kein Gecko, sie war metallicglitzernd mit goldenen Streifen auf dem Rücken und setzte mit leichtem Fauchen unsere Jüngste in Entzücken. Das Tierchen hatte deutliche Eidechsenfüße (ohne Lamellen), hielt sich aber trotzdem ganz geschickt an unserer Gartenmauer fest und tankte Sonne. Eine ganze Menge davon sogar, etwa eine Stunde lang. Grasschneidearbeiten, Gießen und ein wuselndes Kindergartenkind konnten sie nicht verschrecken. Aufgrund der Färbung würde ich sagen, dass wir ein männliches Exemplar im Garten haben. Nun ist uns über die Lebensweise der Tiere nicht so viel bekannt, aber Shizuka will gerne aus schwarzem Speckstein ein Eidechsenhaus mit vielen engen Ritzen zum Verstecken arbeiten, damit das Tier bleibt und eine möglichst große Familie gründet. Denn diese Eidechsen fressen Insekten, und das ist immerhin besser als dass die hier allgegenwärtigen Stechmücken uns oder die Kakerlaken unser Obst auffressen.

Kakerlaken sind die nächsten Viecher, die uns im Moment beschäftigen - wir haben noch keine einzige gesehen. Pünktlich zu Ferienbeginn warnten die hier ansässigen Damen der Deutschen Schule, dass die kleinen Krabbeltiere nun während der Ferien aus ihren Löchern kriechen würden. Taten sie bislang nicht. Gift legen wollen wir nicht, mit der Zeitung sind wir vermutlich zu langsam, und ob der Stromschlaginsektenvernichter von Papa da viel ausrichtet, ist zweifelhaft. Wir suchen also gerade verzweifelt nach einer Art Pheromonspray, mit dem wir eine mehr oder minder harmlose Barriere um die Wohnräume ziehen können. Im Garten stören uns die Tiere nicht, und da wir kleine Kinder im Haus und willkommene Insekten im Garten haben, ist Gift wirklich ein No-Go. Gilt auch für die üblichen Klebepapiere, die die Tiere anlocken wie die deutschen Fliegenpapiere. Wer ein Produkt kennt, dass unseren Wünschen nahe kommt, möge sich bitte melden! Sonst wird der beste Ehemann von allen vermutlich doch Borkugeln kaufen.

Noch mehr Viehzeug: Kaulquappen. Wir haben nunmehr insgesamt vier Tage in diversen Parks damit verbracht, die Amphibienbabys zu beobachten. Sie wurden mit der Lupe untersucht, im Wasser gestreichelt (ja, das geht - die sind zutraulich), mit Hand oder Käscher gefangen und in der Becherlupe inspiziert, mit winzigen Insekten gefüttert und vor den bösen Fischen im Teich gerettet. Das Beweisfoto:



Die Tiere entwickeln sich prächtig, sie haben inzwischen nicht nur Beine, sondern auch Füße mit Zehen und kleine Vorderbeinchen. Allerdings sind die Fische im See auch immer frecher geworden und haben in unserem Lieblingsteich die Bestände etwa halbiert. Als Shizuka heute eine dicke, fette Kröte im Uferschlamm sah, war sie gar nicht mehr so traurig - denn wer weiß schon, aus welcher Kaulquappe ein süßer kleiner Frosch wird und aus welcher eine fette, warzige Kröte? Auf das Foto verzichten wir an dieser Stelle.

Noch mehr Viehzeug gab es in Parks und Garten: Die Schmetterlinge kommen. Zitronenfalter, Schwalbenschwänze und ein paar andere Arten, die wir so in Deutschland auch kennen, sind dabei (die kleinen blauen zum Beispiel, deren Namen wir immer vergessen), wenn auch ein paar Nummern größer als "zu Hause". Aber da sind eben auch ein paar Exemplare dabei, die wir so nicht kennen. Einen davon hätten wir fast für eine tagaktive Fledermaus gehalten, weil der groß und schwarz nah über der Wasseroberfläche im Park dahinflitzte und immer wieder die Wasseroberfläche berührte. Art unbekannt. Aber wir forschen weiter! Und auch hier noch einmal der Aufruf an alle, die schon länger hier leben und der deutschen Sprache mächtig sind: Wir suchen einen kinderfreundlichen Naturführer für die hier heimische Fauna und Flora. Fauna ist wichtiger. Sowohl in der Deutschen Schule als auch im Bekanntenkreis konnte uns niemand helfen. Es muss kein deutschsprachiges Werk sein, Englisch und einfaches Japanisch sind auch okay. Aber es sollte eben auch keine wissenschaftliche Abhandlung sein, und mit den Larifari-Büchern, die den Unterschied zwischen Säugetier und Insekt rein an der Größe festmachen und weiter nichts erklären, können wir auch nicht viel anfangen. Gerne auch im E-Format.

Montag, 16. Februar 2015

Alte Bekannte

Am Samstag haben wir ihn wieder getroffen, den Eisvogel. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich der gleiche Vogel war - die Färbung schien mir jedenfalls gleich zu sein wie bei dem gefiederten Kollegen, der uns vor einigen Wochen im Park bereits begegnete. Diesmal war es früher Mittag, gegen 12.15, Uhr, als wir mit klappernden Fahrrädern auf dem Heimweg vom Aikido-Training durch den Park fuhren. Eine Gruppe Japaner mit Fotoapparaten, die größer war als sie selbst, belagerte den kleinen Wasserlauf und hatte unglaublich große Objektive auf die kahlen Äste eines Baums am anderen Ufer des Bächleins gerichtet. Shizuka entdeckte den kleinen Piepmatz zuerst: Mama, was ist das für ein Vogel? Die Sache war schnell klar, es handelte sich um カワセミ, einen Eisvogel. Kaum zu Hause, schauten wir im Internet nach und verifizierten das, sehr zur Freude der beiden kleinen Cousinen, die zu Besuch waren und in den Reisfeldern von Saitama zwar einiges an Viehzeug sehen, aber keinen カワセミ.

Ein weiteres Aha-Erlebnis hatten wir am Nachmittag: Shizuka interessiert sich in großem Maß für Paläontologie und Archäologie. Die geographischen Gegebenheiten sind nicht so interessant wie das, was ausgebuddelt wird. Vor einigen Jahren hatten wir bereits eine Ausgrabungsstätte mit Yayoi-zeitlichen Relikten in der Nähe von Shizuoka mit ihr besucht. Nun fanden wir in einem anderen Park zwischen unserem Heim und dem Bahnhof Center-Kita eine Jômon-zeitliche Ausgrabungsstätte, die touristenwirksam ausgebaut ist. Rekonstruktionen von verschiedenen Häusern können innen und außen besichtigt werden, eine in Zement ausgegossene Ausgrabungsgrube lädt zum Turnen und Klettern ein, ein metallenes Modell des hier gefundenen Dorfes kann kletternd erkundet werden. Hier also wieder altbekanntes, diesmal wohnortnah und hübsch aufbereitet - die Kinder waren begeistert. Besonders in den Wohnhäusern, die halb in der Erde versenkt sind und außen wie ein halbwegs regelmäßiger Kegel aus Stroh aussehen: Mama, hier drin ist es besser wärmeisoliert als in unserem Haus. Können wir die japanische Baufirma mal hierher schicken, dass die das lernen?*

Am Sonntag dann ein ganz besonderes Schmankerl: Wir waren in der Kletterhalle. Nicht nur Shizuka, sondern auch ihre kleine Schwester lieben körperliche Ertüchtigung jeglicher Art, und je mehr Mama die Manschetten gehen, desto besser. Big Rock Free Climbing in Hiyoshi versprach Spaß und hielt das Versprechen. Die Anreise ist eine Katastrophe für Leute ohne Auto und mit kleinen Kindern, aber ansonsten waren wir positiv überrascht. Die Einrichtung kommt den uns aus Deutschland bekannten Kletterhallen relativ nahe, wenn man von fehlenden Duschen und Sauna mal absieht. Es gibt großzügige Umkleidebereiche, separate Toiletten, Regale für Gepäck, Schließfächer für Wertsachen, Klettergelegenheiten für Vorstieg und Toprope, eine Selbstsicherungswinde und einen großzügigen Boulderbereich, der sogar nach Schwierigkeitsgrad ausgezeichnete Routen geschraubt hatte. Als für Shizuka besonders herausfordernd stellte sich die Wandgestaltung heraus: Mein kleiner Gecko ist an die deutschen, rau beschichteten Wände gewohnt, und braucht nicht unbedingt Klettergriffe für die Füße - sie läuft oft einfach die Wand hoch, während sie mit den Händen "richtig" klettert. Das war hier mangels Beschichtung nicht möglich, die Holzplatten sind glatt wie Schmierseife. Hat trotzdem gut getan, und wir werden sicher noch öfters dort sein. Big Rock kann ich empfehlen.

Alles in allem war das Wochenende also recht entspannt und ganz der Freizeitgestaltung gewidmet, nach den in den letzten beiden Wochen absolvierten Klassenarbeiten, Online-Diagnosen, Lernzielkontrollen, Projektheften und -bauten war das eine echte Erleichterung. Trotz eines akrobatischen Unfalls in der Kletterhalle, der für Shizuka mit einem aufgeschürften Gesicht und Nasenbluten (nichts gebrochen, zum Glück) endete, war es ein gelungenes Wochenende.



* Die Wetterlage war leicht stürmisch - klar, dass unterirdische Behausungen weniger Wind reinlassen als überirdische mit Lüftungsschächten und metallenen Fensterrahmen ohne Isolierschicht ...

Donnerstag, 12. Februar 2015

Gecko, Eidechse, Salamander oder Molch?

Wir haben das Glück, nahe an einem Park zu wohnen, den wir jeden Nachmittag auf dem Heimweg von der Schule durchqueren. Da sind manchmal ganz seltsame Tiere zu sehen, und vor etwa einer Woche war es wieder so weit: Auf der Bordsteinkante der Fußgängerbrücke, die in den Park hineinführt, saß ein kleines, dunkles Reptil mit silbern glänzenden Knopfaugen. Das Tierchen war etwa so lang wie die Diagonale meines iPhones, inklusive Schwanz. Scheu war es nicht, es ließ sich ganz einfach fotografieren. Und es schaute uns sehr neugierig an.

ニホンヤモリ


Wir rätselten, was das sein könnte. Kleine harte Erhöhungen an Schwanz und Rücken ließen das Tierchen wie einen Drachen erscheinen, Zähne hat es aber nicht. Keine Schuppen, sondern eher glatte Haut. Da der Kopf im Verhältnis zum Körper sehr groß ausfällt, handelt es sich vermutlich um ein Jungtier. Die Haut schien trocken zu sein, samtig, allem Anschein nach. Einzelne hellere Flecken zogen sich vom Kopf bis zum Schwanz, die Regelmäßigkeit derselben deutet darauf hin, dass es sich um das natürliche Muster der Haut handelt, nicht etwa um Narben. Die Füße haben breite Zehen, die Unterseite ist mit Lamellen bedeckt. Und der Schwanz läuft spitz aus, nicht breit.

Da im Park und in der unmittelbaren Umgebung zwei sehr fette, verwilderte Katzen herumstreunen, die nahrungstechnisch nicht allzu wählerisch zu sein scheinen, hab ich das Tierchen vorsichtig mit einem Taschentuchpäckchen in die trockene, warme Erde gescheucht. Es war schon später Nachmittag und wurde auf dem hellen Bordstein recht kühl, so dass die Beweglichkeit der kleinen Echse arg eingeschränkt war. Auf dem Erdreich schien mir das Tierchen zumindest farblich getarnt etwas sicherer zu sein. Dabei zeigte sich, dass der reptile Zwerg außerordentlichen Mut hat: Wollte doch tatsächlich das sehr viel größere Taschentuchpäckchen angreifen und fauchte ganz ordentlich! Ich war beeindruckt, und mein Naturkind Nummer Eins war es auch. Nummer zwei verschlief den Vorfall im Fahrradsitz - mal wieder.

Zu Hause versuchten wir mithilfe der Fotos und Google herauszufinden*, wie das Tierchen heißt. Wir waren erfolglos. Immerhin konnten wir es zuordnen: ein Gecko. Es ist keine Eidechse, denn die haben spitze Krallen an den dünn auslaufenden Zehen und tragen Schuppen. Den Salamander konnten wir ebenfalls ausschließen, die hier lebenden Tiere haben dicke Schwänze, die sie wohl im Wasser zum Schwimmen benutzen. Molche mit ihrer sehr feuchten Haut kommen auch nicht in Frage. Unter トカゲ fanden wir dann Bilder, die immerhin in der Körperform unserem Tier ähnlich sahen, wenn auch die Färbung der Haut und die Größe abwichen. Am Wochenende klärte eine einheimische Freundin uns auf: Wir hatten ein vermutlich nicht ganz, aber fast ausgewachsenes Tier der Art ヤモリ fotografiert, eine selten gewordene Geckoart, die bevorzugt in Gemäuern und Ritzen lebt, manchmal auch in alten Häusern, und die angeblich keine Fressfeinde hat. Wir sollten uns glücklich schätzen, so ein seltenes Tier so nah gesehen zu haben, sagte sie - und ihre Tochter Mika schaute verliebt auf die Fotos. Ob sie uns mal besuchen und das Tier ansehen könnte, wollte sie wissen. Währenddessen erzählte ihre Mama uns, dass sie Geckos abstoßend findet. Sie verbrachte ihre Kindheit in einem alten Haus in eher ländlicher Gegend, und eine ihrer frühesten Erinnerung ist die an einen Gecko, der vor ihr von außen auf die Fensterscheibe sprang und daran herauflief. Unnötig zu erwähnen, dass die Kinder während der Erzählung fasziniert an ihren Lippen hingen.



Ich bin gespannt, ob wir den kleinen Gecko wiedersehen. 


An Hausaufgaben war an diesem Tag übrigens nicht mehr zu denken, zu spannend war die Internetsuche nach unserem Tierchen, dessen Namen wir suchten. Da aber Medienkompetenz zu den hier vermittelten Fähigkeiten gehört, war mir das an dem Tag mal einfach egal - immerhin haben wir Naturkundeunterricht mit lebendem Anschauungsmaterial gemacht und das ganze mit einer selbständigen Recherche verbunden. Es war ein Gecko Japonicus, den wir da gesehen haben. Und da soll noch einmal jemand sagen, Latein sei heutzutage unwichtig ...

Freitag, 9. Januar 2015

Natur pur, mitten in der Stadt

Wir wohnen nun schon seit ein paar Monaten hier, und die Parks der näheren Umgebung haben wir ganz gut kennen gelernt. Ganz besonders nett ist der direkt hinter der Schule: Unsere Kleine ist davon überzeugt, dass dort wenigstens ein Totoro wohnt, vermutlich aber mehr, weil überall Eicheln herumliegen. Im unvermeidlichen Teich schwimmen Koi, hässliche graubraune wie auch Zierkarpfen, und auf den treibenden Ästen sonnenbaden ausgewilderte Schildkröten. Eigentlich ganz nett und idyllisch. Der andere Park liegt zwischen unserem Haus und der Schule, hat einen kleinen Wasserlauf, der zum Teich aufgestaut und von Koi in allen Farben bevölkert ist. Zwei dicke verwilderte Katzen wohnen da, eine Menge Krähen, Spatzen, Meisen, Bachstelzen, Eidechsen, Tausendfüßler, Grashüpfer, Grillen, Heimchen und anderes Getier. Winter oder nicht, hier ist viel los.

Und manchmal kommen Besucher. Den ersten besonderen Gast haben wir am 7. November dort getroffen: Ein Graureiher stelzte megacool und gelassen weniger als zwei Meter von uns entfernt durch den aufgestauten Bach und fischte sein Abendessen heraus. Wir sahen ihm dabei zu, er sah uns beim Zusehen zu und manschte genüsslich zappelnden Fisch im Schnabel. Faszinierend. Die klappernden Fahrräder haben ihn nicht gestört, die Japaner mit ihren Hunden im Park auch nicht, die eine der beiden dicken Katzen, die am Ufer lauerte, ebenfalls nicht. Nach zwanzig Minuten hatten wir genug von dem Schauspiel (und selbst Hunger auf Abendessen) und sind nach Hause gegangen. Den Reiher haben wir seitdem nicht wieder gesehen.

Heute nachmittag nun war es ein Eisvogel. Mein erster in freier Wildbahn, um ehrlich zu sein, und die Große hat ihn nicht gesehen. Die war nämlich noch in der Schule, wir wollten sie gerade dort abholen. Wir, das sind die Kleine und ich, sie hinten im Fahrradsitz, ich vorne auf dem klappernden Gerät. Als wir in den Park kamen, wurde der aufgestaute Bach von kauernden Japanern mit Fotoapparten belagert, deren Teleobjektive länger waren als die Leute. Davor flitzte etwas blaugrün schillerndes aus dem Bach heraus in den nächsten Baum und blieb dort sitzen. Kein Kolibri, obwohl das ob der Farbenpracht mein erster Gedanke war. Kopf- und Schnabelform waren eindeutig: Ein Eisvogel hatte sich in den Park verirrt und jagte im Bach. Wir beobachteten das Tier, das die Japaner mit Fotoapparat beobachtete, die wiederum das Tier anstarrten. Nach zehn Minuten wurde die allgemeine Bewegungslosigkeit allerdings langweilig, ich fuhr weiter zur Schule. Als wir eine halbe Stunde später durch den Park zurück kamen, waren die Leute mit Fotoapparat noch da, der Vogel war es nicht mehr. Eigentlich schade, ich hätte den kleine Kollegen gerne der Großen gezeigt.