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Montag, 25. Februar 2019

Menschen sind auch nur Ratten?

Wer als Elternteil versucht, Kinder zu sozialen Menschen zu erziehen, ist vor der Verwendung des ein oder anderen Druckmittels nicht gefeit. Natürlich nehmen wir Mütter und Väter uns immer vor

  • unsere Kinder auf keinen Fall zu manipulieren
  • immer ehrlich mit ihnen zu sein
  • ihnen grundsätzlich auf Augenhöhe zu begegnen
  • sie zu verantwortungsbewussten und positiv eingestellten Menschen zu erziehen


Das Er-zieh-ung als Wort schon irgendwie etwas mit ziehen (nicht zu verwechseln mit zerren) zu tun hat, sei jetzt mal dahin gestellt. Aber wie machen wir Eltern das im Alltag?

"Hilf mir mal mit der Wäsche, dann hab ich gleich noch ein paar Minuten Zeit, um mit Dir zu spielen!" (Manipulation? Erpressung? Oder doch nur der sanfte Hinweis darauf, dass man Zeit entweder zum Spielen oder für saubere Kleidung verwenden kann, aber nicht beides gleichzeitig?)

"Traust Du Dich auch bei Deinen Freunden, wegen zwei Salatblättern auf dem Teller einen derartigen Aufstand zu reißen?" (Blamage? Drohung? Hohn? Eine Anspielung auf das Märchen mit der motzenden Prinzessin und einer Erbse? Ernstgemeinter Hinweis darauf, dass Salat absolut friedfertig und keine Bedrohung ist?)

"Iss Dein Grünzeug, das hält Dich gesund." - "Warum? Woher willst Du das denn wissen?" - "Schon mal einen Hasen mit Brille, Gebiss, Hörgerät oder Rollator gesehen?" (Jaja, schon klar: Niemals Kindern Schmu erzählen. Aber mal im Ernst: Wer erklärt einer siebenjährigen Pippi Ringelsocke mit Vorliebe für puscheligekuschelige Kaninchen beim Mittagessen schon wissenschaftlich korrekt, ohne Schmu und in kindgerechter Fassung, warum der Stoffwechsel auf Vitamine und Mineralstoffe angewiesen ist? Und woher er oder sie das weiß?)

Es geht fröhlich weiter mit dekorativ auf dem Teller angerichtetem, buntem Gemüse. Mit dem gesunden Pausenbrot in der Schule, auf dem eine runde Scheibe Käse mit zwei Kirschtomaten, einer Apfelspalte und vielen kleinen Möhrenscheibchen zum Lachgesicht verziert wird. In der Schulmensa, wo der Koch zur Mittagessenzeit einen aus Karotte geschnitzten Rennwagen und eine aus Rettich geschnittene Mondrakete zwischen die Töpfe stellt. Darf gegessen werden. Dass man nicht mit Essen spielen soll, sei jetzt mal dahingestellt – wer manipuliert hier wen? Die Kinder ("Iiih, Gemüse, ess ich nicht! Rennwagen sind cooler als Zucchini!") den Koch, oder der Koch ("So'n Raketchen verputzen die doch viel lieber als die Schüssel Rohkost!") die Kinder? Und überhaupt, warum darf man nicht manipulieren? Rosa Legobausteine für Mädchen, Bob der Baumeister als Anziehpuppe für Jungen. BHs und Schlüppis aus weißer Baumwolle ("Iiih!") mit vielen Schleifchen vorne dran ("Oah, toll! Schleichen!"). Unbequeme Gummistiefel mit tollen Polkadots in Rot und Weiß. Punktekärtchen im Supermarkt. Blechdose kostenlos zum Pfund Markenkaffee dazu. Demoversion des neuesten Computerspiels liegt in der einschlägigen Zeitschrift. Und dann sind da noch die Japaner, die alles so kawaii, so herzig gestalten. Bei denen sogar die Klobürste Schleifchen trägt und die Taschentücher in Stoffspender aus traditionell handgefärbtem Stoff eingenäht sind. Bei denen die Atemschutzmasken für die Heuschnupfensaison mit süßen Häschen, Disney-Figuren oder coolen Dinos bedruckt sind (Yeah, in Erwachsenengröße!). Mal ehrlich, und wir deutsche Eltern regen uns über den Osterhasen auf? Nicht im Ernst!

Der Herr Gunter Dueck hat sich auf seiner Netzpräsenz Ominsophie zum Sachverhalt geäußert. Und jetzt hätten Shizuka und ihre Mama gerne einen Rat, wie man bereits erwähnter siebenjähriger Ringelsocke mit Hasenkuscheltier wissenschaftlich korrekt erklärt, dass der Mensch auch nur ein intelligentes Säugetier ist ...

Samstag, 28. Juli 2018

Physik ist cool und Skateboard rockt

Nur eine kurze Notiz zwischendurch: Spektrum online hat ein Video verlinkt, das recht eindrucksvoll erklärt, warum Skateboarden nicht so viel mit Wagemut als vielmehr mit Physik und Körperkontrolle zu tun hat. Kann man die Bewegungen ernsthaft berechnen? Keine Ahnung ... Auf jeden Fall habe ich wahnsinnig viel Lust bekommen, mir nach dem aktuellen Regenguss die Bandage anzulegen und mit Shizuka, der kleine Schwester und unseren Boards ein paar Stunden draußen zu verbringen. Drückt mir die Daumen, dass es dieses Wochenende nochmal trocken wird!

Und hier der versprochene Link:

Eine Frage des richtigen Drehs

Und natürlich auch das Video für alle, die lesefaul und ohnehin des Englischen mächtig sind:



Mittwoch, 18. Juli 2018

Kids coden

Shizuka hat ein neues Hobby entdeckt, und wieder einmal war die böse Mama daran Schuld. Mama hatte einen Textauftrag: Python für Anfänger. Ein eher kurzes E-book mit den absoluten Basics sollte geschrieben werden, zwei Wochen Zeit, Verdienst im dreistelligen Bereich. Also beschloss Mama, dass sie Python lernen muss. Gesagt, getan. Shizuka sah ihr über die Schultern, Sommerferien. Und Shizuka buddelte nach zwei Tagen ihre alten Spektrum Neo Zeitschriften aus, fand die Ausgabe Robotik, las den Artikel über Programmieren für Kids noch einmal und grübelte. 

Und dann ging es rund.

Tag 1: Mama, wie schreibt man ein Programm.?(Mama erklärte in fünf Sätzen, wie das geht und was das mit Mathe zu tun hat.)

Tag 2: Mama, ist Python schwer? (Antwort: Nein, aber reichlich unsexy. Vor allem für Kinder.)

Tag 3: Shizuka findet ein neues E-Book auf ihrem USB-Stick: Der kleine Hacker.* Shizuka schaltet ihr Laptop ein. Und Mama kommt den ganzen Tag über nicht mehr zum Arbeiten. Abends sind zwei Spiele programmiert, Shizuka hat drei neue USB-Sticks, spricht eine nicht altersgemäße Mischung aus Englisch und Deutsch, denkt in Schleifen und Funktionen, kann klonen, weiß wie man Programme lädt und speichert, warum man seine Daten besser auf zwei separaten Drives einzeln abspeichert und dass sie wirklich eine Japanerin ist. Denn ihre Spiele sehen aus Zuckerwattelollipopwunderland, alles pastellen. Außerdem hat sie ihr erstes Konto bei einem sozialen Medium, denn ohne kann sie ihre Entwürfe bei Scratch** nicht speichern.

Tag 4: Shizuka entdeckt, dass Papa eine Kindersicherung auf dem Laptop installiert hat. Um 21:30 Uhr abends schaltet sich das Ding aus. Damit ist die Idee für ein Multilevel-Spiel, Mehrspieler-Modus, gestorben. Denn das coded sie nicht an einem Nachmittag. Und zweimal an der gleichen Sache arbeiten? Pah.

Tag 5: Challenge. "Mama, wir nehmen uns jetzt zwei Stunden Zeit und machen ein Spiel. Du darfst die Tutorials bei Scratch benutzen, aber kein Buch als Vorlage. Und wenn Du willst, nimmst Du Python. Ist mir egal. Das Spiel muss in zwei Stunden fertig sein, und dann wird Probe gespielt." Jury: die kleine Schwester. Mama hat gewonnen. Shizuka ist wieder an den eigenen Ansprüchen (namentlich 40 Skripte und 8 Level) gescheitert. 

Tag 6: Mama, kann ich noch andere Programmiersprachen lernen? Scratch ist keine Sprache, sondern mehr ein Programm. Also gar nicht so richtig Programmieren! Ist doch alles schon fertig gecoded, die Blöcke und so. Ich puzzle doch nur ein bisschen.



... to be continued. Die Sommerferien haben gerade erst angefangen.


* Programmieren für Einsteiger, wie immer freiwillig und als Tipp (ohne Bezahlung oder andere Benefits für Shizukas Mama) verlinkt.
** www.scratch.mit.edu. Scratch gibt es auch als Offline-Version, ist aber überwiegend Englisch gehalten. Das ist doof, wenn man sich die Fachterminologie gerade erst erschließt und eigentlich programmieren und nicht Englisch lernen will. Daher die Einwilligung der eigentlich eher zögerlichen Mama, doch ein Kinderkonto anzulegen. Nach langem Testen und Ausprobieren als halbwegs sicher und mit weniger Suchtpotential als andere soziale Medien empfunden. Für Anfänger und Neue scheint es eher weniger Interaktion zu geben, Shizuka wurde auch nach einigen Tagen noch nicht kontaktiert oder kommentiert, und ihre Spiele kann sie in aller Ruhe selbst und alleine weiterentwickeln. Zum Lernen ist das prima, und die Sachen müssen auch nicht veröffentlicht werden. Heißt, trotz Speicherung auf dem Server sind sie nur vom Betreuerteam von Scratch einsehbar.

Mittwoch, 11. April 2018

Klavierelfen, Musikgeschichte und ein lange zurückliegender Krieg

Nach langer Abwesenheit (wird später erklärt) nur eine kurze Notiz: 

Der Herder Verlag plant ein für alle Japaninteressierten interessantes Projekt. Es soll ein Kinderbuch ins Deutsche übertragen werden, das nicht nur ein in Deutschland wenig bekanntes Ereignis der deutsch-japanischen Beziehungen bearbeitet, sondern eben auch insbesondere ein Stück Musikgeschichte transportiert. Konkret geht es um die Ereignisse im Jahr 1914 in China, die letztendlich dazu führten, dass das unten genannte Musikstück in Japan so wahnsinnig beliebt ist. Als Kinderbuch ist das Ganze sehr schön aufbereitet, und die beiden kleinen Damen der Familie werden wohl demnächst ihre verbleibenden 図書カード (Büchergutschein, der in jedem beliebigen Buchladen in Japan eingelöst werden kann) für dieses Buch verwenden.

Tolle Sache, diese geplante Übersetzung  und unserer Ansicht nach unterstützenswert. Denn sowohl Shizuka als auch die kleine Schwester durften die "Ode an die Freude" im Rahmen des Klavierunterichts in Japan bereits in drei verschiedenen Fassungen und Schwierigkeitsgraden üben und bisweilen sogar öffentlich zum Besten geben. Perfektes Geschenk für die kleinen Klavierelfen oder auch die ein oder andere Lehrkraft, da sind wir uns einig. Einfach mal reinschauen, das Projekt des Verlags ist hier verlinkt. Ach so, und bevor wir es vergessen: Hier hat noch jemand darüber geschrieben. :-)

Samstag, 30. September 2017

Nasse Füße

Als ich knapp vier Jahre alt war, hat mein Papa mit mir an der Ostsee in der Nähe von Kiel irgendwo am Strand ein Loch gebuddelt. Dann hat er mich hineingestellt und ein Foto gemacht: Ein lachender hellbrauner Lockenkopf mit Sommersprossen, hellem Hemd und aufgekrempelten Hosen, in einem etwa 50 cm tiefen Loch stehend, die Füße im Wasser und die Waden schlammverschmiert. Fettes Lachen. 

Das weiße Hemd trug vor einiger Zeit noch die kleine Schwester. Die Hosen gibt es nicht mehr. Und wo der Strand an der Ostsee genau war, weiß heute niemand mehr. Aber als ich Shizuka und der kleinen Schwester von diesem Foto erzählte, wollten die beiden das auch machen. Pazifik statt Ostsee, völlig okay. Aber wie war das nun mit dem Wasser? Ich erinnere mich ehrlich gesagt nicht mehr, wie das mit dem Wasser war. Das Foto zeigt die Brandungslinie gute 10 m entfernt. Das Loch muss tief genug gewesen sein, das von unten das Wasser hineindrückte, nehme ich an. Aber ob das wirklich funktioniert?

Ein Tag am Strand im Süden von Yokohama, sonniges Spätsommerwetter, ordentlicher Wind, das Wasser voller Surfer. Die kleine Schwester zieht die Hosen aus und quietscht: Mama, buddeln! Gaaaaaanz tief!

Und Mama buddelt. Mangels Sandschaufel werden die Sandalen ausgezogen, das T-Shirt auf der Seite eng geknotet und wir versuchen es mit der Hundebuddeltechnik. Was ein durchschnittlicher Pinscher kann, können wir auch: Vorne mit den Händen den Sand lockern und hochholen, dann mit den Füßen schnellstmöglich wegschieben. Ist besser als jede Hornhautraspel ...

Shizuka und die kleine Schwester helfen mit. Irgendjemand findet eine große Muschelschale: Damit kann man auch buddeln. Dann kommt eine zerbrochene Frisbeescheibe dazu: Schaufelersatz. Wir buddeln uns durch richtige Schichten, erst weicher, trockener Sand, dann feuchter Sand, dann nasser, festgetrampelter Sand. Dann eine Schicht Muschelbruch mit einem kleinen Krebs in grün, der aufgeregt davoneilt. Darunter noch einmal nasser Sand, viele Steinchen, eine weitere Schicht Muschelbruch. Und wieder Sand. Wir fühlen uns ein bisschen wie Archäologen, denn der Plastikmüll wird nach unten hin bemerkenswert weniger. Shizuka hat die Idee, sich in das Loch zu stellen, die kleine Schwester muss mit einer gefundenen leeren PET-Flasche Wasser holen. Das wird auf Shizukas Füße gegossen. Shizuka wühlt mit den Zehen den festen, jetzt patschnassen Sand locker, der lässt sich so leichter herausschaufeln. Schlamm statt festem Schmodder.

Eine gute Stunde später wird es von alleine kalt und nass da unten. Shizuka tritt Schlamm, ohne dass die kleine Schwester Wasser nachgießt. Und prompt sind die Mädchen noch motivierter. Eine Ladung nasser Matsch nach der anderen wird aus der Fallgrube befördert. Shizuka hat der kleinen Schwester den Platz abgetreten, die bis zum Bauchnabel im Loch verschwindet. Und plötzlich mit einem Quiekser nach unten schaut: Bis zum Knie geht das kalte Wasser schon! Das Loch im Sand ist also tatsächlich voll Wasser gelaufen. Und weil die Mädchen den nassen Sand von unten nicht wirklich weit weggeschafft haben, steht das Kind jetzt schon bis zur Brust im Boden, denn der Wall außen um das Wasserloch ist beeindruckend. Wir bemerken langsam die grinsenden Strandbesucher und aufgeregten Kinder, die zu uns zeigen: Da ist wirklich Meerwasser drin!

Damit ist die Frage für Shizuka und die kleine Schwester abschließend geklärt: Wenn man am Strand ein Stück vom Wasser entfernt ein Loch buddelt, kommt das Meer wirklich da hinein. Man muss nur tief genug buddeln. 

Samstag, 23. September 2017

Tech Kids

Neulich im Hamagin Space Science Center: Da steht ein kleiner knubbeliger Geselle und lädt die Kinder dazu ein, mit ihm zu spielen. Alles digital, Touchscreen, es geht um Interessen und Hobbies. Wer mit der KI kommunizieren will, muss Name, Alter und Anfahrtsweg sowie begleitende Personen angeben. Dann kommt eine kurze Konversation zustande: Soundsoviel Menschen des gleichen Alters besuchen das Museum täglich, die meisten kommen aus diesem Ort und werden von jenem Menschen begleitet. Statistiken eben, recht simpel. Wer was am liebsten in der Freizeit mag und welche Schulfächer liebt, wird wohl irgendwann auch noch abgefragt. Soweit noch nicht wirklich misstrauenserweckend. Shizuka entdeckt einen WLAN-Router in der Ecke oben unter der Decke, knapp hinter dem kleinen runden KI, der trotz abgenutzter Oberfläche 本当に可愛い (hontou ni kawaii, wirklich niedlich) aussah.

Im nächsten Raum: Toben ist angesagt. Eine Art Space Center mit Rampen, Treppen, Luken, Klappen und verwinkelten Wegen in Metall ist zwischen Moon-Jump Simulator, Reckstange für das Astronautenfitnesstraining und eine gigantische Murmelbahn gespannt. Eine Ampel zeigt an, ob genug Platz für noch mehr Menschen oben im Gestänge ist, oder ob man kurz warten soll. Wir bemerken Kameras an allen Ecken und Enden und können die versteckten Räume des Space Centers auf kleinen Monitoren sehen: Live und in Farbe, da stolpern tatsächlich gerade die Zwerge durch, deren rote und blaue Quietsche-Schuhe wir über uns durch die Gitter sehen können. Spannend. Wäre da nicht der WLAN-Router halb hinter der Verkleidung neben den Monitoren. Und der nächste WLAN-Router hinter der Treppe neben dem Moon-Jump. Und noch einer im Verzerrte-Perspektive-Raum. 

Shizuka stellt die Gretchenfrage: Papa, wie ist denn das mit dem Datenschutz, wenn hier alles ans Internet angeschlossen ist und überall WLAN-Router hängen? Da vorne sollte ich meinen Namen und meine Adresse angeben. Hier werden Bilder gemacht. Der Computer weiß, ob ich mit Mama und Papa da bin. Heißt doch im Klartext, dass jeder halbwegs geistesklare Jugendliche innerhalb von fünf Minuten herausfindet, wo er gerade halbwegs ungestört einbrechen kann, oder? Mit ein bisschen Gefiddel guckt der uns dabei live beim Klettern im Gerüst hier zu ... Mein Handy hat mir den ungesicherten WLAN-Zugang hier schon angezeigt.

Der Papa hat zu dem Thema seine ganz eigene Meinung: Niemand macht sich die Mühe, in den Computer eines Museums einzudringen. Nicht in Japan. Vor allem dann nicht, wenn es Kinderbilder, Adressen, Namen und die Aufenthaltsdaten von vielen, vielen Personen abzugreifen gibt. Völlig uninteressant und abwegig. Ungefähr so weltfremd wie dass jemand einen Fingerabdruck fälscht um damit ein iPhone zu knacken.*

Insgesamt war der Besuch mit den Kindern ein Erlebnis, von der Teslakugel über Mikroskope mit den entsprechenden Exponaten bis hin zu den unvermeidlichen "Wir machen Badewannen-Glibber-Glitzer-Schleim-Seife selbst" Workshop gab es alles. Es blieb der schale Beigeschmack, dass ausgerechnet ein Technikmuseum derart seltsame Kommunikationscomputer nutzt. Wo es doch darum geht, Kinder zu Technikverständnis zu erziehen und so.


* Zur Verteidigung muss man sagen, dass der Papa das WLAN zu Hause mit einem langen Zahlen-Buchstaben-Code geschützt hat, der so kompliziert ist, dass er selbst ihn immer wieder vergisst. Er glaubt per se schon an Sicherheit. Vor allem an Fingerabdrücke. Siehe CCC.

Samstag, 2. September 2017

Souveränität gewonnen

Die Sommerferien sind nun schon seit einigen Tagen vorbei, und sowohl die kleine Schwester als auch Shizuka sind wieder im Alltag angekommen. Die letzten beiden Wochen der Ferien haben die beiden übrigens in der Schule verbracht, es gab zum ersten Mal "Sommerschule" für sie. Zwei Wochen lang täglich von morgens bis in den Nachmittag hinein spielen, toben, Quatsch machen, basteln und mit anderen Kindern die Schule auf den Kopf stellen. Für viele Eltern ist das Sommerferienprogramm eine Möglichkeit, ihre Berufstätigkeit irgendwie mit dem Stundenplan der Kinder in Einklang zu bringen. Für die Lehrkräfte ist es eine Möglichkeit, Schule mal von der weniger ernsten Seite zu betrachten und mehr oder weniger fließend (okay, mit viel Organisationsaufwand und Nervenkitzel) aus den langen Sommerferien zurückzukommen. Und die Kinder? Die lernen Schule als Abenteuerspielplatz kennen. Wenn nämlich der Schulhof und der Spielplatz für Parcours genutzt werden, neben der Miniatur-Boulderwand plötzlich auch noch Slackline, Balanceboards, Wannen voller Wasserbomben und Bälle zum Balancieren stehen. Wenn im Mathe-Kursraum mit Holz, Leim und Farbe gewerkelt wird. Und im Klassenzimmer der 7b Nähmaschinen stehen, mit denen man kurze Hosen im Hawaiihemden-Look produziert. Auf den Fluren fanden Drehstuhl- Wettrennen statt. Die Schwimmhalle der Schule wurde zum Spaßbad. Und im Computerraum saß das Sommerschule-Blogger-Team und hat alles in vielen Bildern und wenigen Worten für die Eltern dokumentiert. In der Mittagspause durften Große und Kleine zusammen in der Mensa essen (Lecker!), und zum Abschluss gab es am letzten Nachmittag draußen eine große Party mit Wasserbombenschlacht. 

Was haben die Kinder mitgenommen?
Die kleine Schwester ist sehr souverän geworden. Sie durfte, da sie im letzten Kindergartenjahr war, an den Aktivitäten für Erstklässler teilnehmen und hat sich täglich einen Block im Spaßbad und einen Block Basteln und Werken.
Die große Schwester wollte an ihren motorischen Fähigkeiten arbeiten und hat den Nähkurs wahrgenommen und im zweiten Block mit Mama allerhand Mädchenkram gefilzt. 
Den dritten Block haben die Mädchen ohne Kurs im Freizeitraum verbracht, haben LTB gelesen, Tischkicker gespielt, sich bei Uno Extreme gegenseitig angeschrien und anschließend noch aufräumen geholfen.

Für die kleine Schwester war die Situation etwas schwierig, da sie kaum Kinder an der Schule kannte, in ihren Kursen erstmal unter Fremden war und dazu auch noch körperlich die Kleinste. Zwei Tage Katzenjammer, vor allem in der Mittagspause (sie musste alleine am Tisch essen, niemand wollte sich zu ihr setzen), danach war die Welt in Ordnung. Statt der großen Schwester hat sich die kleine Schwester einfach an eine der vielen neuen Freundinnen gehängt. Da sie mit ihrer zierlichen Statur auch bei Erst- und Zweitklässlern schon Beschützerinstinkte weckt, war sie gut versorgt und glücklich. Nach den zwei Wochen Sommerschule hat sie unglaublich viel Souveränität gewonnen. Sie bewegt sich frei in der Schule, kann auch an fremden Orten neuerdings alleine die Toilette aufsuchen und bestellt ihr Essen im Restaurant selbst. Enorm, was zwei Wochen Spiel und Spaß mit einer Fünfjährigen anstellen! Der Entwicklungssprung war einfach gigantisch.

Shizuka fand es einfach gechillt. Sie hat Schule nochmal entspannter als sonst erlebt, hat ihre Vorliebe für Comics entdeckt (Aber nur LTB!) und mit der Feinmotorik Frieden geschlossen. Außerdem findet sie Edgar Degas inzwischen recht abgefahren und steht (bedingt) auf Ballerinabilder. Ihre kurze Hose mit den riesigen Hibiskusblüten drauf wird allerdings vermutlich im Schrank verstauben. 
:-D 
Also auch hier ein Entwicklungssprung, aus der spröden Pipi Langstrumpf wird langsam eine auf ihre eigene Art feminine Ronja Räubertochter.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Wichtige Fragen geklärt – andere noch ungelöst

Die Ferien beginnen in zwei Tagen, und die ganze Familie ist entsprechend aufgeregt. Zeugnisse, letzter Tag im Kindergarten vor der zweimonatigen Pause (die Freunde der kleinen Schwester gehen noch zwei Wochen länger in den Kindergarten), Abschied von Freunden und Lehrkräften, Jahresabschlussfeier der Schule mit Ehrung der besten Schüler und Schülerinnen – es liegt einfach ganz viel an. Und dann müssen alle auch noch packen, denn der Flieger geht am ersten Ferientag, am Samstag schon. Die Kinder sind wirklich wuselig.

Was sie nicht wissen: Nicht nur der Patenonkel wird am Flughafen auf uns warten, sondern auch Oma, Opa und der Cousin. Bei der Oma am Urlaubsort werden außerdem einige Überraschungen auf sie warten. Die Kinder wachsen. Dementsprechend sind neue Reithelme und -stiefel nötig, wir brauchen Lernmaterialien für die Schule, Schulbücher und einen neuen Schulrucksack. Shizuka ist jetzt nach sechs Schuljahren aus dem alten Scout-Ranzen wirklich herausgewachsen und besteht auf einer etwas altersgemäßeren Verpackung für Bücher und Hefte. Außerdem ist Ferienliteratur nötig: Der Kindle ist zwar schon geladen, aber vor allem die kleine Schwester liest eben doch noch lieber auf richtigem Papier. Die erste Überraschung gab es schon zu Hause in Japan: Shizuka hatte für eine Übernachtung in der Schule einen neuen Schlafsack bekommen, weil der alte in Deutschland geblieben ist. Der Neue wird selbstverständlich mitgenommen und muss in den Koffer. Für die Reiterferien.* Neue Kletterschuhe für Shizuka sind aus Gründen des schnellen Wachstums ebenso nötig wie für die kleine Schwester und die Mama**.

Wer bei den Reiterferien übernachtet und wer nicht, wissen wir indes immer noch nicht. Es stehen auch noch einige Verabredungen aus: Freunde, die uns treffen wollen, Städte, die wir sehen wollen. Alles noch nicht organisiert. Was dagegen durchaus schon organisiert ist: Die Kinder wollen ganz oft schwimmen gehen und das jeweils nächste Schwimmabzeichen erwerben. Für Shizuka wäre das das goldene Jugendschwimmabzeichen, für die kleine Schwester das Seepferdchen. Mama muss auch ran: Wenn die Mädchen wirklich ausreichend üben, um die Prüfung abzulegen, muss Mama ein Schwimmabzeichen für Erwachsene machen. Der neue Badeanzug dafür ist schon gekauft***. Das allein war schon schwierig genug, denn die deutsche Mama hat nicht die richtigen Abmessungen, um in einen "richtigen" Schwimmanzug im japanischen Sportgeschäft zu passen. Und die seltsamen Bademoden, die die japanischen Plansche-Mamas tragen, sind zum sportlichen Schwimmen nicht wirklich geeignet.

Die Betreuung für Haus und Garten ist derweil auch schon organisiert: Shizukas Gurkenpflanzen und den Kartoffeln der kleinen Schwester wird es an nichts mangeln. Während eine Freundin der Familie eineinhalb Wochen lang die Pflege übernimmt, werden anschließend die japanischen Großeltern für die übrigen eineinhalb Wochen unser Zuhause als Ferienhaus nutzen und selbstverständlich die ersten Früchte im Garten ernten. 

Es warten auf jeden Fall spannende Ferien mit vielen Überraschungen und Herausforderungen auf uns.


* Und für eine Übernachtung im Zelt mit einer sehr, sehr guten Freundin, die Japan vor einem Jahr verlassen hat und die uns ein Wochenende lang in Deutschland besuchen wird. Oma hat ein Zelt besorgt, dass dann im Garten stehen wird, wir wollen gemeinsam in die Boulderhalle gehen und ins Freibad. Alles schon geplant, die beteiligten Kinder werden das allerdings mehr oder weniger als Überraschung erleben. 

** Die Mama ist natürlich nicht rausgewachsen, sondern hat ihre Schuhe in den letzten vier Jahren so intensiv genutzt, so dass die Sohlen sehr, sehr rund geworden sind. Der Mythos von La Sportiva ist immer noch ein Traumschuh, aber eben nicht in rund. Daher muss jetzt langsam etwas Kantigeres her, das hoffentlich wieder so lange hält. Oder länger. Denn die alten Finken werden selbstverständlich nicht entsorgt, sondern stehen als bequeme Treter weiterhin zur Verfügung. Falls die neuen mal drücken. Soll bei Kletterschuhen ja vorkommen. Abenteuer übrigens: Denn zum ersten Mal überhaupt haben wir Schuhe im Internet bestellt. Da wir Mädchen der Familie sehr pienzig sind, was die Passform angeht, ist die Frage natürlich: Sind die neuen Schuhe wirklich passend für den Fuß? große Spannung!

*** Nicht aus modischen Gründen, sondern weil der alte Anzug nach nunmehr sechs Jahren und wöchentlichen Schwimmbadbesuchen plus Gelegenheitsbaden im Meer auseinanderfällt. Taugt alles nichts mehr, das neumodische Zeugs ...

Dienstag, 13. Juni 2017

Komische Vögel

Shizuka und die kleine Schwester haben im Winter vorbildlich für das leibliche Wohl unserer gefiederten Freunde gesorgt. Das Futterhäuschen im Garten wurde regelmäßig neu befüllt. In den Bäumen waren kleine Töpfchen mit ゼリー (zerii, so eine Art Wackelpudding) für die kleinen grünen メジロ (mejiro, wörtlich Weißauge, kleiner grüner Vogel mit weißem Ring um die Augen) verteilt. Die Tiere trinken normalerweise Blütennektar und fressen Obst, informierten sich die kleinen Damen im Vorfeld. Für die Meisen gab es Sonnenblumenkerne, für die Tauben Mais, für ムクドリ(mukudori, japanische Stare) und ヒヨドリ (hiyodori, Orpheusbülbül) hingen aufgeschnittene Äpfel und Orangen in den Bäumen. Zusätzlich gab es getrocknete Mehlwürmer in kleinen Futternäpfen am Gartenzaun und Getreidemehl für die kleineren Vögel unbekannter Vorlieben. Die Spatzen flitzten überall dazwischen herum, manchmal kamen Rotschwänzchen in den Garten. Ab und an besuchte uns die Blauelster aus dem nahen Park. Nur die Krähen blieben fern, das Futter war nicht so ihre Sache. Im 和実 (wajitsu, traditionell eingerichteter Raum) hing ein Plakat vom Nabu an der Wand mit den verschiedenen sinnvollen Futterarten für jede Vogelart. Das war zwar auf die in Deutschland heimischen Vögel zugeschnitten, aber das japanische Federvieh scheint zumindest ungefähr den gleichen Geschmack zu haben. 

Die Tiere hatten das Futterangebot dankbar angenommen und beglückten uns täglich von Morgendämmerung bis spät in den Abend mit regem Partybetrieb im Garten. Besonders dreist waren die Spatzen: War das Futterhäuschen leer, untersuchten sie es erst innen und außen. Sehr akrobatisch und lustig anzusehen. War kein Futter mehr zu finden, flog jeweils einer (Der Sportlichste? Der Mutigste? Der in der Hackordnung Niedrigste?) vor die Scheibe des genannten 和実 und flappte aufrecht in der Luft stehend mit den Flügelspitzen gegen das Fliegengitter. Der Metallrahmen des Gitters schlug dann rhythmisch gegen den Metallrahmen vom Fenster, ein Heidenlärm also. Das wurde so lange gemacht, bis jemand in den Garten ging, um das Futterhäuschen aufzufüllen. Dann war Ruhe, die Spatzen futterten fröhlich weiter. Reagierte niemand, wurden die Vögel rabiater und flogen mit Anlauf gegen die Scheibe neben dem Fliegengitter. Das klapperte noch lauter, dazu kam das dumpfe Aufschlagen der kleinen Körper. Kein angenehmes Geräusch und allen bekannt, die schon einmal auf der Landstraße einen Vogel auf der Windschutzscheibe des Autos hatten.

Ende Februar war es dann mild genug, dass wir das Futter reduzieren und nur noch die nährstoffreichen Mehlwürmer und das Getreidemehl draußen hatten. Die メジロ saßen längst in Apfel- und Pflaumenblüten, die anderen Viecher klaubten sich langsam schon Insekten aus dem Boden. Im März kamen die Tiere zwar noch in unseren Garten, waren am Futter aber nicht mehr interessiert. Das Futterhäuschen wurde aber auch nicht zum Nestbau genutzt, ein paar gelangweilte Spatzen machten Turnübungen an der Unterseite des frei schwingenden Häuschens.

Und jetzt im Juni wurde es richtig interessant. Dank der feuchten Hitze wächst im Garten alles explosionsartig. Bedeutet: Einmal wöchentlich Rasen kürzen. Jeweils danach ist der Boden vor lauter wuselnden und futternden Vögeln kaum zu sehen. Da werden Käfer, Würmer, Fliegen, Maden, Larven, Asseln und Schnecken gepickt. Die ein oder andere Ameise musste sicherlich auch dran glauben. Wenn es nach dem Mähen auch noch regnete, ist die Fressorgie perfekt. Und vor unserer Haustür sammelten sich in den nächsten Tagen tote Krabbelviecher. Halbe und Dreiviertel Regenwürmer, Asseln mit gebrochenem Panzer und so mancher Käfer ohne Kopf lagen plötzlich auf den weißen Fliesen. Shizuka und die kleine Schwester fanden das erst einmal extrem ekelig. Man öffnet die Haustür und sieht auf einen Tierfriedhof! Und noch etwas passierte. Auf dem braunen Geländer zur Straße hin war neuerdings weißer Schmier zu sehen: Da halten sich eindeutig Vögel auf. Warum jetzt plötzlich? Warum die toten Viecher?

Shizuka hat ein bisschen recherchiert und ist auf eine interessante Sache gestoßen. Es scheint, dass Vögel ein recht ausgeprägtes Gedächtnis haben und tatsächlich mit Menschen interagieren, wenn sie ihre Nähe gewöhnt sind. Krähen und Elstern (schlaue Rabenvögel) bedanken sich mit glitzernden Fundstücken am Futterplatz für ihr Futter. In Zeiten von Nahrungsreichtum hinterlegen Wildvögel Beutestücke an bekannten Futterstellen. So wie die Freigänger unter dem Katzen ihre Besitzer manchmal mit toten Mäusen und Vögeln beglücken.

Shizuka und die kleine Schwester begannen, etwas genauer hinzusehen und auf Wetter und Mamas Gartenarbeitszeiten zu achten. Und da war ein Muster. Jedesmal, wenn gemäht wurde, häuften sich die toten Tiere vor der Haustür, und es gab neue weiße Flecken auf dem Geländer. Regnete es ein oder zwei Tage nach dem Mähen, wiederholte sich das Ganze. Um Fehler zu vermeiden, entfernten wir jeweils die toten Tiere, sowie wie wir sie bemerkten. Rundum auf den Stromleitungen: Stare und Bülbüls. Wir wurden beobachtet. Dem jetzt erst eingeweihten Papa kamen erst einmal Hitchcocks Vögel in den Sinn. 

Ist es undankbar, wenn wir die Futtergeschenke mit Handfeger und Schippe aufsammeln? Halten die Vögel das nun für unser Esswerkzeug? Dürfen wir die vom Schnabel abgesparten Gaben einfach im Müll entsorgen? Moralische Bedenken bei Shizuka und der kleinen Schwester. Die Vögel schienen aber nicht beeindruckt. Nach jedem Mähen lag der nächste Leichenhaufen vor der Tür.

Für Shizuka und die kleine Schwester ist klar: Im nächsten Winter wird im Garten wieder gefüttert. Wenn man dafür so viele Geschenke kriegt!

Dienstag, 6. Juni 2017

Schwierige Gruppenzugehörigkeiten

Bei Shizuka ist die Sache seit einem guten Jahr völlig klar: Sie ist Deutsche und sie ist Japanerin. Und sie deutsche Freunde und japanische Freunde. Als Deutschjapanerin in Japan auf der Deutschen Schule fühlt sie sich am richtigen Platz, auch wenn die besten Freunde jetzt seit fast einem Jahr fehlen.

Bei der kleinen Schwester ist das etwas schwieriger. Die ist auch Deutschjapanerin. Die ist auch in Japan. Aber sie geht in einen japanischen Kindergarten. Dort hat sie ihre Freunde, die sie jeden Tag sieht. Ihre Freizeit verbringt sie aber an der Deutschen Schule mit Aikido, Klavierspielen und Taiko. Wie die große Schwester. Und sie hat dort auch gleichaltrige Freunde gefunden, die sie aber nur jeweils einmal wöchentlich sieht. Die kommen nach den Sommerferien in besagter Deutscher Schule in die erste Klasse. Und die gehen in den Kindergarten besagter Deutscher Schule.

Und dann gibt es da noch die Freundin. Die Freundin ist auch Deutschjapanerin, und die Freundin ging bisher zusammen mit der kleinen Schwester in den japanischen Kindergarten. Sie hat eine große Schwester an der Deutschen Schule und wird nach den Sommerferien den Kindergarten der Deutschen Schule besuchen. Die kleine Schwester wird die Freundin also nicht mehr täglich sehen. Die Freundin trainiert nicht Aikido. Sie spielt nicht Klavier. Und sie spielt auch nicht Taiko. Die kleine Schwester wird sie, wenn überhaupt, nur noch zufällig auf dem Schulhof treffen. Und das ist gemein. Denn eigentlich ist die Freundin doch genauso wie die Kleine Schwester: Ein deutschjapanisches Kind mit großer Schwester an der Deutschen Schule. Kompliziert.

Es kommt erschwerend dazu, dass die kleine Schwester ab April 2018 in Japan ebenfalls schulpflichtig ist. Das weiß sie auch, im Kindergarten wird heftig darüber diskutiert. Sie weiß auch schon, mit wem sie in die gleiche Schule gehen wird: Zwei Freundinnen, die gleich um die Ecke wohnen und auch besagten japanischen Kindergarten besuchen. Das ist mit Vorfreude verbunden, immerhin bleiben die drei kleinen Damen dann zusammen. Voraussichtlich. Und dann philosophierte die kleine Schwester los ...

Ich will eigentlich gar nicht in die japanische Schule gehen. Da muss ich ja Kanji lernen. Das ist doof. Und außerdem ist das Essen dort doof. Der Shizuka* hat das gar nicht geschmeckt. Außerdem gibt es immer so viele Hausaufgaben! Shizuka hatte in der Deutschen Schule in der Grundschule fast nie Hausaufgaben**. Mama, für Dich ist das doch auch praktisch, wenn Du uns beide Kinder morgens nur in eine Schule bringst, oder?

Dass die beiden Freundinnen in der japanischen Grundschule da sind, finde ich gut. Ich bin Japanerin, wie die. Ich will auf die japanische Grundschule gehen. Der ランドセル (Randoseru, japanischer Schulranzen aus Leder) sieht viel cooler aus als die albernen Schulranzen in Deutschland. Außerdem ist der kleiner, den kann ich viel leichter tragen. Die Schule ist außerdem gleich nebenan, da muss ich gar nicht so weit laufen wie die Shizuka. Ich darf da ja sowieso nicht mit dem Fahrrad hin fahren***. Und ich komme viel früher nach Hause, weil die Schule gar nicht bis zum drei oder um vier nachmittags geht! Da kann ich ja immer noch in die Deutsche Schule gehen für Klavier und Taiko und so.

Aber eigentlich ist das auch doof. Weil meine Freunde in der Deutschen Schulen doch alle schon in die erste Klasse kommen und sich jeden Tag sehen. Und vielleicht finden die das blöd, wenn ich noch im Kindergarten bin bis nächstes Jahr. Und dabei können die noch gar nicht lesen! Ich kann das schon. Obwohl ich noch in den Kindergarten gehe, und obwohl ich in einen japanischen Kindergarten gehe. Voll komisch. 

Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, wo ich dazugehöre. Irgendwie gehöre ich zu den japanischen Kindern vom Kindergarten. Aber ich gehöre doch auch zu der Deutschen Schule!

Mama, kann ich eigentlich zu beiden gehören? Die Kinder von der Deutschen Schule gehören doch nur zur Deutschen Schule, oder? 


An dieser Stelle hat sich Mama dann tatsächlich in den Monolog eingeschaltet. Denn natürlich können Kinder zu ganz unterschiedlichen Gruppen gehören, auch wenn das schwer zu verstehen ist. Und natürlich können sie alters- und klassenübergreifende Freundschaften pflegen. Auch wenn das nicht so üblich zu sein scheint. Bei Shizuka war das irgendwie einfacher in dem Alter, die hat sich weniger Gedanken gemacht und sich einfach über die Vielfalt im Freundeskreis gefreut, wie sie das auch heute noch tut. Die kleine Schwester denkt mehr darüber nach und sucht nach einer scheinbar vollständigen Zugehörigkeit. Wobei sie sich auch schon bewusst abgrenzt: In die Ballettgruppe, in der die meisten Mädchen ihrer Kindergartengruppe sind, will sie nicht gehen. Sie findet Ballett albern und will es einfach nicht machen, sie geht lieber bouldern. Da hat sie ihre Kindergartenfreunde und -freundinnen auch schon eingeladen. Aber nur ein Junge ist mal mitgekommen, und auch der nur einmal. In die Klavierschule, die die meisten Mädchen ihres Kindergartens gehen, will sie auch nicht wechseln. Denn das ist eine rein japanische Klavierschule. Sie lernt Lesen von Musik Deutsch und Japanisch, die Namen der Noten unterscheiden sich. Und sie genießt das auch, denn immerhin unterhält sie sich ja auch mit Freunden in beiden Sprachen über das Klavierspiel. Diesen Luxus bekommt sie nur in der Deutschen Schule, und das ist ihr durchaus bewusst. Wir sind erstmal gespannt, wie sich die kleine Schwester nach den Sommerferien in die neue Konstellation einfindet.


* Shizuka nutzte die frühen Sommerferien der Deutschen Schule letztes Jahr, um eine Woche lang die japanische Grundschule, in deren Einzugsbereich wir wohnen, zu besuchen. Sie hat die eine Woche genossen, fand sie aber auch anstrengend. Und das Essen war wirklich ganz anders als sie das kennt: In der Deutschen Schule gibt es ein Mittagsbuffet in der Mensa, wo sich alle Kinder einfach das nehmen, was sie mögen. Sehr salatreich, gemüselastig und immer mit Ramen und Udon als Alternative für diejenigen, die am Buffet nichts finden. Gezahlt wird das selbst zusammengestellte Mittagessen über ein Konto, das die Eltern mit ausreichend Yen versehen sollten. Große Freiheit also, und alle Kinder müssen ihre Allergien, Unverträglichkeiten und sonstige Probleme selbst managen. Klappt gut, soweit. Es werden beim Essen klassenübergreifende Freundschaften gepflegt, man scherzt mit den Lehrkräften, die einen eigenen Tisch in der Mensa haben, unterhält sich über die Theke hinweg mit dem Koch und dem Küchenpersonal, alles dreisprachig (Deutsch, Japanisch, Englisch). Eltern essen auch manchmal dort, und Geschwister können sich treffen. Hausaufgaben werden gemacht beim Essen, Klassenarbeiten und Referate besprochen. In der japanischen Grundschule wird das Essen von ein paar Kindern in den Klassenraum gebracht. Es gibt jeden Tag ein festes Menü. Die Lehrkraft isst mit den Kindern im Klassenraum, ermahnt sie zu guten Tischmanieren und sorgt dafür, dass alle ihre Portion aufessen. Die Klassenlehrkraft kennt die Allergien und Unverträglichkeiten der Kinder und muss dafür sorgen, dass jeder/jede nur isst, was er/sie verträgt. Alternativen gibt es nicht, es wird weggelassenen, was nicht geht. Und alles muss wenigstens probiert, ob es schmeckt oder nicht ist egal. Grundschule bis sechste Klasse, wohlgemerkt, nicht Kindergarten. Die Kinder sind also zwischen sechs und zwölf Jahre alt.

** Die Kinder sind angehalten, ihre Hausaufgaben in der täglich stattfindenden Dreiviertelstunde Lernzeit in der Schule selbstständig zu erledigen. Es sind Lehrkräfte im Raum anwesend, die bei Problemen helfen können und die die Kinder auch anregen, sich in dieser Zeit auf bevorstehende Klassenarbeiten vorzubereiten. Wer fertig ist, darf in die Bibliothek entschwinden, sich mit irgendetwas anderem ruhig beschäftigen oder mit Freunden reden. Nach Ermessen der Lehrkräfte dürfen die Kinder auch raus auf den Spielplatz der Schule gehen. Shizuka hat allerdings die Lernzeit grundsätzlich genutzt, um zu lesen, mit den Lehrkräften zu plaudern und ihren Ranzen zu sortieren, so dass sie durchaus öfters zu Hause etwas machen musste.

*** Die japanischen Grundschulen stellen keine Fahrradparkplätze für die Kinder zur Verfügung, die Kinder laufen morgens in fest organisierten Laufgruppen, die von den Eltern betreut werden. Begründung: Die Kinder können noch nicht selbständig im Straßenverkehr unterwegs sein, das ist zu gefährlich. Auch zu Fuß, deshalb muss die Eltern-Patrouille dabei sein. Mittags sieht jeder selbst zu, wie er oder sie nach Hause kommt. Mittage sind offenbar in Japan ungefährlicher als Morgen.

Dienstag, 23. Mai 2017

Junges Gemüse

Doppeldeutiger Titel, und diesmal durchaus beabsichtigt: Shizuka baut seit Jahren traditionell jedes Jahr eine Sorte Gemüse an. Ursprünglich waren es mal Kartoffeln im Balkonkübel, eine Art Schulprojekt. Dann war es Basilikum, im Jahr darauf Zuckerschoten, zwischenzeitlich mal Kürbis, dann wieder Kartoffel. Dieses Jahr will die kleine Schwester mitmachen. Sie hat sich Radieschen gewünscht. Mama hat mit ihr zusammen gesät, ab und an gegossen, und siehe da: Ein Radieschen hat die ganzen Krabbelviecher im Garten überlebt und konnte tatsächlich erntereif auswachsen. Die kleine Schwester hat es geerntet und war stolz wie Bolle.

Mama durfte das Radieschen putzen und waschen. Es war faustgroß, gemessen an den Händchen der kleinen Schwester. Und die krallte sich die knallrote Kugel auch gleich nach dem Waschen und biss herzhaft hinein. Mama wollte noch warnen, dass die Dinger manchmal scharf sind, zu spät: Das Kind sah selbst aus wie ein Radieschenkopf. 

Mama: Und, schmeckt Dein Radieschen?

Kleine Schwester: Hm-hm. Legga! (Man stelle sich hier ein fünfjähriges Mädchen mit vollem Mund vor, wippende Zöpfe rahmen das feuerrote Gesichtchen, es dampft aus den Ohren.)

Mama: Nicht zu scharf?

Kleine Schwester: Isch okee. (Die Augen traten schon leicht hervor, die Nasenlöcher wurden immer größer ...)

Mama: Weißt Du, wir haben die früher in dünne Scheiben geschnitten, auf ein dunkles Graubrot mit viel Butter gelegt und dann tüchtig Salz drauf getan. Weil das sonst zu scharf war. Ich war als Kind total feige: Radieschen gab es nur auf Butterbrot für mich. 

Kleine Schwester (Schluckt tapfer und gießt ein großes Glas Wasser nach.): Mama, darf ich jetzt ein Butterbrot mit Salz haben?


Natürlich bekam die kleine Schwester ihr Butterbrot mit Salz. Aber irgendwie war das dann ohne Radieschen doch nicht lecker, und Mama musste es essen. Shizuka schaute die ganze Zeit über fasziniert die kleine Schwester an. Shizuka mag Radieschen, aber nur, wenn sie nicht scharf sind.

Mama: Und, was kommt als nächstes in die Gemüsetöpfe? Nochmal Radieschen? Immerhin  musst Du die ja auch noch gleichzeitig mit dem Brot probieren ...

Kleine Schwester (Tonfall "die Welt geht unter", mit leichtem Einschlag von deutscher Feuerwehrsirene*): Neeeeee! Können wir Möhren säen? Die kleinen runden? Die so süß sind bei Oma?

Mama: Keine Radieschen mehr? Ich dachte, die waren lecker?

Shizuka (lacht): Mama, keine Radieschen. Sonst wird die Kleine zum Drachen. Hast Du gesehen, wie das eben gedampft hat?

Kleine Schwester: Gar nicht wahr! Aber ich will Möhren. Und Kartoffeln.

Shizuka: Kann ich wiedermal Kürbis haben? Der Garten ist doch jetzt groß genug für so ein Monster.


Und so kamen wir überein, dass die kleine Schwester im vormaligen Kartoffelkübel von Shizuka wieder Kartoffeln pflanzen darf, mit ein paar Möhrchensamen dazwischen. Unter der Auflage, die Möhren auch wirklich selbst zu essen. Denn normalerweise findet sie Möhren in jeder Form i-bäh. Sagt sie zumindest immer, wenn sie die essen soll.

Shizuka entschied sich dann aber doch um. Denn die gekauften Kürbisse gingen im Topf nicht an, die Samen lagen auch nach acht Wochen noch völlig unbeeindruckt in den kleinen Pflanztöpfchen im Gewächshaus auf der Fensterbank. Da war es nun zu spät, um neue zu kaufen. Sie entschied sich um, dieses Jahr sollten es dann doch lieber Gurken sein. Nächste Woche kaufen wir kleine Pflanzen und zwei Säcke Gemüseerde. Mangels Kübel: Denn Gurkenpflanzen können auch ganz ordentliche Monster werden, so wie Kürbisse und Melonen. Immerhin gehören die alle zur gleichen Familie.

* Nicht die auf den Autos. Sondern die auf dem Dach vom Feuerwehrhaus, die in den 1980er Jahren jeden Samstag in den Dörfern losheulte. Denn da gab es noch überall die Freiwillige Feuerwehr, die pünktlich um 12:00 Uhr einen Probealarm durchführte, inklusive Übungen mit brennenden Schrottautos auf dem Dorfplatz, rot angemalter Jugendfeuerwehr, die aus dem Jugendzentrum gerettet werden durfte und dem übrigen ganz großen Kino.

Dienstag, 4. April 2017

Wenn kleine Damen groß werden (wollen) ...

Shizuka hat inzwischen ihr erstes Lebensjahrzehnt vollendet, und die kleine Schwester hat die Hälfte davon auch geschafft. Eltern merken das irgendwie so im Alltag gar nicht, aber die Kleinen werden einfach unheimlich schnell groß. Selbst wenn es an der körperlichen Größe noch hapert: Sie sind wahnsinnig kompetent, manchmal altklug, und immer witzig. So auch bei der Planung der Sommerferien ...

Shizuka: Mama, wir haben dieses Jahr wieder eine Woche Reiterhof, oder?

Mama: Na klar.

Shizuka: Die Kleine ist ja jetzt schon groß, die darf mit.

Mama: Hm.

Kleine Schwester: Letztes Jahr durfte ich nicht.

Shizuka (im Tonfall einer alten Lehrerin mit wadenlangem Faltenrock, Dutt und Brille): Klar, das ist ab FÜNF.

Kleine Schwester (ehrlich verblüfft): Oh. Ich BIN fünf.

Mama: Muss mal fragen ...

Shizuka, leicht herablassend: Definitiv ab fünf. Mama, ich weiß das. Da war vor zwei Jahren eine Große, die hatte eine kleine Schwester dabei, und die Kleine war fünf. War die Jüngste.

Mama: Vor zwei Jahren. Ich frag mal nach, solche Regeln ändern sich manchmal.

Kleine Schwester (Tonfall "zu Unrecht beschuldigt"): Ich bin aber WIRKLICH fünf. Und wenn das ab fünf ist, mach ich da mit!

Shizuka, verdreht die Augen: Oh Gott.

Shizuka, nach einer kurzen Pause: Wir kommen doch rechtzeitig an?

Mama: Ja, der Flieger landet einen Tag vor der Reiterfreizeit. Ihr werdet also so richtig platt sein.

Kleine Schwester: Super, ich darf mit!

Shizuka: Ich übernachte!

Kleine Schwester, sichtlich aufgeregt und genug Sehnsucht in der Stimme, dass man vor dem inneren Auge die Oma Elvis Presley anschmachten sieht: Will auch in der Pferdebox schlafen!

Shizuka: Okay, ich übernachte doch nicht.

Kleine Schwester, verschwörerisch: Aber alleine traue ich mich nicht, DU MUSST!

Shizuka: Ich dachte, Du bist fünf und groß?! Maaaamaaaa, ich will die nicht die ganze Zeit am Rockzipfel haben!

Kleine Schwester, ernsthaft irritiert: Häh, wieso Rock? Ziehn wir keine Reithosen an? Mama, ich brauch 'ne Reithose! Ich will keinen Rock!

... und so ging es fröhlich weiter. Wir konnten uns am Ende darauf einigen, dass beide an den Reiterferien teilnehmen und die Große übernachten darf, die Kleine sich das noch überlegt und das vielleicht auch darf. Immerhin verpasst sie durch die frühen Sommerferien im Juli die Kindergartenübernachtung. Und außerdem schläft sie seit ein paar Monaten alleine im eigenen Zimmer und findet das auch voll korrekt. Sie ist sich nicht sicher, ob sie ohne die große Schwester in der Stallgasse oder im Zelt übernachten will. Andererseits ist sich die Große sicher, dass sie auf keinen Fall im Schlafsack neben der Kleinen liegen will, weil sie sich viel zu alt und zu cool für sowas fühlt. Es wird also definitiv nur eines der beiden Mädels die Übernachtung am Reiterhof mitmachen, und wir werden erst in letzter Minute erfahren, welche kleine Dame das ist ... Mama hat kein Mitspracherecht mehr diesbezüglich, die darf nur zahlen. :-)

Sonntag, 12. März 2017

Neulich im 和実 (wajitsu, japanisch eingerichteter Raum)

Shizuka und ihre kleine Schwester haben sich im 和実 gemütlich eingerichtet. Auf dem Boden liegen verstreut 布団(futon, japanisches Bettzeug), draußen prasselt der Regen in eintönigem Rhythmus die Krokusblüten nieder. Zwischen den 布団 nicht nur die beiden Mädchen, sondern auch ein paar Bücher. Deutsche und japanische. Da liegen Conni lernt reiten, Neue Briefe von Felix, ボール待って待って, いないいないバー und einige mehr. Alles mehr oder weniger Klassiker der 1980er bis heute, Zielgruppe: Kindergarten bis Mitte Grundschule. Die kleinen Damen hatten die Schiebetüren zugezogen und es sich gemütlich gemacht. Ich durfte von draußen lauschen und konnte hin und wieder einen kurzen Blick durch die Ritzen erhaschen.

Kleine Schwester: Japanisch lesen ist voll einfach.

Shizuka: Ach, Du kannst doch eh erst Hiragana. Wart mal ab bis Du Kanji lernen musst. Voll schwer.

Kurze Denkpause.

Kleine Schwester (Tonfall ich-weiß-es-aber-besser-und-hab-Recht): ノンタン (Nontan*) kann ich schon ganz alleine lesen, das muss mir niemand vorlesen. 聞いてねえ! ドイツ語の本はまだ難しい!(Kiste-Nee! Doitsu-go no hon wa mada muzukashii!, Hör zu! Deutsche Bücher sind noch zu schwer!)

Shizuka (ganz große Schwester und angesäuert): Ja klar, ist ja Baby. Nontan kann jeder. Voll die Babysprache. Deutsche Kinderbücher sind echte Bücher. Da stehen richtige Sätze drin und richtige Wörter und so. Guck mal: Conni muss aufsatteln. So ein Wort gibt es in japanischen Kinderbüchern gar nicht!

kleine Schwester: Wohle! Nur der Nontan is' 'ne Katze, der reitet ja gar nicht! 猫ちゃんは馬乗られないでしょう!(Neko-Chan wa uma norarenai deshou!, Mietzekätzchen können durch gar nicht reiten, gelle!)

Shizuka (jetzt leicht amüsiert): それだけ?(Sore dake?, Nur das?) Meinst Du echt nur deshalb? Überleg doch mal: Auf Deutsch musst Du nur 26 Buchstaben und so ein paar Extradinger wie "ck" und so lernen. Dann kannst Du die Buchstaben lesen, und die Buchstaben werden zu Wörtern und die Wörter zu Sätzen. Auf Japanisch lernst Du Silben. Die können in Hiragana geschrieben sein, das ist na klar voll einfach. Aber nur Babybücher sind ganz in Hiragana geschrieben. Guck mal hier, erste Klasse (なぜなぜどうして** wird lautstark auf den Stapel geschmissen). Alles voller Kanji, und trotzdem noch total die Babysprache.

kleine Schwester (Stirn in Runzeln, die der Uroma zur Ehre gereichen würden): Aber deutsche Bücher kann ich noch gar nicht lesen! Ich kann die Buchstaben, aber in den Wörtern werden die ja so komisch. Da guck: Da steht C-O-N-N-I, aber lesen muss ich Konni. Oder hier: R-E-I-T-E-N. Wenn ich das Wort verstehen will, muss ich eigentlich R-A-I-D-N lesen. Voll doof, das.

Shizuka (das Grinsen ist deutlich hörbar): Du fränkelst. Das "T" musst Du als "T" lesen, nicht als "D". Und da muss wirklich noch ein "E" dahinter. 

kleine Schwester: Näh?

Shizuka (extrem betont, mit fränkisch gerolltem "R"): REITEN!

kleine Schwester: Du klingst voll doof so. 

Shizuka: Hast Recht, so spricht keiner. Aber so ist das halt. Und da gewöhnt man sich total schnell dran! Ich hab auch mit vier lesen gelernt und konnte das mit fünf so ein bisschen, wie Du, und mit sechs habe ich die Conni-Bücher immer ganz alleine gelesen. Und Pferdegeschichten! So Sachen wie das "E-I" als "AI" sind schwer, das stimmt. Aber dafür gibt es wirklich nur einen Satz Buchstaben! Ein Schuljahr reicht aus, um das zu lernen. Und dann kannst Du auch englische und französische Bücher lesen, die haben nämlich die gleichen Buchstaben. Nur Japanisch ist so blöd schwer. Das können nichtmal die Chinesen lesen.

kleine Schwester (hängt an den Lippen der Großen): Voll cool, echt. Ich will in die Schule.


Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich zurückgezogen. Wie mir die beiden später berichteten, wurde auch nicht weiter über Schriftsysteme und Lesefähigkeiten philosophiert. Die nächsten beiden Stunden brachten die beiden wohl damit zu, gemeinsam die vorhandenen Bücher zu lesen. Laut, denn ich hörte immer mal wieder das stottrige Stimmchen der Kleinen und dann wieder passagenweise das Maschinengewehr-Rappeln der Großen, die extreme Probleme mit dem langsamen, betonten Lesen hat. Mal sehen, was die beiden demnächst noch aushecken!




* Name eines frechen kleinen Katers, Protagonist einer Kinderbuchreihe, vergleichbar in etwa mit dem deutschen Raben Socke. Allerdings spricht der Rabe Socke selbst zwar eine kindliche Sprache, die anderen Figuren der Geschichten bewegen sich sprachlich aber eher auf Erwachsenenniveau, die Erzählerstimme sowieso. Das fiel der kleinen Schwester neulich auch schon auf: Für Nontan fühlt sie sich fast zu klein, Rabe Socke findet sie cool, obwohl die Geschichten inhaltlich fast gleich sind.

**Warum warum wieso. Buchreihe für Grundschüler/-innen, die in verschiedenen Bänden unter Rücksichtnahme auf das vorhandene Vokabular und die bekannten Schriftzeichen naturwissenschaftliche, gesellschaftliche oder historische Sachverhalte kindgerecht erklärt. Ein bisschen wie Was-ist-Was im Deutschen, aber nicht thematisch nach Bänden sortiert und in der Sprache extrem stark an die jeweilige Klassenstufe angepasst.

Freitag, 5. August 2016

Drei Wochen Deutschland – die Zusammenfassung

So ein Heimataufenthalt ist nett. Oma verwöhnt mit selbstgekochtem Essen, der Hund kriegt sich vor lauter Wiedersehensfreude gar nicht mehr ein, die Pferde am Reiterhof reagieren genauso verrückt, und es gibt einfach jeden Tag hunderttausend Abenteuer zu erleben. So müssen Sommerferien sein, nicht? Bei uns waren sie so, zumindest drei Wochen lang. Und weil ich selbst die Zeit in Deutschland auch genossen habe, meistens offline war und ganz viel mit den Mädels und der Familie unternommen habe, gibt es hier nur eine kurze Zusammenfassung. Also: Zur Nachahmung empfohlen, die besten Sommerferien überhaupt!


  • Mit Opa eine Cajon gebaut und spielen gelernt. Dauer: 2 Wochen. Kosten: ca. 40 Euro. Maßgeschneiderter Spezialrucksack aus einem alten Samtvorhang von Mama spendiert, das Ding kam mit nach Japan und steht jetzt im Wohnzimmer. Zur Freude der Nachbarn. Und wir wissen jetzt, was ein Snare-Teppich ist.
  • Fünfmal im Freibad gewesen und dreimal im Hallenbad. Dauer: Insgesamt sieben ganze Tage. Kosten: ca. 30 Euro Eintritt. Die kleine Schwester kann jetzt schwimmen und tauchen, und Shizuka hat Schwimmhäute zwischen den Zehen.
  • Drei Tage auf dem Reiterhof verbracht: Ausritte, voltigieren, Mähne einflechten, Pferde striegeln, Hund verwöhnen, Ziegen streicheln, Äpfel verfüttern. Kosten: hoch. Dauer: jeweils mehrere Stunden. Nutzen: Unbezahlbar.
  • Oma das tolle Keksrezept mit Karamell verraten und nachbacken lassen. Kosten: ca. 10 Euro für Backwaren. Dauer: eine Stunde Küche verwüsten, zwei Stunden Küche aufräumen, zwei Wochen Kekse mampfen. Eine Dose ging an den Onkel zum Namenstag. Wohl bekomm's!
  • Mamas altes Skateboard aus dem Keller geholt, saubergemacht und springen geübt. Kosten: Großpackung Heftpflaster. Dauer: zwei Wochen, die restliche Zeit hat es geregnet. Resultat: Staunende Nachbarn, pikierter Papa, zwei kaputte Jeans, offene Knie und die geilsten Fotos überhaupt.
  • Shizukas altes Fahrrad aus dem Geräteschuppen geholt und geputzt für die kleine Schwester. Kosten: ein Eimer Wasser und ein Schwamm. Dauer: zwei Wochen, dank Regen nicht mehr. Resultat: Die Kleine kann radfahren. Und Oma hat Angst.
  • Dreimal im nahen Indoor-Spielplatz gewesen, zweimal davon mit Minigolf, bester Freundin und Cousin. Kosten: akzeptabel. Dauer: jeweils tagesfüllend. Ergebnis: müde Kinder und Mama.
  • Die ersten drei DVDs "Die wilden Kerle" gekauft und mit dem Cousin geguckt. Kosten: 10 Euro (gebraucht). Dauer: drei verregnete Abende. Resultat: Shizuka hat mit dem Cousin im Garten Fußball spielen gelernt.
  • Mit Opa das große Trampolin im Garten aufgebaut und täglich gespielt. Kosten: Opa fragen. Dauer: Aufbau 2 Stunden, Spaß unendlich. Resultat: wackelige Knie und müde Kinder.
  • Mit Oma und Opa die Beerensträucher im Garten geräubert. Kosten: Sonne und Regen. Dauer: täglich unzählige Male. Resultat: satte Kinder mit bunter Beerensoße im Gesicht.
  • Mit Opa zur Ulsterquelle gelaufen. Dauer: 3 Stunden. Kosten: null. Resultat: viele viele seltene Pflanzen (zum Beispiel die hier)gesehen, Vögel beobachtet, Opa glücklich gemacht.
  • Mit Opa und Oma zur Großen Nalle gelaufen. Basaltsteinbruch bestaunt, Basaltsäulen gesehen, die Hände in wildem Thymian gerieben, Hummeln aus nächster Nähe beobachtet und von einem Gewitter überrascht worden. Kosten: eine kurze Autofahrt. Dauer: ein Nachmittag. Resultat: nasse Klamotten, Vulkanismus-begeisterte Kinder und duftende Hände.
  • Mit der besten Freundin und deren Familie die Rhön-Arche besucht. Kosten: nicht der Rede wert. Dauer: ein Tag. Resultat: müde Kinder, neue Erkenntnisse über Fledermäuse, Libellen und Schmetterlinge beobachtet, Frösche mit der Hand gefangen, Eidechsen entdeckt, Hummeln beim Pollensammeln zugeschaut, Bäume gestreichelt (und die Unterschiede in der Rinde entdeckt).
  • Beim DAV Fulda einen Trainer für einen Boulderkurs gebucht. Kosten: 50 Euro. Dauer: drei Stunden. Resultat: Wir wissen jetzt, was Tischbouldern ist und brauchen unbedingt einen Bouldertisch! Außerdem Muskelkater, Schwielen auf den Schwielen an den Händen und noch mehr Muskelkater. Sehne am Ellenbogen verletzt – für die nächsten Wochen getapt.