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Freitag, 9. Januar 2015

Natur pur, mitten in der Stadt

Wir wohnen nun schon seit ein paar Monaten hier, und die Parks der näheren Umgebung haben wir ganz gut kennen gelernt. Ganz besonders nett ist der direkt hinter der Schule: Unsere Kleine ist davon überzeugt, dass dort wenigstens ein Totoro wohnt, vermutlich aber mehr, weil überall Eicheln herumliegen. Im unvermeidlichen Teich schwimmen Koi, hässliche graubraune wie auch Zierkarpfen, und auf den treibenden Ästen sonnenbaden ausgewilderte Schildkröten. Eigentlich ganz nett und idyllisch. Der andere Park liegt zwischen unserem Haus und der Schule, hat einen kleinen Wasserlauf, der zum Teich aufgestaut und von Koi in allen Farben bevölkert ist. Zwei dicke verwilderte Katzen wohnen da, eine Menge Krähen, Spatzen, Meisen, Bachstelzen, Eidechsen, Tausendfüßler, Grashüpfer, Grillen, Heimchen und anderes Getier. Winter oder nicht, hier ist viel los.

Und manchmal kommen Besucher. Den ersten besonderen Gast haben wir am 7. November dort getroffen: Ein Graureiher stelzte megacool und gelassen weniger als zwei Meter von uns entfernt durch den aufgestauten Bach und fischte sein Abendessen heraus. Wir sahen ihm dabei zu, er sah uns beim Zusehen zu und manschte genüsslich zappelnden Fisch im Schnabel. Faszinierend. Die klappernden Fahrräder haben ihn nicht gestört, die Japaner mit ihren Hunden im Park auch nicht, die eine der beiden dicken Katzen, die am Ufer lauerte, ebenfalls nicht. Nach zwanzig Minuten hatten wir genug von dem Schauspiel (und selbst Hunger auf Abendessen) und sind nach Hause gegangen. Den Reiher haben wir seitdem nicht wieder gesehen.

Heute nachmittag nun war es ein Eisvogel. Mein erster in freier Wildbahn, um ehrlich zu sein, und die Große hat ihn nicht gesehen. Die war nämlich noch in der Schule, wir wollten sie gerade dort abholen. Wir, das sind die Kleine und ich, sie hinten im Fahrradsitz, ich vorne auf dem klappernden Gerät. Als wir in den Park kamen, wurde der aufgestaute Bach von kauernden Japanern mit Fotoapparten belagert, deren Teleobjektive länger waren als die Leute. Davor flitzte etwas blaugrün schillerndes aus dem Bach heraus in den nächsten Baum und blieb dort sitzen. Kein Kolibri, obwohl das ob der Farbenpracht mein erster Gedanke war. Kopf- und Schnabelform waren eindeutig: Ein Eisvogel hatte sich in den Park verirrt und jagte im Bach. Wir beobachteten das Tier, das die Japaner mit Fotoapparat beobachtete, die wiederum das Tier anstarrten. Nach zehn Minuten wurde die allgemeine Bewegungslosigkeit allerdings langweilig, ich fuhr weiter zur Schule. Als wir eine halbe Stunde später durch den Park zurück kamen, waren die Leute mit Fotoapparat noch da, der Vogel war es nicht mehr. Eigentlich schade, ich hätte den kleine Kollegen gerne der Großen gezeigt.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Neue Schule - alles gut?

Shizuka hat die Schule gewechselt. Sie ist immer noch in einer deutschen Grundschule, sie ist immer noch in der vierten Jahrgangsstufe, sie ist immer noch sieben Jahre alt - aber plötzlich ist alles anders. Shizukas Papa ist nämlich nach Japan versetzt worden, und wir kommen jetzt in den Genuss einer exzellenten deutschen Auslandsschule, die sich der Begabtenförderung verschrieben hat und das auch, soweit ich das beurteilen kann, ganz gut hinkriegt. 

Wie funktioniert eine Grundschule, die unterschiedliche Begabungen fördert? Hier wird nicht nach Fächern getrennt gearbeitet, sondern nach Epochen. Eine Epoche im vierten Schuljahr ist die Erde, eine andere ist das Sonnensystem, eine weitere Epoche ist der Mensch, gerade wird Feuer behandelt. Zu diesem Epochenthema werden Wochenpläne erstellt - jede Epoche bekommt vier Wochen Raum im Unterricht. In diesen vier Wochen drehen sich alle Texte im Deutschunterricht um das Epochenthema, die mathematischen Themen dienen dem besseren Verständnis des Epochenthemas, der Sachunterricht beschäftigt sich mit Experimenten, Ausflügen, Erfahrungen und historischen Betrachtungen zum Epochenthema. Im Englischunterricht wird am Epochenthema gearbeitet, in Sport idealerweise auch. Im Musikunterricht sollte das auch so sein, funktioniert aber nicht, denn der folgt irgendwie eigenen Regeln und hat gerade, wo alle sich um das Feuer bemühen, Dur und Moll zum Thema. Passend werden allerdings in der einmal wöchentlich stattfindenden Chorstunde Weihnachtslieder von brennenden Kerzen am Baum gesungen, immerhin ist Adventszeit.

Das Besondere am Unterricht ist, dass die Kinder zum Teil gar nicht merken, was sie lernen und anwenden. Sie sind so auf die spannenden Projekte und Experimente fixiert, dass der Rest so ganz nebenbei läuft. Bis dann am Ende der Epoche die neu gelernten Wörter in einem Diktat abgefragt werden oder ein Aufsatz zum Thema geschrieben werden soll. Aber selbst der Aufsatz ist nett verpackt, der letzte zur Sonnensystem-Epoche hieß einfach: Schreibt jeder einen Artikel für die Schulzeitung über Euer Projekt in der Epoche Sonnensystem. Wenn Noten keine Rolle zu spielen scheinen, hat keiner Angst davor. Es scheint zu funktionieren, die Texte sind atemberaubend informativ geschrieben, fantasievoll und kreativ, und der rote Faden ist ebenfalls vorhanden - bei einem Anteil von etwa 50 % Kindern, die nicht muttersprachlich sind, ist das eine Leistung, die ich bewundere. Wie konnte das sein? Die Kinder wurden gut vorbereitet. Die Arbeit am Epochenthema sieht jeweils vor, dass jedes Kind sich ein Projekt aussucht, dass es selbst erarbeitet und der Klasse präsentiert. Die Präsentationen werden benotet, einmal im sprachlichen Teil für den Deutschunterricht, dann aber auch fachlich und organisatorisch für den Sachunterricht. Die Kinder wissen das, sie bereiten sich gewissenhaft auf die Projekte vor und sind eigentlich ganz firm in der Präsentation. Es gibt keine Powerpoint-Geschichten, sondern Bilder, Vorträge, Rätseleinlagen und witzige Experimente. Wer sich so tief in ein Thema reinkniet, der kann auch gut darüber schreiben. Die Kinder lernen ganz nebenbei, sich effizient und umfassend auf eine Prüfung vorzubereiten - ohne es zu merken. Während der Projektvorbereitung stehen iPads, Laptops, die Schulbücherei und natürlich der WLAN-Anschluss zur Verfügung. Eltern dürfen als "Experten" hinzu gezogen werden, Lehrkräften fragt man Löcher in den Bauch. Begleitet wird das von ganz normalen Lernmaterialien aus Deutschland, die in den meisten Grundschulen ohnehin verwendet werden.

Shizuka hat der Wechsel gut getan. Sie hat jetzt nicht mehr vier oder fünf Stunden Unterricht täglich, sondern sieben bis zehn Stunden. Sie isst mittags mit Klassenkameraden in der schuleigenen Cafeteria, an einem Buffet, das den Kindern die Wahl zwischen japanischen, deutschen und internationalen Gerichten lässt. Das ist täglich die fünfte Stunde, die als Schul- und Unterrichtszeit verpflichtend im Stundenplan steht. Eltern sind eingeladen, mit ihren Kindern zusammen zu essen, und die Lehrerschaft sitzt an einem eigenen Tisch daneben. Eine weitere Stunde täglich ist die sogenannte Lernzeit - die Kinder arbeiten unter lockerer Aufsicht an ihren Wochenplanaufgaben, die sie sich gegenseitig nachsehen und abzeichnen dürfen, wenn sie nicht Lehrer und Eltern bemühen wollen. Schön ist, dass diejenigen, die die Zeit effizient nutzen, ohne Hausaufgaben nach Hause kommen. 

Nach Unterrichtsende steht den Kindern die Bücherei offen, die es mit den meisten deutschen Stadtbüchereien durchaus aufnehmen kann. Computer und Internetanschluss sind vorhanden, Drucker dürfen genutzt werden, eine Spielecke mit Brettspielen gibt es und Zeitschriften für alle Altersstufen. Nicht wenige Kinder verabreden sich mit Klassenkameraden nach dem Unterricht in der Bücherei und lassen sich dort von den Eltern abholen. Gegenseitiges Vorlesen quer durch alle Klassenstufen scheint da genauso normal zu sein wie Eltern, die am eigenen Laptop arbeiten. Die Lernwerkstatt steht ebenfalls zur Verfügung - kostenlos können die Kinder bis um halb sechs abends betreut werden. Dort gibt es Spiele, Bücher, Bastel- und Malmaterial, einen großen Spielplatz und Einräder, Pedalos und wieder Projekte. Hier werden Tonfiguren gebaut, es wird gezimmert, gehämmert, mit Pappmaché gearbeitet und zusammen gesungen. Wer will, darf sich natürlich auch von hier aus in die Bücherei verabschieden.

Was macht Shizuka in der Freizeit? Montags sitzt sie in der Bücherei nach dem Schulunterricht und arbeitet an ihrem Projekt. Computer ohne Mama ist total cool, und sie arbeitet wirklich gut. Dienstags hat sie bis um halb fünf abends Schwimm-AG, damit ist der Tag gelaufen. Mittwochs geht es meist in die Bücherei (bis um kurz nach vier der Klavierunterricht an der Schule stattfindet), donnerstags hat sie früh Schule aus (schon um 14.00 Uhr) und will meistens auf den Spielplatz gehen. Und freitags will sie meistens auch in die Bücherei gehen. Freunde treffen, lesen, spielen, das ist einfach cool. Und wenn die Lehrer dabei rumhängen, stört das irgendwie nicht, denn die Lehrer hier sind in vielen Fällen die Eltern von den Klassenkameraden. Samstags ist keineswegs Wochenende, samstags trifft sich Shizuka im Aikido in der Schule mit anderen Eltern und Kindern oder geht im schuleigenen Schwimmbad schwimmen. Oder tritt mit dem Schulchor auf. Und sonntags sehen wir die Hälfte der Schulgemeinde wieder in der deutschen katholischen Gemeinde, auf dem Adventsbasar oder auf den wohnortnahen Spielplätzen. Das stört aber irgendwie gar nicht, denn die Leute trennen nicht zwischen Schule und Privatleben. Sie leben einfach. Und Shizuka genießt das. Alles nur Menschen, alles okay.

Und ansonsten? Nun, die Hausaufgabenproblematik hat sich nicht gelegt. Alles, was außerhalb der Schule an drögen Abschreibaufgaben vorliegt, ist pfui bäh und wird bestmöglich ignoriert. Aber Kinder wie Shizuka sind nicht selten an dieser Schule, die Lehrer kennen die Problematik - Hausaufgaben dürfen mündlich erledigt werden, dürfen ganz liegen bleiben, solange die Ergebnisse in der Klasse stimmen und der Lösungsweg klar ist. Alles ganz locker. Und Shizuka spielt mit den Klassenkameraden. Und mit den Klassenkameradinnen. Sie hat Kinder gefunden, die zwischen elf und sechs Jahren alt sind und genauso ticken wie sie, manche sogar noch etwas krasser. Alle sind wenigstens zweisprachig aufgewachsen, die meisten beherrschen drei oder vier Sprachen, haben bisher in zwei oder mehr Ländern gelebt. Das Ergebnis ist, dass sie morgens freudig aufsteht, mit einem Lachen zur Schule geht und abends nicht die Bücherei verlassen will. Nach Hause gehen ist doof, wenn die Schule der Lebensmittelpunkt ist. Und Schule ist Lebensraum, nicht Zeit, die man absitzen muss. Neulich sagte die groß gewordene Kleine zu mir: Mama, es ist egal, ob es Wochenende oder wochentags ist. Hier ist Schule genauso spaßig wie Freizeit.

Und die Noten, die Klassenarbeiten? Die sind gut. Die rangieren zwischen eins und vier, wobei letzteres eigentlich nur Englisch betrifft. Warum so schlecht? Weil die Kinder in Japanisch und Englisch in altersgemischten Kompetenzstufen unterrichtet werden. Shizuka ist scheinbar in einer muttersprachlichen Klasse gelandet, kann aber dank des fast nur mündlichen Englischunterrichts in Deutschland nicht schreiben. In Japanisch sitzt sie auch bei den Muttersprachlern, sehr zur Freude des zuvor skeptischen Papas, der seine kleine Japanerin lieber in einer japanischen Grundschule gesehen hätte.

Freitag, 15. August 2014

Eine Welt bricht zusammen


Shizuka ist verzweifelt. Ihr Papa hat gerade angerufen um zu erzählen, dass sein Flug von Tôkyô nach Ôsaka gestrichen ist, dass sich sein Flug von Ôsaka nach Frankfurt um fünf Stunden oder mehr verzögern wird, weil Taifun Nr. 11 über Honshu hinweg in Richtung Inlandsee unterwegs ist. Es ist in Japan mitten in der Nacht, Mitarbeiter der involvierten Fluglinien sind erst in einigen Stunden wieder erreichbar – zu dem Zeitpunkt, wenn das Flugzeug eigentlich hätte abheben sollen. Shizuka sitzt in Heilbronn, es ist neun Uhr abends, und sie will einfach nicht schlafen. Sie weint, sie schreit, sie haut um sich, ist ganz offensichtlich sehr verzweifelt. Shizuka ist sieben Jahre alt und ihre Welt ist gerade zusammengebrochen. Eigentlich könnte ihr in Heilbronn doch recht egal sein, um welche Uhrzeit genau Papas Flieger in Ôsaka startet – er wird Sonntag oder Montag wieder zu Hause sein, es ist Sommer, sie hat Ferien, Papa hat Urlaub. Ist es aber nicht. Der Flieger startet nicht nach Plan, und das stresst sie ganz extrem.

Warum?

Weil Shizuka ein besonderes Kind ist. Sie ist keineswegs geistig behindert (die extreme Reaktion legt eine autistische Störung nahe – dem ist aber nicht so), sondern im Gegenteil recht gut beieinander. Shizuka gehört zu den wenigen Kindern, die hochbegabt sind. Nun sollte man meinen, dass diese frühreifen, sehr erwachsen wirkenden und überaus intelligenten Kinder auch „erwachsen“ reagieren würden, wenn so etwas passiert. Oder wenigstens so gleichgültig, wie man das von einem Kind erwartet.

Dem ist aber nicht so. Die neuere Forschung ist sich einig, dass hochbegabte Menschen nicht einfach nur schneller begreifen und Sachen einfach können. Früher nahm man das an, ohne weiter erklären zu können, was eigentlich Intelligenz ist, wie Informationen im Gehirn ankommen, verarbeitet werden und warum das so und nicht anders passiert. Inzwischen weiß man, wie genau das alles auf anatomischer Ebene passiert, kann die beteiligten Körperteile genau benennen (bis hinunter auf Zellebene), weiß um die chemischen Vorgänge im Körper und vor allem im Gehirn. Mehr noch: Man hat eine Ahnung bekommen, wie Begabungen oder Intelligenz funktionieren könnten. Ganz sicher nachgewiesen ist das noch nicht, denn Menschen sind doch Individuen, sie funktionieren trotz aller Gemeinsamkeiten unterschiedlich, und das kann Forschungsergebnisse durchaus beeinflussen. Einig ist man sich in fachlich kompetenten Kreisen jedoch, dass hochbegabte Menschen immer auch hochsensibel sind. Ihre Nerven geben mehr Informationen weiter als bei der Mehrheit der Bevölkerung, die normalerweise wirksamen Filter sind bei ihnen eben nicht so wirksam. Und die Informationen werden schneller weitergegeben, die Synapsen sind also dicker, durchlässiger, reagieren schneller und häufiger. Das führt zu einer Informationsflut im Bewusstsein wie im Unterbewusstsein, die unglaublich viel größer ist als das, was normalerweise da vonstatten geht. Und das löst eben auch manchmal Stress aus. Es wird vermutet, dass das, was gemeinhin als Autismus bekannt ist, eine Form der Hochintelligenz (und Hochsensibilität) ist, die weit jenseits der aktuell verfügbaren Messskalen ist und daher nicht festgestellt werden kann. Viele autistische Menschen, deren Besonderheit schwach genug ausgeprägt ist und die noch kommunizieren können und wollen, sind hochbegabt, und das ist auch schon länger bekannt.

Zu Shizukas Situation muss noch gesagt werden, dass der Papa am Sonntag frühabends in Heilbronn hätte ankommen sollen, um sich bis zum Montag in der Früh ordentlich ausschlafen zu können. Denn Shizuka wird am Montag spätvormittags 300 km von Heilbronn entfernt auf dem Reiterhof erwartet, fünfzehn Kinder machen dort Urlaub. Warum ist Papas Verspätung jetzt so schlimm? Genau – wenn der Flieger nicht fliegt, kommt der Papa später in Deutschland an, ist dank Zeitverschiebung und Nachtflug fix und alle, kann nicht in den Urlaub fahren, Shizuka kommt zu spät in den Reiterferien an. Was Erwachsene (die normal ticken) sich langsam nach und nach erschließen, ist alles sofort in Shizukas Bewusstsein präsent. Und mehr noch. Mama könnte Shizuka und ihre Schwester mit dem Zug bringen – wenn Mama nicht gerade eine verletzte Schulter hätte. Gepäck tragen ist nicht möglich. Taxi ist zu teuer, Fernbusse gehen am Sonntag nicht, und am Montag fährt der Bus erst nachmittags aus Heilbronn ab, zu spät, um pünktlich auf dem Hof fernab aller öffentlichen Verkehrsmittel anzukommen. Taifun über Honshu heißt, dass auch Tôkyô betroffen ist – wie geht es dem Papa? Wie geht es Oma und Opa, die auch auf der japanischen Hauptinsel wohnen? Was ist mit Papas Bruder und seiner Familie? Taifun in der Nacht – kommt Papa überhaupt heile bis zum Flughafen? Wenn der Taifun über das Meer fegt, gibt es bestimmt eine Flutwelle. Was ist mit Fukushima, ist das halbwegs sicher? Und vor allem: Wann kommt der müde Papa denn endlich nach Hause?

Wenn man versucht, alle diese Gedanken gleichzeitig zu denken, merkt man, wie anstrengend das ist. Shizuka „funktioniert“ immer so. Wenn Shizuka den Vollmond anhimmelt, tut sie das zwar genauso wie andere kleine Mädchen auch, sie starrt mit großen Augen halb ernst und halb schwärmerisch in den Himmel. Wenn man sie aber fragt, was sie da sieht, kommen die erstaunlichsten Antworten, und zwar alle auf einmal:

  • Das ist ein Planet, oder? Ich meine, wir wissen ja gar nicht, wie der Mond entstanden ist, aber die Gesteinszusammensetzung ist doch wie bei der Erde. Bis auf den Größenunterschied sind das doch eigentlich Zwillingsplaneten, die Erde und der Mond. Trabanten sind doch irgendwie anders zusammengesetzt, das Gestein und so.
  • Der ist gar nicht gelb, der ist eigentlich grau-weiß. Aber so rot wie heute sieht der total schön aus. Luftverschmutzung hat wenigstens eine gute Seite.
  • Meinst Du, die Astronauten haben bei den Mondlandungen Müll dort gelassen? So, wie die Leute im Park und auf Baustellen ihren Müll einfach in die Landschaft werfen? Mülleimer gibt’s dort oben doch gar nicht.
  • Ich würde gerne mal die Mondkrater hochklettern. Mit der anderen Schwerkraft macht das Klettern dort bestimmt viel mehr Spaß als hier in der Kletterhalle. Und einen Gurt und Seile brauchen wir dann auch nicht, oder?
  • So weit weg ist der gar nicht weg. Raumfahrer sind da relativ schnell mit der Rakete. Würd ich auch mal gerne machen.

Shizuka braucht keine drei Minuten, um das alles zu thematisieren. Ihr Sprechapparat funktioniert genauso schnell wie ihr Köpfchen. :-)

Aber zurück zum Thema. Shizuka reagiert so extrem aggressiv, weil sie schlicht überfordert ist von der Informationsflut, mit der ihr Gehirn sie konfrontiert. Sie ist nicht in der Lage, die vielen Gedanken alle auf einmal zu verarbeiten, die sind einfach alle da und betteln sehr laut um Aufmerksamkeit. Das ist vergleichbar mit einem Metal-Festival, bei dem alle Bands gleichzeitig auf ein und derselben Bühne spielen, und zwar jede Band ein eigenes Stück. Da kann man aber noch die Ohren zuhalten und weggehen – wenn die eigenen Gedanken einen mit so einer Kakophonie belästigen, geht das nicht. Die Folge sind Aggressionen, und die müssen irgendwo raus. Bei Shizuka fängt das in der Regel mit einem lauten Knurren an, dann folgt ein schriller Schrei, der in eine Art Pferdewiehern übergeht und in Schluchzen endet. Gleichzeitig drischt sie um sich, wenn es arg schlimm kommt. Meistens hat sie es während Knurren und Schreien schon bis zum Sofa oder zu ihrem Bett geschafft, so dass sie die Gedankenflut in ein Kissen hämmern kann. Manchmal schafft sie das nicht. Dann sind Mamas Unterarme und Fäuste willkommen, um die gröbste Wucht abzufangen. Wände, Fußboden und die Tischplatte mussten aber auch schon herhalten. Wenn gar nichts anderes in der Nähe ist, müssen die eigenen Arme und Beine einstecken, und sie hat auch schon mit dem Kopf auf den Boden geschlagen.

Es ist schwer, mit solchen Aggressionen umzugehen. Und das meine ich nicht nur aus Sicht der betroffenen Kinder. Auch für Shizukas Mutter ist es schwer, das auszuhalten. Sie hat lange Zeit nicht gewusst, warum Shizuka so aggressiv ist, warum sie sich selbst diese Schmerzen zufügt, so toben muss. Sie tut das nicht, weil sie ungezogen ist oder jemanden ärgern will. Sie kann einfach nicht anders. Von Eltern anderer hochbegabter Kinder hat sie inzwischen erfahren, dass das Verhalten normal ist. Dass sie alle sich Sorgen gemacht haben, weil ihre Kinder so aggressiv sind. Weil den Kindern das Ventil manchmal auch fehlt und die Autoaggressionen richtig schlimm werden, die Kinder sich ernsthaft verletzen. Die wenigsten sprechen darüber. Andere Kinder sind nicht so. Man wird manchmal schon schräg angeguckt, wenn das eigene Kind zu Hause „so ein Theater“ macht, wegen vermeintlicher Kleinigkeiten. Für hochbegabte Kinder sind es keine Kleinigkeiten, sondern jede unvorhergesehen Änderung ist eine mittlere Katastrophe. Zwischen wichtigen und unwichtigen Veränderungen können die Kinder (und manchmal auch Erwachsenen) in der akuten Situation nicht unterscheiden, sie sind viel zu gestresst.

Shizuka und ihre Mama konnten das am Samstag Abend entschärfen. Mama hat mit Shizuka online japanische Medien nach Berichten zu dem Taifun in Frage durchforstet (alles halb so schlimm, hat sich schon über Shikoku und Kyûshû ausgetobt), haben die Route des Sturms nachgeschaut, nachgelesen, was Fluggesellschaften normalerweise in so einem Fall manchen (alternative Flüge ohne zusätzliche Kosten anbieten, wo möglich über alternative Flughäfen und Routen sogar zeitgleich). Die beiden haben sich dann darauf geeinigt, dass sie erst einmal den Sonntag Abend abwarten und schauen, was der Papa nach dem ersten Gespräch am Morgen mit den Fluglinienmitarbeitern zu berichten hat. Sollte der Papa am Sonntag noch ankommen, lassen sie ihn einfach am Montag ausschlafen und starten dann in den Urlaub – mit einem Anruf beim Reiterhof, dass Shizuka teilnimmt, aber später kommt (wegen einem Taifun über Ôsaka – ohne weitere Worte). Wenn der Papa noch später kommt, schlug Shizuka vor, könnten wir ja mit leichtem Gepäck für zwei Tage mit dem Zug fahren, dem Papa das übrige Gepäck in Heilbronn stehen lassen und ihn bitten, nach ausgiebig Schlaf und Erholung nachzukommen. Dann würde Shizuka sogar pünktlich sein.

Gegen zehn Uhr abends waren die Wogen soweit geglättet. Shizuka wollte nicht ins Bett gehen, sie war zu aufgewühlt und schluchzte immer noch hin und wieder. Sie zitterte noch, wollte nicht schlafen. Also haben sich Shizuka und ihre Mama aufs Sofa gesetzt (die kleine Schwester schnarchte da schon seit guten drei Stunden im Nebenraum, sie hatte sich durch Shizukas Ausbruch nicht stören lassen) und den Fernseher eingeschaltet. ZDF Kultur sendete Wacken live. Und zu den Klängen von Apokalyptica „Nothing Else Matters“ ist Shizuka innerhalb weniger Minuten eingeschlafen, mit einem entrückten Lächeln auf dem Gesicht und nachdem Mama ihr das Versprechen gegeben habe, sie zum nächsten Konzert der Gruppe, das in ihrer Nähe ist, mitzunehmen. Rolf Zuckowski? Langweilig!

Montag, 28. Juli 2014

Alles eine Frage der Motivation?


Warum lernen Kinder? Bei Erwachsenen ist die Sache ganz einfach: Die meisten lernen entweder nichts mehr, oder sie erwerben neue Fähigkeiten und Kenntnisse, weil sie es entweder beruflich benötigen oder es ihnen Spaß macht. Beides sind Motivationen, die logisch und sinnvoll sind, die etwas mit dem Willen zu tun haben. Sie lernen, weil sie es wollen. Warum lernen Kinder? Wollen sie das? Wenn es um den Erwerb neuer Fähigkeiten geht, um Fähigkeiten wie Schwimmen, Fahrrad Fahren, Skateboard Fahren, Singen, durch die Zähne pfeifen, Getränkedosen kicken und mit Grashalmen nervige Quietschtöne erzeugen – ja, sie wollen das. Deshalb bringen sie Stunden, Tage und ganze Sommerferien damit zu. Wer einmal miterlebt hat, wie sich Sechsjährige nach dem Erwerb des „Seepferdchens“ an den Freischwimmer herantasten, wird das bestätigen. Das Erlernen der Baderegeln ist nicht das Problem, das Bewältigen der 200 m Schwimmen in beliebiger Technik, aber eingeschränkter Zeit schon. Da wird gepaddelt und geschwommen, bis die Lippen blau sind. Da tummelt man sich von morgens bis abends im Freibad, nimmt Sonnenbrand, Unterkühlung, Schwitzen und den Wegfall jeglicher Freizeit in Kauf. Das Taschengeld geht für einen Tauchring und eine Schwimmbrille drauf, und die kleinen Hochleistungssportler stehen stundenlang unter dem Dreimeterbrett, um sich die Sprungtechnik der Großen abzuschauen. Geübt wird erst am Beckenrand, bei zunehmendem Mut am Startblock, dann am Einer. Der Dreier ist der Olymp, da traut man sich eine ganze Saison lang nicht rauf. Und wofür das ganze Theater? Für einen kleinen runden Aufnäher am Badehöschen und ein Stück Papier, das nach einem halben Jahr niemanden mehr interessiert. Es ist enorm, wieviel Motivation ein Kind aufbringen kann.

In der Schule sieht das anders aus. Da gibt es kein Schwimmabzeichen, das man sich selbst im Schweiße seines Angesichts (wortwörtlich), unter Erbringen größter persönlicher Opfer und entgegen den Ratschlägen ängstlicher Eltern erarbeiten kann. Da gibt es anständig portionierten Lernstoff, der in vorverdauten 45-Minuten-Häppchen serviert wird, von einer Lehrkraft, die in der Regel die Bahnen des Denkens ebenso vorgibt wie die Zeit, die man dafür benötigen darf. Querdenken ist nicht erlaubt, denn das ruiniert das Klassenziel. Selbst erarbeiten ist nur in Ordnung, solange es im vorgeschriebenen Tempo erfolgt, und als Belohnung winken – Hausaufgaben und Klassenarbeiten. Sind diese „Leistungskontrollen“ geschafft, steht da eine Ziffer auf dem Papier, das die Eltern unterschreiben dürfen. Kein „Rechenpass“, kein Aufnäher, nicht einmal sonderbar viel Interesse im Umfeld – wer will schon fünfmal erzählt bekommen, dass man jetzt die Addition im Hunderterbereich beherrscht? Kein Wunder, dass die Motivation da leidet.

Interessant ist dann noch die Frage, was mit den Kindern passiert, die eine unglaubliche Lernmotivation haben, sich nicht in das schulische System einfügen wollen und gegen Unterforderung rebellieren. Um beim Vergleich mit dem Schwimmabzeichen zu bleiben: Was passiert mit den stolzen Seepferdchenbesitzern, die sich sofort auf den Dreier trauen, bereits zwei Meter tief tauchen und sich in einem Sommer die 200 m Strecke erarbeiten? Nichts passiert mit denen, die dürfen im zarten Alter von sieben Jahren ein Schwimmabzeichen erwerben, das einmal für Neun- bis Elfjährige vorgesehen war. Keine große Sache, die stolzgeschwellte Brust bei Vater und Sohn versteht sich von selbst (gleiches gilt für Mütter und Töchter). In der Schule ist das nicht so. Werden die Hausaufgaben nicht erledigt, sondern stattdessen zwanzig Seiten weiter im Mathebuch gearbeitet, muss das Kind in der Regel nachsitzen und in der Nachsitzstunde die nicht gemachten Aufgaben erledigen. Warum? Weil schließlich alle Kinder Hausaufgaben machen müssen, und zwar die, die die Lehrkraft aufgibt, keine selbst ausgesuchten. Denn wo kämen wir denn da hin, wenn in der Schule jeder zeigen würde, was er besonders gut kann? Ob das Nachsitzen so motivationsfördernd ist, fragt niemand. Was macht das mit einem Kind, wenn es begeistert lernt, voller Enthusiasmus das Klassenziel lange vor Schuljahresende erreicht, und dafür mit Freizeitentzug und zusätzlichen Aufgaben (die nicht interessieren, sondern so einfach sind, dass sie zu Tode langweilen) bestraft wird? Es geht um Menschenkinder, wohlgemerkt, um Menschen, die die gleichen Rechte auf körperliche und geistige Unversehrtheit haben wie Erwachsene, die in die Fürsorge (!) der Lehrkräfte übergeben sind.

Was ist mit Erwachsenen in vergleichbaren Situationen? Würden wir es verantworten, einen hochkompetenten Chirurgen sechs Stunden täglich (ausgehend im Vergleich zu einem durchschnittlichen Schultag von Grundschülern inklusive Hausaufgaben) Gemüse schnippeln zu lassen, weil andere Leute das ja schließlich auch so machen? Würden wir die Steuerfachkraft im Lager Sprudelkisten zählen lassen, weil sie gut mit Zahlen kann und das andere eben auch machen? Der Arbeitsmarkt sieht da andere Dinge vor – jeder muss zuerst nach seinen Befähigungen eingesetzt werden. Dass das nicht immer möglich ist, steht auf einem anderen Blatt. Das ist auch richtig so, denn bei chronischer Unterforderung droht den erwachsenen Fachkräften geistige Verarmung, Depressionen bis hin zu Suizidgefahr, inklusive Klinikaufenthalt, getragen von den Krankenkassen. Was chronische Unterforderung mit Grundschülern macht, dazu an anderer Stelle mehr - es wird ein langer Bericht.

Warum fördern wir unsere Kinder nicht besser, wenn die Indikation da ist?

Warum gibt es keine kassengeförderten Lernmodelle für begabte Kinder?

Nicht einmal die heilpädagogische Betreuung, die bei unterforderten Kindern zur Prävention ernsthafter seelischer Erkrankungen nötig ist, wird von den Kassen getragen. Warum nicht? Ist eine Behandlung eingehandelter (vermeidbarer) psychischer Erkrankungen kostengünstiger? 

Würden wir Erwachsene mit einer Zahnbürste die Straße kehren, wenn die Kehrmaschine im Keller steht – nur weil der Nachbar das macht, der keine Kehrmaschine hat? Das menschliche Gehirn ist ein zu Höchstleistungen fähiges Organ - das offenbar häufig genug gezwungen werden muss, im Leerlauf zu arbeiten. Warum?

Heißt schulische Bildung nicht, dass Kinder befähigt werden sollten, ihr Gehirn für das zu nutzen, wofür es da ist, also zum Denken?

Ist Bildung Sache des Elternhauses? Sollen Eltern am Nachmittag und an den Wochenenden all das auffangen, Kinder mit ins Museum nehmen, in Kurse stecken, in die Bibliothek schicken? Wann sollen Kinder dann noch spielen? Oder dürfen begabte, wissbegierige Kinder nicht spielen, wenn sie ihre Lernmotivation erhalten wollen? Geht der Bildungsauftrag der Schulen (also die Daseinsberechtigung der Schulen, die Kindern Bildung vermitteln sollen) bei begabten Kindern an die Eltern über? Wenn ja: Bekommen Eltern dann das Lehrergehalt überwiesen, wenn sie einen pädagogischen Schnellkurs absolvieren, und die Kinder dürfen vormittags die Schule schwänzen? Wenn nein: Warum kommt die Schule dem Bildungsauftrag dann nicht nach? 

Ganz klar, die Fragen provozieren. Das sollen sie auch, denn mit einem Schulterzucken und der Einstellung, dass man ein bestehendes System nicht zugunsten Einzelner ändern kann, ist es nicht getan. Nach den demokratischen Grundsätzen dieses Landes steht jedem Kind (also nicht nur dem Durchschnitt, nicht nur den lernschwachen Kindern) eine seinen Begabungen entsprechende Bildung zu, die es in seiner persönlichen Entwicklung fördert und fordert und zu einem seelisch und geistig erwachsenen Menschen heranreifen lässt. Dieser Anspruch wird derzeit nicht erfüllt. Pfui!

Donnerstag, 24. Juli 2014

漢字は難しくない 。。。

Shizuka lernt Japanisch. Jeden Samstag geht sie brav zur Japanischen Schule, um drei Stunden lang Unterricht in der Landessprache zu haben, anschließend, so hat sie sich entschieden, gibt es noch eine Stunde Mathematik und eine Stunde Kendo. Shizuka liebt die Japanische Schule. Die ist im Unterricht zwar nicht besser als die staatliche deutsche Grundschule, die sie besucht. Es werden keine fortschrittlichen Lernmethoden, neuen Medien oder andere interessante Dinge genutzt. Aber Shizuka mag die Schule. Lernen macht Spaß, der Umgang mit den Kindern, die Japanisch mit ihr reden, tut ihr gut, und sie freut sich jeden Samstag vor allem auf die Mathestunde und Kendo. Hausaufgaben in Mathematik macht sie unheimlich gerne. Aber eben nur in Mathematik. Die Lesehausaufgaben sind auch kein Problem, aber beim Schriftzeichen lernen tut sie sich schwer. Übungsblätter, auf denen man die neuen Schriftzeichen immer und immer wieder schreiben soll, eingebunden in Geschichten, graphisch dargestellt, nach Aussprache oder wie auch immer, das ist ihr Ding nicht. Und dementsprechend geht sie oft genug ohne Hausaufgaben zur Schule, schneidet in den entsprechenden Leistungsabfragen schlecht ab und verspürt immer weniger Motivation, sich mit dem Erlernen der Schrift zu befassen. Klar, Japanisch ist nicht einfach - aber Übungsblätter sind Übungsblätter, und Lesen und Schreiben können ist etwas ganz anderes. Dachte sich Shizuka und schnappte sich letzten Sonntag eine Kiste mit 5 kg Dekosteinen aus Glas in allen Farben. Sie war eine halbe Stunde lang beschäftigt, dann prangte auf dem Wohnzimmerboden ein raumfüllender Satz (für Kenner: Sie brauchte zwei Tatami zum Schreiben, Originalmaße) in glitzernden roten, grünen, weißen und blauen Glassteinen, den wir bis zum Dienstag Abend nicht zerstören durften:

お父さんは大好きです!

Wer Ideen hat, wie wir Shizuka weiterhin beim Lernen ihrer Schrift unterstützen können, wo es kindgerechte, spielerische oder kreative Lernsoftware für Mac-User gibt, der darf sich gerne melden. Analog und kreativ ist zwar auch schön, erfahrungsgemäß hält die Begeisterung aber nicht lange an. Und es wird schwierig, die zwanzig Kanji, die jetzt jede Woche neu kommen, in unserem Wohnzimmer unterzubringen ...