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Donnerstag, 7. Mai 2015

Es tut sich etwas in der E-Book Landschaft ...

Das Literaturcafé hat mich auf den neuen Sachverhalt hingewiesen: Im Rahmen des Joint Venture Tolino gibt es jetzt eine Plattform, auf der selbstpublizierende Autorinnen und Autoren ähnlich einfach wie bei Amazon ihr E-book hochladen und zu Ende gestalten können. Ausprobiert habe ich beide Plattformen noch nicht, aber das Ganze klingt interessant. Denn mit dieser Plattform wird es möglich, E-Books auch außerhalb des Amazon Imperiums verhältnismäßig einfach und ohne vertragliche Bindung an einen Verlag zu vernünftigen Preisen und sinnvollen Margen zu publizieren. Ein Traum! Denn die Bindung an Amazon ist damit hinfällig, es sind viel mehr E-Books zu erwarten, die auf allen möglichen verschiedenen Readern gelesen werden können (Amazon hatte mit dem Kindle ein eigenes Format verbunden, das auf anderen Readern nicht gelesen werden konnte), und die kostengünstiger und fernab des Verlags-Mainstreams erstellt und vertrieben werden können. Für die breite Masse an Leserschaft, selbstverständlich, denn wer komplett Indie wollte, konnte das bisher auch schon finden. 

Bleibt zu warten, wie sich die Geschichte für Kinderliteratur entwickelt, und wie der internationale Vertrieb über die Händler Libri, buecher.de, buch.de, Thalia et cetera aussieht. Alles deutsche Unternehmen, die Ladengeschäfte in Deutschland betreiben und eine deutschsprachige Internetpräsenz unterhalten, also international gar nicht so arg ins Gewicht fallen. Meiner Ansicht nach ist Amazon da immer noch vorne, denn die jeweiligen Ländershops funktionieren einfach gut. Das Geschäftskonzept ist trotzdem in meinen Augen suboptimal, von den tatsächlichen Rechten der Käufer/-innen an den E-Books über die Preisgestaltung bis hin zu der Nutzung der Kindle-Geräte, die keine unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten bei Geräten, die in der Familie geteilt werden, zulassen. Es ist vor allem die fehlende Kindersicherung, die mich stört. Immer noch. 

Zeitversetzt: Von Delphinen, Erdbeben und Vulkanen

Vor einigen Wochen waren Verwandte aus Deutschland zu Besuch. Der erste Langstreckenflug, die erste Reise per Flieger überhaupt, und dann auch noch (für einen der beiden Herren) die erste Erfahrung mit einer anderen Zeitzone. Dazu kamen Warnstreiks bei der Deutschen Bahn, ein kürzlicher Flugzeugabsturz in Südfrankreich und die allgegenwärtige Erdbebengefahr, die in Japan aus deutscher Sicht zu bestehen scheint. Auch das Thema Fukushima ist noch nicht erledigt in Deutschland - man ist misstrauisch. Kurz und gut: Die Herren landeten sicher, waren etwas grau um die Nase, weil sie dank des umfassenden Services und des guten Essens in der Business Class nicht wirklich Schlaf gefunden hatten, und wurden erst einmal ein paar Tage von uns gepäppelt. 

Und dann, am 11. April, beim Frühstück und dem üblichen Surfen durch Online Zeitungen und ein paar interessante Blogs, entdeckten Shizuka und ich (Mama) eine interessante Meldung: Delphine in Ibaraki gestrandet. Deutschsprachig zusammengefasst von Tabibito.

Shizuka hat sich um den letzten Jahreswechsel herum dank eines Schulprojekts sehr ausführlich mit dem Thema Vulkanismus beschäftigt, und ihr erster Gedanke war: Mama, der Fuji qualmt seit 2012 stärker. Hier passiert etwas. 
Naja, dass sich hier etwas tut, ist klar. Wie kam sie auf den Vulkan? Nun, sie war so tief in das Thema eingetaucht, dass sie wusste, wie stark sich das Erdmagnetfeld dank der Bewegungen und Druckveränderungen in vulkanisch aktiven Gebieten immer wieder verändert. Sie weiß, dass in einigen Arealen am Hang des Fuji Kompasse verrückt spielen, weil der Untergrund aus vulkanischem Gestein besteht, das bei seiner Erkaltung nach dem letzten großen Ausbruch noch eine andere erdmagnetische Ausrichtung zeigte. Und sie weiß, dass sich Delphine und Wale am Erdmagnetfeld orientieren. Unser Landsmann hatte hier also wieder einmal Vulkanfieber ausgelöst. Shizuka war weniger von einem großen Erdbeben oder militärischen Übungen überzeugt als von einem bevorstehenden Ausbruch irgendwo hier in Asien. Da sich hier am Pazifischen Feuerring permanent recht viel in dieser Richtung tut, wurden vermehrt Nachrichten geschaut. 

Es kam irgendwann der doppelte Vulkanausbruch in Chile - zu weit weg, unwahrscheinlich, dass da ein Zusammenhang bestand. Danach folgte das Erdbeben in Nepal.  Ein kurzer Blick auf eine Karte, die die Verteilung der Kontinental- und ozeanischen Platten der Erdkruste zeigt, verriet uns, dass da vielleicht ein Zusammenhang besteht, aber eher nicht. Und nun gibt es eine Warnung den Hakone betreffend. Mehrere kleinere, aber durchaus bemerkbare Erdbeben in den letzten Tagen rund um den Vulkan herum ließen die Warnstufe auf 2 steigen, die Seilbahn der berühmten Hakone-Tour wurde gesperrt, und im Radius von 300 m darf niemand an den Berg heran. Wir waren am 1. Mai noch im 彫刻の森美術館, dem Hakone Open Air Museum. Die Distanz ist uns nicht genau bekannt, aber auf der Karte sieht man, dass das auf der Straße so um die sechs Kilometer Entfernung sind. Gar nicht weit weg ... Nun ist Shizuka überzeugt, dass die in Ibaraki auf Grund gelaufenen Delphine damit in Zusammenhang stehen. Denn es muss schon arg rumoren im Erdmantel, bevor der Druck sich in den Kammern unter und in der Kruste so stark erhöht, dass es zu spürbaren Erdbeben und in der Folge zu einem Ausbruch kommen kann. Wir verfolgen nun gespannt den weiteren Verlauf der Dinge.

In den deutschen Medien ist übrigens nichts von den gestrandeten Delphinen angekommen, sonst hätten die zu den beiden besuchenden Herren gehörenden Damen bei der abendlichen Videosession nicht so entspannt geklungen. Beruhigend.

Montag, 27. April 2015

Viehzeug

Shizuka hat den Frühling wahrgenommen. Sie hat mehr als zwei Wochen Ferien, und das während der ersten anhaltend warmen und sonnigen Tage ohne regnerische Unterbrechung. Die kleine Schwester ist glücklich im Kindergarten angekommen, was jeden Morgen mehrere Stunden lang Ruhe zum Lesen mit sich bringt (sehr entspannend auch für Shizukas Mama), und jeden Mittag in Ausflügen in der näheren Umgebung endet. Und dabei entdeckt man so allerlei Lebewesen mit teilweise recht vielen Beinen. Erschreckend vielen Beinen.

Da sind zum Beispiel die kinderfaustgroßen grauen und weißen Larven, die im Blumenbeet herumwühlen. Wir haben die Beine nicht gezählt, die kleinen Krabbler waren einfach zu schnell. Und hatten beeindruckende Beißwerkzeuge. Aufgrund der Größe vermuten wir, dass daraus bald せみ schlüpfen. Die Singzikaden machen in Japan im Sommer einen Heidenlärm, und wir meinen zumindest die ersten schon gehört zu haben. Da wir heute im Laufe des Tages einige von der Größe her passende Löcher in den Blumenkübeln gesehen haben, könnte das durchaus sein. (Wer Fragen zur Größe hat: Wikipedia hat einen japanischen Eintrag. Dort sind 13 cm als Körperlänge eingetragen. Körperlänge. Nicht Flügelspannweite.)

Im Garten machen die Ameisen mobil. Unsere Exemplare sind etwa einen Zentimeter lang, rabenschwarz und nicht aggressiv. Aber neugierig. Auch bei geschlossenen Türen und Fenstern haben wir täglich etwa fünf bis zehn der Kollegen zu Besuch, die in Wohn- und Esszimmer den bei keksliebenden Kindern so nötigen Staubsauber ersetzen. Die harmlosen kleinen Gesellen wurden von uns bislang immer liebevoll, aber sehr bestimmt zurück an die Luft gesetzt, ohne ihre Beute. Es sind weniger geworden, die Tiere werden ihrem Ruf gerecht und erweisen sich als lernfähig. Zugegeben: Die zurückgeschickten Exemplare waren nicht mehr lebendig. Sie hatten Kontakt mit der Zeitung.

Ebenfalls im Garten gesehen: eine Eidechse. Diesmal wirklich eine Eidechse, kein Gecko, sie war metallicglitzernd mit goldenen Streifen auf dem Rücken und setzte mit leichtem Fauchen unsere Jüngste in Entzücken. Das Tierchen hatte deutliche Eidechsenfüße (ohne Lamellen), hielt sich aber trotzdem ganz geschickt an unserer Gartenmauer fest und tankte Sonne. Eine ganze Menge davon sogar, etwa eine Stunde lang. Grasschneidearbeiten, Gießen und ein wuselndes Kindergartenkind konnten sie nicht verschrecken. Aufgrund der Färbung würde ich sagen, dass wir ein männliches Exemplar im Garten haben. Nun ist uns über die Lebensweise der Tiere nicht so viel bekannt, aber Shizuka will gerne aus schwarzem Speckstein ein Eidechsenhaus mit vielen engen Ritzen zum Verstecken arbeiten, damit das Tier bleibt und eine möglichst große Familie gründet. Denn diese Eidechsen fressen Insekten, und das ist immerhin besser als dass die hier allgegenwärtigen Stechmücken uns oder die Kakerlaken unser Obst auffressen.

Kakerlaken sind die nächsten Viecher, die uns im Moment beschäftigen - wir haben noch keine einzige gesehen. Pünktlich zu Ferienbeginn warnten die hier ansässigen Damen der Deutschen Schule, dass die kleinen Krabbeltiere nun während der Ferien aus ihren Löchern kriechen würden. Taten sie bislang nicht. Gift legen wollen wir nicht, mit der Zeitung sind wir vermutlich zu langsam, und ob der Stromschlaginsektenvernichter von Papa da viel ausrichtet, ist zweifelhaft. Wir suchen also gerade verzweifelt nach einer Art Pheromonspray, mit dem wir eine mehr oder minder harmlose Barriere um die Wohnräume ziehen können. Im Garten stören uns die Tiere nicht, und da wir kleine Kinder im Haus und willkommene Insekten im Garten haben, ist Gift wirklich ein No-Go. Gilt auch für die üblichen Klebepapiere, die die Tiere anlocken wie die deutschen Fliegenpapiere. Wer ein Produkt kennt, dass unseren Wünschen nahe kommt, möge sich bitte melden! Sonst wird der beste Ehemann von allen vermutlich doch Borkugeln kaufen.

Noch mehr Viehzeug: Kaulquappen. Wir haben nunmehr insgesamt vier Tage in diversen Parks damit verbracht, die Amphibienbabys zu beobachten. Sie wurden mit der Lupe untersucht, im Wasser gestreichelt (ja, das geht - die sind zutraulich), mit Hand oder Käscher gefangen und in der Becherlupe inspiziert, mit winzigen Insekten gefüttert und vor den bösen Fischen im Teich gerettet. Das Beweisfoto:



Die Tiere entwickeln sich prächtig, sie haben inzwischen nicht nur Beine, sondern auch Füße mit Zehen und kleine Vorderbeinchen. Allerdings sind die Fische im See auch immer frecher geworden und haben in unserem Lieblingsteich die Bestände etwa halbiert. Als Shizuka heute eine dicke, fette Kröte im Uferschlamm sah, war sie gar nicht mehr so traurig - denn wer weiß schon, aus welcher Kaulquappe ein süßer kleiner Frosch wird und aus welcher eine fette, warzige Kröte? Auf das Foto verzichten wir an dieser Stelle.

Noch mehr Viehzeug gab es in Parks und Garten: Die Schmetterlinge kommen. Zitronenfalter, Schwalbenschwänze und ein paar andere Arten, die wir so in Deutschland auch kennen, sind dabei (die kleinen blauen zum Beispiel, deren Namen wir immer vergessen), wenn auch ein paar Nummern größer als "zu Hause". Aber da sind eben auch ein paar Exemplare dabei, die wir so nicht kennen. Einen davon hätten wir fast für eine tagaktive Fledermaus gehalten, weil der groß und schwarz nah über der Wasseroberfläche im Park dahinflitzte und immer wieder die Wasseroberfläche berührte. Art unbekannt. Aber wir forschen weiter! Und auch hier noch einmal der Aufruf an alle, die schon länger hier leben und der deutschen Sprache mächtig sind: Wir suchen einen kinderfreundlichen Naturführer für die hier heimische Fauna und Flora. Fauna ist wichtiger. Sowohl in der Deutschen Schule als auch im Bekanntenkreis konnte uns niemand helfen. Es muss kein deutschsprachiges Werk sein, Englisch und einfaches Japanisch sind auch okay. Aber es sollte eben auch keine wissenschaftliche Abhandlung sein, und mit den Larifari-Büchern, die den Unterschied zwischen Säugetier und Insekt rein an der Größe festmachen und weiter nichts erklären, können wir auch nicht viel anfangen. Gerne auch im E-Format.

Samstag, 21. Februar 2015

Seelenpflege

Es wird Frühling. Die ersten im November liebevoll gesetzten Krokusse blühen im Garten (Ende Februar, unglaublich), Narzissen und Tulpen und Lilien sprießen. Wunderkind Nummer Zwo hüpft fröhlich herum und jault herzzerreißend さいた さいた チュリップ の 花 が 。。。

Passend zum angenehm sonnigen und warmen Wetter haben wir den größten Teil des heutigen Tages im Freien verbracht, nach dem Aikido-Training* im Schulhof gepicknickt, sind Fahrrad und Rollschuhe gefahren, Dosenstelzen gelaufen und haben Ball gespielt. Da die Schule am Wochenende Treffpunkt aller erholungssüchtigen Eltern und Kinder ist, waren wir nicht alleine, und wir haben es genossen.** 

Und während nun meine Nummer Eins Mathehausaufgaben erledigt, habe ich mir seit langem wieder einmal meinen MP3-Player herausgesucht und eingestöpselt (Danke, Bruderherz!). Zuerst Paddy goes to Holyhead, saftig-fetzige Stücke aus den Mitt-1990ern, mit etwas Fidel dabei und viel Gitarre. Ich muss wohl mitgesungen haben beim Sashimi Zubereiten, denn plötzlich tönte ein "Mama, Du störst!" aus dem offenen Wohnzimmer. Okay, Töchterchens Geometrie war gestört. Dann eben leiser. Kurz danach dann ein interessierter Blick: "Was singst Du da von Muffins?" Ich bekam kurzerhand Zirkel und Geodreieck in die Hand gedrückt, die Ohrstöpsel war ich los, und mein 8jähriger Zwerg fetzte zu "Red Rasta" durch's Wohnzimmer. Die erste Kinderdisco in Japan, und dann auch noch zu (sagen wir es freundlich) geschmackvolleren Sachen als dem gewohnten Rolf Zuckowski. Die Kleine ging ziemlich ab. "Civil War" fand dagegen weniger Begeisterung "Das fetzt, aber ich find das in der Ukraine gerade zu traurig, da will ich keine Musik drüber hören." Mit den Auseinandersetzungen in Irland konnte sie nicht viel anfangen, Geschichtsunterricht gibt es in der Grundschule noch nicht, und in Englisch wird das nicht angesprochen. Einverstanden - muss ich dann wohl irgendwann selbst übernehmen. Wer Paddy hört, sollte wissen, was er/sie hört.

Nach kurzer Pause und Begutachtung der kolorierten Geometrien im Matheblock ging es zurück in die Küche, diesmal mit Rosenstolz. Klar, ist nicht ganz kinderfreundlich - aber hey: Ohrstöpsel. Ich dachte, das reicht. Nein. "Mama, LATEIN!?" Öhem, ja. Amor Vitam. Die Stöpsel wurden wieder weitergereicht, Kind sang mit. "Die singt voll cool! Und der Kerl, Schokolade!" Ich nehme mal an, dass sie sich auf die Stimme bezog, so kurz vorm Abendessen. Nachdem ich erst gestern in der Schule im Rahmen eines Vortrags darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Sprachen nicht nur zum Sprechen gut sind, sondern für viel mehr taugen, kam das nun nicht ganz unerwartet. Es diskutiert gerade gefühlt ganz Deutschland über Sinn und Unsinn von Latein und Altgriechisch in der Schule. Ich will an dieser Stelle erwähnen, was ich gestern schon vertreten habe: Allein als Fremdsprache mag es für Kinder heute sehr unsinnig sein, tote Sprachen zu lernen. Sie werden schlicht nicht gebraucht. Aber Latein ist nicht Sprache. Latein ist eine Wundertüte (Altgriechisch genauso). Es geht nicht darum, die Sprache zu lernen - die ist eigentlich nebensächlich. Das ist stures, stupides Auswendiglernen von Grammatik und Vokabeln, vieles davon schult das logische Denken, aber nicht viel mehr. Das, was dabei wirklich wichtig ist, ist das drumherum. Latein ist Kultur, Sachunterricht in gewissem Sinn. Denn in welchem anderen Fach sonst könnten junge Menschen Archäologie entdecken, Mythologie kennenlernen, sich mit der europäischen Geschichte auseinandersetzen und amüsante Missverständnisse über "Germanien" lesen? Liebesgedichte, die Biologie zum Hintergrund haben, Philosophie und Staatskunde - Latein ist nicht Sprache, sondern ein Einstieg in interdisziplinäres Arbeiten. Und deshalb finde ich es wichtig, dass es weiterhin an Schulen gelehrt wird. Gerne auf freiwilliger Basis, aber es sollte gelehrt werden. Es erschließt Kindern so viele neue Möglichkeiten, zeigt ihnen Wege, zu ihrer Identität als Europäer zu finden, und hinter jeden neuen Buchseite öffnen sich neue Türen in unbekannte Welten. Latein weckt Forscherdrang und macht neugierig, wirft mehr Fragen auf, als es beantworten kann, und ja: Man kann durchaus über Roma B I zur Vulkanologie kommen. Mir ist bewusst, dass andere Schulfächer auch das Potential dazu haben. Dank dem überladenen deutschen Lehrplan der einzelnen Länder bleibt es aber beim Potential, und zwar bei ungenutztem Potential. Für Lateinunterricht steht Latein auf dem Lehrplan und lässt den Lehrkräften die Freiheit, die Kinder mit allen möglichen Extras für Sprache und Unterricht zu begeistern. Es hängt allerdings auch hier (Wo nicht?) unglaublich viel an der Persönlichkeit und Arbeitsweise der Lehrkraft. Aus meinem eigenen Erfahrungsschatz heraus wage ich zu behaupten, dass Altgriechisch, Hebräisch in gleicher Weise funktionieren.



* Auch das verbuche ich unter Seelenpflege. Bevor ich Kinder hatte, habe ich leidenschaftlich verschiedene Kampfsportarten trainiert. Es gibt so einiges, was während der Schwangerschaft oder mit Stillkindern eben doch nicht geht ... Meine Samstag Morgende sind mir seit November heilig, denn die gehören dem Sport und mir.
** Auf dem Heimweg beehrte uns auch wieder der kleine Eisvogel im Park, mit der üblichen Traube fotografierender Japaner rundherum. Vogelfotografie schein hier ein rein männliches Hobby zu sein, und zudem noch auf Menschen im Rentenalter reduziert. Eigenartig.

Montag, 16. Februar 2015

Alte Bekannte

Am Samstag haben wir ihn wieder getroffen, den Eisvogel. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich der gleiche Vogel war - die Färbung schien mir jedenfalls gleich zu sein wie bei dem gefiederten Kollegen, der uns vor einigen Wochen im Park bereits begegnete. Diesmal war es früher Mittag, gegen 12.15, Uhr, als wir mit klappernden Fahrrädern auf dem Heimweg vom Aikido-Training durch den Park fuhren. Eine Gruppe Japaner mit Fotoapparaten, die größer war als sie selbst, belagerte den kleinen Wasserlauf und hatte unglaublich große Objektive auf die kahlen Äste eines Baums am anderen Ufer des Bächleins gerichtet. Shizuka entdeckte den kleinen Piepmatz zuerst: Mama, was ist das für ein Vogel? Die Sache war schnell klar, es handelte sich um カワセミ, einen Eisvogel. Kaum zu Hause, schauten wir im Internet nach und verifizierten das, sehr zur Freude der beiden kleinen Cousinen, die zu Besuch waren und in den Reisfeldern von Saitama zwar einiges an Viehzeug sehen, aber keinen カワセミ.

Ein weiteres Aha-Erlebnis hatten wir am Nachmittag: Shizuka interessiert sich in großem Maß für Paläontologie und Archäologie. Die geographischen Gegebenheiten sind nicht so interessant wie das, was ausgebuddelt wird. Vor einigen Jahren hatten wir bereits eine Ausgrabungsstätte mit Yayoi-zeitlichen Relikten in der Nähe von Shizuoka mit ihr besucht. Nun fanden wir in einem anderen Park zwischen unserem Heim und dem Bahnhof Center-Kita eine Jômon-zeitliche Ausgrabungsstätte, die touristenwirksam ausgebaut ist. Rekonstruktionen von verschiedenen Häusern können innen und außen besichtigt werden, eine in Zement ausgegossene Ausgrabungsgrube lädt zum Turnen und Klettern ein, ein metallenes Modell des hier gefundenen Dorfes kann kletternd erkundet werden. Hier also wieder altbekanntes, diesmal wohnortnah und hübsch aufbereitet - die Kinder waren begeistert. Besonders in den Wohnhäusern, die halb in der Erde versenkt sind und außen wie ein halbwegs regelmäßiger Kegel aus Stroh aussehen: Mama, hier drin ist es besser wärmeisoliert als in unserem Haus. Können wir die japanische Baufirma mal hierher schicken, dass die das lernen?*

Am Sonntag dann ein ganz besonderes Schmankerl: Wir waren in der Kletterhalle. Nicht nur Shizuka, sondern auch ihre kleine Schwester lieben körperliche Ertüchtigung jeglicher Art, und je mehr Mama die Manschetten gehen, desto besser. Big Rock Free Climbing in Hiyoshi versprach Spaß und hielt das Versprechen. Die Anreise ist eine Katastrophe für Leute ohne Auto und mit kleinen Kindern, aber ansonsten waren wir positiv überrascht. Die Einrichtung kommt den uns aus Deutschland bekannten Kletterhallen relativ nahe, wenn man von fehlenden Duschen und Sauna mal absieht. Es gibt großzügige Umkleidebereiche, separate Toiletten, Regale für Gepäck, Schließfächer für Wertsachen, Klettergelegenheiten für Vorstieg und Toprope, eine Selbstsicherungswinde und einen großzügigen Boulderbereich, der sogar nach Schwierigkeitsgrad ausgezeichnete Routen geschraubt hatte. Als für Shizuka besonders herausfordernd stellte sich die Wandgestaltung heraus: Mein kleiner Gecko ist an die deutschen, rau beschichteten Wände gewohnt, und braucht nicht unbedingt Klettergriffe für die Füße - sie läuft oft einfach die Wand hoch, während sie mit den Händen "richtig" klettert. Das war hier mangels Beschichtung nicht möglich, die Holzplatten sind glatt wie Schmierseife. Hat trotzdem gut getan, und wir werden sicher noch öfters dort sein. Big Rock kann ich empfehlen.

Alles in allem war das Wochenende also recht entspannt und ganz der Freizeitgestaltung gewidmet, nach den in den letzten beiden Wochen absolvierten Klassenarbeiten, Online-Diagnosen, Lernzielkontrollen, Projektheften und -bauten war das eine echte Erleichterung. Trotz eines akrobatischen Unfalls in der Kletterhalle, der für Shizuka mit einem aufgeschürften Gesicht und Nasenbluten (nichts gebrochen, zum Glück) endete, war es ein gelungenes Wochenende.



* Die Wetterlage war leicht stürmisch - klar, dass unterirdische Behausungen weniger Wind reinlassen als überirdische mit Lüftungsschächten und metallenen Fensterrahmen ohne Isolierschicht ...