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Mittwoch, 23. Dezember 2015

Mama, warum brauchen Pinguine in Melbourne Pullover?

Gute Frage, Shizuka. Hier, lies doch einfach mal, was der Merkur vor ein paar Jahren dazu geschrieben hat. Und wenn Du Lust hast, Stricken zu lernen, druck ich Dir die Anleitung auch gerne aus. Morgen. Oder übermorgen. Und jetzt lass mich bitte arbeiten, ohne mir ständig über die Schulter zu gucken!

Montag, 14. Dezember 2015

Es wird Winter

Es ist warm, sehr warm sogar. Bei nachts um die 10° C und tagsüber noch zwischen 15° und 20° C kann man nicht wirklich von Winter sprechen. Trotzdem fand der jährliche Weihnachtsmarkt in Center-Kita statt, in Daunenjacken, Schals und Handschuhe gehüllte Japaner und Japanerinnen kauften bibbernd, mit Gänsehaut und roten Nasen Glühwein (der von den Eltern der Deutschen Schule z. T. im T-Shirt verkauft wurde), überall liegen Schlitten und Skiausrüstung zum Kauf bereit, und die Klimaanlagen um die Häuser herum brummen.

Unsere Winterboten waren indes etwas anderer Art: Seit etwa zwei Wochen sehen wir wieder unsere gefiederten Freunde im Park. Der Graureiher und der kleine Seidenreiher sind zurück und waten zwischen Enten, die im Sommer auch nicht da waren, durch den Wasserlauf. Der Eisvogel kann mangels belaubter Bäume wieder gesehen werden, und natürlich fängt auch der Fische. Schön zu beobachten, denn der kleine Vogel strahlt und leuchtet wirklich auffällig in Türkisblau und hebt sich damit ganz apart vom grauen Wasser und den rotbraunen Blättern überall ab. Im Garten sind wieder Meisen und Spatzen unterwegs, einzelne Stare und andere, noch nicht identifizierte Vögel machen zeitweise einen Heidenspektakel.

Wirklich verblüffend fand Shizuka aber, dass es sich bei allen drei Vogelarten eigentlich nicht um Zugvögel in dem Sinn handelt. Trotzdem waren die Tiere im Sommer nicht im Park zu sehen, statt dessen hatten wir da Eidechsen, Frösche und Schildkröten. Es scheint fast, als würden die Vögel vor dem warmen Sommer im städtischen Ballungsgebiet fliehen und weiter in die Berge landeinwärts ziehen ...

Dienstag, 1. Dezember 2015

久しぶり!(Hisashiburi!)

Am Wochenende war viel geplant: Der übliche Sport sollte stattfinden, anschließend wollten wir zu einem christlich geprägten Weihnachtsbasar gehen, abends sollte Mama vielleicht noch alleine ausgehen. Am Sonntag wollten wir Schwimmen gehen, vielleicht noch ein bisschen im Dampfbad chillen. Alles nichts geworden, denn Shizuka humpelte am Freitag. Sport ist Mord, meinte Winston Churchill einst. Nun ist Shizuka von etwas anderer Statur als der Brite es war - der Schulsport war trotzdem nicht gut. Bänderriss am rechten Fuß, und damit war das Wochenende gelaufen. Den Freitag Abend verbrachten wir beim Orthopäden und damit, alle Wochenendverabredungen abzusagen. Am Samstag war Mama alleine beim Sport, Shizuka räumte derweil zusammen mit Papa und kleiner Schwester das Wohnzimmer um. Zumindest sah es so aus: Spielzeug und Kinderbücher überall. Aufräumen? Neeeeeeee, fußlahm!

Nachmittags haben wir dann die ersten drei Sorten Weihnachtsplätzchen zusammen gebacken, Shizuka saß auf dem Küchenschrank, die Kleine hockte auf einem Stuhl, und Mama eierte um die kleinen Weiber herum. Nun, die Plätzchen sind gut geworden ...

Am Sonntag dann hatte der fürsorgliche Papa ein Auto gemietet, um zum Adventsgottesdienst zu fahren. Da die hiesigen Bahnhöfe immer recht voll sind, ist ein humpelnder Zwerg in Eile da nicht wirklich gut aufgehoben, immerhin sollte der Fuß geschont werden. Das Auto schonte uns auch, es startete gar nicht erst. Zwischen 9.00 Uhr und 11.00 Uhr versuchte der besorgte Papa durchgehend, die Karre anzulassen. Batterie leer, sagte das Auto. Ladekabel, sagte der Herr von der nahen Werkstatt. Die Männer wurden sich schnell einig hinsichtlich Starthilfe, lediglich das Auto war nicht sehr kooperativ, es verweigerte weiterhin. Um 11.30 Uhr kam der Service von der Autovermietung dann doch mit einem Ersatzwagen, und wir konnten endlich das Abenteuer Sonntagsausflug starten. Der Gottesdienst war derweil vorbei, weshalb wir erst einmal zum Mittagessen fuhren. Unsere geduldigen Töchter waren derweil mit Kopfhörern und Walkman eingeschlafen - so ein Auto hat doch auch Gutes. Nach dem Mittagessen besuchten wir das Iwasaki Chihiro Museum in Tokyo, was eigentlich schon vor einem halben Jahr geplant war. Endlich!

Die Museumsführung war langweilig, japanisch und auf die hochmoderne Architektur anstatt die Ausstellungsstücke ausgerichtet. Also gingen Shizuka und ihre Schwester alleine auf Erkundungstour. Sie entdeckten den Schreibtisch der Bilderbuchillustratorin, bemerkten, dass sie wohl Linkshänderin war, fanden im Garten eine metallene Pony Statue, und organisierten sich im Museumscafé eine heiße Schokolade. Aus Kindersicht war das schon genug, um den Tag zu retten. 

Nach dem Museumsbesuch war noch viel Zeit, es wurde noch nicht einmal dunkel. Da kam von Shizuka die unschuldige Frage: Mama, wo hast Du den Papa eigentlich kennen gelernt? Das war doch hier in Tokyo. Können wir da nicht mal hinfahren?

Wir Erwachsenen sahen uns an: Jetzt? Nach mehr als zehn Jahren? Hm .... Warum eigentlich nicht! Also wurde das Navi auf 一橋学園 (Hitotsubashigakuen) programmiert, eine halbe Stunde sollte die Fahrt dauern. Wir parkten vor dem kleinen, teuren Restaurant im traditionellen Stil, das diesen wunderbaren Garten und das Teehaus hat. Natürlich durften die Mädchen den Garten erkunden, die im Kimono bekleideten Empfangsdamen waren in dieser Hinsicht sehr entgegenkommend. Anschließend ging es zum Wohnheim: Sieht noch genauso aus wie vor zehn Jahren. Wirklich. Ganz genauso. Gleiche Bausubstanz, gleiche Farbe, gleiche Gebäude, gleiches versifftes Außenschwimmbecken. Der Holzbelag im Innenhof zwischen den Wohnblöcken A und B ist inzwischen stark gewellt, das Schwimmbad neben dem Trimmdichraum komplett geschlossen. Es war schon etwas komisch, erwachsen und mit Kindern über das Gelände zu laufen. Die Mädchen fanden es indes interessant: Mama, wo hast Du Dein Fahrrad geparkt? Wo war denn Dein Zimmer? Hast Du Dir da immer Deinen Morgenkaffee gezogen? 
Alles noch da, die Getränkeautomaten stehen noch an exakt den gleichen Stellen, und sogar der versteckte kleine Automat von Coca Cola hinten in der Ecke war noch da. Mein ehemaliges Zimmer ist bewohnt, mit Vorhängen ausgestattet, und der Balkon ist inzwischen zu dreckig zum Wäschetrocknen.

Um das Wohnheim herum hat sich allerdings einiges verändert. Der kleine Lebensmittelladen am Hinterausgang ist verschwunden, da steht ein neues Gebäude. Das winzige chinesische Restaurant daneben gibt es noch, aber おばちゃん ist nicht mehr da. Das Ehepaar dort hat das Haus vor kurzem erst gepachtet, die ehemaligen Restaurantbetreiber sind irgendwohin zu ihren Kindern gezogen. Die Dame war so nett, die Tür für uns ganz weit zu öffnen: Die Inneneinrichtung ist noch die Gleiche, und sogar das ganze Gerümpel steht noch herum. おじさん tat dann auch genau das, was die vorherigen Restaurantbetreiber stets taten. Er öffnete einen der Kartons und holte einen Arm voll Spielzeug hervor, die unsere beiden kleinen Damen geschenkt bekamen. Ich besitze heute noch zwei kleine Keramikschalen, die ich vor zehn Jahren in eben jenem Haus bekommen hatte. 

Wir liefen weiter in Richtung Bahnhof, und tatsächlich: Die kleinen Nudel- und Tonkatsu-Restaurants sind alle noch da. Jedes einzelne. Und alle sind noch familienbetrieben, abends geöffnet, und bieten warme, gehaltvolle Mahlzeiten für unter 800 Yen. Da hat sich wirklich nichts geändert. Dementsprechend sind wir dann auch da geblieben, haben in aller Ruhe zu Abend gegessen und waren viel zu spät zurück in Yokohama. Die Autovermietung war bereits geschlossen, der Wagen musste also bis zum nächsten Morgen bei uns bleiben. Shizuka war glücklich: Der Arzt hat Fahrrad fahren verboten, und sie läuft nicht gerne zur Schule. Also durfte Papa am Montag Morgen auch noch den Chauffeur geben.

Samstag, 21. November 2015

Mama, unterschreiben!

Die Ereignisse in Paris vor einer Woche sind an unserer Familie nicht vorübergegangen. Freunde und Bekannte sind nicht direkt betroffen, zum Glück - aber selbst im Computerzeitalter dauert es doch einige Zeit, das herauszufinden. In der Schule wurde das nicht so groß thematisiert, wie ich als Mutter befürchtet hatte (immerhin steht Deutsche Schule drauf, aber der Inhalt ist tatsächlich eher international).  Allerdings reagierte man doch irgendwie, denn seit Montag Mittag hängt ein Plakat in der Schule, das das laut Zeit online zuerst von Lukas Podolski getwitterte Peace-Zeichen mit dem eingeschriebenen Eifelturm zeigt und zu solidarischen Unterschriften aufruft. Alles natürlich in den Farben der Tricolore gehalten. Eine kurze Erklärung, warum das Plakat da hängt, und dass uns die demokratischen Werte auch auf der anderen Seite des Planeten nicht ganz schnuppe sind, gab es zusammen mit weiteren Solidaritätsbekundungen und entsprechenden Bildern auf einer zweiten Stellwand daneben.

Als ich am frühen Nachmittag Shizuka abholte, war das Plakat schon gut mit Unterschriften gefüllt. Zweihundert, grob geschätzt, also gut die Hälfte der des Schreibens mächtigen Schulgemeinschaft hatte sich da am Mittag schon verewigt. Inklusive Shizuka, natürlich, die wissen wollte, wer für das Plakat verantwortlich zeichnet. Es gab eine Schweigeminute um zwölf Uhr mittags.

Am nun kommenden Montag wird die Schule beflaggt sein - Trauerbeflaggung. Verspätet gedenkt man dem Tod des Helmut Schmidt und, zusammen damit, der Opfer der Anschläge in Paris. Nachgeschoben (und so auch klein auf der Plakatwand vermerkt) natürlich auch der Opfer von Terroranschlägen in anderen Ländern. Mehrere Fragen kamen da schon auf:

Warum hat so eine kleine Schule so eine lange Reaktionszeit?* 

Sind wir hier wirklich so europazentriert im Denken?**

Wenn schon plakatiert und beflaggt wird, warum wird das Thema dann nicht ausführlicher mit den Schülerinnen und Schülern aufgearbeitet?*** 



* Ideen haben wir da schon ... Großer Verwaltungsapparat, zu viele beteiligte Gremien, suboptimale Koordination und Kommunikation zwischen den beteiligten Parteien ...

** Nein, das ist keine rhetorische Frage, das ist wirklich ernst gemeint. Die meisten Menschen hier befinden sich nicht zum ersten Mal in ihrem Leben außerhalb Europas.


*** In den fünften Klassen würden sich da die Französisch-AG, Englisch (Involvierung USA), Deutsch (Lage im eigenen Land), Erdkunde (offensichtlich), Sportunterricht (da wird Fussball gespielt), Musik (betroffene Konzerthalle) und vermutlich auch noch die Klassenlehrerstunde anbieten. Geschichte, Politik und Ethik gibt es ja noch nicht.

Donnerstag, 12. November 2015

Mama, was macht der Chaos Computer Club?

Neulich morgens beim Frühstück:

Shizuka: Mama, liest Du Zeitung?

- Ja.

Shizuka: Mama, was ist ein Chaos Computer Club?

- Shizuka, Du sollst frühstücken.

Shizuka: Mama, was haben die mit Apple zu tun?

- Shizuka, Frühstück!

Shizuka: Mama, was ist ein Jailbreak? 

- Shizuka, frühstück bitte! Kannst Du nachher im Computerunterricht fragen. 

Shizuka: Hamwaniffmaa. (Wörtliche Übersetzung: Haben wir nicht mehr.)

- Mund leer machen, Shizuka.

Shizuka (schluckt): Gibt's nicht mehr. Mama, wozu braucht man einen Jailbreak? Du kannst doch auf Deinen Computer die Software aufspielen, die Du willst! Ist doch doof, sowas.

Der erste Gedanke war, der kleinen neugierigen Dame (frühstücksfreundlich und schulzeitkompatibel) schnell den Jailhouse Rock von Elvis Presley* vorzuspielen und sie den Rest später alleine ausknobeln zu lassen. Der zweite Gedanke war: Ohweia, Youtube zum Frühstück, so weit sind wir schon?! Also dann doch die Erklärung. Kurz und bündig und ganz sicher mit einer Menge Fehler. Die Computerexperten lesen jetzt mal bitte nicht weiter.

- Shizuka, es geht hier nicht darum, dass Apple die Software vom CCC nicht erlaubt, sondern um etwas anderes. Normalerweise hast Du auf einem Computer ein Betriebssystem von einer bestimmten Firma.

- Ja?!

- Ja. Du weisst, dass die Schulcomputer anders funktionieren als mein MacBook und Papas Computer. Das liegt am Betriebssystem.

- Oh. Richtig. Aber Du hast dem Papa doch die CD-ROM mit den Spielen gegeben, und das funktioniert da genauso wie auf Deinem alten Computer, nur auf Deinem MacBook nicht?!

- Ja. Der Papa hat zwei Betriebssysteme auf seinem Computer. Stell Dir vor, der Computer ist ein Schulheft. Da sind Linien drin, die Dir sagen, für welches Fach Du das nimmst. Dein Matheheft hat kleine Kästchen und keinen Rand. Dein Erdkundeheft ist blanko, Dein Deutschheft hat einfache Linien, Dein Vokabelheft hat Linien in der Mitte, Dein Japanischheft musst Du sogar von hinten aufschlagen. Die Lineatur ist das Betriebssystem vom Heft, sozusagen. Und was Du reinschreibst, ist die Software. Wenn Du nur kurze Notizen machst, schreibst Du Apps auf. Wenn Du lange Aufsätze und komplizierte Tabellen machst, sind das richtig große Programme. Und das, was Du mit dem geschriebenen machst, also Lernen, die Aufgaben für Mathe wirklich ausrechnen, Dir den Muskelapparat vom Hund in Bio vorstellen, wenn Du das nächste Mal einen Hund siehst (weil Du weißt, was im Heft gemalt ist), das ist das, was Du am Computer machst, wenn Du mit einem Programm, also Software, arbeitest oder spielst. Verstanden?

- Alles klar. Dann ist der Jailbreak, wenn ich die Lineatur wegradier und eine neue einzeichne? Cool - mein Vokabelheft ist gejailbreaked! Das war doch eigentlich ein normales Schreibheft, ich hab nur in der Mitte eine Linie gezogen.

- Ähem. Ja. Genau. Und jetzt kommst Du doch zu spät.

* Nettes Gegengewicht zur HipHop-AG und J-Pop. :-)))