Dienstag, 23. Mai 2017

Junges Gemüse

Doppeldeutiger Titel, und diesmal durchaus beabsichtigt: Shizuka baut seit Jahren traditionell jedes Jahr eine Sorte Gemüse an. Ursprünglich waren es mal Kartoffeln im Balkonkübel, eine Art Schulprojekt. Dann war es Basilikum, im Jahr darauf Zuckerschoten, zwischenzeitlich mal Kürbis, dann wieder Kartoffel. Dieses Jahr will die kleine Schwester mitmachen. Sie hat sich Radieschen gewünscht. Mama hat mit ihr zusammen gesät, ab und an gegossen, und siehe da: Ein Radieschen hat die ganzen Krabbelviecher im Garten überlebt und konnte tatsächlich erntereif auswachsen. Die kleine Schwester hat es geerntet und war stolz wie Bolle.

Mama durfte das Radieschen putzen und waschen. Es war faustgroß, gemessen an den Händchen der kleinen Schwester. Und die krallte sich die knallrote Kugel auch gleich nach dem Waschen und biss herzhaft hinein. Mama wollte noch warnen, dass die Dinger manchmal scharf sind, zu spät: Das Kind sah selbst aus wie ein Radieschenkopf. 

Mama: Und, schmeckt Dein Radieschen?

Kleine Schwester: Hm-hm. Legga! (Man stelle sich hier ein fünfjähriges Mädchen mit vollem Mund vor, wippende Zöpfe rahmen das feuerrote Gesichtchen, es dampft aus den Ohren.)

Mama: Nicht zu scharf?

Kleine Schwester: Isch okee. (Die Augen traten schon leicht hervor, die Nasenlöcher wurden immer größer ...)

Mama: Weißt Du, wir haben die früher in dünne Scheiben geschnitten, auf ein dunkles Graubrot mit viel Butter gelegt und dann tüchtig Salz drauf getan. Weil das sonst zu scharf war. Ich war als Kind total feige: Radieschen gab es nur auf Butterbrot für mich. 

Kleine Schwester (Schluckt tapfer und gießt ein großes Glas Wasser nach.): Mama, darf ich jetzt ein Butterbrot mit Salz haben?


Natürlich bekam die kleine Schwester ihr Butterbrot mit Salz. Aber irgendwie war das dann ohne Radieschen doch nicht lecker, und Mama musste es essen. Shizuka schaute die ganze Zeit über fasziniert die kleine Schwester an. Shizuka mag Radieschen, aber nur, wenn sie nicht scharf sind.

Mama: Und, was kommt als nächstes in die Gemüsetöpfe? Nochmal Radieschen? Immerhin  musst Du die ja auch noch gleichzeitig mit dem Brot probieren ...

Kleine Schwester (Tonfall "die Welt geht unter", mit leichtem Einschlag von deutscher Feuerwehrsirene*): Neeeeee! Können wir Möhren säen? Die kleinen runden? Die so süß sind bei Oma?

Mama: Keine Radieschen mehr? Ich dachte, die waren lecker?

Shizuka (lacht): Mama, keine Radieschen. Sonst wird die Kleine zum Drachen. Hast Du gesehen, wie das eben gedampft hat?

Kleine Schwester: Gar nicht wahr! Aber ich will Möhren. Und Kartoffeln.

Shizuka: Kann ich wiedermal Kürbis haben? Der Garten ist doch jetzt groß genug für so ein Monster.


Und so kamen wir überein, dass die kleine Schwester im vormaligen Kartoffelkübel von Shizuka wieder Kartoffeln pflanzen darf, mit ein paar Möhrchensamen dazwischen. Unter der Auflage, die Möhren auch wirklich selbst zu essen. Denn normalerweise findet sie Möhren in jeder Form i-bäh. Sagt sie zumindest immer, wenn sie die essen soll.

Shizuka entschied sich dann aber doch um. Denn die gekauften Kürbisse gingen im Topf nicht an, die Samen lagen auch nach acht Wochen noch völlig unbeeindruckt in den kleinen Pflanztöpfchen im Gewächshaus auf der Fensterbank. Da war es nun zu spät, um neue zu kaufen. Sie entschied sich um, dieses Jahr sollten es dann doch lieber Gurken sein. Nächste Woche kaufen wir kleine Pflanzen und zwei Säcke Gemüseerde. Mangels Kübel: Denn Gurkenpflanzen können auch ganz ordentliche Monster werden, so wie Kürbisse und Melonen. Immerhin gehören die alle zur gleichen Familie.

* Nicht die auf den Autos. Sondern die auf dem Dach vom Feuerwehrhaus, die in den 1980er Jahren jeden Samstag in den Dörfern losheulte. Denn da gab es noch überall die Freiwillige Feuerwehr, die pünktlich um 12:00 Uhr einen Probealarm durchführte, inklusive Übungen mit brennenden Schrottautos auf dem Dorfplatz, rot angemalter Jugendfeuerwehr, die aus dem Jugendzentrum gerettet werden durfte und dem übrigen ganz großen Kino.

Dienstag, 16. Mai 2017

Halbe Menschen? Schwierig, irgendwie ...

Die kleine Schwester wird sich langsam im Kindergarten immer mehr der eigenen Identität bewusst. Mama holt sie derzeit viermal wöchentlich mit dem Fahrrad ab, und die anderen Kinder nehmen vermehrt den deutschen Sprachgebrauch wahr. え、えいごはなす (Hä, Du sprichst Englisch?) hören wir da immer wieder. Die kleine Schwester hat ihre liebe Not zu erklären, dass es mehr Sprachen als nur えいご und にほんご (Englisch und Japanisch) gibt. Und dass nicht alles, was in Romaji geschrieben wird, Englisch sein muss. Und dass die Mama selbstverständlich auch, aber nicht ausschließlich, Englisch spricht.

Neulich kam eine lustige Frage auf:

Mama, ich bin doch eigentlich ein ganzer Mensch, oder? 

Ja, schon. Vielleicht ein bisschen kurz geraten, aber Du wächst ja noch. Warum fragst Du?

せんせい (sensei, die Lehrerin) hat gesagt, ich wäre ハーフ (haafu, halb). Aber ich bin doch kein halber Mensch. Ich hab zwei Ohren und zwei Augen und zwei Beine und zwei Arme und eine ganze Nase und einen ganz runden Kopf und so. Wie alle. Die haben doch auch nur zwei Ohren und so. Keine vier.

Oh. Ja, da hast Du Recht. Deine Kindergärtnerin meinte, dass Du Deutsch und Japanisch bist, also doppelt. Auf Japanisch heißt das halb. 

Voll komisch. Wenn wir はんぶんこ (hanbunko, halbe-halbe) bei せんべい (senbei, Reiskekse) machen, dann ist das doch dann weniger und nicht zwei statt einem!

Richtig, ein Stück wird kleiner, weil es in zwei Hälften gebrochen wird. Jeder bekommt ein Stückchen. Aber Du hast am Ende doch zwei Teile, also mehr als vorher. Vorher war es nur ein Teil. Du darfst nicht auf die Größe von dem Teil achten, das ist egal. Nur die Zahl ist wichtig. In den Zahlen ist はんぶんこ (hanbunko, halbe-halbe) doppelt so viel.

Hm, das ist aber komisch. Warum bin ich ハーフ (haafu, halb) auf Japanisch und nicht ダブル (daburu, doppelt)? 

Okay, so richtig erklären kann ich Dir das nicht. Glaubst Du mir das, wenn ich Dir sage, dass die Japaner nicht gleichzeitig reden und Mathe machen können? Die Hälfte ist immer weniger als das Ganze, da hast Du Recht. Du bist aber ein ganzer Mensch. Guckst Du in den Spiegel, dann siehst Du das. Und Du bist auch eine ganze Japanerin und eine ganze Deutsche. Schau hier, Deine Pässe: Alles komplett, keine halben Seiten. Das hier ist mein deutscher Pass. Der hat auch ganze Seiten, und viele Seiten. Wie Deiner. Die sind beide komplett, nicht halb oder weniger oder doppelt. Und wenn Du Papas japanischen Pass anschaust, siehst Du das da auch. Alles dran, was dran sein muss. Du sprichst ganz Japanisch und ganz Deutsch. Du hast genauso viele Großeltern wie die Japaner und die Deutschen. Und Du brauchst wohl auch genauso viele Schuhe. Alles klar?

Jahaaa .... Aber. Warum sagen die dann halb dazu? Das ist doch voll blöde! Kannst Du せんせい (sensei, die Lehrerin) nicht mal erklären, dass das eigentlich falsch ist? Weil, ich bin ja trotzdem ein voller, ganzer Mensch. Ich sprech doch nur mehr Sprachen als die und muss zwei Pässe haben! Das ist mehr, nicht weniger! Und anstrengender ist das außerdem.


Wir hatten in der Folge Gelegenheit, das Thema nachmittags im Kindergarten anzusprechen. Eines der Kinder bemerkte nämlich, dass die Nase von der Mama von der kleinen Schwester so ganz anders und sehr komisch aussieht im Vergleich zu den breiten, flachen japanischen Nasen. Und die Kindergärtnerin schimpfte das Mädchen dafür, weil eigentlich sind europäische Nasen doch かこい (kakoi, chic) und alle Leute sehen irgendwie sehr verschieden aus. Die kleine Schwester schließlich auch, weil sie ja halb sei. Und das war der Einstieg für die Kleine: Sie polterte los, dass die Kindergärtnerin Mathe lernen müsse, weil, halbe Leute gibt es erstmal gar nicht (Guck, ich hab genauso viele Arme und Beine wie Du!) und außerdem wäre sie wenn überhaupt irgendwie anders, dann doch rein rechnerisch bestenfalls doppelt-national. Sie hat das sehr kompetent direkt vom Menschen und Individuum weg auf eine Länderebene gestellt und erklärt, dass das voll cool sei, weil es auf Deutsch tolle Hörbücher für Kinder gibt und auf Japanisch gar nicht, und außerdem darf sie in den Sommerferien eine Woche auf den Reiterhof, was die japanischen Kinder ja wohl auch so gar nicht kennen. 

Die kleine Schwester erntete viel Erstaunen und Unverständnis von Seiten der Kinder und schallendes Gelächter von ihrer Kindergärtnerin, die ihr Recht gab. Halbe Menschen wären ja auch wirklich seltsam. Die würden schließlich umfallen, mit nur einem Bein und so. :-)

Damit hat die kleine Schwester ihre Identität wohl vorläufig erstmal geklärt. Sie veräppelt regelmäßig die Kinder im Kindergarten und lädt ihre Mama dazu ein, das auch zu machen. Denn die Mama wird regelmäßig gefragt, warum sie nicht japanisch ist, aber Japanisch spricht. Und die kleine Schwester und die Mama antworten jedesmal im Chor, dass die Mama doch gar nicht antworten könne, weil sie ja nicht japanisch ist und das deshalb auch gar nicht verstehen und sprechen könne. Was genau an dieser Antwort von der komischen deutschen Mama nicht passt, ist noch nicht wirklich geklärt worden. Die irritierten Gesichter sprechen Bände.

Dienstag, 2. Mai 2017

Du, Dir ist da ein Vokal verlorengegangen ...

... darf ich suchen helfen?

"Häh?"

Da, guck mal. Da steht KTZE. Was ist denn das?

"Mama, guck doch mal das Bild an, ist doch ganz klar. Fell, vier Pfotn, Schnurrhaare, spitze Ohrn. Ich geb Dirn Tipp: Frisst Mäuse."

KATZE also. Ich dachte schon, Du hättest KOTZE schreiben wollen. Puh, Glück gehabt.

"Iiih, sowas Ekliges schreib ich doch nicht!"

Echt? Woher soll ich das denn wissen? Normalerweise schreibst Du alle Buchstaben auf. Da hat einer gefehlt. 

"Jaaaa. Aber! Das da vorne heißt doch KA, da ist doch das A schon drin. Wieso muss ich das nochmal schreiben, ist doch dann zweimal, und dann würde das Vieh doch KA-ATZE heißen.Tut es aber nicht."

Hm. Ist ein Argument. Aber heißt der Buchstabe da vorne wirklich KA, oder K? Überleg mal, wie Du KELLER schreibst. Und KULLERN. Und KERN. Und KORN. Und wie Du die sprichst. Weißt Du noch, wie Du K gelernt hast? Das Schild vor der Schule, wo TOKYO steht? 

"Oh."

(Pause, inklusive vieler sehr theatralischer Mundbewegungen. Das Kind spricht, ohne Stimme. Phonologische Wahrnehmung trainieren kann so spannend sein. Am Ende ein fettes Grinsen.)

"Aber guck mal: か (ka). Das ist doch auch nur einer. Und der ist genug, da muss kein あ dahinta. Warum ist das Deutsch andas?"

Weil Hiragana eine Silbenschrift ist. Deutsch wird aber mit Buchstaben geschrieben, nicht mit Silben.  Silben kannst Du klatschen in den Wörtern, das weißt Du. Schonmal versucht, Buchstaben zu klatschen?

"Nee, das machn wir doch imma midden Mugglsteinchn! Die werdn nich geklatscht, sondan aufn Tisch gelegt. Aber das あ, das ist doch eigentlich dann ein Buchstabe und keine Silbe, oda?"

Oh-oh, erwischt. Ja. Und nein. Deutsch ist das ein Buchstabe, Japanisch eine Silbe. Oder ein Laut, der zusammen mit einem anderen Laut eine Silbe macht. Ein Laut ist ein Ton, wenn Du einmal den Mund bewegst oder die Zunge, das weißt Du doch.

"Das is aba richtig doof, so komm-lizi-ad!"




Beim Schreiben fällt mir auf, dass der kleinen Schwester zumindest aussprachetechnisch noch ein paar mehr Vokale verloren gegangen sind. Und Konsonanten. Und ein paar A haben sich im Eifer des Gefechts eingeschlichen, wo sie eigentlich gar nicht hingehören. Spannend! Wie sie das wohl selbst schreiben würde, was sie da gesagt hat?