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Freitag, 13. Februar 2015

Das geht nicht mehr weg

Manchmal muss man sich einfach fügen. Das fällt schwer, das dauert lange, und meistens kämpft man ganz lange mit sich selbst und gegen den Rest der Welt, um das zu vermeiden. Aber es gibt einfach Situationen, die sind, wie sie sind. Sachverhalte, die sich nicht ändern lassen. しょうがない。

Wir haben so eine Situation. Ich wollte das selbst lange nicht wahrhaben, aber ich denke, es ist an der Zeit, es zuzugeben: Da gibt es keine Lösung. Das ist einfach so. 

Worum es geht? Um Shizuka und ihre Unlust gegenüber Hausaufgaben. Shizuka hält jetzt schon im vierten Schuljahr Lehrkräfte und Pädagogen, Schulpsychologen, Berater/-innen und anderes Personal auf Trab, weil sie einfach keinen Bock auf Hausaufgaben hat. Also gar nicht so pauschal, aber manchmal. Oft. Zu oft. Sie hat Phasen, in denen sie wochenlang die Schulbücher und -hefte zu Hause nicht anrührt und auch stundenlanger Motivation von verschiedenster Seite nicht dazu zu bewegen ist. Ihr Argument: Papa darf seine Arbeit ja auch nicht mit nach Hause bringen, der soll alles im Büro erledigen und zu Hause für uns da sein. Schule ist Schule, zu Hause ist Spaß. Punktum.

Das gilt aber nicht immer für sie: Manchmal brennt sie geradezu darauf, zu Hause Mathe zu machen. Rechengeschichten, Zahlenrätsel - dergleichen liebt sie. Das arbeitet sie freiwillig ab, schießt oft genug über das Ziel hinaus. Sie liest sich in ihre Schulprojekte und ihre Themen so tief ein, dass sie vor lauter Informationen gar nicht mehr weiß, wie sie das alles zu Papier bringen soll. Sie macht die Hausaufgaben dann "mündlich" statt schriftlich, erzählt mir also ihren Text, und ich muss den für sie am Computer tippen oder ins Heft schreiben.* Prima, ich freu mich über jede Hausarbeit, die erledigt wird, egal wie.

Nun ist es aber so, dass Lehrkräfte regelmäßige (und nicht sporadische) Leistung fordern. Hausaufgaben sollen immer gemacht werden. Shizuka sieht das anders. Sie hatte schon die herrlichsten Diskussionen über die ungeliebten Aufgaben, oft genug vor der gesamten Klasse. Als sie ihrer Mathelehrerin noch in Deutschland einmal ins Gesicht sagte, dass sie so langweilige Aufgaben aus Prinzip nicht erledigte ("Das ist total sinnlos! Sie wissen, dass ich das kann, ich weiß, dass ich das kann. Wozu muss ich das aufschreiben? Sie predigen uns Umweltschutz und Müllvermeidung! Das ist Papierverschwendung, ich mach das nicht."), eskalierte die Situation und Mama bekam einen Rüffel. So extrem haben wir das nun nach dem Schulwechsel nicht mehr erlebt, aber wirklich gebessert hat sich die Situation nicht. Aus der Papierverschwendung wurde dank der Erlaubnis, alles mündlich zu machen, eine Zeitverschwendung, und das kommuniziert Shizuka auch genau so. Für mich ist das nervenaufreibend, für die Lehrkräfte ist es ärgerlich. 

Neu ist allerdings seit dem letzten Ortswechsel, dass ich als Mutter in der Schule unterstützt und nicht ausgeschimpft werden. In Deutschland hieß es noch: Frau Weber, Sie müssen aber ... Ihre Tochter muss ... Sie müssen ihr beibringen ... 
Hier heißt es: Frau Weber, wir schaffen das zusammen. Machen Sie sich keine Sorgen, wir kriegen das hin.
Nun ja, so hieß es. Inzwischen zeichnet sich ab, dass wir es nicht hinkriegen. Und ich bin eine Ketzerin, ich will es nämlich gar nicht mehr hinkriegen. Daran hat eine ganz besondere Dame zumindest Mitschuld, die hier in Krisensituationen für die Kinder und die Eltern da ist und die mir eine einzige, sehr dämliche Frage stellte: Warum? 

Es handelt sich hier um eine Lehrkraft meiner Tochter, wohlgemerkt. Ich könnte sie knutschen für diese kindlich-naive Frage, auf die wir alle irgendwie keine zufriedenstellende Antwort finden. Warum müssen Kinder Sachen tun, die ihnen zuwider sind? Warum sollen sie in einer Art und Weise handeln, die ihren ganzen Grundsätzen widerspricht, die allem, was wir ihnen beibringen, entgegen läuft? Warum müssen sich Kinder über Leistungen definieren, werden für Bemühen, Fortschritte und Noten gelobt, aber nicht für die Freude, die sie am Leben haben? Warum müssen alle immer das gleiche machen, möglichst zur gleichen Zeit und mit dem gleichen Ergebnis? Warum müssen sich Menschen der Gesellschaft anpassen, warum passen wir nicht einfach das System "Schule" den darin befindlichen Menschen an?

Und so akzeptiere ich einfach, was ist: Shizuka macht nicht alles, was sie soll, sondern entscheidet mit ihrem großen Herzen und ihrem noch viel größeren Verstand, was für sie sinnvoll ist. Denn manche Kinder entscheiden einfach, dass sie sich selbst "erziehen" und nichts auf die erwachsenen Ratgeber gibt, die die Gesellschaft ihnen an die Seite stellt - sagte mir jene Dame, die wohl schon öfter kleinen Freigeistern zur Seite stehen musste. 

Shizuka darf einfach sein, wer, was und wie sie ist. Sie muss sich selbst und anderen nicht beweisen, was sie kann und was nicht, hat sie beschlossen. Und ich komme gegen diesen Entschluss nicht an. Ganz rational muss ich zugeben, dass sie damit Recht hat. Ich will gar nicht mehr dagegen argumentieren, denn ich glaube nicht an das, was ich ihr da jahrelang erzählt habe.** In diesem Sinne: Willkommen im neuen Leben mit einer entspannteren Mama, mein Wunderkind! (Und danke für diese Lektion, die mich so viele schlaflose Nächte gekostet hat zu lernen.)

Nun ist die Geschichte hier aber noch nicht zu Ende. Ich werde weiterhin Literatur zum Thema verschlingen, um Shizuka besser zu verstehen. Aber auch, um Argumente gegenüber den künftig vermutlich nicht einsichtigeren Lehrkräften zu haben. Um Shizuka helfen zu können, ihr Leben auf ihre Weise zu meistern. Sie hat es verdient, dass sie zeigen darf, was sie kann und will - auf ihre Weise. 

Und ich gebe zu: Auch für mich ist damit noch ein gutes Stück Denkarbeit verbunden. Für mich war immer klar, dass das, was von Autoritätspersonen wie Lehrkräften verlangt wird, gemacht werden muss. Mir war als Schulkind durchaus klar, dass das Aufschreiben von Ergebnissen, die ich kenne, blödsinnig ist, und ich habe manche schwere Stunde damit verbracht, über die Verschwendung von Papier, Stiften und anderen Ressourcen nachzudenken. Wie viel Müll könnte man vermeiden, wie viele Bäume retten, wenn Schulhefte und -bücher nicht hergestellt würden? Wenn statt dessen nur das verwendet würde, was wirklich und tatsächlich sinnstiftend eingesetzt wird? Ich habe es irgendwann sogar mal ausgerechnet. Inklusive der Zahl der Arbeitslosen, die aufgrund der einbrechenden Schulbuch- und -hefteindustrie anderweitig in Lohn und Brot stehen müssten. Das habe ich aber nur für mich gemacht, das war Kopfkino, sozusagen. Meine ganz private Utopie: "Was wäre, wenn ..." Ich hätte mich nie, nie, niemals getraut, derartige Überlegungen gegenüber Autoritätspersonen zur Sprache zu bringen. Mein Weltbild bedarf jetzt einer dringenden Überarbeitung, denn das Kind in mir hat dank der Rebellion meiner Tochter erkannt, dass es die ganze Zeit über Recht hatte und die Erwachsenen (ich schließe mich Erwachsene da ein) irgendwie schief gewickelt sind - und dass man das auch sagen darf. Letzteres ist wohl die größte Revolution für mich. Du bist anders, Du denkst anders, und das darfst Du. 

Tut gut. Mir zumindest.





*"Mama, Du hast eine Sauklaue!" heißt es dann allzu oft. Ich will gar nicht wissen, was ihre Lehrer/-innen denken, wenn meine Handschrift überall in ihren Heften und Büchern ist ...

** Wie ist das bei Lehrern, Lehrerinnen, Pädagogen, Psychologen? Glauben die wirklich daran, tief in ihrem Inneren, dass alles stimmt, was sie sagen? Dass alle Kinder wirklich immer die Hausaufgaben machen müssen, die sie aufbekommen, weil sie sonst nicht lernen können? Ich bin eine Ketzerin, wie gesagt. Ich behaupte einfach mal, dass das in den meisten Fällen nicht so ist. Dass Erwachsene viel zu oft unreflektiert nachlabern, was sie irgendwann einmal selbst von unreflektiert labernden Erwachsenen gesagt bekommen haben. Und ich behaupte, dass diese unsere Welt eine andere, bessere wäre, wenn nicht so viele Menschen immer unreflektiert nachlabern würden, was ihnen andere mal irgendwann erzählt haben. In allen Belangen. Nicht nur in Sachen Kinder und Schule. 

Donnerstag, 12. Februar 2015

Gecko, Eidechse, Salamander oder Molch?

Wir haben das Glück, nahe an einem Park zu wohnen, den wir jeden Nachmittag auf dem Heimweg von der Schule durchqueren. Da sind manchmal ganz seltsame Tiere zu sehen, und vor etwa einer Woche war es wieder so weit: Auf der Bordsteinkante der Fußgängerbrücke, die in den Park hineinführt, saß ein kleines, dunkles Reptil mit silbern glänzenden Knopfaugen. Das Tierchen war etwa so lang wie die Diagonale meines iPhones, inklusive Schwanz. Scheu war es nicht, es ließ sich ganz einfach fotografieren. Und es schaute uns sehr neugierig an.

ニホンヤモリ


Wir rätselten, was das sein könnte. Kleine harte Erhöhungen an Schwanz und Rücken ließen das Tierchen wie einen Drachen erscheinen, Zähne hat es aber nicht. Keine Schuppen, sondern eher glatte Haut. Da der Kopf im Verhältnis zum Körper sehr groß ausfällt, handelt es sich vermutlich um ein Jungtier. Die Haut schien trocken zu sein, samtig, allem Anschein nach. Einzelne hellere Flecken zogen sich vom Kopf bis zum Schwanz, die Regelmäßigkeit derselben deutet darauf hin, dass es sich um das natürliche Muster der Haut handelt, nicht etwa um Narben. Die Füße haben breite Zehen, die Unterseite ist mit Lamellen bedeckt. Und der Schwanz läuft spitz aus, nicht breit.

Da im Park und in der unmittelbaren Umgebung zwei sehr fette, verwilderte Katzen herumstreunen, die nahrungstechnisch nicht allzu wählerisch zu sein scheinen, hab ich das Tierchen vorsichtig mit einem Taschentuchpäckchen in die trockene, warme Erde gescheucht. Es war schon später Nachmittag und wurde auf dem hellen Bordstein recht kühl, so dass die Beweglichkeit der kleinen Echse arg eingeschränkt war. Auf dem Erdreich schien mir das Tierchen zumindest farblich getarnt etwas sicherer zu sein. Dabei zeigte sich, dass der reptile Zwerg außerordentlichen Mut hat: Wollte doch tatsächlich das sehr viel größere Taschentuchpäckchen angreifen und fauchte ganz ordentlich! Ich war beeindruckt, und mein Naturkind Nummer Eins war es auch. Nummer zwei verschlief den Vorfall im Fahrradsitz - mal wieder.

Zu Hause versuchten wir mithilfe der Fotos und Google herauszufinden*, wie das Tierchen heißt. Wir waren erfolglos. Immerhin konnten wir es zuordnen: ein Gecko. Es ist keine Eidechse, denn die haben spitze Krallen an den dünn auslaufenden Zehen und tragen Schuppen. Den Salamander konnten wir ebenfalls ausschließen, die hier lebenden Tiere haben dicke Schwänze, die sie wohl im Wasser zum Schwimmen benutzen. Molche mit ihrer sehr feuchten Haut kommen auch nicht in Frage. Unter トカゲ fanden wir dann Bilder, die immerhin in der Körperform unserem Tier ähnlich sahen, wenn auch die Färbung der Haut und die Größe abwichen. Am Wochenende klärte eine einheimische Freundin uns auf: Wir hatten ein vermutlich nicht ganz, aber fast ausgewachsenes Tier der Art ヤモリ fotografiert, eine selten gewordene Geckoart, die bevorzugt in Gemäuern und Ritzen lebt, manchmal auch in alten Häusern, und die angeblich keine Fressfeinde hat. Wir sollten uns glücklich schätzen, so ein seltenes Tier so nah gesehen zu haben, sagte sie - und ihre Tochter Mika schaute verliebt auf die Fotos. Ob sie uns mal besuchen und das Tier ansehen könnte, wollte sie wissen. Währenddessen erzählte ihre Mama uns, dass sie Geckos abstoßend findet. Sie verbrachte ihre Kindheit in einem alten Haus in eher ländlicher Gegend, und eine ihrer frühesten Erinnerung ist die an einen Gecko, der vor ihr von außen auf die Fensterscheibe sprang und daran herauflief. Unnötig zu erwähnen, dass die Kinder während der Erzählung fasziniert an ihren Lippen hingen.



Ich bin gespannt, ob wir den kleinen Gecko wiedersehen. 


* An Hausaufgaben war an diesem Tag übrigens nicht mehr zu denken, zu spannend war die Internetsuche nach unserem Tierchen, dessen Namen wir suchten. Da aber Medienkompetenz zu den hier vermittelten Fähigkeiten gehört, war mir das an dem Tag mal einfach egal - immerhin haben wir Naturkundeunterricht mit lebendem Anschauungsmaterial gemacht und das ganze mit einer selbständigen Recherche verbunden. Es war ein Gecko Japonicus, den wir da gesehen haben. Und da soll noch einmal jemand sagen, Latein sei heutzutage unwichtig ...

Dienstag, 13. Januar 2015

Währungen zum Frühstück

Shizuka geht nach wie vorn gern zur Schule. Sie fühlt sich wohl dort, trifft Freunde, mag ihre Lehrer und freut sich eigentlich schon am Abend vorher auf den nächsten Tag. Dementsprechend motiviert ist sie morgens, deckt neuerdings den Frühstückstisch für die ganze Familie und will sogar Kaffee kochen. Das hat einen ganz besonderen Grund: Ihre Mama (ich) braucht morgens eine halbe Stunde Aufwachzeit mit Kaffee und Zeitung. Da die gewohnte deutsche Zeitung ohne Studentenabo erstens zu teuer und zweitens an diesem Ende der Welt ohnehin nicht verfügbar ist, wird jeden Morgen die Zeit online aufgerufen. Auf einen Link verzichte ich an dieser Stelle bewusst.

Früher sah meine Tochter es als Angriff auf ihren Persönlichkeitsrechte an, wenn ich mit der Kaffeetasse vor dem Computer saß und auf ihr gebrülltes "Mama, ich will nicht das PINKE Shirt aniehen, hol mir das BLAUE!" nicht reagierte. Heute steht sie im Schlafanzug hinter mir, schlürft ihren heißen Kakao und liest mit mir Zeitung. Vor einigen Tagen, passend zum Dreikönigstag, stand da der Artikel: Schwacher Euro? Gut so!

Sofort kamen die Fragen: Mama, was ist ein schwacher Euro? War der mal stark? Was heißt das? Warum ist das so? Wer bestimmt das? Wie funktioniert das? Ist das für uns auch wichtig? Warum denn?

Wir waren zu dem Zeitpunkt seit etwa zehn Minuten wach, im Schlafanzug, und mein Kreislauf japste nach Koffein und Zucker. Shizukas nicht, sie hüpfte wie ein HB-Männchen auf und ab. Also gab es eine kurze Einführung in die Währungen (der Artikel behandelte den Euro in Bezug auf den US-Dollar), in den internationalen Handel, Geldtauschgeschäfte, staatlich gesteuerte Währungen und natürlich den Yen, denn immerhin befinden wir uns gerade in Japan. Gar nicht so einfach für eine Siebenjährige zu erklären, wenn man selbst nicht so viel Ahnung hat und das Taschengeld wöchentlich in bar auszahlt, unabhängig von Wechselkursen in der Währung des Landes, in dem man sich gerade befindet, und berechnet nur nach der benötigten Kaufkraft. Nach der zweiten Tasse Kaffee für mich kam die Frage, die mir zeigte, dass meine Tochter es verstanden hatte:

Mama, wir haben doch von Opa und den Onkels und den Nachbarn おとしだま bekommen. Das willst Du auf unser deutsches Sparkonto einzahlen, hast Du gesagt. In Euro, oder? Welchen Wechselkurs nimmst Du da? Den vom ersten Januar, wo es eigentlich お年玉 (おとしだま) gibt, den vom 2. Januar, als wir das Geld bekommen haben, den von dem Tag, wo Du die Überweisung am Computer machst, oder suchst Du den raus, der für uns am besten ist? 

Sie kam natürlich zu spät zum Unterricht.

Freitag, 9. Januar 2015

Natur pur, mitten in der Stadt

Wir wohnen nun schon seit ein paar Monaten hier, und die Parks der näheren Umgebung haben wir ganz gut kennen gelernt. Ganz besonders nett ist der direkt hinter der Schule: Unsere Kleine ist davon überzeugt, dass dort wenigstens ein Totoro wohnt, vermutlich aber mehr, weil überall Eicheln herumliegen. Im unvermeidlichen Teich schwimmen Koi, hässliche graubraune wie auch Zierkarpfen, und auf den treibenden Ästen sonnenbaden ausgewilderte Schildkröten. Eigentlich ganz nett und idyllisch. Der andere Park liegt zwischen unserem Haus und der Schule, hat einen kleinen Wasserlauf, der zum Teich aufgestaut und von Koi in allen Farben bevölkert ist. Zwei dicke verwilderte Katzen wohnen da, eine Menge Krähen, Spatzen, Meisen, Bachstelzen, Eidechsen, Tausendfüßler, Grashüpfer, Grillen, Heimchen und anderes Getier. Winter oder nicht, hier ist viel los.

Und manchmal kommen Besucher. Den ersten besonderen Gast haben wir am 7. November dort getroffen: Ein Graureiher stelzte megacool und gelassen weniger als zwei Meter von uns entfernt durch den aufgestauten Bach und fischte sein Abendessen heraus. Wir sahen ihm dabei zu, er sah uns beim Zusehen zu und manschte genüsslich zappelnden Fisch im Schnabel. Faszinierend. Die klappernden Fahrräder haben ihn nicht gestört, die Japaner mit ihren Hunden im Park auch nicht, die eine der beiden dicken Katzen, die am Ufer lauerte, ebenfalls nicht. Nach zwanzig Minuten hatten wir genug von dem Schauspiel (und selbst Hunger auf Abendessen) und sind nach Hause gegangen. Den Reiher haben wir seitdem nicht wieder gesehen.

Heute nachmittag nun war es ein Eisvogel. Mein erster in freier Wildbahn, um ehrlich zu sein, und die Große hat ihn nicht gesehen. Die war nämlich noch in der Schule, wir wollten sie gerade dort abholen. Wir, das sind die Kleine und ich, sie hinten im Fahrradsitz, ich vorne auf dem klappernden Gerät. Als wir in den Park kamen, wurde der aufgestaute Bach von kauernden Japanern mit Fotoapparten belagert, deren Teleobjektive länger waren als die Leute. Davor flitzte etwas blaugrün schillerndes aus dem Bach heraus in den nächsten Baum und blieb dort sitzen. Kein Kolibri, obwohl das ob der Farbenpracht mein erster Gedanke war. Kopf- und Schnabelform waren eindeutig: Ein Eisvogel hatte sich in den Park verirrt und jagte im Bach. Wir beobachteten das Tier, das die Japaner mit Fotoapparat beobachtete, die wiederum das Tier anstarrten. Nach zehn Minuten wurde die allgemeine Bewegungslosigkeit allerdings langweilig, ich fuhr weiter zur Schule. Als wir eine halbe Stunde später durch den Park zurück kamen, waren die Leute mit Fotoapparat noch da, der Vogel war es nicht mehr. Eigentlich schade, ich hätte den kleine Kollegen gerne der Großen gezeigt.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Neue Schule - alles gut?

Shizuka hat die Schule gewechselt. Sie ist immer noch in einer deutschen Grundschule, sie ist immer noch in der vierten Jahrgangsstufe, sie ist immer noch sieben Jahre alt - aber plötzlich ist alles anders. Shizukas Papa ist nämlich nach Japan versetzt worden, und wir kommen jetzt in den Genuss einer exzellenten deutschen Auslandsschule, die sich der Begabtenförderung verschrieben hat und das auch, soweit ich das beurteilen kann, ganz gut hinkriegt. 

Wie funktioniert eine Grundschule, die unterschiedliche Begabungen fördert? Hier wird nicht nach Fächern getrennt gearbeitet, sondern nach Epochen. Eine Epoche im vierten Schuljahr ist die Erde, eine andere ist das Sonnensystem, eine weitere Epoche ist der Mensch, gerade wird Feuer behandelt. Zu diesem Epochenthema werden Wochenpläne erstellt - jede Epoche bekommt vier Wochen Raum im Unterricht. In diesen vier Wochen drehen sich alle Texte im Deutschunterricht um das Epochenthema, die mathematischen Themen dienen dem besseren Verständnis des Epochenthemas, der Sachunterricht beschäftigt sich mit Experimenten, Ausflügen, Erfahrungen und historischen Betrachtungen zum Epochenthema. Im Englischunterricht wird am Epochenthema gearbeitet, in Sport idealerweise auch. Im Musikunterricht sollte das auch so sein, funktioniert aber nicht, denn der folgt irgendwie eigenen Regeln und hat gerade, wo alle sich um das Feuer bemühen, Dur und Moll zum Thema. Passend werden allerdings in der einmal wöchentlich stattfindenden Chorstunde Weihnachtslieder von brennenden Kerzen am Baum gesungen, immerhin ist Adventszeit.

Das Besondere am Unterricht ist, dass die Kinder zum Teil gar nicht merken, was sie lernen und anwenden. Sie sind so auf die spannenden Projekte und Experimente fixiert, dass der Rest so ganz nebenbei läuft. Bis dann am Ende der Epoche die neu gelernten Wörter in einem Diktat abgefragt werden oder ein Aufsatz zum Thema geschrieben werden soll. Aber selbst der Aufsatz ist nett verpackt, der letzte zur Sonnensystem-Epoche hieß einfach: Schreibt jeder einen Artikel für die Schulzeitung über Euer Projekt in der Epoche Sonnensystem. Wenn Noten keine Rolle zu spielen scheinen, hat keiner Angst davor. Es scheint zu funktionieren, die Texte sind atemberaubend informativ geschrieben, fantasievoll und kreativ, und der rote Faden ist ebenfalls vorhanden - bei einem Anteil von etwa 50 % Kindern, die nicht muttersprachlich sind, ist das eine Leistung, die ich bewundere. Wie konnte das sein? Die Kinder wurden gut vorbereitet. Die Arbeit am Epochenthema sieht jeweils vor, dass jedes Kind sich ein Projekt aussucht, dass es selbst erarbeitet und der Klasse präsentiert. Die Präsentationen werden benotet, einmal im sprachlichen Teil für den Deutschunterricht, dann aber auch fachlich und organisatorisch für den Sachunterricht. Die Kinder wissen das, sie bereiten sich gewissenhaft auf die Projekte vor und sind eigentlich ganz firm in der Präsentation. Es gibt keine Powerpoint-Geschichten, sondern Bilder, Vorträge, Rätseleinlagen und witzige Experimente. Wer sich so tief in ein Thema reinkniet, der kann auch gut darüber schreiben. Die Kinder lernen ganz nebenbei, sich effizient und umfassend auf eine Prüfung vorzubereiten - ohne es zu merken. Während der Projektvorbereitung stehen iPads, Laptops, die Schulbücherei und natürlich der WLAN-Anschluss zur Verfügung. Eltern dürfen als "Experten" hinzu gezogen werden, Lehrkräften fragt man Löcher in den Bauch. Begleitet wird das von ganz normalen Lernmaterialien aus Deutschland, die in den meisten Grundschulen ohnehin verwendet werden.

Shizuka hat der Wechsel gut getan. Sie hat jetzt nicht mehr vier oder fünf Stunden Unterricht täglich, sondern sieben bis zehn Stunden. Sie isst mittags mit Klassenkameraden in der schuleigenen Cafeteria, an einem Buffet, das den Kindern die Wahl zwischen japanischen, deutschen und internationalen Gerichten lässt. Das ist täglich die fünfte Stunde, die als Schul- und Unterrichtszeit verpflichtend im Stundenplan steht. Eltern sind eingeladen, mit ihren Kindern zusammen zu essen, und die Lehrerschaft sitzt an einem eigenen Tisch daneben. Eine weitere Stunde täglich ist die sogenannte Lernzeit - die Kinder arbeiten unter lockerer Aufsicht an ihren Wochenplanaufgaben, die sie sich gegenseitig nachsehen und abzeichnen dürfen, wenn sie nicht Lehrer und Eltern bemühen wollen. Schön ist, dass diejenigen, die die Zeit effizient nutzen, ohne Hausaufgaben nach Hause kommen. 

Nach Unterrichtsende steht den Kindern die Bücherei offen, die es mit den meisten deutschen Stadtbüchereien durchaus aufnehmen kann. Computer und Internetanschluss sind vorhanden, Drucker dürfen genutzt werden, eine Spielecke mit Brettspielen gibt es und Zeitschriften für alle Altersstufen. Nicht wenige Kinder verabreden sich mit Klassenkameraden nach dem Unterricht in der Bücherei und lassen sich dort von den Eltern abholen. Gegenseitiges Vorlesen quer durch alle Klassenstufen scheint da genauso normal zu sein wie Eltern, die am eigenen Laptop arbeiten. Die Lernwerkstatt steht ebenfalls zur Verfügung - kostenlos können die Kinder bis um halb sechs abends betreut werden. Dort gibt es Spiele, Bücher, Bastel- und Malmaterial, einen großen Spielplatz und Einräder, Pedalos und wieder Projekte. Hier werden Tonfiguren gebaut, es wird gezimmert, gehämmert, mit Pappmaché gearbeitet und zusammen gesungen. Wer will, darf sich natürlich auch von hier aus in die Bücherei verabschieden.

Was macht Shizuka in der Freizeit? Montags sitzt sie in der Bücherei nach dem Schulunterricht und arbeitet an ihrem Projekt. Computer ohne Mama ist total cool, und sie arbeitet wirklich gut. Dienstags hat sie bis um halb fünf abends Schwimm-AG, damit ist der Tag gelaufen. Mittwochs geht es meist in die Bücherei (bis um kurz nach vier der Klavierunterricht an der Schule stattfindet), donnerstags hat sie früh Schule aus (schon um 14.00 Uhr) und will meistens auf den Spielplatz gehen. Und freitags will sie meistens auch in die Bücherei gehen. Freunde treffen, lesen, spielen, das ist einfach cool. Und wenn die Lehrer dabei rumhängen, stört das irgendwie nicht, denn die Lehrer hier sind in vielen Fällen die Eltern von den Klassenkameraden. Samstags ist keineswegs Wochenende, samstags trifft sich Shizuka im Aikido in der Schule mit anderen Eltern und Kindern oder geht im schuleigenen Schwimmbad schwimmen. Oder tritt mit dem Schulchor auf. Und sonntags sehen wir die Hälfte der Schulgemeinde wieder in der deutschen katholischen Gemeinde, auf dem Adventsbasar oder auf den wohnortnahen Spielplätzen. Das stört aber irgendwie gar nicht, denn die Leute trennen nicht zwischen Schule und Privatleben. Sie leben einfach. Und Shizuka genießt das. Alles nur Menschen, alles okay.

Und ansonsten? Nun, die Hausaufgabenproblematik hat sich nicht gelegt. Alles, was außerhalb der Schule an drögen Abschreibaufgaben vorliegt, ist pfui bäh und wird bestmöglich ignoriert. Aber Kinder wie Shizuka sind nicht selten an dieser Schule, die Lehrer kennen die Problematik - Hausaufgaben dürfen mündlich erledigt werden, dürfen ganz liegen bleiben, solange die Ergebnisse in der Klasse stimmen und der Lösungsweg klar ist. Alles ganz locker. Und Shizuka spielt mit den Klassenkameraden. Und mit den Klassenkameradinnen. Sie hat Kinder gefunden, die zwischen elf und sechs Jahren alt sind und genauso ticken wie sie, manche sogar noch etwas krasser. Alle sind wenigstens zweisprachig aufgewachsen, die meisten beherrschen drei oder vier Sprachen, haben bisher in zwei oder mehr Ländern gelebt. Das Ergebnis ist, dass sie morgens freudig aufsteht, mit einem Lachen zur Schule geht und abends nicht die Bücherei verlassen will. Nach Hause gehen ist doof, wenn die Schule der Lebensmittelpunkt ist. Und Schule ist Lebensraum, nicht Zeit, die man absitzen muss. Neulich sagte die groß gewordene Kleine zu mir: Mama, es ist egal, ob es Wochenende oder wochentags ist. Hier ist Schule genauso spaßig wie Freizeit.

Und die Noten, die Klassenarbeiten? Die sind gut. Die rangieren zwischen eins und vier, wobei letzteres eigentlich nur Englisch betrifft. Warum so schlecht? Weil die Kinder in Japanisch und Englisch in altersgemischten Kompetenzstufen unterrichtet werden. Shizuka ist scheinbar in einer muttersprachlichen Klasse gelandet, kann aber dank des fast nur mündlichen Englischunterrichts in Deutschland nicht schreiben. In Japanisch sitzt sie auch bei den Muttersprachlern, sehr zur Freude des zuvor skeptischen Papas, der seine kleine Japanerin lieber in einer japanischen Grundschule gesehen hätte.