Dienstag, 6. Juni 2017

Schwierige Gruppenzugehörigkeiten

Bei Shizuka ist die Sache seit einem guten Jahr völlig klar: Sie ist Deutsche und sie ist Japanerin. Und sie deutsche Freunde und japanische Freunde. Als Deutschjapanerin in Japan auf der Deutschen Schule fühlt sie sich am richtigen Platz, auch wenn die besten Freunde jetzt seit fast einem Jahr fehlen.

Bei der kleinen Schwester ist das etwas schwieriger. Die ist auch Deutschjapanerin. Die ist auch in Japan. Aber sie geht in einen japanischen Kindergarten. Dort hat sie ihre Freunde, die sie jeden Tag sieht. Ihre Freizeit verbringt sie aber an der Deutschen Schule mit Aikido, Klavierspielen und Taiko. Wie die große Schwester. Und sie hat dort auch gleichaltrige Freunde gefunden, die sie aber nur jeweils einmal wöchentlich sieht. Die kommen nach den Sommerferien in besagter Deutscher Schule in die erste Klasse. Und die gehen in den Kindergarten besagter Deutscher Schule.

Und dann gibt es da noch die Freundin. Die Freundin ist auch Deutschjapanerin, und die Freundin ging bisher zusammen mit der kleinen Schwester in den japanischen Kindergarten. Sie hat eine große Schwester an der Deutschen Schule und wird nach den Sommerferien den Kindergarten der Deutschen Schule besuchen. Die kleine Schwester wird die Freundin also nicht mehr täglich sehen. Die Freundin trainiert nicht Aikido. Sie spielt nicht Klavier. Und sie spielt auch nicht Taiko. Die kleine Schwester wird sie, wenn überhaupt, nur noch zufällig auf dem Schulhof treffen. Und das ist gemein. Denn eigentlich ist die Freundin doch genauso wie die Kleine Schwester: Ein deutschjapanisches Kind mit großer Schwester an der Deutschen Schule. Kompliziert.

Es kommt erschwerend dazu, dass die kleine Schwester ab April 2018 in Japan ebenfalls schulpflichtig ist. Das weiß sie auch, im Kindergarten wird heftig darüber diskutiert. Sie weiß auch schon, mit wem sie in die gleiche Schule gehen wird: Zwei Freundinnen, die gleich um die Ecke wohnen und auch besagten japanischen Kindergarten besuchen. Das ist mit Vorfreude verbunden, immerhin bleiben die drei kleinen Damen dann zusammen. Voraussichtlich. Und dann philosophierte die kleine Schwester los ...

Ich will eigentlich gar nicht in die japanische Schule gehen. Da muss ich ja Kanji lernen. Das ist doof. Und außerdem ist das Essen dort doof. Der Shizuka* hat das gar nicht geschmeckt. Außerdem gibt es immer so viele Hausaufgaben! Shizuka hatte in der Deutschen Schule in der Grundschule fast nie Hausaufgaben**. Mama, für Dich ist das doch auch praktisch, wenn Du uns beide Kinder morgens nur in eine Schule bringst, oder?

Dass die beiden Freundinnen in der japanischen Grundschule da sind, finde ich gut. Ich bin Japanerin, wie die. Ich will auf die japanische Grundschule gehen. Der ランドセル (Randoseru, japanischer Schulranzen aus Leder) sieht viel cooler aus als die albernen Schulranzen in Deutschland. Außerdem ist der kleiner, den kann ich viel leichter tragen. Die Schule ist außerdem gleich nebenan, da muss ich gar nicht so weit laufen wie die Shizuka. Ich darf da ja sowieso nicht mit dem Fahrrad hin fahren***. Und ich komme viel früher nach Hause, weil die Schule gar nicht bis zum drei oder um vier nachmittags geht! Da kann ich ja immer noch in die Deutsche Schule gehen für Klavier und Taiko und so.

Aber eigentlich ist das auch doof. Weil meine Freunde in der Deutschen Schulen doch alle schon in die erste Klasse kommen und sich jeden Tag sehen. Und vielleicht finden die das blöd, wenn ich noch im Kindergarten bin bis nächstes Jahr. Und dabei können die noch gar nicht lesen! Ich kann das schon. Obwohl ich noch in den Kindergarten gehe, und obwohl ich in einen japanischen Kindergarten gehe. Voll komisch. 

Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, wo ich dazugehöre. Irgendwie gehöre ich zu den japanischen Kindern vom Kindergarten. Aber ich gehöre doch auch zu der Deutschen Schule!

Mama, kann ich eigentlich zu beiden gehören? Die Kinder von der Deutschen Schule gehören doch nur zur Deutschen Schule, oder? 


An dieser Stelle hat sich Mama dann tatsächlich in den Monolog eingeschaltet. Denn natürlich können Kinder zu ganz unterschiedlichen Gruppen gehören, auch wenn das schwer zu verstehen ist. Und natürlich können sie alters- und klassenübergreifende Freundschaften pflegen. Auch wenn das nicht so üblich zu sein scheint. Bei Shizuka war das irgendwie einfacher in dem Alter, die hat sich weniger Gedanken gemacht und sich einfach über die Vielfalt im Freundeskreis gefreut, wie sie das auch heute noch tut. Die kleine Schwester denkt mehr darüber nach und sucht nach einer scheinbar vollständigen Zugehörigkeit. Wobei sie sich auch schon bewusst abgrenzt: In die Ballettgruppe, in der die meisten Mädchen ihrer Kindergartengruppe sind, will sie nicht gehen. Sie findet Ballett albern und will es einfach nicht machen, sie geht lieber bouldern. Da hat sie ihre Kindergartenfreunde und -freundinnen auch schon eingeladen. Aber nur ein Junge ist mal mitgekommen, und auch der nur einmal. In die Klavierschule, die die meisten Mädchen ihres Kindergartens gehen, will sie auch nicht wechseln. Denn das ist eine rein japanische Klavierschule. Sie lernt Lesen von Musik Deutsch und Japanisch, die Namen der Noten unterscheiden sich. Und sie genießt das auch, denn immerhin unterhält sie sich ja auch mit Freunden in beiden Sprachen über das Klavierspiel. Diesen Luxus bekommt sie nur in der Deutschen Schule, und das ist ihr durchaus bewusst. Wir sind erstmal gespannt, wie sich die kleine Schwester nach den Sommerferien in die neue Konstellation einfindet.


* Shizuka nutzte die frühen Sommerferien der Deutschen Schule letztes Jahr, um eine Woche lang die japanische Grundschule, in deren Einzugsbereich wir wohnen, zu besuchen. Sie hat die eine Woche genossen, fand sie aber auch anstrengend. Und das Essen war wirklich ganz anders als sie das kennt: In der Deutschen Schule gibt es ein Mittagsbuffet in der Mensa, wo sich alle Kinder einfach das nehmen, was sie mögen. Sehr salatreich, gemüselastig und immer mit Ramen und Udon als Alternative für diejenigen, die am Buffet nichts finden. Gezahlt wird das selbst zusammengestellte Mittagessen über ein Konto, das die Eltern mit ausreichend Yen versehen sollten. Große Freiheit also, und alle Kinder müssen ihre Allergien, Unverträglichkeiten und sonstige Probleme selbst managen. Klappt gut, soweit. Es werden beim Essen klassenübergreifende Freundschaften gepflegt, man scherzt mit den Lehrkräften, die einen eigenen Tisch in der Mensa haben, unterhält sich über die Theke hinweg mit dem Koch und dem Küchenpersonal, alles dreisprachig (Deutsch, Japanisch, Englisch). Eltern essen auch manchmal dort, und Geschwister können sich treffen. Hausaufgaben werden gemacht beim Essen, Klassenarbeiten und Referate besprochen. In der japanischen Grundschule wird das Essen von ein paar Kindern in den Klassenraum gebracht. Es gibt jeden Tag ein festes Menü. Die Lehrkraft isst mit den Kindern im Klassenraum, ermahnt sie zu guten Tischmanieren und sorgt dafür, dass alle ihre Portion aufessen. Die Klassenlehrkraft kennt die Allergien und Unverträglichkeiten der Kinder und muss dafür sorgen, dass jeder/jede nur isst, was er/sie verträgt. Alternativen gibt es nicht, es wird weggelassenen, was nicht geht. Und alles muss wenigstens probiert, ob es schmeckt oder nicht ist egal. Grundschule bis sechste Klasse, wohlgemerkt, nicht Kindergarten. Die Kinder sind also zwischen sechs und zwölf Jahre alt.

** Die Kinder sind angehalten, ihre Hausaufgaben in der täglich stattfindenden Dreiviertelstunde Lernzeit in der Schule selbstständig zu erledigen. Es sind Lehrkräfte im Raum anwesend, die bei Problemen helfen können und die die Kinder auch anregen, sich in dieser Zeit auf bevorstehende Klassenarbeiten vorzubereiten. Wer fertig ist, darf in die Bibliothek entschwinden, sich mit irgendetwas anderem ruhig beschäftigen oder mit Freunden reden. Nach Ermessen der Lehrkräfte dürfen die Kinder auch raus auf den Spielplatz der Schule gehen. Shizuka hat allerdings die Lernzeit grundsätzlich genutzt, um zu lesen, mit den Lehrkräften zu plaudern und ihren Ranzen zu sortieren, so dass sie durchaus öfters zu Hause etwas machen musste.

*** Die japanischen Grundschulen stellen keine Fahrradparkplätze für die Kinder zur Verfügung, die Kinder laufen morgens in fest organisierten Laufgruppen, die von den Eltern betreut werden. Begründung: Die Kinder können noch nicht selbständig im Straßenverkehr unterwegs sein, das ist zu gefährlich. Auch zu Fuß, deshalb muss die Eltern-Patrouille dabei sein. Mittags sieht jeder selbst zu, wie er oder sie nach Hause kommt. Mittage sind offenbar in Japan ungefährlicher als Morgen.

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