Mittwoch, 10. Juni 2015

Kleine Mädchen haben große Sorgen

Shizuka schaut mir regelmäßig über die Schulter, wenn ich meine E-Mails lese. Zu viele interessante Newsletter, Nachrichten von gemeinsamen Freunden aus aller Welt und witzige Grüße sind dabei. So auch heute morgen. Der Newsletter des Hebammen-für-Deutschland e. V. war da, voller Bilder von Babys und Schwangeren. Das allein fasziniert die meisten Grundschülerinnen ja schon, aber bei uns gibt es da noch eine besondere Komponente. Shizuka ist begleitende große Schwester, sie hat ihre kleine "Sis" schon behütet, besungen und gestreichelt, als diese noch im Bauch war. Unsere Hebamme war für die ganze Familie da, begleitete die Geburt in unserem Wohnzimmer ebenso wie das erste Jahr danach. Shizuka lernte, dass eine Hebamme nicht nur Kindern auf die Welt hilft, sondern auch für Pflege von Kindern und Müttern da ist, allerlei medizinisches Wissen auf dem Gebiet der Kinderheilkunde besitzt, Akupunktur und Fußreflexzonenmassage beherrscht und vieles mehr. Und sie hat erlebt, dass Schwangerschaften und Geburten keine Krankheiten sind, die unbedingt im OP behoben werden müssen, sondern eine ganz natürliche Sache. 

Nun las sie da (über meine Schulter), dass Babys in Deutschland künftig nach dem errechneten Geburtstermin nicht mehr zu Hause auf die Welt kommen dürfen, sondern die Mutter im Krankenhaus vorstellig werden darf. Sie fand es befremdlich. Die Begründung der Krankenkassen, dass das der Kostenoptimierung diene, fand sie noch komischer. Unsere Hebamme hatte uns die Kosten einer Hausgeburt ausgerechnet, sie war bei etwa 800 Euro herausgekommen. Dazu kamen 200 Euro für die Rufbereitschaft, die wir selbst gezahlt haben. Shizuka fragte nach: Krankenhaus. Da müssen Ärzte und Krankenschwestern bezahlt werden, die anwesenden Hebammen bekommen Geld, da sind Essenskosten und Reinigungsmittel und Bettgebühr und sonstwas dabei. Nun las sie weiter, dass im Krankenhaus 90 % der Geburten medizinisch interveniert werden, 30 % sogar im Kaiserschnitt enden, oft aus Gründen wie Schichtwechsel und Abrechnung mit Krankenkassen. Das geht mit noch mehr Ärzten, noch mehr medizinischem Gerät und noch längerem Aufenthalt im Krankenhaus einher. Das soll der Kostenoptimierung dienen? Wir tun uns alle schwer, das zu glauben.

Dazu kommt, dass der ET nicht genau berechnet werden kann. Ganz im Sinne der Natur braucht ein Baby eben doch mal eine Woche länger (oder auch eine Woche weniger), um "fertig" zu werden. Wissen wir alle. Wissen das die Krankenkassen nicht?

Und nun komme ich, Shizukas Mama, ins Spiel. In Deutschland hat jeder Mensch das Recht, körperlich und seelisch unversehrt zu bleiben.* Verletzungen dürfen nur dann zugefügt werden, wenn es medizinisch absolut unumgänglich ist. Das gilt für kleine wie für große Menschen. In Deutschland bestehen nun die Krankenkassen darauf, dass kleine Menschen künftig nicht mehr in entspannter Umgebung (zu Hause) zur Welt kommen dürfen, sondern in einem hochgradig keimbelasteten und stressassoziierten Umfeld. Dass der werdenden Mutter ohne medizinische Notwendigkeit, einfach nur als Vorsichtsmaßnahme, Kanülen gelegt werden (um im Notfall schneller eingreifen zu können - weil die Routine einer Kanüle auf dem Handrücken so lange dauert ...). Dass Kindern direkt nach der Geburt aus reiner medizinischer Neugier (Blutgruppenbestimmung, erste Untersuchungen auf Stoffwechselkrankheiten et cetera, nichts lebensnotwendiges) routinemäßig Blut entnommen wird. Klar, nur ein kleiner Piks. So, wie ein Ohrring für Mädchen auch nur ein kleiner Piks ist. Medizinisch nicht notwendig und in Deutschland als "Körperverletzung" verboten.** 

Shizukas Frage nach dem Lesen war: Mama, dürfen die das so einfach? 

Nein, ich hoffe nicht. Und daher meine Bitte: Schreibt einen Protestbrief oder eine Email an Eure Krankenkasse oder an den GKV Spitzenverband. Schaut bei MotherHood rein. Unterschreibt die Petition bei Change.org. Bitte. Es geht nicht nur darum, dass ein paar abgedrehte Weiber ihre Kinder zu Hause bekommen wollen. Es geht um das Menschenrecht, körperlich unversehrt das Licht der Welt erblicken zu dürfen, unabhängig von der Finanzlage irgendwelcher Krankenhäuser und der finanziellen Interessen von sogenannten Versicherungen.


*Die genaue Formulierung des Gesetzestextes ist mir derzeit nicht geläufig. Natürlich sind Gesetzestexte Auslegungssache. Mir wird nur ziemlich bang zumute, wenn ein Gesetz, das die körperliche Gesundheit und Unantastbarkeit ALLER Menschen plötzlich Gegenstand weitläufiger Interpretationen durch gewinnorientierte Unternehmen wird. Sicherlich findet sich der genaue Wortlaut der gesetzlichen Regelungen auf Change.org verlinkt.
** Eltern müssen ihre Unterschrift für Kinder unter 16 Jahre geben, und wenn das Kind in Frage das sechste Lebensjahr noch nicht vollendet hat, ergeht eine entsprechende Meldung an das zuständige Gesundheitsamt, das sich weitere Schritte vorbehält.

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