Freitag, 13. Februar 2015

Das geht nicht mehr weg

Manchmal muss man sich einfach fügen. Das fällt schwer, das dauert lange, und meistens kämpft man ganz lange mit sich selbst und gegen den Rest der Welt, um das zu vermeiden. Aber es gibt einfach Situationen, die sind, wie sie sind. Sachverhalte, die sich nicht ändern lassen. しょうがない。

Wir haben so eine Situation. Ich wollte das selbst lange nicht wahrhaben, aber ich denke, es ist an der Zeit, es zuzugeben: Da gibt es keine Lösung. Das ist einfach so. 

Worum es geht? Um Shizuka und ihre Unlust gegenüber Hausaufgaben. Shizuka hält jetzt schon im vierten Schuljahr Lehrkräfte und Pädagogen, Schulpsychologen, Berater/-innen und anderes Personal auf Trab, weil sie einfach keinen Bock auf Hausaufgaben hat. Also gar nicht so pauschal, aber manchmal. Oft. Zu oft. Sie hat Phasen, in denen sie wochenlang die Schulbücher und -hefte zu Hause nicht anrührt und auch stundenlanger Motivation von verschiedenster Seite nicht dazu zu bewegen ist. Ihr Argument: Papa darf seine Arbeit ja auch nicht mit nach Hause bringen, der soll alles im Büro erledigen und zu Hause für uns da sein. Schule ist Schule, zu Hause ist Spaß. Punktum.

Das gilt aber nicht immer für sie: Manchmal brennt sie geradezu darauf, zu Hause Mathe zu machen. Rechengeschichten, Zahlenrätsel - dergleichen liebt sie. Das arbeitet sie freiwillig ab, schießt oft genug über das Ziel hinaus. Sie liest sich in ihre Schulprojekte und ihre Themen so tief ein, dass sie vor lauter Informationen gar nicht mehr weiß, wie sie das alles zu Papier bringen soll. Sie macht die Hausaufgaben dann "mündlich" statt schriftlich, erzählt mir also ihren Text, und ich muss den für sie am Computer tippen oder ins Heft schreiben.* Prima, ich freu mich über jede Hausarbeit, die erledigt wird, egal wie.

Nun ist es aber so, dass Lehrkräfte regelmäßige (und nicht sporadische) Leistung fordern. Hausaufgaben sollen immer gemacht werden. Shizuka sieht das anders. Sie hatte schon die herrlichsten Diskussionen über die ungeliebten Aufgaben, oft genug vor der gesamten Klasse. Als sie ihrer Mathelehrerin noch in Deutschland einmal ins Gesicht sagte, dass sie so langweilige Aufgaben aus Prinzip nicht erledigte ("Das ist total sinnlos! Sie wissen, dass ich das kann, ich weiß, dass ich das kann. Wozu muss ich das aufschreiben? Sie predigen uns Umweltschutz und Müllvermeidung! Das ist Papierverschwendung, ich mach das nicht."), eskalierte die Situation und Mama bekam einen Rüffel. So extrem haben wir das nun nach dem Schulwechsel nicht mehr erlebt, aber wirklich gebessert hat sich die Situation nicht. Aus der Papierverschwendung wurde dank der Erlaubnis, alles mündlich zu machen, eine Zeitverschwendung, und das kommuniziert Shizuka auch genau so. Für mich ist das nervenaufreibend, für die Lehrkräfte ist es ärgerlich. 

Neu ist allerdings seit dem letzten Ortswechsel, dass ich als Mutter in der Schule unterstützt und nicht ausgeschimpft werden. In Deutschland hieß es noch: Frau Weber, Sie müssen aber ... Ihre Tochter muss ... Sie müssen ihr beibringen ... 
Hier heißt es: Frau Weber, wir schaffen das zusammen. Machen Sie sich keine Sorgen, wir kriegen das hin.
Nun ja, so hieß es. Inzwischen zeichnet sich ab, dass wir es nicht hinkriegen. Und ich bin eine Ketzerin, ich will es nämlich gar nicht mehr hinkriegen. Daran hat eine ganz besondere Dame zumindest Mitschuld, die hier in Krisensituationen für die Kinder und die Eltern da ist und die mir eine einzige, sehr dämliche Frage stellte: Warum? 

Es handelt sich hier um eine Lehrkraft meiner Tochter, wohlgemerkt. Ich könnte sie knutschen für diese kindlich-naive Frage, auf die wir alle irgendwie keine zufriedenstellende Antwort finden. Warum müssen Kinder Sachen tun, die ihnen zuwider sind? Warum sollen sie in einer Art und Weise handeln, die ihren ganzen Grundsätzen widerspricht, die allem, was wir ihnen beibringen, entgegen läuft? Warum müssen sich Kinder über Leistungen definieren, werden für Bemühen, Fortschritte und Noten gelobt, aber nicht für die Freude, die sie am Leben haben? Warum müssen alle immer das gleiche machen, möglichst zur gleichen Zeit und mit dem gleichen Ergebnis? Warum müssen sich Menschen der Gesellschaft anpassen, warum passen wir nicht einfach das System "Schule" den darin befindlichen Menschen an?

Und so akzeptiere ich einfach, was ist: Shizuka macht nicht alles, was sie soll, sondern entscheidet mit ihrem großen Herzen und ihrem noch viel größeren Verstand, was für sie sinnvoll ist. Denn manche Kinder entscheiden einfach, dass sie sich selbst "erziehen" und nichts auf die erwachsenen Ratgeber gibt, die die Gesellschaft ihnen an die Seite stellt - sagte mir jene Dame, die wohl schon öfter kleinen Freigeistern zur Seite stehen musste. 

Shizuka darf einfach sein, wer, was und wie sie ist. Sie muss sich selbst und anderen nicht beweisen, was sie kann und was nicht, hat sie beschlossen. Und ich komme gegen diesen Entschluss nicht an. Ganz rational muss ich zugeben, dass sie damit Recht hat. Ich will gar nicht mehr dagegen argumentieren, denn ich glaube nicht an das, was ich ihr da jahrelang erzählt habe.** In diesem Sinne: Willkommen im neuen Leben mit einer entspannteren Mama, mein Wunderkind! (Und danke für diese Lektion, die mich so viele schlaflose Nächte gekostet hat zu lernen.)

Nun ist die Geschichte hier aber noch nicht zu Ende. Ich werde weiterhin Literatur zum Thema verschlingen, um Shizuka besser zu verstehen. Aber auch, um Argumente gegenüber den künftig vermutlich nicht einsichtigeren Lehrkräften zu haben. Um Shizuka helfen zu können, ihr Leben auf ihre Weise zu meistern. Sie hat es verdient, dass sie zeigen darf, was sie kann und will - auf ihre Weise. 

Und ich gebe zu: Auch für mich ist damit noch ein gutes Stück Denkarbeit verbunden. Für mich war immer klar, dass das, was von Autoritätspersonen wie Lehrkräften verlangt wird, gemacht werden muss. Mir war als Schulkind durchaus klar, dass das Aufschreiben von Ergebnissen, die ich kenne, blödsinnig ist, und ich habe manche schwere Stunde damit verbracht, über die Verschwendung von Papier, Stiften und anderen Ressourcen nachzudenken. Wie viel Müll könnte man vermeiden, wie viele Bäume retten, wenn Schulhefte und -bücher nicht hergestellt würden? Wenn statt dessen nur das verwendet würde, was wirklich und tatsächlich sinnstiftend eingesetzt wird? Ich habe es irgendwann sogar mal ausgerechnet. Inklusive der Zahl der Arbeitslosen, die aufgrund der einbrechenden Schulbuch- und -hefteindustrie anderweitig in Lohn und Brot stehen müssten. Das habe ich aber nur für mich gemacht, das war Kopfkino, sozusagen. Meine ganz private Utopie: "Was wäre, wenn ..." Ich hätte mich nie, nie, niemals getraut, derartige Überlegungen gegenüber Autoritätspersonen zur Sprache zu bringen. Mein Weltbild bedarf jetzt einer dringenden Überarbeitung, denn das Kind in mir hat dank der Rebellion meiner Tochter erkannt, dass es die ganze Zeit über Recht hatte und die Erwachsenen (ich schließe mich Erwachsene da ein) irgendwie schief gewickelt sind - und dass man das auch sagen darf. Letzteres ist wohl die größte Revolution für mich. Du bist anders, Du denkst anders, und das darfst Du. 

Tut gut. Mir zumindest.





*"Mama, Du hast eine Sauklaue!" heißt es dann allzu oft. Ich will gar nicht wissen, was ihre Lehrer/-innen denken, wenn meine Handschrift überall in ihren Heften und Büchern ist ...

** Wie ist das bei Lehrern, Lehrerinnen, Pädagogen, Psychologen? Glauben die wirklich daran, tief in ihrem Inneren, dass alles stimmt, was sie sagen? Dass alle Kinder wirklich immer die Hausaufgaben machen müssen, die sie aufbekommen, weil sie sonst nicht lernen können? Ich bin eine Ketzerin, wie gesagt. Ich behaupte einfach mal, dass das in den meisten Fällen nicht so ist. Dass Erwachsene viel zu oft unreflektiert nachlabern, was sie irgendwann einmal selbst von unreflektiert labernden Erwachsenen gesagt bekommen haben. Und ich behaupte, dass diese unsere Welt eine andere, bessere wäre, wenn nicht so viele Menschen immer unreflektiert nachlabern würden, was ihnen andere mal irgendwann erzählt haben. In allen Belangen. Nicht nur in Sachen Kinder und Schule. 

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