Donnerstag, 12. Februar 2015

Gecko, Eidechse, Salamander oder Molch?

Wir haben das Glück, nahe an einem Park zu wohnen, den wir jeden Nachmittag auf dem Heimweg von der Schule durchqueren. Da sind manchmal ganz seltsame Tiere zu sehen, und vor etwa einer Woche war es wieder so weit: Auf der Bordsteinkante der Fußgängerbrücke, die in den Park hineinführt, saß ein kleines, dunkles Reptil mit silbern glänzenden Knopfaugen. Das Tierchen war etwa so lang wie die Diagonale meines iPhones, inklusive Schwanz. Scheu war es nicht, es ließ sich ganz einfach fotografieren. Und es schaute uns sehr neugierig an.

ニホンヤモリ


Wir rätselten, was das sein könnte. Kleine harte Erhöhungen an Schwanz und Rücken ließen das Tierchen wie einen Drachen erscheinen, Zähne hat es aber nicht. Keine Schuppen, sondern eher glatte Haut. Da der Kopf im Verhältnis zum Körper sehr groß ausfällt, handelt es sich vermutlich um ein Jungtier. Die Haut schien trocken zu sein, samtig, allem Anschein nach. Einzelne hellere Flecken zogen sich vom Kopf bis zum Schwanz, die Regelmäßigkeit derselben deutet darauf hin, dass es sich um das natürliche Muster der Haut handelt, nicht etwa um Narben. Die Füße haben breite Zehen, die Unterseite ist mit Lamellen bedeckt. Und der Schwanz läuft spitz aus, nicht breit.

Da im Park und in der unmittelbaren Umgebung zwei sehr fette, verwilderte Katzen herumstreunen, die nahrungstechnisch nicht allzu wählerisch zu sein scheinen, hab ich das Tierchen vorsichtig mit einem Taschentuchpäckchen in die trockene, warme Erde gescheucht. Es war schon später Nachmittag und wurde auf dem hellen Bordstein recht kühl, so dass die Beweglichkeit der kleinen Echse arg eingeschränkt war. Auf dem Erdreich schien mir das Tierchen zumindest farblich getarnt etwas sicherer zu sein. Dabei zeigte sich, dass der reptile Zwerg außerordentlichen Mut hat: Wollte doch tatsächlich das sehr viel größere Taschentuchpäckchen angreifen und fauchte ganz ordentlich! Ich war beeindruckt, und mein Naturkind Nummer Eins war es auch. Nummer zwei verschlief den Vorfall im Fahrradsitz - mal wieder.

Zu Hause versuchten wir mithilfe der Fotos und Google herauszufinden*, wie das Tierchen heißt. Wir waren erfolglos. Immerhin konnten wir es zuordnen: ein Gecko. Es ist keine Eidechse, denn die haben spitze Krallen an den dünn auslaufenden Zehen und tragen Schuppen. Den Salamander konnten wir ebenfalls ausschließen, die hier lebenden Tiere haben dicke Schwänze, die sie wohl im Wasser zum Schwimmen benutzen. Molche mit ihrer sehr feuchten Haut kommen auch nicht in Frage. Unter トカゲ fanden wir dann Bilder, die immerhin in der Körperform unserem Tier ähnlich sahen, wenn auch die Färbung der Haut und die Größe abwichen. Am Wochenende klärte eine einheimische Freundin uns auf: Wir hatten ein vermutlich nicht ganz, aber fast ausgewachsenes Tier der Art ヤモリ fotografiert, eine selten gewordene Geckoart, die bevorzugt in Gemäuern und Ritzen lebt, manchmal auch in alten Häusern, und die angeblich keine Fressfeinde hat. Wir sollten uns glücklich schätzen, so ein seltenes Tier so nah gesehen zu haben, sagte sie - und ihre Tochter Mika schaute verliebt auf die Fotos. Ob sie uns mal besuchen und das Tier ansehen könnte, wollte sie wissen. Währenddessen erzählte ihre Mama uns, dass sie Geckos abstoßend findet. Sie verbrachte ihre Kindheit in einem alten Haus in eher ländlicher Gegend, und eine ihrer frühesten Erinnerung ist die an einen Gecko, der vor ihr von außen auf die Fensterscheibe sprang und daran herauflief. Unnötig zu erwähnen, dass die Kinder während der Erzählung fasziniert an ihren Lippen hingen.



Ich bin gespannt, ob wir den kleinen Gecko wiedersehen. 


An Hausaufgaben war an diesem Tag übrigens nicht mehr zu denken, zu spannend war die Internetsuche nach unserem Tierchen, dessen Namen wir suchten. Da aber Medienkompetenz zu den hier vermittelten Fähigkeiten gehört, war mir das an dem Tag mal einfach egal - immerhin haben wir Naturkundeunterricht mit lebendem Anschauungsmaterial gemacht und das ganze mit einer selbständigen Recherche verbunden. Es war ein Gecko Japonicus, den wir da gesehen haben. Und da soll noch einmal jemand sagen, Latein sei heutzutage unwichtig ...

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