Samstag, 21. Februar 2015

Seelenpflege

Es wird Frühling. Die ersten im November liebevoll gesetzten Krokusse blühen im Garten (Ende Februar, unglaublich), Narzissen und Tulpen und Lilien sprießen. Wunderkind Nummer Zwo hüpft fröhlich herum und jault herzzerreißend さいた さいた チュリップ の 花 が 。。。

Passend zum angenehm sonnigen und warmen Wetter haben wir den größten Teil des heutigen Tages im Freien verbracht, nach dem Aikido-Training* im Schulhof gepicknickt, sind Fahrrad und Rollschuhe gefahren, Dosenstelzen gelaufen und haben Ball gespielt. Da die Schule am Wochenende Treffpunkt aller erholungssüchtigen Eltern und Kinder ist, waren wir nicht alleine, und wir haben es genossen.** 

Und während nun meine Nummer Eins Mathehausaufgaben erledigt, habe ich mir seit langem wieder einmal meinen MP3-Player herausgesucht und eingestöpselt (Danke, Bruderherz!). Zuerst Paddy goes to Holyhead, saftig-fetzige Stücke aus den Mitt-1990ern, mit etwas Fidel dabei und viel Gitarre. Ich muss wohl mitgesungen haben beim Sashimi Zubereiten, denn plötzlich tönte ein "Mama, Du störst!" aus dem offenen Wohnzimmer. Okay, Töchterchens Geometrie war gestört. Dann eben leiser. Kurz danach dann ein interessierter Blick: "Was singst Du da von Muffins?" Ich bekam kurzerhand Zirkel und Geodreieck in die Hand gedrückt, die Ohrstöpsel war ich los, und mein 8jähriger Zwerg fetzte zu "Red Rasta" durch's Wohnzimmer. Die erste Kinderdisco in Japan, und dann auch noch zu (sagen wir es freundlich) geschmackvolleren Sachen als dem gewohnten Rolf Zuckowski. Die Kleine ging ziemlich ab. "Civil War" fand dagegen weniger Begeisterung "Das fetzt, aber ich find das in der Ukraine gerade zu traurig, da will ich keine Musik drüber hören." Mit den Auseinandersetzungen in Irland konnte sie nicht viel anfangen, Geschichtsunterricht gibt es in der Grundschule noch nicht, und in Englisch wird das nicht angesprochen. Einverstanden - muss ich dann wohl irgendwann selbst übernehmen. Wer Paddy hört, sollte wissen, was er/sie hört.

Nach kurzer Pause und Begutachtung der kolorierten Geometrien im Matheblock ging es zurück in die Küche, diesmal mit Rosenstolz. Klar, ist nicht ganz kinderfreundlich - aber hey: Ohrstöpsel. Ich dachte, das reicht. Nein. "Mama, LATEIN!?" Öhem, ja. Amor Vitam. Die Stöpsel wurden wieder weitergereicht, Kind sang mit. "Die singt voll cool! Und der Kerl, Schokolade!" Ich nehme mal an, dass sie sich auf die Stimme bezog, so kurz vorm Abendessen. Nachdem ich erst gestern in der Schule im Rahmen eines Vortrags darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Sprachen nicht nur zum Sprechen gut sind, sondern für viel mehr taugen, kam das nun nicht ganz unerwartet. Es diskutiert gerade gefühlt ganz Deutschland über Sinn und Unsinn von Latein und Altgriechisch in der Schule. Ich will an dieser Stelle erwähnen, was ich gestern schon vertreten habe: Allein als Fremdsprache mag es für Kinder heute sehr unsinnig sein, tote Sprachen zu lernen. Sie werden schlicht nicht gebraucht. Aber Latein ist nicht Sprache. Latein ist eine Wundertüte (Altgriechisch genauso). Es geht nicht darum, die Sprache zu lernen - die ist eigentlich nebensächlich. Das ist stures, stupides Auswendiglernen von Grammatik und Vokabeln, vieles davon schult das logische Denken, aber nicht viel mehr. Das, was dabei wirklich wichtig ist, ist das drumherum. Latein ist Kultur, Sachunterricht in gewissem Sinn. Denn in welchem anderen Fach sonst könnten junge Menschen Archäologie entdecken, Mythologie kennenlernen, sich mit der europäischen Geschichte auseinandersetzen und amüsante Missverständnisse über "Germanien" lesen? Liebesgedichte, die Biologie zum Hintergrund haben, Philosophie und Staatskunde - Latein ist nicht Sprache, sondern ein Einstieg in interdisziplinäres Arbeiten. Und deshalb finde ich es wichtig, dass es weiterhin an Schulen gelehrt wird. Gerne auf freiwilliger Basis, aber es sollte gelehrt werden. Es erschließt Kindern so viele neue Möglichkeiten, zeigt ihnen Wege, zu ihrer Identität als Europäer zu finden, und hinter jeden neuen Buchseite öffnen sich neue Türen in unbekannte Welten. Latein weckt Forscherdrang und macht neugierig, wirft mehr Fragen auf, als es beantworten kann, und ja: Man kann durchaus über Roma B I zur Vulkanologie kommen. Mir ist bewusst, dass andere Schulfächer auch das Potential dazu haben. Dank dem überladenen deutschen Lehrplan der einzelnen Länder bleibt es aber beim Potential, und zwar bei ungenutztem Potential. Für Lateinunterricht steht Latein auf dem Lehrplan und lässt den Lehrkräften die Freiheit, die Kinder mit allen möglichen Extras für Sprache und Unterricht zu begeistern. Es hängt allerdings auch hier (Wo nicht?) unglaublich viel an der Persönlichkeit und Arbeitsweise der Lehrkraft. Aus meinem eigenen Erfahrungsschatz heraus wage ich zu behaupten, dass Altgriechisch, Hebräisch in gleicher Weise funktionieren.



* Auch das verbuche ich unter Seelenpflege. Bevor ich Kinder hatte, habe ich leidenschaftlich verschiedene Kampfsportarten trainiert. Es gibt so einiges, was während der Schwangerschaft oder mit Stillkindern eben doch nicht geht ... Meine Samstag Morgende sind mir seit November heilig, denn die gehören dem Sport und mir.
** Auf dem Heimweg beehrte uns auch wieder der kleine Eisvogel im Park, mit der üblichen Traube fotografierender Japaner rundherum. Vogelfotografie schein hier ein rein männliches Hobby zu sein, und zudem noch auf Menschen im Rentenalter reduziert. Eigenartig.

Montag, 16. Februar 2015

Alte Bekannte

Am Samstag haben wir ihn wieder getroffen, den Eisvogel. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich der gleiche Vogel war - die Färbung schien mir jedenfalls gleich zu sein wie bei dem gefiederten Kollegen, der uns vor einigen Wochen im Park bereits begegnete. Diesmal war es früher Mittag, gegen 12.15, Uhr, als wir mit klappernden Fahrrädern auf dem Heimweg vom Aikido-Training durch den Park fuhren. Eine Gruppe Japaner mit Fotoapparaten, die größer war als sie selbst, belagerte den kleinen Wasserlauf und hatte unglaublich große Objektive auf die kahlen Äste eines Baums am anderen Ufer des Bächleins gerichtet. Shizuka entdeckte den kleinen Piepmatz zuerst: Mama, was ist das für ein Vogel? Die Sache war schnell klar, es handelte sich um カワセミ, einen Eisvogel. Kaum zu Hause, schauten wir im Internet nach und verifizierten das, sehr zur Freude der beiden kleinen Cousinen, die zu Besuch waren und in den Reisfeldern von Saitama zwar einiges an Viehzeug sehen, aber keinen カワセミ.

Ein weiteres Aha-Erlebnis hatten wir am Nachmittag: Shizuka interessiert sich in großem Maß für Paläontologie und Archäologie. Die geographischen Gegebenheiten sind nicht so interessant wie das, was ausgebuddelt wird. Vor einigen Jahren hatten wir bereits eine Ausgrabungsstätte mit Yayoi-zeitlichen Relikten in der Nähe von Shizuoka mit ihr besucht. Nun fanden wir in einem anderen Park zwischen unserem Heim und dem Bahnhof Center-Kita eine Jômon-zeitliche Ausgrabungsstätte, die touristenwirksam ausgebaut ist. Rekonstruktionen von verschiedenen Häusern können innen und außen besichtigt werden, eine in Zement ausgegossene Ausgrabungsgrube lädt zum Turnen und Klettern ein, ein metallenes Modell des hier gefundenen Dorfes kann kletternd erkundet werden. Hier also wieder altbekanntes, diesmal wohnortnah und hübsch aufbereitet - die Kinder waren begeistert. Besonders in den Wohnhäusern, die halb in der Erde versenkt sind und außen wie ein halbwegs regelmäßiger Kegel aus Stroh aussehen: Mama, hier drin ist es besser wärmeisoliert als in unserem Haus. Können wir die japanische Baufirma mal hierher schicken, dass die das lernen?*

Am Sonntag dann ein ganz besonderes Schmankerl: Wir waren in der Kletterhalle. Nicht nur Shizuka, sondern auch ihre kleine Schwester lieben körperliche Ertüchtigung jeglicher Art, und je mehr Mama die Manschetten gehen, desto besser. Big Rock Free Climbing in Hiyoshi versprach Spaß und hielt das Versprechen. Die Anreise ist eine Katastrophe für Leute ohne Auto und mit kleinen Kindern, aber ansonsten waren wir positiv überrascht. Die Einrichtung kommt den uns aus Deutschland bekannten Kletterhallen relativ nahe, wenn man von fehlenden Duschen und Sauna mal absieht. Es gibt großzügige Umkleidebereiche, separate Toiletten, Regale für Gepäck, Schließfächer für Wertsachen, Klettergelegenheiten für Vorstieg und Toprope, eine Selbstsicherungswinde und einen großzügigen Boulderbereich, der sogar nach Schwierigkeitsgrad ausgezeichnete Routen geschraubt hatte. Als für Shizuka besonders herausfordernd stellte sich die Wandgestaltung heraus: Mein kleiner Gecko ist an die deutschen, rau beschichteten Wände gewohnt, und braucht nicht unbedingt Klettergriffe für die Füße - sie läuft oft einfach die Wand hoch, während sie mit den Händen "richtig" klettert. Das war hier mangels Beschichtung nicht möglich, die Holzplatten sind glatt wie Schmierseife. Hat trotzdem gut getan, und wir werden sicher noch öfters dort sein. Big Rock kann ich empfehlen.

Alles in allem war das Wochenende also recht entspannt und ganz der Freizeitgestaltung gewidmet, nach den in den letzten beiden Wochen absolvierten Klassenarbeiten, Online-Diagnosen, Lernzielkontrollen, Projektheften und -bauten war das eine echte Erleichterung. Trotz eines akrobatischen Unfalls in der Kletterhalle, der für Shizuka mit einem aufgeschürften Gesicht und Nasenbluten (nichts gebrochen, zum Glück) endete, war es ein gelungenes Wochenende.



* Die Wetterlage war leicht stürmisch - klar, dass unterirdische Behausungen weniger Wind reinlassen als überirdische mit Lüftungsschächten und metallenen Fensterrahmen ohne Isolierschicht ...

Freitag, 13. Februar 2015

Das geht nicht mehr weg

Manchmal muss man sich einfach fügen. Das fällt schwer, das dauert lange, und meistens kämpft man ganz lange mit sich selbst und gegen den Rest der Welt, um das zu vermeiden. Aber es gibt einfach Situationen, die sind, wie sie sind. Sachverhalte, die sich nicht ändern lassen. しょうがない。

Wir haben so eine Situation. Ich wollte das selbst lange nicht wahrhaben, aber ich denke, es ist an der Zeit, es zuzugeben: Da gibt es keine Lösung. Das ist einfach so. 

Worum es geht? Um Shizuka und ihre Unlust gegenüber Hausaufgaben. Shizuka hält jetzt schon im vierten Schuljahr Lehrkräfte und Pädagogen, Schulpsychologen, Berater/-innen und anderes Personal auf Trab, weil sie einfach keinen Bock auf Hausaufgaben hat. Also gar nicht so pauschal, aber manchmal. Oft. Zu oft. Sie hat Phasen, in denen sie wochenlang die Schulbücher und -hefte zu Hause nicht anrührt und auch stundenlanger Motivation von verschiedenster Seite nicht dazu zu bewegen ist. Ihr Argument: Papa darf seine Arbeit ja auch nicht mit nach Hause bringen, der soll alles im Büro erledigen und zu Hause für uns da sein. Schule ist Schule, zu Hause ist Spaß. Punktum.

Das gilt aber nicht immer für sie: Manchmal brennt sie geradezu darauf, zu Hause Mathe zu machen. Rechengeschichten, Zahlenrätsel - dergleichen liebt sie. Das arbeitet sie freiwillig ab, schießt oft genug über das Ziel hinaus. Sie liest sich in ihre Schulprojekte und ihre Themen so tief ein, dass sie vor lauter Informationen gar nicht mehr weiß, wie sie das alles zu Papier bringen soll. Sie macht die Hausaufgaben dann "mündlich" statt schriftlich, erzählt mir also ihren Text, und ich muss den für sie am Computer tippen oder ins Heft schreiben.* Prima, ich freu mich über jede Hausarbeit, die erledigt wird, egal wie.

Nun ist es aber so, dass Lehrkräfte regelmäßige (und nicht sporadische) Leistung fordern. Hausaufgaben sollen immer gemacht werden. Shizuka sieht das anders. Sie hatte schon die herrlichsten Diskussionen über die ungeliebten Aufgaben, oft genug vor der gesamten Klasse. Als sie ihrer Mathelehrerin noch in Deutschland einmal ins Gesicht sagte, dass sie so langweilige Aufgaben aus Prinzip nicht erledigte ("Das ist total sinnlos! Sie wissen, dass ich das kann, ich weiß, dass ich das kann. Wozu muss ich das aufschreiben? Sie predigen uns Umweltschutz und Müllvermeidung! Das ist Papierverschwendung, ich mach das nicht."), eskalierte die Situation und Mama bekam einen Rüffel. So extrem haben wir das nun nach dem Schulwechsel nicht mehr erlebt, aber wirklich gebessert hat sich die Situation nicht. Aus der Papierverschwendung wurde dank der Erlaubnis, alles mündlich zu machen, eine Zeitverschwendung, und das kommuniziert Shizuka auch genau so. Für mich ist das nervenaufreibend, für die Lehrkräfte ist es ärgerlich. 

Neu ist allerdings seit dem letzten Ortswechsel, dass ich als Mutter in der Schule unterstützt und nicht ausgeschimpft werden. In Deutschland hieß es noch: Frau Weber, Sie müssen aber ... Ihre Tochter muss ... Sie müssen ihr beibringen ... 
Hier heißt es: Frau Weber, wir schaffen das zusammen. Machen Sie sich keine Sorgen, wir kriegen das hin.
Nun ja, so hieß es. Inzwischen zeichnet sich ab, dass wir es nicht hinkriegen. Und ich bin eine Ketzerin, ich will es nämlich gar nicht mehr hinkriegen. Daran hat eine ganz besondere Dame zumindest Mitschuld, die hier in Krisensituationen für die Kinder und die Eltern da ist und die mir eine einzige, sehr dämliche Frage stellte: Warum? 

Es handelt sich hier um eine Lehrkraft meiner Tochter, wohlgemerkt. Ich könnte sie knutschen für diese kindlich-naive Frage, auf die wir alle irgendwie keine zufriedenstellende Antwort finden. Warum müssen Kinder Sachen tun, die ihnen zuwider sind? Warum sollen sie in einer Art und Weise handeln, die ihren ganzen Grundsätzen widerspricht, die allem, was wir ihnen beibringen, entgegen läuft? Warum müssen sich Kinder über Leistungen definieren, werden für Bemühen, Fortschritte und Noten gelobt, aber nicht für die Freude, die sie am Leben haben? Warum müssen alle immer das gleiche machen, möglichst zur gleichen Zeit und mit dem gleichen Ergebnis? Warum müssen sich Menschen der Gesellschaft anpassen, warum passen wir nicht einfach das System "Schule" den darin befindlichen Menschen an?

Und so akzeptiere ich einfach, was ist: Shizuka macht nicht alles, was sie soll, sondern entscheidet mit ihrem großen Herzen und ihrem noch viel größeren Verstand, was für sie sinnvoll ist. Denn manche Kinder entscheiden einfach, dass sie sich selbst "erziehen" und nichts auf die erwachsenen Ratgeber gibt, die die Gesellschaft ihnen an die Seite stellt - sagte mir jene Dame, die wohl schon öfter kleinen Freigeistern zur Seite stehen musste. 

Shizuka darf einfach sein, wer, was und wie sie ist. Sie muss sich selbst und anderen nicht beweisen, was sie kann und was nicht, hat sie beschlossen. Und ich komme gegen diesen Entschluss nicht an. Ganz rational muss ich zugeben, dass sie damit Recht hat. Ich will gar nicht mehr dagegen argumentieren, denn ich glaube nicht an das, was ich ihr da jahrelang erzählt habe.** In diesem Sinne: Willkommen im neuen Leben mit einer entspannteren Mama, mein Wunderkind! (Und danke für diese Lektion, die mich so viele schlaflose Nächte gekostet hat zu lernen.)

Nun ist die Geschichte hier aber noch nicht zu Ende. Ich werde weiterhin Literatur zum Thema verschlingen, um Shizuka besser zu verstehen. Aber auch, um Argumente gegenüber den künftig vermutlich nicht einsichtigeren Lehrkräften zu haben. Um Shizuka helfen zu können, ihr Leben auf ihre Weise zu meistern. Sie hat es verdient, dass sie zeigen darf, was sie kann und will - auf ihre Weise. 

Und ich gebe zu: Auch für mich ist damit noch ein gutes Stück Denkarbeit verbunden. Für mich war immer klar, dass das, was von Autoritätspersonen wie Lehrkräften verlangt wird, gemacht werden muss. Mir war als Schulkind durchaus klar, dass das Aufschreiben von Ergebnissen, die ich kenne, blödsinnig ist, und ich habe manche schwere Stunde damit verbracht, über die Verschwendung von Papier, Stiften und anderen Ressourcen nachzudenken. Wie viel Müll könnte man vermeiden, wie viele Bäume retten, wenn Schulhefte und -bücher nicht hergestellt würden? Wenn statt dessen nur das verwendet würde, was wirklich und tatsächlich sinnstiftend eingesetzt wird? Ich habe es irgendwann sogar mal ausgerechnet. Inklusive der Zahl der Arbeitslosen, die aufgrund der einbrechenden Schulbuch- und -hefteindustrie anderweitig in Lohn und Brot stehen müssten. Das habe ich aber nur für mich gemacht, das war Kopfkino, sozusagen. Meine ganz private Utopie: "Was wäre, wenn ..." Ich hätte mich nie, nie, niemals getraut, derartige Überlegungen gegenüber Autoritätspersonen zur Sprache zu bringen. Mein Weltbild bedarf jetzt einer dringenden Überarbeitung, denn das Kind in mir hat dank der Rebellion meiner Tochter erkannt, dass es die ganze Zeit über Recht hatte und die Erwachsenen (ich schließe mich Erwachsene da ein) irgendwie schief gewickelt sind - und dass man das auch sagen darf. Letzteres ist wohl die größte Revolution für mich. Du bist anders, Du denkst anders, und das darfst Du. 

Tut gut. Mir zumindest.





*"Mama, Du hast eine Sauklaue!" heißt es dann allzu oft. Ich will gar nicht wissen, was ihre Lehrer/-innen denken, wenn meine Handschrift überall in ihren Heften und Büchern ist ...

** Wie ist das bei Lehrern, Lehrerinnen, Pädagogen, Psychologen? Glauben die wirklich daran, tief in ihrem Inneren, dass alles stimmt, was sie sagen? Dass alle Kinder wirklich immer die Hausaufgaben machen müssen, die sie aufbekommen, weil sie sonst nicht lernen können? Ich bin eine Ketzerin, wie gesagt. Ich behaupte einfach mal, dass das in den meisten Fällen nicht so ist. Dass Erwachsene viel zu oft unreflektiert nachlabern, was sie irgendwann einmal selbst von unreflektiert labernden Erwachsenen gesagt bekommen haben. Und ich behaupte, dass diese unsere Welt eine andere, bessere wäre, wenn nicht so viele Menschen immer unreflektiert nachlabern würden, was ihnen andere mal irgendwann erzählt haben. In allen Belangen. Nicht nur in Sachen Kinder und Schule. 

Donnerstag, 12. Februar 2015

Gecko, Eidechse, Salamander oder Molch?

Wir haben das Glück, nahe an einem Park zu wohnen, den wir jeden Nachmittag auf dem Heimweg von der Schule durchqueren. Da sind manchmal ganz seltsame Tiere zu sehen, und vor etwa einer Woche war es wieder so weit: Auf der Bordsteinkante der Fußgängerbrücke, die in den Park hineinführt, saß ein kleines, dunkles Reptil mit silbern glänzenden Knopfaugen. Das Tierchen war etwa so lang wie die Diagonale meines iPhones, inklusive Schwanz. Scheu war es nicht, es ließ sich ganz einfach fotografieren. Und es schaute uns sehr neugierig an.

ニホンヤモリ


Wir rätselten, was das sein könnte. Kleine harte Erhöhungen an Schwanz und Rücken ließen das Tierchen wie einen Drachen erscheinen, Zähne hat es aber nicht. Keine Schuppen, sondern eher glatte Haut. Da der Kopf im Verhältnis zum Körper sehr groß ausfällt, handelt es sich vermutlich um ein Jungtier. Die Haut schien trocken zu sein, samtig, allem Anschein nach. Einzelne hellere Flecken zogen sich vom Kopf bis zum Schwanz, die Regelmäßigkeit derselben deutet darauf hin, dass es sich um das natürliche Muster der Haut handelt, nicht etwa um Narben. Die Füße haben breite Zehen, die Unterseite ist mit Lamellen bedeckt. Und der Schwanz läuft spitz aus, nicht breit.

Da im Park und in der unmittelbaren Umgebung zwei sehr fette, verwilderte Katzen herumstreunen, die nahrungstechnisch nicht allzu wählerisch zu sein scheinen, hab ich das Tierchen vorsichtig mit einem Taschentuchpäckchen in die trockene, warme Erde gescheucht. Es war schon später Nachmittag und wurde auf dem hellen Bordstein recht kühl, so dass die Beweglichkeit der kleinen Echse arg eingeschränkt war. Auf dem Erdreich schien mir das Tierchen zumindest farblich getarnt etwas sicherer zu sein. Dabei zeigte sich, dass der reptile Zwerg außerordentlichen Mut hat: Wollte doch tatsächlich das sehr viel größere Taschentuchpäckchen angreifen und fauchte ganz ordentlich! Ich war beeindruckt, und mein Naturkind Nummer Eins war es auch. Nummer zwei verschlief den Vorfall im Fahrradsitz - mal wieder.

Zu Hause versuchten wir mithilfe der Fotos und Google herauszufinden*, wie das Tierchen heißt. Wir waren erfolglos. Immerhin konnten wir es zuordnen: ein Gecko. Es ist keine Eidechse, denn die haben spitze Krallen an den dünn auslaufenden Zehen und tragen Schuppen. Den Salamander konnten wir ebenfalls ausschließen, die hier lebenden Tiere haben dicke Schwänze, die sie wohl im Wasser zum Schwimmen benutzen. Molche mit ihrer sehr feuchten Haut kommen auch nicht in Frage. Unter トカゲ fanden wir dann Bilder, die immerhin in der Körperform unserem Tier ähnlich sahen, wenn auch die Färbung der Haut und die Größe abwichen. Am Wochenende klärte eine einheimische Freundin uns auf: Wir hatten ein vermutlich nicht ganz, aber fast ausgewachsenes Tier der Art ヤモリ fotografiert, eine selten gewordene Geckoart, die bevorzugt in Gemäuern und Ritzen lebt, manchmal auch in alten Häusern, und die angeblich keine Fressfeinde hat. Wir sollten uns glücklich schätzen, so ein seltenes Tier so nah gesehen zu haben, sagte sie - und ihre Tochter Mika schaute verliebt auf die Fotos. Ob sie uns mal besuchen und das Tier ansehen könnte, wollte sie wissen. Währenddessen erzählte ihre Mama uns, dass sie Geckos abstoßend findet. Sie verbrachte ihre Kindheit in einem alten Haus in eher ländlicher Gegend, und eine ihrer frühesten Erinnerung ist die an einen Gecko, der vor ihr von außen auf die Fensterscheibe sprang und daran herauflief. Unnötig zu erwähnen, dass die Kinder während der Erzählung fasziniert an ihren Lippen hingen.



Ich bin gespannt, ob wir den kleinen Gecko wiedersehen. 


An Hausaufgaben war an diesem Tag übrigens nicht mehr zu denken, zu spannend war die Internetsuche nach unserem Tierchen, dessen Namen wir suchten. Da aber Medienkompetenz zu den hier vermittelten Fähigkeiten gehört, war mir das an dem Tag mal einfach egal - immerhin haben wir Naturkundeunterricht mit lebendem Anschauungsmaterial gemacht und das ganze mit einer selbständigen Recherche verbunden. Es war ein Gecko Japonicus, den wir da gesehen haben. Und da soll noch einmal jemand sagen, Latein sei heutzutage unwichtig ...