Freitag, 9. Januar 2015

Natur pur, mitten in der Stadt

Wir wohnen nun schon seit ein paar Monaten hier, und die Parks der näheren Umgebung haben wir ganz gut kennen gelernt. Ganz besonders nett ist der direkt hinter der Schule: Unsere Kleine ist davon überzeugt, dass dort wenigstens ein Totoro wohnt, vermutlich aber mehr, weil überall Eicheln herumliegen. Im unvermeidlichen Teich schwimmen Koi, hässliche graubraune wie auch Zierkarpfen, und auf den treibenden Ästen sonnenbaden ausgewilderte Schildkröten. Eigentlich ganz nett und idyllisch. Der andere Park liegt zwischen unserem Haus und der Schule, hat einen kleinen Wasserlauf, der zum Teich aufgestaut und von Koi in allen Farben bevölkert ist. Zwei dicke verwilderte Katzen wohnen da, eine Menge Krähen, Spatzen, Meisen, Bachstelzen, Eidechsen, Tausendfüßler, Grashüpfer, Grillen, Heimchen und anderes Getier. Winter oder nicht, hier ist viel los.

Und manchmal kommen Besucher. Den ersten besonderen Gast haben wir am 7. November dort getroffen: Ein Graureiher stelzte megacool und gelassen weniger als zwei Meter von uns entfernt durch den aufgestauten Bach und fischte sein Abendessen heraus. Wir sahen ihm dabei zu, er sah uns beim Zusehen zu und manschte genüsslich zappelnden Fisch im Schnabel. Faszinierend. Die klappernden Fahrräder haben ihn nicht gestört, die Japaner mit ihren Hunden im Park auch nicht, die eine der beiden dicken Katzen, die am Ufer lauerte, ebenfalls nicht. Nach zwanzig Minuten hatten wir genug von dem Schauspiel (und selbst Hunger auf Abendessen) und sind nach Hause gegangen. Den Reiher haben wir seitdem nicht wieder gesehen.

Heute nachmittag nun war es ein Eisvogel. Mein erster in freier Wildbahn, um ehrlich zu sein, und die Große hat ihn nicht gesehen. Die war nämlich noch in der Schule, wir wollten sie gerade dort abholen. Wir, das sind die Kleine und ich, sie hinten im Fahrradsitz, ich vorne auf dem klappernden Gerät. Als wir in den Park kamen, wurde der aufgestaute Bach von kauernden Japanern mit Fotoapparten belagert, deren Teleobjektive länger waren als die Leute. Davor flitzte etwas blaugrün schillerndes aus dem Bach heraus in den nächsten Baum und blieb dort sitzen. Kein Kolibri, obwohl das ob der Farbenpracht mein erster Gedanke war. Kopf- und Schnabelform waren eindeutig: Ein Eisvogel hatte sich in den Park verirrt und jagte im Bach. Wir beobachteten das Tier, das die Japaner mit Fotoapparat beobachtete, die wiederum das Tier anstarrten. Nach zehn Minuten wurde die allgemeine Bewegungslosigkeit allerdings langweilig, ich fuhr weiter zur Schule. Als wir eine halbe Stunde später durch den Park zurück kamen, waren die Leute mit Fotoapparat noch da, der Vogel war es nicht mehr. Eigentlich schade, ich hätte den kleine Kollegen gerne der Großen gezeigt.

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