Freitag, 15. August 2014

Eine Welt bricht zusammen


Shizuka ist verzweifelt. Ihr Papa hat gerade angerufen um zu erzählen, dass sein Flug von Tôkyô nach Ôsaka gestrichen ist, dass sich sein Flug von Ôsaka nach Frankfurt um fünf Stunden oder mehr verzögern wird, weil Taifun Nr. 11 über Honshu hinweg in Richtung Inlandsee unterwegs ist. Es ist in Japan mitten in der Nacht, Mitarbeiter der involvierten Fluglinien sind erst in einigen Stunden wieder erreichbar – zu dem Zeitpunkt, wenn das Flugzeug eigentlich hätte abheben sollen. Shizuka sitzt in Heilbronn, es ist neun Uhr abends, und sie will einfach nicht schlafen. Sie weint, sie schreit, sie haut um sich, ist ganz offensichtlich sehr verzweifelt. Shizuka ist sieben Jahre alt und ihre Welt ist gerade zusammengebrochen. Eigentlich könnte ihr in Heilbronn doch recht egal sein, um welche Uhrzeit genau Papas Flieger in Ôsaka startet – er wird Sonntag oder Montag wieder zu Hause sein, es ist Sommer, sie hat Ferien, Papa hat Urlaub. Ist es aber nicht. Der Flieger startet nicht nach Plan, und das stresst sie ganz extrem.

Warum?

Weil Shizuka ein besonderes Kind ist. Sie ist keineswegs geistig behindert (die extreme Reaktion legt eine autistische Störung nahe – dem ist aber nicht so), sondern im Gegenteil recht gut beieinander. Shizuka gehört zu den wenigen Kindern, die hochbegabt sind. Nun sollte man meinen, dass diese frühreifen, sehr erwachsen wirkenden und überaus intelligenten Kinder auch „erwachsen“ reagieren würden, wenn so etwas passiert. Oder wenigstens so gleichgültig, wie man das von einem Kind erwartet.

Dem ist aber nicht so. Die neuere Forschung ist sich einig, dass hochbegabte Menschen nicht einfach nur schneller begreifen und Sachen einfach können. Früher nahm man das an, ohne weiter erklären zu können, was eigentlich Intelligenz ist, wie Informationen im Gehirn ankommen, verarbeitet werden und warum das so und nicht anders passiert. Inzwischen weiß man, wie genau das alles auf anatomischer Ebene passiert, kann die beteiligten Körperteile genau benennen (bis hinunter auf Zellebene), weiß um die chemischen Vorgänge im Körper und vor allem im Gehirn. Mehr noch: Man hat eine Ahnung bekommen, wie Begabungen oder Intelligenz funktionieren könnten. Ganz sicher nachgewiesen ist das noch nicht, denn Menschen sind doch Individuen, sie funktionieren trotz aller Gemeinsamkeiten unterschiedlich, und das kann Forschungsergebnisse durchaus beeinflussen. Einig ist man sich in fachlich kompetenten Kreisen jedoch, dass hochbegabte Menschen immer auch hochsensibel sind. Ihre Nerven geben mehr Informationen weiter als bei der Mehrheit der Bevölkerung, die normalerweise wirksamen Filter sind bei ihnen eben nicht so wirksam. Und die Informationen werden schneller weitergegeben, die Synapsen sind also dicker, durchlässiger, reagieren schneller und häufiger. Das führt zu einer Informationsflut im Bewusstsein wie im Unterbewusstsein, die unglaublich viel größer ist als das, was normalerweise da vonstatten geht. Und das löst eben auch manchmal Stress aus. Es wird vermutet, dass das, was gemeinhin als Autismus bekannt ist, eine Form der Hochintelligenz (und Hochsensibilität) ist, die weit jenseits der aktuell verfügbaren Messskalen ist und daher nicht festgestellt werden kann. Viele autistische Menschen, deren Besonderheit schwach genug ausgeprägt ist und die noch kommunizieren können und wollen, sind hochbegabt, und das ist auch schon länger bekannt.

Zu Shizukas Situation muss noch gesagt werden, dass der Papa am Sonntag frühabends in Heilbronn hätte ankommen sollen, um sich bis zum Montag in der Früh ordentlich ausschlafen zu können. Denn Shizuka wird am Montag spätvormittags 300 km von Heilbronn entfernt auf dem Reiterhof erwartet, fünfzehn Kinder machen dort Urlaub. Warum ist Papas Verspätung jetzt so schlimm? Genau – wenn der Flieger nicht fliegt, kommt der Papa später in Deutschland an, ist dank Zeitverschiebung und Nachtflug fix und alle, kann nicht in den Urlaub fahren, Shizuka kommt zu spät in den Reiterferien an. Was Erwachsene (die normal ticken) sich langsam nach und nach erschließen, ist alles sofort in Shizukas Bewusstsein präsent. Und mehr noch. Mama könnte Shizuka und ihre Schwester mit dem Zug bringen – wenn Mama nicht gerade eine verletzte Schulter hätte. Gepäck tragen ist nicht möglich. Taxi ist zu teuer, Fernbusse gehen am Sonntag nicht, und am Montag fährt der Bus erst nachmittags aus Heilbronn ab, zu spät, um pünktlich auf dem Hof fernab aller öffentlichen Verkehrsmittel anzukommen. Taifun über Honshu heißt, dass auch Tôkyô betroffen ist – wie geht es dem Papa? Wie geht es Oma und Opa, die auch auf der japanischen Hauptinsel wohnen? Was ist mit Papas Bruder und seiner Familie? Taifun in der Nacht – kommt Papa überhaupt heile bis zum Flughafen? Wenn der Taifun über das Meer fegt, gibt es bestimmt eine Flutwelle. Was ist mit Fukushima, ist das halbwegs sicher? Und vor allem: Wann kommt der müde Papa denn endlich nach Hause?

Wenn man versucht, alle diese Gedanken gleichzeitig zu denken, merkt man, wie anstrengend das ist. Shizuka „funktioniert“ immer so. Wenn Shizuka den Vollmond anhimmelt, tut sie das zwar genauso wie andere kleine Mädchen auch, sie starrt mit großen Augen halb ernst und halb schwärmerisch in den Himmel. Wenn man sie aber fragt, was sie da sieht, kommen die erstaunlichsten Antworten, und zwar alle auf einmal:

  • Das ist ein Planet, oder? Ich meine, wir wissen ja gar nicht, wie der Mond entstanden ist, aber die Gesteinszusammensetzung ist doch wie bei der Erde. Bis auf den Größenunterschied sind das doch eigentlich Zwillingsplaneten, die Erde und der Mond. Trabanten sind doch irgendwie anders zusammengesetzt, das Gestein und so.
  • Der ist gar nicht gelb, der ist eigentlich grau-weiß. Aber so rot wie heute sieht der total schön aus. Luftverschmutzung hat wenigstens eine gute Seite.
  • Meinst Du, die Astronauten haben bei den Mondlandungen Müll dort gelassen? So, wie die Leute im Park und auf Baustellen ihren Müll einfach in die Landschaft werfen? Mülleimer gibt’s dort oben doch gar nicht.
  • Ich würde gerne mal die Mondkrater hochklettern. Mit der anderen Schwerkraft macht das Klettern dort bestimmt viel mehr Spaß als hier in der Kletterhalle. Und einen Gurt und Seile brauchen wir dann auch nicht, oder?
  • So weit weg ist der gar nicht weg. Raumfahrer sind da relativ schnell mit der Rakete. Würd ich auch mal gerne machen.

Shizuka braucht keine drei Minuten, um das alles zu thematisieren. Ihr Sprechapparat funktioniert genauso schnell wie ihr Köpfchen. :-)

Aber zurück zum Thema. Shizuka reagiert so extrem aggressiv, weil sie schlicht überfordert ist von der Informationsflut, mit der ihr Gehirn sie konfrontiert. Sie ist nicht in der Lage, die vielen Gedanken alle auf einmal zu verarbeiten, die sind einfach alle da und betteln sehr laut um Aufmerksamkeit. Das ist vergleichbar mit einem Metal-Festival, bei dem alle Bands gleichzeitig auf ein und derselben Bühne spielen, und zwar jede Band ein eigenes Stück. Da kann man aber noch die Ohren zuhalten und weggehen – wenn die eigenen Gedanken einen mit so einer Kakophonie belästigen, geht das nicht. Die Folge sind Aggressionen, und die müssen irgendwo raus. Bei Shizuka fängt das in der Regel mit einem lauten Knurren an, dann folgt ein schriller Schrei, der in eine Art Pferdewiehern übergeht und in Schluchzen endet. Gleichzeitig drischt sie um sich, wenn es arg schlimm kommt. Meistens hat sie es während Knurren und Schreien schon bis zum Sofa oder zu ihrem Bett geschafft, so dass sie die Gedankenflut in ein Kissen hämmern kann. Manchmal schafft sie das nicht. Dann sind Mamas Unterarme und Fäuste willkommen, um die gröbste Wucht abzufangen. Wände, Fußboden und die Tischplatte mussten aber auch schon herhalten. Wenn gar nichts anderes in der Nähe ist, müssen die eigenen Arme und Beine einstecken, und sie hat auch schon mit dem Kopf auf den Boden geschlagen.

Es ist schwer, mit solchen Aggressionen umzugehen. Und das meine ich nicht nur aus Sicht der betroffenen Kinder. Auch für Shizukas Mutter ist es schwer, das auszuhalten. Sie hat lange Zeit nicht gewusst, warum Shizuka so aggressiv ist, warum sie sich selbst diese Schmerzen zufügt, so toben muss. Sie tut das nicht, weil sie ungezogen ist oder jemanden ärgern will. Sie kann einfach nicht anders. Von Eltern anderer hochbegabter Kinder hat sie inzwischen erfahren, dass das Verhalten normal ist. Dass sie alle sich Sorgen gemacht haben, weil ihre Kinder so aggressiv sind. Weil den Kindern das Ventil manchmal auch fehlt und die Autoaggressionen richtig schlimm werden, die Kinder sich ernsthaft verletzen. Die wenigsten sprechen darüber. Andere Kinder sind nicht so. Man wird manchmal schon schräg angeguckt, wenn das eigene Kind zu Hause „so ein Theater“ macht, wegen vermeintlicher Kleinigkeiten. Für hochbegabte Kinder sind es keine Kleinigkeiten, sondern jede unvorhergesehen Änderung ist eine mittlere Katastrophe. Zwischen wichtigen und unwichtigen Veränderungen können die Kinder (und manchmal auch Erwachsenen) in der akuten Situation nicht unterscheiden, sie sind viel zu gestresst.

Shizuka und ihre Mama konnten das am Samstag Abend entschärfen. Mama hat mit Shizuka online japanische Medien nach Berichten zu dem Taifun in Frage durchforstet (alles halb so schlimm, hat sich schon über Shikoku und Kyûshû ausgetobt), haben die Route des Sturms nachgeschaut, nachgelesen, was Fluggesellschaften normalerweise in so einem Fall manchen (alternative Flüge ohne zusätzliche Kosten anbieten, wo möglich über alternative Flughäfen und Routen sogar zeitgleich). Die beiden haben sich dann darauf geeinigt, dass sie erst einmal den Sonntag Abend abwarten und schauen, was der Papa nach dem ersten Gespräch am Morgen mit den Fluglinienmitarbeitern zu berichten hat. Sollte der Papa am Sonntag noch ankommen, lassen sie ihn einfach am Montag ausschlafen und starten dann in den Urlaub – mit einem Anruf beim Reiterhof, dass Shizuka teilnimmt, aber später kommt (wegen einem Taifun über Ôsaka – ohne weitere Worte). Wenn der Papa noch später kommt, schlug Shizuka vor, könnten wir ja mit leichtem Gepäck für zwei Tage mit dem Zug fahren, dem Papa das übrige Gepäck in Heilbronn stehen lassen und ihn bitten, nach ausgiebig Schlaf und Erholung nachzukommen. Dann würde Shizuka sogar pünktlich sein.

Gegen zehn Uhr abends waren die Wogen soweit geglättet. Shizuka wollte nicht ins Bett gehen, sie war zu aufgewühlt und schluchzte immer noch hin und wieder. Sie zitterte noch, wollte nicht schlafen. Also haben sich Shizuka und ihre Mama aufs Sofa gesetzt (die kleine Schwester schnarchte da schon seit guten drei Stunden im Nebenraum, sie hatte sich durch Shizukas Ausbruch nicht stören lassen) und den Fernseher eingeschaltet. ZDF Kultur sendete Wacken live. Und zu den Klängen von Apokalyptica „Nothing Else Matters“ ist Shizuka innerhalb weniger Minuten eingeschlafen, mit einem entrückten Lächeln auf dem Gesicht und nachdem Mama ihr das Versprechen gegeben habe, sie zum nächsten Konzert der Gruppe, das in ihrer Nähe ist, mitzunehmen. Rolf Zuckowski? Langweilig!